35 Jahre an.schläge: „Wir erleben die größte feministische Revolution aller Zeiten“

Foto: an.schläge

Das feministische Magazin an.schläge feiert seinen 35. Geburtstag und wir gratulieren herzlich! Im Geburtstags-Interview erzählen die an.schläge-Redakteurinnen Lea Susemichel und Brigitte Theißl, was sich in den dreieinhalb Jahrzehnten verändert hat, warum sie gerade eine Crowdfunding-Kampagne starten müssen und welche Herausforderung die schwarz-blaue Regierung für feministisches Publizieren bedeutet.

mosaik: Ihr blickt dieser Tage auf 35 Jahre an.schläge zurück, am Samstag wird gefeiert. Womit hat alles begonnen?

Lea Susemichel: Die erste Ausgabe der an.schläge erschien im Herbst 1983 in einer Phase, in der sich die Frauenbewegung in Österreich im Aufbruch befand und viele Frauenprojekte gegründet wurden. Die Zeitschrift wollte ein Vernetzungs- und Kommunikationsmedium dieser Bewegung sein. Gleichzeitig wollte sie aber auch nach außen wirken. Das Selbstverständnis lautete: „Die Zeitschrift an.schläge versteht sich als Frauenzeitschrift, die der herrschenden patriarchalischen Medienpraxis eine Alternative entgegensetzen will.“

Die an.schläge wurden als Liebhaberinnenprojekt gegründet, das anfangs auf dem Leuchttisch gesetzt und mit der Koffer-Schreibmaschine getippt wurde. Der Schreibmaschine verdankt sich auch der Name „an.schlaege“, der überdies Assoziationen an öffentliche Aushänge und an – freilich gewaltfreie – Anschläge auf den herrschenden Sexismus hervorrufen sollte.

Auch wenn sich die Produktionsbedingungen inzwischen zumindest ein wenig professionalisiert haben: Ein Liebhaberinnenmagazin, das mit viel Herzblut und feministischer Leidenschaft gemacht wird, sind wir immer noch. Die braucht es auch, um nicht daran zu verzweifeln, dass wir uns nach dreieinhalb Jahrzehnten noch mit den immer gleichen Themen wie dem Gender Pay Gap oder Gewalt gegen Frauen herumschlagen, und sich in vielen Bereichen scheinbar gar nichts bewegt hat. Geradezu unheimlich aktuell sind deshalb viele Texte aus den allerersten Ausgaben heute noch.

mosaik: Warum braucht es ein feministisches Magazin, damals wie heute?

Lea Susemichel: Weil die etablierten Medien von einer geschlechtergerechten Berichterstattung leider immer noch meilenweit entfernt sind. Auch wenn es zumindest bestimmte feministische Themen und Forderungen zum Glück auch in den medialen Mainstream geschafft haben.

Das Beispiel #MeToo zeigt das gut. Einerseits hat der gewaltige mediale Diskurs unbestreitbar Fortschritte im öffentlichen Bewusstsein gebracht, was männlichen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt anbelangt. Andererseits fallen die meisten Medien schnell wieder in Sensationalismus zurück. Anschuldigungen gegen Promis werden gerne aufgegriffen werden, aber es geht nie in die Tiefe, es gibt keine kontinuierliche Analyse struktureller Gewaltverhältnisse. Stattdessen greifen Medien jede blöde Wortmeldung von Catherine Deneuve oder Nina Proll auf, um medialen Beef zu produzieren.

Wir betrachten es als unsere Aufgabe, Kritik an Alltagssexismus und Gewalt zu formulieren und Alternativen zu präsentieren. Wir richten grundsätzlich einen konsequenten feministische Fokus auf alle Themen und berichten über das aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Geschehen aus einer feministischen Perspektive. Denn egal ob Steuerreform oder eine neue Fernsehserie, es gibt kein Thema, das nicht auch feministische Aspekte hat. Diese werden in anderen Medien aber meist ignoriert. Das ist die Lücke, die wir füllen.

In 35 Jahren haben sich auch die feministischen Debatten selbst verändert, sind vielfältiger geworden. Wie haben die an.schläge damit Schritt halten?

Brigitte Theißl: Feministische Debatten entwickeln sich laufend weiter und werden tatsächlich immer pluraler. Wir Redakteurinnen* bewegen uns in unterschiedlichen (queer-)feministischen Szenen, wir tauschen uns mit Aktivist*innen aus, beobachten Medien aller Art und bilden uns laufend mit theoretischer Literatur weiter.

Wir haben bestimmte redaktionelle Grundsätze, versuchen aber, sämtliche Debatten abzubilden und zu analysieren bzw. kritisch zu kommentieren. Emotionalisierender oder aggressiver Kampagnenjournalismus ist aber nicht unsere Sache. Von der grundsätzlichen Idee her hat sich das Magazin kaum verändert, es entwickelt sich einfach weiter.

Lea Susemichel: Als das erste Heft erschienen ist, war Judith Butlers „Gender Trouble“ noch nicht erschienen. Es hat sich im feministischen Diskurs also wirklich einiges bewegt. Gleichzeitig sind viele Themen aus den allerersten Heften heute noch erschreckend aktuell. Es gibt leider bestimmte „Evergreens“ wie Gewalt, Selbstbestimmungsrecht, Lohngerechtigkeit oder Armut. Geändert hat sich vor allem der intersektionale Blick auf die Themen, um den wir uns inzwischen zumindest sehr bemühen.

Frauen sind im Journalismus nach wie vor unterrepräsentiert, Feminismus in den Medien sowieso.  Welche Rolle spielen die an.schläge für die feministischen Vernetzung und Förderung in der Medienwelt? Und andersrum: Wie sehr kommunizieren die an.schläge in eine feministische Blase?

