People‘s Summit against EGC in Wien: „Wir wollen eine (Neu-)Ausrichtung der Bewegung anstoßen“

Aktivisten und Aktivistinnen bei der Demo 2023 gegen die Gaslobby

Vom 22.-24. März 2024 werden wieder hunderte Menschen nach Wien kommen, um an der Gegenveranstaltung zu European Gas Conference (EGC) teilzunehmen. Das Organisationsteam berichtet von eigenen Ansprüchen, fossiler Expansion in Österreich und den Inhalten der Konferenz.

Pünktlich zu Monatsbeginn stehen die ersten Programmpunkte auf der Website des People‘s Summit against EGC. Auch dieses Jahr scheint es gelungen zu sein, ein vielfältiges Programm zusammenzustellen. Internationale Delegationen treten in Austausch mit lokalen Aktivist*innen. Strategien der Klimagerechtigkeitsbewegung werden genauso diskutiert, wie internationale feministische Perspektiven und Handlungsoptionen der lokalen Linken. Und auch das Rahmenprogramm kommt dieses Jahr nicht zu kurz. mosaik-Redakteur Hannes Grohs hat anlässlich der Programmveröffentlichung mit Teilen des Organisationsteams gesprochen.

Eure Konferenz geht in die zweite Runde. Warum habt ihr euch dazu entschlossen, den „People‘s Summit against EGC“ auch 2024 wieder zu organisieren?​​​​​​​​​

People‘s Summit: Die großen Gaskonzerne waren im letzten Jahr nicht untätig. Sie konnten ihre Agenden an vielen Orten konsequent durchdrücken. Es scheint kein Zufall, dass in den Monaten nach der letzten EGC OMV Petrom die milliardenschwere Investitionsentscheidung für das neue Gasprojekt Neptun Deep im Schwarzen Meer bekanntgab: 4 Milliarden Euro werden in ein Projekt gesteckt, das ab 2027 neues Erdgas aus Rumänien liefern soll.

Ein weiteres Beispiel der fossilen Expansion passiert direkt unter unseren Füßen, 160km von Wien. In Molln, Oberösterreich, hat eine Tochterfirma der australischen ADX Energy im Februar Probebohrungen nach Gas gestartet. Und das direkt neben dem Nationalpark Kalkalpen. Auch am Attersee soll bald gebohrt werden. Weiteres hat im niederösterreichischen Wittau die OMV den größten Gasfund Österreichs seit Jahrzehnten bekannt gegeben.

Der französische Ölgigant Total und die China National Offshore Oil Corporation stehen kurz davor, eine riesige Rohölpipeline – die East African Crude Oil Pipeline – quer über den afrikanischen Kontinent zu bauen. Eine solche Pipeline würde Communities vertreiben, Ökosysteme gefährden und die Welt einer Klimakatastrophe noch ein bisschen näher bringen. Diese Beispiele haben eines gemeinsam: Hinter ihnen stehen mächtige Kapitalunternehmen, die natürliche Ressourcen aus Profitgründen ausbeuten und dabei soziale Ungleichheiten verschärfen und Ökosysteme schädigen. Das sind alles Gründe, um auch 2024 zum Widerstand gegen die fossile Lobby aufzurufen und Alternativen für eine gerechte Zukunft aufzuzeigen.

Gegenkonferenz 2023, (c) Franz Hagmann

Letztes Jahr trug eure Gegenkonferenz noch den Titel „Power to the People“. Warum habt ihr den Namen geändert?

Wir haben uns im letzten Jahr bewusst für den Titel „Power to the People“ entschieden. In der Doppeldeutigkeit des Titels spiegelte sich für uns das Anliegen wider, Fragen der Energieversorgung und Machtverteilung zu verknüpfen. Auch der Geschichte des Slogans waren wir uns bewusst. Ursprünglich verwendete ihn die Black Panther Party in den USA. Diesen Wurzeln wollten wir durch eine international ausgerichtete Konferenz und dem Versuch, Stimmen aus marginalisierten Gemeinschaften und Regionen zu verstärken, Rechnung tragen.

Was wir dabei nicht beachtet haben, ist, dass der Slogan in der österreichischen und europäischen Klimagerechtigkeitsbewegung zusehends von seinem Ursprung entkoppelt wird. Schwarze bzw. BIPOC Aktivist*innen kritisieren, dass eine in Österreich mehrheitlich weiße Bewegung diesen antirassistischen und antikolonialen Slogan inflationär und ohne Bewusstsein für seine Geschichte verwendet.

