Die bis dato erfolgreichste Netflix-Serie „Squid Game“ („Tintenfisch-Spiel“) ist vor allem wegen ihrer Nähe zur Realität und ihrer Zaunpfahl-Kapitalismuskritik populär – weniger aufgrund der Dramaturgie, schreibt Mosaik-Redakteur Mahdi Rahimi. Achtung, Spoiler.

Im südkoreanischen Squid Game kämpfen 456 ProtagonistInnen in Kinderspielen um ihr Leben. Verlieren sie ein Spiel, werden sie eliminiert – sie sterben. Die Organisatoren des Spiels forcieren Zwietracht, Hass und Misstrauen unter den Teilnehmenden. Am Ende geht es darum, ein riesiges Schwein voll Geld, um genau zu sein 456 Milliarden Won (knapp 35 Millionen Euro), zu gewinnen. Für die ProtagonistInnen ein besonderer Anreiz, denn sie alle stecken in einem Kreislauf aus Schulden fest. Kein seltenes Problem in Südkorea, nur dass Squid Game diesen Kreislauf ein wenig beschleunigt. Die Story der Serie ist weniger faszinierend als die Assoziationen, die sie auslöst.

Die Insel, Spielarena der Superreichen

Squid Game soll nicht real sein, doch vieles an der Serie erinnert an das echte Leben. Die Idee einer Insel als Spielarena, auf der sich irgendwelche reichen VIPs treffen und sich auf Kosten der Unterschicht amüsieren, mag eventuell obskur und nach einer Verschwörungsphantasie klingen. Doch das reiche Menschen Inseln und dort Narrenfreiheit besitzen, weiß man spätestens seit Jeffrey Epstein. Auch wenn niemandem klar ist, was genau auf seiner Insel abging. Die Spielarena ist aber das uninteressanteste Detail der ganzen Story.

Erfolg im Spiel und am Arbeitsplatz

Zumindest ein/e TeilnehmerIn wird das Spielfeld und die Insel mit unfassbarem Reichtum verlassen. Dabei muss die Person nur jegliche moralischen und ethischen Bedenken über Bord werfen und nicht an das gemeinschaftliche Wohl denken. Der kurzfristige Weg zum „Erfolg“ am Arbeitsplatz also. Die TeilnehmerInnen treten immer wieder in Zweckgemeinschaften ein, weil sie kurzfristige gemeinsame Interessen haben, ohne dass der Spielleiter ihnen erlaubt, tatsächlich kollektivistisch zu arbeiten. So wie es auch in größeren Unternehmen ohne Gewerkschaften und echte ArbeitnehmerInnenvertretungen funktioniert.

Neoliberale Banker…

Einer der Protagonisten, ein Banker, hat sich aus einem Armenviertel von Seoul durch Fleiß und Eifer hochgearbeitet, bis er das Geld seiner Klienten verspekuliert hat. Im Spiel wendet er Managementtricks an und rechtfertigt sich mit neoliberalen Argumenten­. Harte Arbeit muss sich auszahlen, er als fleißiger und hochintelligenter Marktteilnehmer hat seinen Vorteil vor den anderen verdient, das ist sein Kredo.

… und naive Sozialdemokratie

Interessant ist auch Hauptfigur und Antiheld Seong Gi-hun, der bis zum Ende an ein gemeinsames Gewinnen, teilen und ein Happy End für alle glaubt, ohne zu kapieren, dass das Spiel auf eine/n einzige/n SiegerIn ausgelegt ist. In seiner Naivität erinnert er an sozialdemokratische Politiker und ehemalige Kanzler. Würde Christian Kern bei Squid Game mitmachen, würde er genauso wie Seong Gi-hun bis zum Ende auf die Hoffnung setzen, gemeinsam zu Wohlstand zu kommen. Das Spiel ist aber nicht darauf ausgelegt und die OrganisatorInnen und zahlenden ZuschauerInnen haben keinen Bock darauf. Während des Spiels hat man zumindest etwas Hoffnung und verspürt kurz das Gefühl eines Aufbruchs, aber am Ende stirbt man eh – einen langen, qualvollen Tod.

Squid Game – ein antikapitalistischer Zaunpfahl

Aus all diesen Gründen hat Squid Game seinen Reiz. Die Serie ist aber auch so vorhersehbar wie Regierungsbeteiligungen von „linksliberalen“ Parteien. Die Charaktere sind linear und einfach gezeichnet. Obwohl die Story viele Graubereiche bieten würde, sind die guten und die schlechten Personen schnell ausfindig zu machen. Dramaturgische Fehler, wie alle Hauptcharaktere am selben Ende eines Taus ziehen zu lassen, durchdringen die Handlung. Durch das Ende wird krampfhaft versucht, eine zweite Staffel zu ermöglichen. Die Kapitalismuskritik ist so plakativ, dass sie eigentlich jeder verstehen sollte. Was nicht unbedingt schlecht ist, aber auch stilistisch uninteressant.

Aufgrund der Nahbarkeit ist die Serie trotz allem gute Unterhaltung. Eben weil das Leben im spätkapitalistischem System nicht bemerkenswert anders ist als in Squid Game. Und es ist interessant zu beobachten, wie sehr das in der koreanischen Massenkultur thematisiert wird – siehe auch Parasite (da der Autor dieser Zeilen aber keine Ahnung von Südkorea hat, lässt er diese Analyse aus und hofft auf Feedback von Leuten, die etwas mehr wissen).

Ein österreichischer Chefredakteur einer „linksliberalen“ Wochenzeitschrift meint, dass das Erwähnen eines Wortes in einem gewissen Kontext vollkommen legitim ist.

Der Ausgangspunkt der Debatte war, dass sich die Kanzlerkandidatin der Grünen in Deutschland, Annalena Baerbock, dafür entschuldigte, in einer Fernsehaufzeichnung, das N-Wort benützt zu haben. Das Wort wird bei der Aussendung wahrscheinlich ausgepiept werden, aber sie fand es wichtig das zu thematisieren, anzusprechen und sich zu entschuldigen.

Das Wort, um das es geht, ist ein rassistisch aufgeladenes Wort, das vor knapp 40 Jahren jedoch alltäglich war. Der Autor dieser Zeilen, obwohl aus einem „Land der Arier“ und mit der Hautfarbe von Menschen südlich von Neapel gesegnet, hat dieses Wort als Beschimpfung in einer Wiener Volksschule hören müssen. Da er nicht-deutscher Muttersprache war, hat er zunächst nicht gewusst, was dieses Wort sein soll. Irgendwann hat er es dann verstanden. Der Autor dieses Textes hört auch gerne Rap, wo die englische und rassistisch noch mehr aufgeladene Variante dieses Wortes oft erwähnt wird. Er hat mit der Zeit, also etwa ab dem 13. Lebensjahr, gelernt, dass er dieses Wort öffentlich nicht erwähnen sollte, selbst wenn es im Kontext eines Songs ist. 

Alle wissen, um was es geht

Es gibt im Englischen die Umschreibung mit „Nunderscore“, „Ninjas“, „N-Word“, „N*****“ und jeder weiß, worum es geht. Die englische Sprache ist um nichts ärmer geworden. Man kann diskutieren, was es bringt ein Wort nicht auszuschreiben, wenn eh jede*r weiß, worum es geht, aber da jede*r weiß, worum es geht, sollte es auch verständlich sein, dass man ein Wort, das Milliarden Menschen verletzt und rassistisch schwer aufgeladen ist, nicht benützen sollte, unabhängig vom Kontext.

Der*die Leser*n dieses Textes sollte kapiert haben, um welches Wort es geht, obwohl der Autor dieses Textes es bis jetzt kein einziges Mal verwendet. Es ist auch klar ersichtlich, um welchen Chefredakteur es sich handelt. So viele Chefredakteure von linksliberalen Wochenzeitschriften gibt es, Alhamduillah, nicht. Aber da der Chefredakteur der Wochenzeitschrift, wir lassen den Namen weiterhin aus, ein Mann der Schrift, Diskussion und der Debatte ist, oder zumindest vorgibt und glaubt, es zu sein, sollte man seine Aussagen diskutieren.