Brigitte Theißl: Es gibt bereits tolle Netzwerke wie das Frauennetzwerk Medien. Man bemerkt in den vergangenen Jahren, dass (pro-)feministische Journalist*innen in den Redaktionen nachrücken. Es gibt heute eine Vielfalt feministischer Themen in Mainstream-Medien, die vor 15 Jahren noch undenkbar war.

Nichtsdestotrotz ist noch immer viel zu tun. Wir als an.schläge bewegen uns natürlich in einer gewissen Blase, aber es ist auch nicht unsere Anspruch, ein Massenmedium zu sein. Wir liefern Berichterstattung für Menschen, die sich bereits für feministische Themen interessieren und ein bestimmtes Vorwissen mitbringen. In an.schläge werden Ideen entwickelt und weitergedacht, mitunter innerfeministisch kontrovers diskutiert.

So wie es Journalist*innen braucht, die feministische Themen möglichst niederschwellig in Massenmedien unterbringen, braucht es auch ein feministisches Medium wie die an.schläge, das immer auch Bewegungsmedium war.

Lea Susemichel: Das würde ich unterstreichen. Feministische Medien habe immer die doppelte Aufgabe, nach außen, aber eben auch nach innen zu wirken, und so der feministischen Bewegung als Medium für die interne Auseinandersetzung und Analyse zu dienen. Jede soziale Bewegung braucht diese Möglichkeit zur Selbstreflexion und auch zur Selbstkritik, unbedingt.

Aber man sollte auch die Außenwirkung nicht unterschätzen. Auch wenn unsere Auflagen klein und die Reichweiten gering sind, spielen feministische Medien im öffentlichen Diskurs eine Rolle. Und auch wenn es mitunter nur schleppend vonstatten geht, findet ein Thementransfer auch in die etablierten Medien statt. Auch kleine, alternative Medien können durchaus Druck aufbauen, um den gesellschaftlichen Diskurs zu verändern.

In der aktuellen politischen Lage in Österreich, in der schwarz-blaue Kürzungen besonders Frauen treffen, ist es wichtig, sich gemeinsam zu wehren. Auf eurer aktuellen Ausgabe titelt ihr „Warum Feministinnen* jetzt aktiv werden müssen“. Wo seht ihr eure Rolle im bevorstehenden feministischen Widerstand? Was kommt auf uns zu?

Brigitte Theißl: Wir versuchen Kämpfe abzubilden, Ideen und Strategien zu reflektieren und natürlich auch Feministinnen* zu bestärken: Ihr seid nicht allein! Angesichts des enormen Backlashes braucht es auch die permanente Skandalisierung des sexistischen Normalzustands.

All zu schnell schleicht sich eine gewisse Resignation oder Abstumpfung ein: Zehn Jahre alte, grundlegende Forderungen erscheinen angesichts des fortschreitenden Rechtsrucks plötzlich radikal.

Lea Susemichel: Und genau gegen diese Resignation, gegen diesen Fatalismus müssen wir kämpfen. Spätestens seit der Wahl Trumps ist die Versuchung groß, in eine Schockstarre zu fallen. Aber wir befinden uns in der paradoxen Situation, dass es global nicht nur wirklich besorgniserregende Entwicklungen gibt und die Rechten überall an Macht gewinnen, sondern dass es mit den Women’s Marches und #MeToo derzeit auch die größte feministische Revolution aller Zeiten gibt.

Ich denke, dass Feministinnen und die Linke insgesamt strategisch derzeit gut daran täten, gemeinsam auf diesen Erfolg und auf diesen Widerstandsgeist zu fokussieren und ihn zu nutzen. Gemeinsam mit allen linken Medien liegt es zudem in der journalistischen Verantwortung, gegen die Normalisierung rechter Regierungen weltweit anzuschreiben, hierzulande entschlossen gegen Kurz, Strache und Kickl.

Ihr habt gerade eine Crowdfunding Kampagne gestartet, mit dem schönen Slogan „Save the world with feminism“. Was war der Auslöser dafür und wie kann man euch unterstützen?

Brigitte Theißl: Wir werden glücklicherweise schon lange von der Frauenabteilung der Stadt Wien gefördert, was sehr wichtig für uns ist. Die Förderung auf Bundesebene war aber immer schon unsicher. Unter Schwarz-Blau I wurde uns die Förderung aus dem Frauenministerium gestrichen, wir mussten daraufhin intern Stellen streichen.

Nachdem wir nicht wissen, was mit der neuen Regierung auf uns zukommt, haben wir ein Crowdfunding gestartet. Wir brauchen 666 neue Abos, um den möglichen Förderausfall zu kompensieren. Nachdem wir personell immer am absoluten Limit arbeiten, könnten wir die an.schläge ansonsten nicht in dieser Form fortführen. Wir bitten also alle, denen kritischer feministischer Journalismus am Herzen liegt, um Unterstützung.

Interview: Martina Gergits

Lea Susemichel ist Journalistin, Lehrbeauftragte und Vortragende zu den Themen feministische Theorie und Bewegung sowie feministische Medienarbeit. Seit 2006 ist sie Leitende Redakteurin der an.schläge.

Brigitte Theißl ist freie Journalistin und Erwachsenenbildnerin und arbeitet zu den Themen feministische Bewegungen, Netzkultur, Klasse und Klassismus sowie Innenpolitik. Sie bloggt auf www.denkwerkstattblog.net und ist seit 2013 Redakteurin bei den an.schlägen.

Hip Hip Hooray! Am 17. März feiern die an.schläge dreieinhalb Jahrzehnte feministischen Qualitätsjournalismus im Wiener WUK.

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