Es ist unser Platz! Warum wir queerfeministischen Fußball machen

Das Team Dynama Donau steht in einem Kreis zusammen

Der Wiener FLINTA*-Fußballverein Dynama*Dynamo Donau beteiligt sich heute mit einem eigenen Block an der TakeBacktheStreets-Demo zum internationalen feministischen Kampftag. Warum es am 8. März trotz scheinbar dringenderer Themen auch um Fußball geht, schreibt Louise Haitz.

Fußball ist einfach nur zum Kotzen. Das ist zumindest der Eindruck, wenn man sich die Geschehnisse rund um das letzte Wiener Derby ansieht. Rapid-Spieler, Fans und Funktionäre stimmen nach dem Sieg gegen die Austria in schwulenfeindliche Gesänge ein. Der folgende Umgang des Vereins mit der größten Fanbasis in Österreich macht es nur noch schlimmer. Aber warum sollte uns das überhaupt interessieren – gerade am 8. März? Fußball wirkt nebensächlich, wenn es doch eigentlich um das Beenden von Rape Culture, Femiziden, patriarchale Kriege, Folter und die Klimakatastrophe geht. Doch 8. März ist auch Fußball. Denn es geht um den öffentlichen Raum, um Selbstbestimmung und darum, dass der Kampf gegen das Patriarchat queerfeministisch sein muss.

Torjubel hören, Patriarchat zerstören!

Fußball ist Männersache, Frauenfußball kein ‚richtiger‘ Fußball, und FLINTA*-Fußball – was soll das überhaupt sein? Mit solchen Vorurteilen schlagen wir uns als Verein, in dem Frauen, Lesben, inter, non-binary, trans und agender Personen spielen, ständig herum. Aber Fußball ist nicht Männersache. Was Fußball mit Männern zu tun hat, ist, dass sich darin ihre gesellschaftliche Herrschaft – das Patriarchat – ausdrückt. Und das wollen wir ändern.

Fußball hat die soziale Funktion Männlichkeit als das überlegene Geschlecht herzustellen.
Die teils (gar nicht) beobachtbare Leistungsdifferenz zwischen „Männern“ und „Frauen“ liegt aber nicht einfach an Uterus, Brüsten und Hormonlevel. Der Deutsche Fußballbund (DFB) verbot Frauen von 1955-1970 organisiert Fußball zu spielen. Darin wird eine Geschlechterpolitik deutlich, die in ganz Europa gefahren wurde. Keine Person, die eine Frau sein sollte – Sportfunktionäre didn’t care about our pronouns – wurde professionell gefördert. Die Geschlechterdiskriminierung wurde mit frauenverachtenden Argumenten legitimiert: Es hieß, Fußball gefährde die Fruchtbarkeit und schwitzende, muskulöse, ‚unweibliche‘ Sportlerinnen würden keinen Ehemann finden – die Zwangsheterosexualität lässt grüßen. In den 1970ern forderten Ärzte, Frauen sollten nur mit Brust-Schutz-BHs spielen; der Psychologe Fred J. J. Buytendijk sinnierte in seiner „Studie“: „Das Treten ist wohl spezifisch männlich; ob darum das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich!

Als Frauen kategorisierte Menschen werden auch heute noch vom Fußball ausgeschlossen, lächerlich gemacht und eingeschüchtert. Die Botschaft lautet: „Du kannst das nicht, das ist nicht dein Platz!“ Selbst im Profibereich können Frauen wegen schlechter Bezahlung so gut wie nie hauptberuflich Fußball spielen. Es ist keine Überraschung, dass Menschen, die nie im angemessenen Umfang gefördert werden, schlechter im Fußball sind als jene, die schon im Kindesalter gutes Training bekommen. Was im Fußball deutlich wird, ist also keine natürliche, sondern eine sozial gemachte Geschlechterhierarchie. Darin ist die patriarchale Haltung, dass Männer Frauen immer überlegen sein müssen, eingeschrieben. Als gleichwertig dürfen wir sie keinesfalls bejubeln.

