Blockade bei Magna: „Die Klimakrise ist radikal, unsere Aktionen müssen es auch sein“

Foto: System Change not Climate Change

Am 31. Jänner blockierten Aktivist*innen aus dem Umfeld von System Change not Climate Change für einige Stunden das Magna-Werk in Graz. Mit Mitteln des zivilen Ungehorsam protestierten sie für eine  „tiefgreifende Verkehrswende und einen klimagerechten Umbau der Automobilindustrie“. Mosaik-Redakteur Markus Gönitzer sprach mit zwei Aktivist*innen über eine erfolgreiche Aktion, Greenwashing bei Magna und den Austausch mit Fridays for Future. Ihre Namen wurden von der Redaktion geändert.

Mosaik-Blog: Beginnen wir chronologisch am Anfang: Was ist denn bei eurer Aktion passiert?

Sarah: Es war eine Aktion des zivilen Ungehorsams. Die Aktivist*innen haben mit ihren Körpern und technischen Blockademitteln die Eingänge des Magna-Werks blockiert – solange bis die Polizei geräumt hat.

Was war euer Ziel?

Mario: Das waren zwei Dinge. Erstens wollten wir verhindern, dass LKWs, die mit Luxus-SUVs beladen sind, das Fabriksgelände verlassen. Und eben nicht Einzelpersonen im Alltag zu blockieren, sondern jene AkteurInnen, die wirklich für die Klimakrise verantwortlich sind. Allgemeiner ging es darum, das Konzept Auto in Frage zu stellen. Da war „Sand in Getriebe“ in Deutschland ein Vorbild. Denen ist es gelungen, dass das Auto zumindest teilweise im Diskurs hinterfragt werden darf.

Sarah: Wir wollten dort hingehen, wo der Klimawandel produziert wird – und dagegen vorgehen.

Seid ihr, im Nachhinein betrachtet, mit dem Ausgang der Aktion zufrieden?

Mario: Ja, die Aktion ist sehr gut verlaufen. Einerseits weil es keine Verletzten und nur vier Identitätsfeststellungen gab, aber andererseits auch, weil die Produktion in der Magna für drei Stunden stillgestanden ist. Es konnten in dieser Zeit Neuwagen die Fabrik nicht verlassen.

Sarah: Außerdem haben wir eine Diskussion gestartet. Es war bisher kaum Thema, was österreichische Firmen zum Klimawandel beitragen. Mit unserer Aktion ist uns da ein Anfang gelungen.

Ja? Wie habt ihr den öffentlichen Diskurs danach wahrgenommen?

Sarah: Mit dem Umgang der Medien sind wir relativ zufrieden. Sie haben uns zu Wort kommen lassen und unsere Presseaussendungen zitiert. Das ist nicht immer der Fall. Aber klar, es hat nicht nur positive Rückmeldungen gegeben, einige Leute waren ziemlich wütend. Aber damit haben wir gerechnet, weil es war eine radikale Form des Protests. In Österreich hat es sowas noch nie gegeben.

Mario: In den Kommentarspalten im Internet werfen uns viele User*innen zum Beispiel vor, dass wir unsere Jause im Plastiksackerl verpackt haben. Smartphones hätten wir außerdem auch. Aber wenn das die Kritik ist, ist uns das recht. Das sind keine guten Argumente gegen die Aktion und zeigt wie schwer es fällt, uns zu kritisieren.

Was erwidert ihr auf diese Kritik?

Mario: Dass es nichts bringt, wenn die Klimakrise auf individuelles Verhalten reduziert wird. Sie hat eine systemische Dimension. Wir können sie nur dann lösen, wenn wir das kapitalistische System überwinden.

Es gibt auch KritikerInnen, die fragen, was mit den ArbeiterInnen von Magna passieren soll, wenn es die Fabrik nicht mehr geben würde. Wie seht ihr das?

