Die Normalität von rassistischen Übergriffen in Österreich

Die LINKE im Bundestag

Reaktionen auf Videos, die rassistische Übergriffe zeigen, sind entlarvend. Denn niemand will sagen, dass Rassismus in Österreich schon lange zur Normalität gehört, schreibt Mahdi Rahimi.

Leider gab es zu meiner Zeit keine Smartphones. Es war mir daher nicht möglich, diverse Busfahrten und die Türpolitiken von Clubs aufzunehmen. Leider konnte eine Bekannte von mir die Person, die sie wegen ihrer Hautfarbe im Bus angespuckt hat, nicht darum bitten, die Szene zwecks Aufnahme nochmal nachzustellen. Aber den Rassismus gab es auch damals schon. Um es mit französischen Rapcrew PNL zu sagen: „Sie haben die Fotos, dann die Erinnerungen. Wir haben die Erinnerungen und dann die Fotos“ (PNL – Différents).

Neu wie Haider

Heute sind Smartphones nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Die Videos, die man mit ihnen aufnehmen kann, zeigen die rassistische Realität in diesem Land. Gleich drei davon gab es in den letzten Tage: Beim ersten Video wird im siebten Bezirk eine Muslima mit Kopftuch von einer Frau angegriffen und angespuckt. Beim zweiten wird ein Taxifahrer, der seiner Arbeit am Abend nachgeht, irgendwo im wunderschönen Oberösterreich rassistisch attackiert und als Salafist bezeichnet. Beim dritten Video verwehrt ein Busfahrer einem Schuljungen wegen seiner Hautfarbe den Einstieg in den Bus.

Vor allem beim Video mit der Muslima gab es die mitunter widerlichsten Reaktionen. Sie reichen von „Das islamische Patriarchat ist schuld, dass Menschen so reagieren“ über „Das ist Online-Pranger und Selbstjustiz!“ bis zu „Daran ist nur Schwarz-Blau Schuld!“. Auch wenn sie vorhersehbar waren, rauben einem diese Reaktionen die Hoffnung. Jörg Haider wurde 1986 Vorsitzender der FPÖ. Im Jahr 1999, vor 19 Jahren, bekam er bei den Nationalratswahlen über 27 Prozent der Stimmen. Der Tod von Marcus Omofuma jährt sich am 1. Mai das 20. Mal.

Die Angst anderer Qualität

Doch es ist eben doch etwas anders seither: das Smartphone. Es kann mehr als Instagram, die Richtung der Qibla finden und unterwegs Fußballspiele streamen. Die Videofunktion dient quasi als Blackbox für das Geschehene. So wurde eine Rassistin an den „Pranger“ gestellt, die unschuldige afroamerikanische Kinder wegen ihrer Hautfarbe bei der Polizei meldete, und erlangte Meme-Fame als BBQ Becky. Auch die Polizeischikane, der T-Ser und Kollegen von Akash ic Records im vergangenen Herbst ausgesetzt waren, zeichneten sie mit Videos auf.

Dass es momentan zu dieser Häufung kommt, hat einen Grund. Spätestens nach dem Massenmord von Christchurch haben Menschen mit Kopftuch, dunklen Haaren und dunklerem Teint Angst, dass ihnen etwas passiert, Angst um ihre körperliche Unversehrtheit. Statt diese Angst zu verstehen und solidarisch zu sein, konzentriert man sich lieber auf die Probleme mit dem Kopftuch, das Problem mit Online-Pranger oder in „fortschrittlicheren“ Fällen auf die Regierung, die an allem schuld sei. Dass Falter-Chefredakteur Florian Klenk erklärt, das Problem sei weniger der rassistische Übergriff in Wien-Neubau als Innenminister Herbert Kickl, demonstriert diese Ignoranz in aller Deutlichkeit. Es geht darum, dass die „verwerflichen, rassistischen und erbärmlichen“ Übergriffe viel damit zu tun haben, dass die FPÖ – und damit Kickl – heute in der Regierung sitzt.

Warten auf die Rassismus-Reportage

Doch in den meisten Reaktionen auf die Videos geht es eben nicht um den rabiaten Rassismus, der in Österreich zumindest akzeptiert, vielleicht sogar schon Mehrheitsmeinung ist. Die Antisemitismus-Studie der Bundesregierung lieferte ein Ergebnis, über das kaum diskutiert wurde: Über 30 Prozent der ÖsterreicherInnen wollen keine Schwarzen, TürkInnen, AraberInnen, AfghanInnen oder Roma als NachbarInnen.

Anstatt die Videos als das zu verstehen, was sie sind, nämlich Dokumentationen des Alltags für nicht-autochthone MitbürgerInnen seit mindestens 30 Jahren, empört man sich über andere Dinge. Auf die große Rassismus-Reportage wartet man indes vergeblich. Statt sich darum zu kümmern, sorgt man sich um die Psyche der Angreiferin, den Arbeitstag des Busfahrers oder den Alkoholpegel der Frau. Eine Ausrede findet sich immer.

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