Aktion und Reaktion

Wie bereits gezeigt wurde, gibt es keinen guten Kontext um das N-Wort auszusprechen. Wenn ein „Weißer“ Mann glaubt, das Wort unbedingt aussprechen zu müssen, dann soll er das auch machen, jedoch damit rechnen, dass es eben Konsequenzen gibt, angefangen damit, als Rassist bezeichnet zu werden, oder sich eben Freunde im rechten Milieu und bei der „Das darf man wohl noch sagen dürfen“-Fraktion zu machen. Es gibt kein Gesetz, das die Verwendung des N-Wortes in seiner Niedertracht verbietet. Es gibt aber ein Gesetz von Aktion-Reaktion. Außerdem, wie vom Chefredakteur angesprochen, ist Kontext wichtig. Martin Luther King war Afro-Amerikaner, hat das Wort in den 1960ern verwendet und laut diversen Quellen wäre er nicht angetan gewesen von einem österreichischen Chefredakteur als Ausrede benützt zu werden, dass dieser das Wort benützen kann.

Um es kurz zu machen, dieses Meme erklärt das Problem.

Kontext ist wichtig

Es ist interessant, dass der Chefredakteur den historischen und politischen Kontext erwähnt. Der historische und politische Kontext war und ist Sklaverei, Kolonialismus usw. Dazu gibt es Bücher. Man muss noch immer nicht das Wort aussprechen. Das Wort ist eben für viele Menschen beleidigend. Das sollte man so akzeptieren. Es gibt Menschen, die sich vom Wort alleine beleidigt fühlen. Es ist auch ein beleidigendes Wort, weil wie bereits erwähnt, der Autor dieses Textes wurde als Kind nicht mit dem N-Wort bezeichnet, weil man ihn so lieb fand. Vielleicht kann man auch den Kontext irgendwann einmal verstehen, in dem der Falter Herausgeber Simon Inou als N-Wort bezeichnet hat.

Ein bisschen Islam oben drauf

Wie der Chefredakteur beim Islam landet, ist relativ unbekannt. Auf jeden Fall trägt der Autor dieses Textes ein Amulett um den Hals, das auf der einen Seite ein Porträt von Ali Ibn-Taleb zeigt und auf der anderen Seite der Prophet. Das Amulett wurde im Iran gekauft. Eventuell sind wir im Iran keine radikalen Muslime. Was eine Maßnahme aus dem siebten Jahrhundert, um Götzenverehrung zu verbieten, mit einer Maßnahme, die sich im 21. Jahrhundert verbreitete, zu tun hat, und auf Anstand und Antirassismus basiert, ist wirklich schleierhaft. Aber der Chefredakteur kennt sich wahrscheinlich beim „Islam“ besser aus als ich.

Im Grunde bin ich dem Chefredakteur auch nicht wirklich böse. Der Chefredakteur ist auch nur Österreich und steht für die Wurstigkeit, die es hier eben gibt. Er wäre in normalen Ländern spätestens seit dem Köln-Cover nicht mehr tragbar gewesen. Dort würden sich Redakteur*innen seiner Zeitschrift von ihm distanzieren.

Hier in Österreich ist aber alles egal, genauso wie es egal ist, was Kurz, Blümel und co. tun. Es geht um nix und der Wochenzeitschrift und dem Chefredakteur geht es auch um nix, außer ein paar neue Abonennt*innen. Insofern ist es nur das Spiegelbild einer Gesellschaft und von einem Land, in dem es wirklich um nix geht, wo Rassismus zum guten Ton gehört. Österreich ist eben auch das Land, in dem der Anchor der ZiB2 den Kriegsverbrecher George W. Bush einen Staatsmann nennt. Österreich ist halt Österreich. 


Seit Tagen ist überall von GameStop die Rede. Und davon, wie eine Gruppe Kleininvestor*innen angeblich große Hedgefonds in die Knie zwang. Mosaik-Redakteur Mahdi Rahimi erklärt, was passiert ist und warum wir es mit keiner schönen David-gegen-Goliath-Geschichte zu tun haben. 

Wer oder was ist dieses GameStop?

GameStop ist eine Einzelhandelskette in den USA, die Videospiele verkauft und vor allem in Malls Filialen hat. Da sich der Markt für Videospiele immer mehr in Richtung Online-Verkauf entwickelt, werden Läden wie GameStop immer überflüssiger und die Firma steckt in der Krise. Ihr Niedergang ähnelt dem Schicksal von Videotheken und hat sich in der Corona-Pandemie noch beschleunigt. Eine GameStop-Pleite sollte aber niemanden sehr stören, denn sie sind einer der schlimmsten Arbeitgeber in den USA.

In den Nachrichten heißt es, Hedgefonds wollten auf die Pleite von GameStop spekulieren. Was heißt das?

Einige Hedgefonds nahmen zuletzt die Probleme von GameStop zum Anlass, auf seine baldige Pleite zu wetten. Sie tun das, indem sie die Aktien von GameStop „shorten”. „Shorten”, übersetzt „Leerverkauf“, funktioniert so: Ein Fonds leiht sich die GameStop-Aktie gegen eine Gebühr von jemandem aus, der sie besitzt. Dann verkauft er die geliehene Aktie und hofft, sie später, wenn er sie zurückgeben muss, billiger neu kaufen zu können. Durch den Preisunterschied von teurerem Verkauf und günstigerem Kauf macht der Fonds einen Gewinn – aber nur, wenn der Aktienpreis von GameStop in der Zwischenzeit sinkt.

Man kann zu Leerverkäufen stehen wie man will, sie sind gängige Praxis und nicht unbedingt frei von Risiko. Denn wenn der Aktienpreis steigt, statt zu sinken, kann der Rückkauf um ein Vielfaches teurer werden. Bei GameStop reizten die Hedgefonds die Leerverkäufe so stark aus, bis am gesamten Markt mehr Leute gegen die Firma wetteten, als für sie.

Was hat das alles mit dem Internet und Robin Hood zu tun? 

In Foren auf Reddit und Discord kamen Kleininvestor*innen zusammen und entschieden sich, gemeinsam auf GameStop zu setzen – sie waren  „angepisst” von den Hedgefonds, die gegen GameStop wetteten. Viele der Kleininvestor*innen haben eine andere Verbindung zu GameStop. Um GameStop zu stützen und den Hedgefonds eins auszuwischen, gab es in den Foren einen kollektiven Aufruf, GameStop-Aktien zu kaufen. Die meisten Kleininvestor*innen nutzten dafür die Finanz-App Robinhood, auf der man spesenfrei in Aktien investieren kann. Es gab einen Run auf GameStop-Aktien und der Aktienpreis stieg stark an. 

Aha, es ist also eine David-gegen-Goliath-Geschichte, Kleininvestoren gegen große Hedgefonds?

Nicht ganz. Zuerst kamen noch andere Firmen dazu. Um die Käufe seiner Kund*innen durchzuführen, nutzt Robinhood die Firma Citadel Securities. Weil Citadel jedoch auch mit Hedgefonds Leerverkauf-Geschäfte mit GameStop-Aktien machte, spielten sie quasi auf beiden Seiten. Gleichzeitig waren sie durch ein Schwesterunternehmen in sogenannten Hochfrequenzhandel involviert. So konnte Citadel auf die GameStop-Trends reagieren, rasch selbst viele Aktien kaufen und verkaufen und damit ebenso Gewinne machen. Citadel ist nicht nur eine Clearingstelle zum Kauf von Aktien, sondern selbst einer der größten Hedgefonds in den USA.

Was zum Teufel ist Hochfrequenzhandel?

Hochfrequenzhandel ist mikrosekunden-schneller, automatisierter Handel mit Finanzprodukten, der auf Algorithmen basiert und von einigen größeren Finanzunternehmen benützt wird. Während normale Kleininvestor*innen am Tag vielleicht vier bis fünf Käufe oder Verkäufe durchführen, handeln Hochfrequenz-Fonds mehrere tausend Male. Sie machen derzeit knapp über 70 Prozent des weltweiten Aktienhandels aus. Wie „gefährlich” es sein kann, wenn mal irgendetwas in einem Algorithmus schief geht, zeigte der Flash Crash von 2010 (Wer dazu Nachlesen will: Es gibt ein ganz gutes Buch von Michael Lewis zu dem Thema).