Sarah: Es liegt doch auch an der Magna sich zu überlegen, was sie ihren Beschäftigten eine Zukunft bieten kann. Die Autoindustrie liegt im Sterben, früher oder später braucht es für die Leute andere Arbeitsplätze. Stattdessen erklärt die Magna, sie würde abwandern, wenn es strengere Umwelt-Auflagen gäbe. Und einen Teil der Produktion sie schon verlagert. Ein Teil der Lackiererei ist 2019 nach Slowenien abgewandert. Der Konzern interessiert sich für die Profite und nicht für die Beschäftigten.

Magna hat erklärt, sie würden sich von eurer Aktion nicht angesprochen fühlen. Immerhin arbeiten sie mit Biostrom und setzen Elektro-LKWs ein. Wie geht ihr damit um?

Sarah: Das ist klassisches Greenwashing, ihnen geht es nur um das Image. Dieser LKW fährt auf der Liebenauer Hauptstraße, dort, wo die Leute das sehen. Aber gleichzeitig fahren viel mehr „klassische“ LKWs auf die Autobahn.

Gab es einen direkten Austausch zwischen euch und Magna?

Sarah: Nein, das wollten wir nicht. Wir wollen uns auch nicht auf Podium mit KonzernsprecherInnen von denen setzen. Solange sie Geld damit verdienen, werden sie nicht einlenken.

Mario: Ich will noch einmal auf die Frage zur Belegschaft zurückkommen. Darüber haben wir sehr viel nachgedacht. Deswegen haben wir uns auch entschieden, die Aktion nicht während dem Schichtwechsel durchzuführen. Das hätte dazu geführt, dass die Beschäftigten zu spät zum Arbeitsplatz kommen und deswegen von ihren Chefs bestraft worden wären. Außerdem haben wir für die LKW-Fahrer, die am direktesten davon betroffen waren, Flyer in acht verschiedenen Sprachen vorbereitet und sie verteilt. Die Reaktionen darauf waren gemischt.

Wie sahen die positiven Rückmeldungen aus?

Mario: Ein Fahrer hat sich bei uns für die Pause bedankt. Ein anderer hat Verständnis für unser Anliegen gehabt, ein dritter gemeint, er würde sich dazusetzen, wenn er nicht fahren müsste. Das haben wir auch in den Rückmeldungen im Netz gespürt. Die Aufmunterung kam nicht nur von anderen AktivistInnen.

Glaubt ihr, es ist ein Bündnis mit den Beschäftigten möglich?

Sarah: Wir wollen es versuchen. Wir haben uns mit einem offenen Brief an die ArbeiterInnen gewendet, in dem wir noch einmal klar stellen wollten, dass wir nicht gegen sie protestiert haben, sondern mit ihnen gemeinsam das System verändern wollen.

Ihr sagt selber, dass ihr sehr radikal seid und dass es so eine Aktion in Österreich noch nie gab. Wie schätzt ihr die anderen Teile der Klimabewegung ein? Sollte sie sich radikalisieren?

Sarah: Ja, das glaube ich schon. Die Verhältnisse und die Auswirkungen der Klimakrise sind dramatisch und radikal, unsere Aktionen müssen es auch sein. Ich will damit aber die Bewegung überhaupt nicht geringschätzen. Es ist wichtig, dass sie sehr breit und divers ist. Auch Menschen, denen ziviler Ungehorsam zu radikal ist, sollen Zugang finden.

Mario: Mit unserer Aktion haben wir in der Bewegung auch niemanden vor dem Kopf gestoßen. Es gab Solidaritätsbekunden von Leuten von „Hambi blebt“, die sehr radikal sind. Aber auch Fridays for Future hat die Aktion gut geheißen. Auf Twitter haben sie geschrieben, dass sie zwar andere Aktionsformen haben, aber das gleiche Ziel. Das hat uns gefreut.

Richtigstellung am 19. Februar, 14:00: In der ersten Fassung des Interviews war davon die Rede, dass die Lackiererei Magnas vor zwei Jahren nach Slowenien abgewandert sei. Das ist nicht richtig, der Betrieb im slowenischen Hoče ergänzt jenen in Graz lediglich und startete im März 2019 mit der Produktion.

Kommentare

Kommentare