Diese Kritik wurde auch letztes Jahr im Hinblick auf die Aktionen von BlockGas und unsere Konferenz geäußert und nach Bekanntgabe der Neuauflage der Konferenz 2024 unter dem Titel „Power to the People“ öffentlich wiederholt. Wir nehmen die Kritik ernst und sehen, dass unser Versuch den Slogan im Rahmen der Konferenz inhaltlich zu kontextualisieren, nicht gelungen ist. Wir haben uns deshalb entschieden, den Titel der Konferenz zu ändern.

Was hat sich abseits des Titels geändert? Warum sollte ich dieses Jahr wiederkommen, wenn ich 2023 schon da war?

Bereits letztes Jahr hatten wir ein dezentrales Raumkonzept. Wir haben damals ungefähr zehn unterschiedliche Räume im 16. und 9. Bezirk bespielt. Dieses Konzept setzen wir fort – dieses Mal allerdings im 6. und 7. Bezirk. Als Veranstaltungszentrum wird uns das Atelierhaus der AKBild (ehemals Semperdepot) dienen. Wir freuen uns sehr darauf. Durch die verschiedenen Räume sind wir stärker in der Stadt präsent und gehen gleichzeitig in Vernetzung.

Wie dieses Konzept funktioniert, wird jedenfalls wieder ein Erlebnis. Aber natürlich lohnt es sich insbesondere aus inhaltlichen Gründen, erneut vorbeizukommen. So lässt sich unmittelbar erfahren, welche schädlichen Auswirkungen die europäische und österreichische Energiepolitik in anderen Regionen haben. Ein Beispiel: Österreich und die EU importieren aus den USA immer mehr Flüssiggas (LNG). Das geschieht in Mengen, die sogar die Nachfrage bald übersteigen werden. Anti-LNG Aktivistinnen aus Louisiana und Texas werden zur Konferenz kommen. Sie werden über ihre kürzlich erzielten Erfolge rund um den temporären Genehmigungsstopp von neuen LNG-Exporten berichten. Aber auch Delegierte der Kampagne Don’t Gas Africa (DGA) werden wieder Teil der Konferenz sein. Dasselbe gilt für Aktivist*innen im Widerstand gegen das Neptun Deep Projekt.

Lorraine Chiponda von DGA auf der Gegenkonferenz 2023, (c) Franz Hagmann

Auf der Gegenkonferenz kommen Aktivist*innen und Interessierte für drei Tage zusammen und tauschen sich aus. Reicht das, um Gegenmacht aufzubauen? Was bleibt mittel- und langfristig?

Um uns darauf zu konzentrieren, was langfristig bleibt, nehmen wir uns in diesem Jahr besonders viel Zeit für Movement Building. Es wird mehrere Zeitslots dafür geben, dass sich Organisationen und Kampagnen untereinander austauschen, vernetzen und an gemeinsamen Strategien arbeiten können. Wir wollen eine (Neu)ausrichtung der Klimagerechtigkeitsbewegung mit anstoßen, die sich dem Umsturz aller Verhältnisse widmet und aus der Defensive rauskommt. Die Devise lautet einerseits, raus aus der Klimabubble zu kommen und zugleich die Mobilisierungskraft dieser Bewegung zu nutzen und weiter auszubauen.

Abgesehen von der Möglichkeit zum transnationalen Movement Building, ist es uns aber auch ein Anliegen, kein Einzel- und Vereinzelungsevent zu sein, das ein Wochenende lang die Leute bespaßt. Unser Anspruch ist es, Menschen zu politisieren und zu organisieren. Dafür wird es ausreichend Räume und Anlässe geben, während der Gegenkonferenz und natürlich auch in den Tagen danach – es ist hoffentlich für alle etwas dabei.

Letztes Jahr haben vor allem die Proteste auf der Straße große mediale Aufmerksamkeit bekommen. Was ist dieses Jahr abseits der Konferenz zu erwarten?

Während des People’s Summit werden wir ein tolles kulturelles Rahmenprogramm mit Filmen und Konzerten haben. Außerdem beteiligen wir uns am Samstag – dem UN-Tag gegen Rassismus – an der Großdemo „Demokratie verteidigen! Keine Koalition mit dem Rechtsextremismus!“. Am Mittwoch, den 27. März, wird während der EGC unsere große Demo „Stoppt die Gaslobby“ stattfinden. Wir erwarten in diesen Tagen auch weitere Proteste und laden Menschen ein, sich auf ihre Art und Weise daran zu beteiligen.

Demonstration 2023, (c) Christopher Glanz

Beitragsfoto: Bianka Csenki @ TheArtivists
Interview: Hannes Grohs

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