GameStop, Hedge Fonds, Reddit-Foren und Hochfrequenzhandel: Wie hängt das alles jetzt zusammen?

Als die Reddit-Nutzer*innen anfingen, GameStop-Aktien zu kaufen, triggerte das die Algorithmen der Hochfrequenzhändler*innen, die ebenfalls zu kaufen begannen. Sie kauften Aktien und Optionen auf Aktien – also das Recht, später Aktien zu einem fixen Preis nachzukaufen. Es gab von mehreren Seiten Ansturm auf die GameStop-Aktie und ihr Preis stieg enorm an. Die Kleininvestor*innen waren letztlich für weniger als 30 Prozent des Handels an GameStop verantwortlich. Den Großteil betrieben Hochfrequenzhändler*innen.

Jene Hedgefonds, die gegen GameStop gewettet hatten, bekamen Probleme.  Am Ende haben einige von ihnen große Verluste gemacht, Firmen wie Citadel und Black Rock mit ihren Fonds aber große Gewinne und ein paar Reddit-User haben auch etwas Geld verdient.

Bei GameStop geht es also leider nicht um David gegen Goliath. Die Story, dass ein paar Menschen im Internet den Markt ausgetrickst und die bösen Hedgefonds das Fürchten gelehrt haben, ist eine tolle Story – sie stimmt aber so nicht unbedingt.

Also wie jetzt? Wer ist jetzt hier gut und wer ist böse?

Niemand ist wirklich gut, außer jene paar Reddit-User, die mit dem verdienten Geld ihren Familien medizinische Eingriffe bezahlen können. Wirklich böse ist nur GameStop, weil sie ein furchtbarer Arbeitgeber sind. Alle anderen machen halt, was sie machen – es sind nun mal Finanzmärkte. Die Hedgefonds, die so stark gegen GameStop gewettet haben, bis kaum mehr Aktien am Markt waren, sind aber wirklich Idioten.

Was lernen wir daraus?

Man sollte ein paar Dinge mit auf den Weg nehmen: Hedgefonds und Leerverkäufe kann man mögen oder nicht, sie sind aber nicht das Problem. Das oft geforderte Verbot von Leerverkäufen ist eine liebe Idee, läuft aber an den eigentlichen Problemen des Aktien- und Finanzmarkts 2021 vorbei. In den letzten Jahren wurde klar, dass Algorithmen-getriebene-Fonds das Spiel komplett geändert haben. Die Macht, die Firmen wie Black Rock und Citadel mittlerweile haben, ist so groß, dass man mit punktuellen Verboten nichts erreichen kann. 

Hochfrequenz-Fonds erzeugen durch ihr großes Handelsvolumen potenzielle Risiken und Schwankungen, die weit über jene anderer Finanzmarkt-Aktivitäten hinausgehen. Es gibt auch schon länger Stimmen, die vor einem von Algorithmen und Kettenreaktionen ausgelösten Crash warnen

Im Endeffekt ist es wichtig, Bewusstsein über alle diese Dinge zu entwickeln um die wirklichen Gefahren und Probleme zu erkennen. Das Problem der „Irrationalität” der Finanzmärkte kannte schon Marx. Wir leben aber in einer Welt des Hyper-Finanzmarktkapitalismus, der durch Hochfrequenz-Fonds eine unfassbare Skalierung erlebt. Bisher hat jede Innovation an Finanzmärkten einen größeren Crash verursacht. Wie schlimm dieser Crash sein könnte, ist auf Grund der Dimensionen schwer erfassbar, er würde aber bisher Erlebtes in den Schatten stellen.

Grafik: Jacobin

In der Serie „Das Damengambit” (engl.: Queen’s Gambit) geht es um viel mehr als nur Schach. Die Serie liefert eine Darstellung des Kalten Krieges, fern von jeglichen Hollywood-Utopien. Mosaik-Redakteure Mahdi Rahimi und Adam Baltner werfen einen Blick auf eine Welt, in der US-amerikanische Schachbretter Luxusgüter sind und solidarischer Schachsport von sowjetischen Gegenspieler*innen erlernt werden muss.

Aber Achtung, dieser Text enthält Spoiler.

In einer unvergesslichen Szene der Netflix-Miniserie „Das Damengambit“ weigert sich die Schachwunder-Protagonistin Beth Harmon eine antikommunistische Stellungnahme zu unterzeichnen. Beth hat sich zu diesem Zeitpunkt neulich als Ranglistenerste unter den US-Schachspieler*innen etabliert und damit die Möglichkeit erhalten, an der Schachweltmeisterschaft in der Sowjetunion teilzunehmen. Selbst kann sie sich die Reise nach Moskau nicht leisten. Deswegen will ihr eine Organisation namens „Die Christlichen Kreuzfahrer“ das Flugticket bezahlen.  Als Gegenleistung verlangt sie von Beth ein öffentliches Statement gegen die „Ausbreitung des Kommunismus“, schließlich käme diese der „Ausbreitung des Atheismus“ gleich. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, weist Beth den für sie vorgeschriebenen Text als „verfluchten Unsinn“ zurück. Müsse sie so etwas veröffentlichen, nehme sie das Geld lieber nicht an.

Die Szene exponiert Beth als Sympathieträgerin: Sie ist selbstbewusst, bleibt ihren Prinzipien treu und sagt offen, was sie denkt – ein Grund für den hohen Unterhaltungswert der Serie. Vor allem hebt der Ausschnitt aber die Politik der Serie hervor. Und diese steht sowohl dem amerikanischen Antikommunismus als auch dem amerikanischen Realkapitalismus ziemlich kritisch gegenüber.

Das Leben im Realkapitalismus

Das Leben von Beth in den USA der 50er und 60er Jahre entspricht so gar nicht den Utopien anderer Serien. Beth ist ein Opfer der „Kernfamilie”. Ihr leiblicher Vater bekennt sich nicht zu seiner Affäre mit ihrer Mutter, einer hochbegabten Mathematikerin, weil er seine bürgerliche Familienidylle nicht zerstören will. Ihre leibliche Mutter, getrieben von Psychosen, sieht keinen anderen Ausweg als den Suizid. Auch ihre Adoptivfamilie ist nicht sonderlich von Liebe geprägt. Der Adoptivvater holt Beth in die Familie, um Ruhe von seiner Frau zu haben und Versorger zu spielen. Am besten geht es Adoptivmutter und -tochter, wenn sie gemeinsam in Hotels trinken. Ohne Männer. 

Unfassbar schlecht kommen alle davon, die ein normales, bürgerliches Leben führen. Der kleinbürgerliche Ladenbesitzer verbrennt lieber die Schachhefte, die niemanden interessieren, anstatt sie Beth zu schenken. Liebespartner projizieren in Beth ihre Traumfrau ohne sich auf ihr Schicksal und ihr Trauma einzulassen. Mitschülerinnen bilden Cliquen, aus denen Beth wegen ihrer Kleidung, einem Kennzeichen der sozialen Klasse, ausgeschlossen wird.

Die einzigen Menschen, mit denen sie sich versteht, sind der Hausmeister, ihre Adoptivmutter (eine verhinderte Konzertpianistin), ihre radikale afroamerikanische Freundin aus dem Waisenhaus und Bohemiens, die ein alternatives Leben fernab von gesellschaftlichen Vorstellungen und Klischees leben. Kurz, Menschen am Rand der (kapitalistischen) Gesellschaft.