Queering Football

Uns geht es aber nicht nur um eine Kritik der Abwertung und Unterdrückung von cis Frauen – also jenen Personen, die sich mit dem ihnen bei ihrer Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht auch identifizieren. Wir stellen uns auch gegen die Queerfeindlichkeit im Fußball. Denn im herkömmlichen Fußball wird sowohl männlichen Überlegenheit als auch Zweigeschlechtlichkeit (hier Mann – da Frau) als natürlich voraus- und durchgesetzt. Beispiele lassen sich in der Vergangenheit sowie Gegenwart finden: Die englische Football Association verbot 1902 ganz offiziell das gemischtgeschlechtliche Spiel. Auf Wiener Fußballplätzen haben wir noch keine einzige genderneutrale Kabine gesehen. Nicht-binäre, genderqueere Personen müssen wir im System des Österreichischen Fußballbunds (ÖFB) als „Frauen“ anmelden.

Die Ligen in Österreich sind binär getrennt in sogenannte Frauen- und Männermannschaften. Diese Labels haben bei Dynama*Dynamo Donau aber nichts mit unserer Realität zu tun. Man kann noch so fett „Frauenliga“ drauf schreiben, es sind trotzdem nicht nur cis Frauen drin, sondern FLINTA*. Das gleiche gilt bei den „Männern“, bei denen leider in der Regel auch teamintern sehr gewaltvoll gegen Queerness vorgegangen wird. Outings von LGBTIQA+ Personen sind in „Männerteams“ extrem selten.

Die Gegenstrategie? Wir feiern die reale Queerness im Sport. Wir bejubeln männliche Pussys und Mannsweiber und alle anderen Identitäten im Geschlechterspektrum. Wir wollen mehr davon. Mit intersektional queerfeministischer Sportpolitik bekämpfen wir die Ungleichbehandlung von cis Frauen und cis Männern und kämpfen gegen die Unsichtbarmachung und Auslöschung von queeren Leben. Im Fußball wird ganz offensichtlich: Frauen- und Queerfeindlichkeit gehen Hand in Hand. Unser Kampf gegen das Patriarchat muss deswegen queerfeministisch sein.

Wir fordern: selbstbestimmtes Spielrecht für alle!

Warum also Fußball am 08. März? Einfach gesagt: Weil uns Fußball nicht nur zum Kotzen, sondern auch zum Lachen bringen kann. Er vermittelt Freude. Ernsthafter gesagt: Es geht um körperliche Selbstbestimmung. Die US-amerikanische Feministin Iris Young hat das in ihrem Aufsatz „Throwing like a Girl“ ausbuchstabiert: die weiße bürgerliche Frau lernt, dass ihr Körper beschützt werden muss und, dass freie Bewegung für sie Gefahr bedeutet. Wenn ich nie gelernt habe, dass ich mit meiner Kraft und meinen Fähigkeiten bestimmen kann, was mit mir oder eben mit einem Ball passiert, dann ducke ich mich vor ihm weg. Fußball zu spielen – über den Lauf eines Balls zu bestimmen – hat etwas mit feministischer Emanzipation zu tun: es geht darum den Objektstatus zu verlassen und im weiteren Sinne über den Lauf des eigenen Lebens zu bestimmen.

Deswegen treten wir als Verein Dynama*Dynamo Donau für das selbstbestimmte Spielrecht für alle ein. In unserem Team spielen Menschen zusammen, die cis Frauen sind, die nicht-binär trans sind, die trans Männer sind, die trans Frauen sind. Wir sind ein FLINTA*-Team, wir machen Pronomenrunden, wir haben Schutzkonzepte gegen queer- und transfeindliche Diskriminierung, wir spielen zusammen Fußball. Wir fordern, dass nicht-binäre Personen, dass trans Personen, die male to female oder female to male transitionieren, selbst bestimmen können, unter welcher Geschlechtskategorie sie spielen. Es gibt keinen Grund für uns, die patriarchale, queerfeindliche Sportpolitik des vergangenen Jahrhunderts fortzusetzen. Weder Zwangsheterosexualität noch männliche Überlegenheit sind relevante oder überhaupt realistische Werte für den Teamsport. Der DFB hat in Deutschland das selbstbestimmte Spielrecht für die Amateurligen bereits verankert. Wir fordern diese Regeländerung auch in Österreich. Lasst uns gemeinsam den ÖFB trans*formieren. Let’s Break the Binary!

Foto: Dynama*Dynamo Donau

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