Beth im Waisenhaus. Foto: Egoitz Moreno

Sowjetische Schach-Utopie 

Der interessanteste Punkt ist aber die Darstellung der Verhältnisse im Kalten Krieg. Diese verläuft konträr zu jeglichen historischen Hollywood-Verfilmungen. Die Sowjetunion ist das Land, in dem es normal ist, dass Frauen Schach spielen. Die Menschen sind höflich und gut angezogen. Sie sind sportliche Gewinner*innen und Verlierer*innen. Sie brauchen keine Propaganda um Gegner*innen von ihrer Überlegenheit zu überzeugen, es reicht, dass sie Schach spielen und zuerst im All waren. Pensionist*innen spielen im Freien Schach. Komplexe gegenüber den Vereinigten Staaten sind nicht vorhanden. Wissen steht Menschen zur freien Verfügung. Schach spielt man als Sport und nicht als Hobby. Selbst ein individueller Sport wie Schach wird als Teamsport begriffen. Denn die Gemeinschaft ist wichtig.

Die USA sind hingegen ein Land, in dem Frauen maximal Bridge oder Dame spielen können und sollen. Solidarität ist der Bevölkerung beinahe ein Fremdwort. Alles ist erhältlich, aber nicht für jedermann. Menschen ohne Interesse an Schach können sich mit Geld Schachbretter kaufen. Andere nicht. Dinge, die als Lebensqualität und Überlegenheit des Westens gegenüber der Sowjetunion angepriesen werden, wie  Elvis Presley Filme in Autokinos, sind für Menschen ohne Autos, wie Beth, nicht erreichbar.

Die Gesundheit der Bevölkerung wird mit schlechtem Alkohol, Tabletten und Zigaretten auf Spiel gesetzt, während der Brotjob den Rest erledigt. Keine alten Menschen erfreuen sich im Park ihres Lebens. Das Land ist durchtrieben und kontrolliert von rückschrittlichen Fundamentalist*innen, die im Kampf gegen den Kommunismus eine Aufgabe Gottes sehen und ein Schachspiel als Teil des ewigen Kampfes gegen den Teufel. Auf die Frage, in welchem Land es den Menschen besser ging, lautet die Antwort  im “Damengambit” immer: In der Sowjetunion.

Popkultureller Antikommunismus nimmt ab

Es ist wichtig, Augenmaß zu bewahren, wenn man den antikapitalistischen Nutzen eines Fernsehdramas diskutiert. Insbesondere den eines von Netflix produzierten – einer Streaming-Plattform in Besitz von Milliardären, die auch Hagiographien von reichen und mächtigen Kapitalisten veröffentlichen. Dennoch ist der Freimut bemerkenswert, mit dem „Damengambit“ dem Standard-Narrativ des Kalten Krieges widerspricht – dem Standard-Narrativ, in dem sich der „freie“ kapitalistische Westen dem Bösewicht des „totalitären“ kommunistischen Ostens stellen muss.

In der Welt des „Damengambit“ sind die gesellschaftlichen Umstände, die Beth daran hindern, ihr volles Potenzial zu erreichen, das einzige Böse. Und diese Umstände sind das Produkt des angeblich freien kapitalistischen Systems. Letztlich kann Beth über sie nur triumphieren, indem sie sich mit anderen solidarisiert. Diese Lektion lernt sie nicht zuletzt von ihren Schach-„Gegner*innen“ in der Sowjetunion, einer Gesellschaft, die den Wert der Solidarität weit mehr zu schätzen weiß als die amerikanische.

Ob die Zuschauer*innen dieselbe Lehre ziehen wie Beth oder nicht, eines ist sicher: Die immense Beliebtheit der Serie zeigt, dass das Standard-Narrativ des Kalten Krieges nicht mehr die Hegemonie genießt, die es einst hatte. Aus einer antikapitalistischen Perspektive kann man diese Entwicklung nur willkommen heißen.

Das Buch „Generation Haram“ von Melisa Erkurt verlagert die Debatte im Bildungssystem von Migrations- zur Klassenfragen. Ihre Reformvorschläge sind aber nicht drastisch genug und befeuern falsche Diskurse, schreibt Mahdi Rahimi.

Im Diskurs um das Schulwesen dominieren Erzählungen von Brennpunktschulen und Kulturkämpfen. An die Spitze getrieben wird dieses Narrativ unter anderem durch Warnungen vor einem Jihad durch Playstation Controller. Das zeigt, wie sehr die Diskussion eine Neuausrichtung verträgt. Melisa Erkurt bringt mit ihrem Buch „Generation Haram“ frischen Wind in die Debatte.

Klassenfrage statt Migrationsproblem

Ihre Geschichten vom Klassen- und Kulturhass, den man in Österreich vorrangig MigrantInnen aus der ArbeiterInnenschicht entgegenbringt, sind treffend und von jedem/r Migranten/Migrantin nachvollziehbar. Die biographischen Erzählungen ihrer Erfahrungen als Schülerin und Lehrerin, die seit ihrer Flucht vor dem Krieg nach Wien in den 90ern von rassistischen Erfahrungen untermauert waren, leisten einen wichtigen Beitrag: Sie definieren die Probleme im Bildungssystem als Klassenfrage anstelle einer Migrationsherausforderung. Die daraus hervorgehenden Lösungsvorschläge schießen aber am eigentlichen Ziel vorbei und machen Erkurt zur unfreiwilligen Projektionsfläche des Bildungsbürgertums.

Unseliger “Verlierer”-Diskurs

Dabei könnte das Buch viele interessante Diskussionen aufwerfen. Ob es tatsächlich sinnvoll ist, die leidige Ganztagesschuldebatte vom 20. ins 21. Jahrhundert weiterzutragen oder inwiefern das Informationszeitalter das Bildungssystem beeinflusst, sind nur zwei von einigen spannenden Themen, die in Erkurts Werk aufkommen. Stattdessen fokussieren sich die Medien auf den VerliererInnendiskurs und verbreiten die Geschichte der chancenlosen MigrantInnenkinder.

Daran ist Erkurt bis zu einem gewissen Punkt mitschuldig. Schließlich fällt das Wort „Verlierer“ nicht nur in ihrem Buch einige Male, sondern ist sogar im Pressetext vertreten. Die eigentliche Frage ist aber, wie es zu diesen „Verlierern” kommt und wer in einem System gewinnt, das nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Alarmierend sollte auch sein, wie sehr Erkurt ihr Jahr als Lehrerin als Versagen empfindet. Zumindest erscheint das aufreibender als der von ihr beschriebene Fakt, dass sich viele Eltern keine Laptops für ihre Kinder leisten können. Denn der ist hoffentlich für die meisten Menschen keine große Überraschung.

Das eigentliche Problem: Selektion

Die Schwierigkeit mit Erkurts Buch liegt im Bildungsbegriff selbst, der in vielen Fällen allzu abstrakt bleibt. In der Praxis geht es betroffenen Eltern weniger um Bildung als um Ausbildung. Der Grundgedanke der Erziehung ist, eine Generation großzuziehen, der es besser geht als der letzten. Dabei werden Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt. Viele Eltern aus höheren Bildungsschichten interessiert unter anderem Mathematik wenig, weil sich die Nachhilfe-Kosten für das angestrebte Berufsbild, etwa JuristIn oder ÄrtzIn, ohnehin nicht auszahlen.

Im Kontext der Ausbildung und der klassenspezifisch unterschiedlichen Schwerpunktsetzung offenbart sich das Hauptproblem der Debatte: Dass Schule immer noch als Selektionsstätte zur möglichst schnellen Heranbildung von ArbeiterInnen, Angestellten und ÄrztInnen dient. Diese Selektion setzt sich über Generationen fort. Bildung wird in Österreich und anderen OECD-Ländern immer stärker vererbt. Das war 1992 bereits ähnlich, damals konnte man sich aber mit einer Lehrstelle gut über Wasser halten. Heute ist das anders, wir leben in einer Abstiegsgesellschaft. Und dafür braucht es Schuldige.

Diversität in einem kaputten Bildungssystem

Die Schule als Ausbildungsstätte des Spätkapitalismus steckt genauso in einer Krise wie der Spätkapitalismus selbst. Reformen brauchen viel Zeit und Kraft und interessieren Menschen, die das Geld für Privatschulen haben, ohnehin nicht. MigrantInnen kommen als Grund für das kaputte Schulwesen, genauso wie für den kaputten Kapitalismus, gerade recht. Dann sind es eben die migrantischen MitschülerInnen, deretwegen österreichische Kinder plötzlich nicht mehr richtig Deutsch lernen.

Um diesem Diskurs  entgegenzuwirken, beendet Erkurt ihr Buch mit einem Pamphlet. Darin steht, wie das Schulsystem diverser und besser werden kann. Durch gezielte Anwerbung von MigrantInnen für den LehrerInnenjob, positive Vorbilder in der Gesellschaft, eine Sensibilisierung des Lehrpersonals für kulturelle Unterschiede sowie die Einführung von Ganztagsschulen, schreibt sie. Das ist ein Anfang.

Aber würden in so einem kaputten System kleine Reformen und mehr Diversität tatsächlich etwas ändern? Wohl eher nicht. Erkurt dient daher, eher unfreiwillig, als Projektionsfläche einer Bildungsschicht. Denn nichts lieben Bildungsphilister mehr als den Glauben, alle Probleme dieser Welt mit einem Buch lösen zu können. Und Melisa Erkurt, ein im humanistischen Schulwesen aufgewachsenes ArbeiterInnenkind, das vom Geist der hellenistisch-jüdisch-christlichen Tradition des Abendlandes gesegnet wurde, liefert ihnen genau dieses Buch. Subhanallah!

Heute finden die Nationalratswahlen statt. Egal wie der Wahlabend ausgeht und welche Koalition zustande kommt, in einer Sache hat Österreich bereits entschieden: Rassismus gegen Moslems ist voll okay und 45 Prozent wünschen sich Apartheid im Land. Ein Kommentar von mosaik-Redakteur Mahdi Rahimi

Laut einer Studie von Wolfgang Aschauer von der Universität Salzburg sind Muslime für den Großteil der autochthonen Gesellschaft kein Teil der österreichischen Gesellschaft. Die Zahlen sind, ganz rational und nüchtern betrachtet, schockierend. 72 Prozent sind der Meinung, dass Muslime keine kulturelle Bereicherung darstellen. 70 Prozent sind der Meinung, dass der Islam nicht in die „westliche Welt“ passt. 60 Prozent haben Angst, dass Terroristen unter Muslimen in Österreich sind und knapp 50 Prozent sind der Meinung, dass Muslime in ihrer Glaubensausübung eingeschränkt werden sollten, keine Moscheen gebaut werden sollten und Muslime nicht die gleichen Rechte haben sollten wie alle anderen in Österreich.

Es ist Rassismus, keine Kritik

Die Umfrage ist in etwa so repräsentativ wie Umfragen ähnlicher Art zum Lieblingsbier oder zur Sonntagsfrage, also sollten sie bei einer Bevölkerungszahl von acht Millionen relativ treffend sein. Würden ähnliche Zahlen bezüglich einer anderen Gruppe an Menschen auftauchen, würden alle Alarmglocken klingeln, man hätte parlamentarische Anfragen und Task-Forces um gegen den Hass zu kämpfen, es wäre eine Art nationaler Notstand. In Österreich ist die Reaktion darauf, dass knapp 50 Prozent der Österreicher quasi ein Apartheidregime für Muslime fordern – weil, sagen wir wie es ist, im Grunde ist es nichts anderes – Abwägung, Relativierung und Wurstigkeit.

So titelt der Standard, dass Österreicher den Islam „kritisch“ sehen. Als ob der Islam eine moderne Inszenierung von Antigone wäre. Von antimuslimischem Rassismus kein Wort. Wenn doch jemand darauf hinweist, kommt sofort der Reflex: Das kann ja gar nicht rassistisch sein, schließlich sei der Islam ja keine Rasse. Als wären Rassentheorien Wissenschaft und nicht selbst rassistische Ideologien, die Menschen in mehr- und minderwertige einteilen. Auch das Wort Islamophobie soll man nicht benützen, wie eine Standard Redakteurin mir einmal per Mail erklärt hat, weil es ein „reflexhafter Begriff ist und nur als Immunisierung gegen Kritik verwendet wird“. Nun denn, belassen wir es doch dabei: Es gibt keine Islamophobie, ausser Islamkritik.

Die bösen Extremisten

Aber es sind ja nicht alle Muslime schlecht. Es sind wirklich nur die extremistischen Muslime, wie Irene Brickner in einem Kommentar im Standard meint. Man stelle sich vor, man würde nach Utøya, Chemnitz oder Christchurch unter jedem Artikel zu Norwegern, Sachsen und Australiern dazuschreiben, dass nicht alle Norweger, Chemnitzer und Australier furchtbar sind, sondern nur „ein paar Extremisten“.

Es ist auch schön zu sehen, wie im Standard-Artikel zur Studie zwischen Muslimen und Österreichern unterschieden wird, so als ob Muslime eh keine Österreicher wären. Um es kurz zu machen: Islamophobie ist nicht ein abstraktes Ding aus Osttirol. Islamophobie ist mitten unter uns. Mitten in Wien, wo der Moslem gut genug ist um Gemüse zu verkaufen. Oder wo man sich mit MuslimInnen aus der Bourgeoisie von Damaskus und Teheran anfreundet, die einem dann auch erklären, dass sie mit den religiösen Moslems nichts anfangen können und den eigenen Rassismus bestärken.

Die Hälfte will Apartheid

Um auf den Wahltag zurück zu kommen: Vielleicht ändert sich etwas, wahrscheinlich wird sich politisch nichts ändern. Was aber bleibt ist eine Mitte-Rechts islamophobe Gesamtmehrheit in Österreich, die mit Unterstützung von Links Muslime unter Generalverdacht setzt und knapp 80 Prozent der Bevölkerung infiziert hat. Da es „Volksempfinden“ ist, kann man wohl auch erwarten, dass die zukünftigen, gewählten Mitglieder des Parlaments diesem „Volksempfinden“ nachgehen werden.

Und die Medien, weil man ja beim Volk sein will und keine „Lügenpresse“, werden das auch sprachlich und inhaltlich übernehmen. Vielleicht sollte man aber anfangen, Dinge so zu benennen wie sie sind. Österreicher sehen nicht den Islam „kritisch“, sondern knapp die Hälfte der Bevölkerung will Apartheid. Das klingt ein bisschen knackiger und bringt die Sache mehr auf den Punkt. Es wäre aber auch näher an der Realität.

Reaktionen auf Videos, die rassistische Übergriffe zeigen, sind entlarvend. Denn niemand will sagen, dass Rassismus in Österreich schon lange zur Normalität gehört, schreibt Mahdi Rahimi.

Leider gab es zu meiner Zeit keine Smartphones. Es war mir daher nicht möglich, diverse Busfahrten und die Türpolitiken von Clubs aufzunehmen. Leider konnte eine Bekannte von mir die Person, die sie wegen ihrer Hautfarbe im Bus angespuckt hat, nicht darum bitten, die Szene zwecks Aufnahme nochmal nachzustellen. Aber den Rassismus gab es auch damals schon. Um es mit französischen Rapcrew PNL zu sagen: „Sie haben die Fotos, dann die Erinnerungen. Wir haben die Erinnerungen und dann die Fotos“ (PNL – Différents).

Neu wie Haider

Heute sind Smartphones nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Die Videos, die man mit ihnen aufnehmen kann, zeigen die rassistische Realität in diesem Land. Gleich drei davon gab es in den letzten Tage: Beim ersten Video wird im siebten Bezirk eine Muslima mit Kopftuch von einer Frau angegriffen und angespuckt. Beim zweiten wird ein Taxifahrer, der seiner Arbeit am Abend nachgeht, irgendwo im wunderschönen Oberösterreich rassistisch attackiert und als Salafist bezeichnet. Beim dritten Video verwehrt ein Busfahrer einem Schuljungen wegen seiner Hautfarbe den Einstieg in den Bus.

Vor allem beim Video mit der Muslima gab es die mitunter widerlichsten Reaktionen. Sie reichen von „Das islamische Patriarchat ist schuld, dass Menschen so reagieren“ über „Das ist Online-Pranger und Selbstjustiz!“ bis zu „Daran ist nur Schwarz-Blau Schuld!“. Auch wenn sie vorhersehbar waren, rauben einem diese Reaktionen die Hoffnung. Jörg Haider wurde 1986 Vorsitzender der FPÖ. Im Jahr 1999, vor 19 Jahren, bekam er bei den Nationalratswahlen über 27 Prozent der Stimmen. Der Tod von Marcus Omofuma jährt sich am 1. Mai das 20. Mal.

Die Angst anderer Qualität

Doch es ist eben doch etwas anders seither: das Smartphone. Es kann mehr als Instagram, die Richtung der Qibla finden und unterwegs Fußballspiele streamen. Die Videofunktion dient quasi als Blackbox für das Geschehene. So wurde eine Rassistin an den „Pranger“ gestellt, die unschuldige afroamerikanische Kinder wegen ihrer Hautfarbe bei der Polizei meldete, und erlangte Meme-Fame als BBQ Becky. Auch die Polizeischikane, der T-Ser und Kollegen von Akash ic Records im vergangenen Herbst ausgesetzt waren, zeichneten sie mit Videos auf.

Dass es momentan zu dieser Häufung kommt, hat einen Grund. Spätestens nach dem Massenmord von Christchurch haben Menschen mit Kopftuch, dunklen Haaren und dunklerem Teint Angst, dass ihnen etwas passiert, Angst um ihre körperliche Unversehrtheit. Statt diese Angst zu verstehen und solidarisch zu sein, konzentriert man sich lieber auf die Probleme mit dem Kopftuch, das Problem mit Online-Pranger oder in „fortschrittlicheren“ Fällen auf die Regierung, die an allem schuld sei. Dass Falter-Chefredakteur Florian Klenk erklärt, das Problem sei weniger der rassistische Übergriff in Wien-Neubau als Innenminister Herbert Kickl, demonstriert diese Ignoranz in aller Deutlichkeit. Es geht darum, dass die „verwerflichen, rassistischen und erbärmlichen“ Übergriffe viel damit zu tun haben, dass die FPÖ – und damit Kickl – heute in der Regierung sitzt.

Warten auf die Rassismus-Reportage

Doch in den meisten Reaktionen auf die Videos geht es eben nicht um den rabiaten Rassismus, der in Österreich zumindest akzeptiert, vielleicht sogar schon Mehrheitsmeinung ist. Die Antisemitismus-Studie der Bundesregierung lieferte ein Ergebnis, über das kaum diskutiert wurde: Über 30 Prozent der ÖsterreicherInnen wollen keine Schwarzen, TürkInnen, AraberInnen, AfghanInnen oder Roma als NachbarInnen.

Anstatt die Videos als das zu verstehen, was sie sind, nämlich Dokumentationen des Alltags für nicht-autochthone MitbürgerInnen seit mindestens 30 Jahren, empört man sich über andere Dinge. Auf die große Rassismus-Reportage wartet man indes vergeblich. Statt sich darum zu kümmern, sorgt man sich um die Psyche der Angreiferin, den Arbeitstag des Busfahrers oder den Alkoholpegel der Frau. Eine Ausrede findet sich immer.

Die Debatte um den „Onlinepranger” hat eines klar gemacht: Das Vertrauen in die österreichischen Institutionen ist auch unter Linken manchmal grenzenlos. Man soll die Justiz nur arbeiten lassen. Dabei hat sie strukturelle Fehler. Und auch die österreichischen Schulen können nicht jedes Problem aus der Welt schaffen. Ein Kommentar von Mahdi Rahimi.

Als Kind wurde ich oft gefragt, ob es im Iran Berge gibt. Ich habe dann immer auf den Damavand verwiesen, der mit knapp 5.600 Metern jeden europäischen Berg übertrifft. Es war damals schwierig, ohne Internet die Mitschüler*innen von der Pracht des Damavand zu überzeugen. Ich musste daher am nächsten Tag immer ein Lexikon mitbringen. Auf die Frage mit den Bergen folgte dann meistens eine etwas andere Frage, nämlich die, ob es im Iran schneien würde. Bei Bergen von 5.600 Metern ist das eine interessante Frage. Hohe Berge, auf denen es schneit, gibt es ja auch in Österreich. Aber die Gesetze, die hierzulande gelten, haben scheinbar in anderen Regionen, die noch dazu so weit weg sind, keine Gültigkeit.

Anderswo ist es anders – und schlechter

Dieser Glaube und dieses Gefühl hat einiges damit zu tun, was österreichische Journalist*innen momentan als „Onlinepranger“ bezeichnen. Was bei uns gilt, ist anderswo ja anders und meistens schlechter. Unsere Justiz, zum Beispiel, muss man nur arbeiten lassen, dann wird sie Probleme schon lösen.

Aber der Reihe nach, und zurück zu interessanten Fragen, zum Beispiel zu jenen im Integrationstest des Österreichischen Integrationsfonds. Eine der Fragen dort lautet, was man in Österreich machen muss, um als Arzt/Ärztin tätig zu sein. Die richtige Antwort lautet, dass man an der Uni Medizin studiert haben muss. Die anderen Optionen („reich sein”, „sehr lange bei einem Arzt oder einer Ärztin gearbeitet haben”) sind so absurd wie falsch. In den Vorbereitungen zum Test lernt man, dass man beim Grüßen die Hand reicht und sich vorab telefonisch entschuldigt, wenn man sich verspätet. Falls mir wer nicht glaubt, empfehle ich die wunderbare App „Meine Integration” runterzuladen, mit der man sich für den Test vorbereiten kann.

Das Gefühl kultureller Überlegenheit

Dass es ohnehin keine Länder gibt, wo man nicht an der Uni Medizin studieren muss, um als Arzt/Ärztin praktizieren zu dürfen, interessiert den Integrationsfonds anscheinend ebenso wenig, wie dass die Grenze der Höflichkeit nicht mit der österreichischen Außengrenze zusammenfällt. Das kann man auf die neue Regierung, den Zeitgeist oder das Personal schieben. Oder man kann es als weitere Schikane gegen Menschen sehen, die genug Probleme haben und denen man so ein weiteres schafft.

Doch hinter dem steckt eine andere Idee, nämlich der tief verankerte, fast fundamentalistische Glaube an österreichische Institutionen. Den hat die Regierung nicht exklusiv, er erstreckt sich über weite Teile der österreichischen Bevölkerung und fast die gesamte „Integrationsdebatte“. Auch in links-liberalen Kreisen findet sich dieser Glaube – und er ist nichts anderes das Gefühl kultureller Überlegenheit.

Die Schulen von Priklopil und Fritzl

Dieses Gefühl ist sehr präsent. Bekanntermaßen hat Staatssekretärin Karoline Edtstadler in einer Diskussionsrunde sinngemäß gesagt, dass es in Österreich kein Patriarchat mehr gäbe. Und dass, wenn österreichische Männer doch Gewalt an Frauen ausüben, sie Nachahmungstäter der ausländischen Frauenhasser wären. Das kann man jetzt wieder als schwarz-blauen Blödsinn abtun. Schließlich ist Österreich das Land von Jack Unterweger, Wolfgang Priklopil und Josef Fritzl.

Aber das Problem sitzt tiefer. Wäre es nicht ebenso absurd zu behaupten, dass ausländische Kinder nur dasselbe Schulsystem wie Unterweger, Priklopil und Fritzl besuchen müssten, damit alles gut wird? Dass dort, in den österreichischen Schulen, reaktionäre Männlichkeitsbilder zertrümmert werden, und „sie“ in Zukunft keine Gewalt an Frauen mehr ausüben? Und während in der Integrationsdebatte die österreichischen Schulen oft zum Hort alles Guten und Schönen stilisiert werden, so sehr fehlt es an Nuance bei anderen Schulsystemen. Dass das Bildungsniveau in Syrien sehr hoch ist, geht dann unter, nach dem Motto: alles Koranschulen im Morgenland.

Die Institutionen werden’s schon richten

Der Institutionsfetischismus endet nicht bei den Schulen. Der religiöse Glaube an österreichische Institutionen erfasst auch die Justiz, die Exekutive, die Familie, die Medien, die „Kultur“. Schließlich sind sie den Trümmern des Zweiten Weltkriegs wie der reformierte Phönix aus der Asche entstiegen. Sie stellen das Gute und das Progressive dar, das man jetzt vor der Übernahme durch besiegte Kräfte schützen muss. Daher braucht es keinen „Onlinepranger“. Die heiligen Institutionen werden schon alles regeln und – fast wie gewohnt – das Problem der Gewalt gegen Frauen alleine lösen. Dass man Kinder mit Migrationshintergrund und Asylwerber*innen an den Pranger von Wochenzeitungen stellt, ist aber schon ok.

Diese Institutionen funktionieren nicht für alle gleich gut. Vor allem nicht für Menschen, die nicht Florian, Ferdinand oder Franz heißen. Natürlich sind in diesen Institutionen viele engagierte und solidarische Menschen tätig, die mit ihrer Hilfsbereitschaft viel bewegen. Aber selbst die stoßen oft an ihre Grenzen.

Heroische Bilder zerstören

Die Idee, dass die österreichische Kultur besser (oder schlechter) als eine andere Kultur sei und mit den österreichischen Institutionen die Heilung aller sozialen Probleme funktioniere, ist etwas zwischen Wunschvorstellung und Männerphantasie. Nur als Beispiel: Wenn man in der Schule, in einer österreichischen wohlgemerkt, über das osmanische Reich nicht lernt, dass es sehr gut verwaltet war und dort eine religiöse Toleranz herrschte, von der die „aufgeklärte Welt“ noch 300 Jahre entfernt war, fehlt ein wesentlicher Aspekt.

Es transportiert eine Überheblichkeit, die es schwierig macht, alle Schüler*innen für sich zu gewinnen, oder gar ihre „Männlichkeitsbilder“ zu zerstören. Ein ausgewogener Unterricht über das osmanische Reich mag etwas am heroischen Bild Österreichs als Bewahrer des Abendlandes ändern. Aber sie würde zumindest mehr den historischen Realitäten entsprechen, und das würde helfen. Dann würde es auch leichter fallen, zu verstehen, dass es auf Bergen im Iran genauso schneit wie auf denen in Österreich. Und vielleicht könnte man sogar besser nachvollziehen, wieso es Leute gibt, die den österreichischen Institutionen nicht blind vertrauen.

BlacKkKlansman handelt von einem schwarzen Polizisten, der verdeckt gegen den Ku-Klux-Klan in der Kleinstadt Colorado Spring im US-Bundesstaat Colorado ermittelt. Die Story basiert auf den Erinnerungen des Polizisten Ron Stallworth und seinem Buch „Black Klansman”. Der Film handelt von der Banalität und der Absurdität des Ku-Klux-Klans. In der Geschichte geht es aber auch das Durchbrechen von rassistischen Barrieren und Pionierarbeit in amerikanischen Institutionen nach der Aufhebung der „Rassen“trennung im Süden der USA und zum Höhepunkt der „Black Power” Bewegung.

Der Film reflektiert den Rassismus in den US-amerikanischen Institutionen und deutet an wie es dazu kam, dass jemand, der Ansichten von eben diesen Ku-Klux-Klan vertritt, Präsident der USA werden konnte. Jahrelang wurden rassistische Ideologien durch Steuer-, Migrations- und Strafrechtsreformen unterschwellig in den USA durchgesetzt.

Am Ende dieser Entwicklung steht für den Film Donald Trump. In einer der stärksten Szenen des Films lacht Polizist Stallworth über den Plan des KKK-Häuptlings David Duke, sich statt auf seinen Geheimbund in Zukunft mehr auf die reguläre Politik konzentrieren zu wollen. Die Bevölkerung würde einen derartigen Rassisten niemals wählen, sagt er. Sein (weißer) Vorgesetzter entgegnet: „For a black man, you‘re pretty naive“.

Der weiße Elefant im Raum

Der Kampf gegen Rassismus ist lang und anstrengend. Der Film schlägt ein gemeinsames Miteinander progressiver Kräfte vor, das das Infiltrieren mächtiger Institutionen durch progressive Akteure ebenso beinhaltet wie das Engagement auf der Straße. Nur gemeinsam könne man den Rassismus besiegen.

Der Film enthält zur Visualisierung und Verdeutlichung des Weges, den man bis jetzt gegangen ist, Ausschnitte aus „Vom Winde verweht” und „Birth Of A Nation”. Zwei Filme, die heutzutage „unmöglich” (sic!) wären, sowie Ausschnitte von den Ereignissen in Charlottesville. Dort wurde 2017 die linke Aktivistin Heather Hayer von einem Rechtsradikalen überfahren und getötet. BlacKkKlansman versucht so zu zeigen, dass der Feind heute noch immer aktiv ist. Er ist stärker als zuvor, weil die mächtigste Institution der USA als Schutzpatron dieser Gruppierung fungiert. Im Grunde wäre der Film höchst wichtig, wenn er nicht auf vielen Ebenen scheitern würde.

Im Grunde könnte man auch damit leben und den Film als das sehen, was es ist, nämlich Unterhaltung. Man kann mit „Unterhaltung” auch argumentieren, dass die Referenzen an die heutige Zeit und Seitenhiebe gegen Trump so unfassbar plump und banal sind. Nur steht der Film nicht für sich allein, sondern die tröstliche, antirassistische Antiradikalität von BlacKkKlansman richtet sich an ein gewisses Publikum.

Denn die weißen Charaktere im Film sind entweder absolut böse oder absolut gut, es gibt kein unangenehmes Dazwischen. Wie das, was man gemeinhin als „White Privilege” kennt, dazu führen könnte, dass auch vermeintlich nicht-rassistische Weiße vom Rassismus profitieren, damit muss sich das Publikum nicht beschäftigen. In einer hässlichen Welt muss man nicht immer den Spiegel der eigenen Hässlichkeit vorgesetzt bekommen. Doch die inhaltlichen Schwächen des Filmes haben viel mit seinem Regisseur zu tun.

Is it the shoes?

Spike Lee ist kein linker Vorzeigeregisseur. Seine Darstellung von Frauen ist auf klassisch-katastrophale Weise misogyn. Bei Charakteren aus der islamischen Welt greift er immer wieder auf dieselben orientalistischen Muster zurück. Das gilt zwar für weite Teile der Filmindustrie, zeigt aber vor allem eines: Spike Lee ist nicht so anders, wie wir das gerne hätten. „That ain‘t cool“, wie 2Pac schon vor 26 Jahren sagte.

Spike Lee mag die Institutionen der Vereinigten Staaten und glaubt an sie. Für ihn ist das Problem nie die Institution selbst, sondern die „faulen Äpfel”. Die Institution selbst ist schon ok und wichtig. Institutionen des US-Kapitalismus wie Nike sind schon ok und man kann Werbung für sie machen. Die US Navy, einer der wichtigsten Institutionen des US-Imperialismus, ist auch ok und man sollte als Schwarzer die Möglichkeiten dieser Institution ausnützen. Das New York Police Department ist an sich auch ok, man muss nur etwas gegen die Missverständnisse mit manchen Communities tun. Und so lässt sich Spike Lee knappe 200.000 US-Dollar von der New Yorker Polizei zahlen, um sie zu beraten.

Der richtige für BlacKkKlansman

Insofern ist es für Lee auch vollkommen ok, wenn ein Polizist als verdeckter Ermittler bei der Polizei arbeitet und die Black Panther infiltriert, solange er das auch beim Ku-Klux-Klan macht. Im Grunde wirkt BlacKkKlansman phasenweise wie ein Rekrutierungsfilm für die Polizei und damit als Fortsetzung der Werbekampagne für die NYPD, wie das auch Boots Riley kritisiert hat.

Doch für die Geschichte, die der Film erzählt, ist Spike Lee der richtige Regisseur. Ein verdeckter Ermittler der alle radikalen Gruppierungen unterwandert, später im Rauschgift-Dezernat in Utah arbeitet und nie mit der Polizei bricht, spiegelt den beinahe blinden Glauben Lees an die mächtigsten Institutionen der USA wider. Erst im August wurde er von CNN interviewt und trug dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „God protect Robert Mueller“. Der ist Republikaner, war zwölf Jahre lang Direktor des FBI, hat aber immerhin zuletzt gegen Donald Trump ermittelt. Naja, immerhin.

Mahdi Rahimi hat Mathematik studiert, ist Teil des FM4 Hip Hop Lesekreises und empfiehlt folgende Veranstaltungsreihe zu Spike Lee im Gartenbaukino.

Nichts ist deutscher als Fototermine mit brutalen Autokraten. Warum musste Mesut Özil dann aus der deutschen Nationalmannschaft zurücktreten? Mahdi Rahimi über Migranten im Fußball, Multikulti-Swag und einen Spieler, der größer ist als Deutschland.

Als ich den Sommerurlaub 1990 im Iran verbrachte, wurde ich von Verwandten gefragt, ob ich bei der WM zu Österreich gehalten habe. Ich habe sie verdutzt angeschaut und mich gefragt, warum ich denn zu denen halten soll? Klar gab es Jahre später Nostalgie wegen Panini-Pickerln von Josef Degeorgi und dem Roten Robert, aber ich habe z.B. damals nicht verstanden, warum ein Mensch Heimo Pfeifenberger heißt und warum ich mich jetzt für den begeistern sollte.

Außerdem hat die Mannschaft nix g’rissen. Deutschland, Italien, Kamerun waren eher zum Zuschauen. Argentinien war irgendwie böse, aber im Nachhinein, im Taumel der WM 90-Nostalgie und wenn man über die Beziehung Caniggia-Maradona mehr liest, war es im Kopf die Mannschaft, zu der man eigentlich hielt. Aber als achtjähriger Migrant nach zwei Jahren Volksschule in Wien und dem Erlernen, dass man da nicht ganz dazu gehört, gab es keinen Grund zu Österreich zu halten.

Swag und NTM

Bei der WM 98 gewann Frankreich und Deutschland ging ziemlich schön unter. Frankreich hatte irgendwie das, was man heutzutage „Swag“ nennen würde. Ein Multikulti-Team, das im Finale Brasilien wegrasierte. Thuram, Djorkaeff, Henry, Zidane etc. ließen die Jörg Heinrichs und Andi Möllers alt aussehen. Außerdem war französischer Rap damals wesentlich cooler als deutscher, man hat gehört, dass im französischen Fernsehen Rap ernsthaft diskutiert wird. Und Österreich war noch immer Österreich.

Ich habe keine Ahnung, ob Mesut Özil jemals NTM gehört hat, aber er gibt an, dass sein Lieblingsspieler Zidane war. Ich weiß auch nicht, ob Mesut wirklich traurig war, als Deutschland im Viertelfinale gegen Kroatien unterging, aber ich nehme mal an, dass er mit elf Jahren beim Kicken eher von Frankreich inspiriert war als von Deutschland.

Der beste deutsche Spielmacher

Es kam die WM 2010. Frankreich hatte gerade drei Jahre Sarkozy als Präsidenten hinter sich gebracht und ein Freund von mir, der in Frankreich lebt, hatte von seinen Freunden mit migrantischem Hintergrund dutzende Anfragen, ihnen ein Deutschland-Dress von Özil zu besorgen.

Özil war kein deutscher Spieler. Er lief nicht viel, er war nicht besonders schnell ohne Ball, aber er war schnell mit dem Ball und spielte Pässe und sah Räume, wie man es von südamerikanischen Zehnern gewohnt war, oder von Zidane. Ich habe vor ein paar Tagen versucht, einen deutschen Spielmacher zu finden, der ähnlich gut war wie Özil in seiner besten Phase. Mir fiel kaum jemand ein. (Kein Littbarski, Hässler oder Netzer bitte).

Özil war einzigartig für Deutschland, weil er nicht wirklich „deutsch“ war. Dabei ist er in Gelsenkirchen geboren und wurde bei Schalke groß. Doch es ergibt auch Sinn, dass Özil keine wirklich großartige Bundesligakarriere hatte und erst nach der WM und bei Real Madrid richtig groß wurde. Özil war nie wirklich Deutschland. Aber deutscher Fußball war in den 2010ern auch nicht mehr wirklich deutsch. Und so konnte Özil eine Karriere im Nationalteam machen, die vor 15 Jahren nicht möglich gewesen wäre.

Was Thomas Müller nicht passiert

Es war schwer, einen Artikel zu einem Thema zu schreiben, zu dem eigentlich eh schon jeder alles gesagt hat. Aber dieser Tweet erklärt, was Özil wirklich war und ist als Kicker.

Özil hat auf seine Art und Weise Deutschland transzendiert. Er hat für Deutschland gespielt, aber er hatte nichts mit dem Hartz-IV-RTL-II-Reality-Mief-Deutschland zu tun, oder mit dem was man allgemein als Deutschland wahrnimmt. Wahrscheinlich kann er deswegen jetzt als wirklich guter Sündenbock für alle möglichen deutschen Sünden herhalten.

Es war nämlich nicht das erste Mal, dass Özil sich mit Erdogan traf. Es gibt mindestens noch acht weitere Fotos, die niemanden interessiert haben. Thomas Müller hatte eine wesentlich schlimmere WM 2018 und EM 2016 als Özil, nur haben Markus Söder und die Bild-Redaktion wahrscheinlich alle Müller-Dressen zu Hause.

Erdogan ist noch immer gewählter Präsident der Türkei, einem NATO-Partner. Einer, der die bösen Flüchtlinge bei sich behält, damit die Balkanroute dicht bleibt und dem man schon mal erlaubt, mit deutschen Panzern in Afrin einzumarschieren. Es ist ja nicht so, als hätte Özil ein Foto mit Putin gemacht.

Größer als Deutschland

Im Grunde steht Özil in seinem nicht-fussballerischem Handeln ganz in der Tradition anderer deutscher Sportler, was wieder zeigt, wie sehr Özil doch ein Deutscher ist. Es sei jedem ans Herz gelegt, die deutsche Berichterstattung zur WM 1978 in der Militärdiktatur Argentinien zu googlen. Und die Zitate von Berti Vogts dazu.

Der Hass gegen Özil kommt nicht daher, dass er ein Foto mit einem Autokraten machte, der Menschenrechte mit Füßen tritt. Das ist das deutscheste, was ein deutscher Sportler machen kann. Der Hass gegen Özil kommt daher, weil er größer als Deutschland ist und mit dem deutschen Durchschnitt und den deutschen Tugenden nichts am Hut hat.

Beyoncé des Fußballs

Özil ist für den deutschen Fußball, was Beyoncé für die Popmusik ist. Der noch immer teuerste deutsche Spieler aller Zeiten, der einzige deutsche Fußballer, der wirklich markant und erkennbar, weil anders ist. Das sind die wahren Gründe für den Rassismus und den Hass gegen ihn, wie gegen alle „Fremden“, die etwas einfach besser machen und einen an die eigene Mittelmäßigkeit und das eigene Versagen erinnern.

Es wachsen nämlich andere Generationen, vor allem von MigrantInnen, nach, die sich an dieser Exzellenz orientieren und nicht an die lokale Durchschnittsmasse. Das passiert im Sport, in der Musik, in der Kunst und es erklärt wohl auch, warum so wenige MigrantInnen in der Politik sind.

Der Vorteil aller MigrantInnen ist nämlich, dass sie mehr kennen und sehen als das, was in ihrer lokalen Umgebung passiert. Dass sie von Geburt an eine andere Welt kennen, die Hans-Peter, Jean-Jacques und Franz nicht kennen. Diese Welt will man ihnen zwar verbieten, wegnehmen und sie in Tracht zwingen. Doch am Ende weiß der Migrant auch, dass es keine Tracht von Gucci gibt (Shout Outs Capital Bra).

 
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