Zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung steckt die Landesregierung Millionen in ein unaufgeklärtes Kulturprogramm. Gleichzeitig entwickeln fortschrittliche Initiativen neue Formen der Erinnerungskultur. Mosaik-Redakteur und Peršmanhof-Vermittler Markus Gönitzer wirft einen kritischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen.

Es knistert wieder im Bundesland der umkämpften Erinnerungen. Der Grund dafür ist der 100. Jahrestag der Volksabstimmung zur Staatszugehörigkeit von Kärnten/Koroška.

Die sogenannte „Kärntner Volksabstimmung“ vom 10. Oktober 1920 und die vorhergehenden Gebietskämpfe um Teile Südkärntens aus dem Jahr 1919 nehmen eine nahezu religiös-mythologische Rolle im kärntnerischen Geschichtsbild ein. Für das Jubiläums- und Erinnerungsjahr 2020 plante die sozialdemokratisch geführte Landesregierung ein pompös aufgesetztes Kulturprogramm: Das Kulturjahr „Carinthija“. 2,9 Millionen Euro schüttete sie dafür aus, setzte dabei aber nur einen groben inhaltlichen Rahmen. Als Resultat findet sich im Programm von Carinthija alles, von kritischer Geschichtsaufarbeitung bis zu deutschtümelnder Folklore.

Mit ihrer „Niemandem auf die Füße treten“-Politik umging die Landesregierung eine klare geschichtspolitische Positionierung sowie die Aufarbeitung der eigenen Verstrickung in eine Geschichte der Ausgrenzung. Dazu gehört auch jene der SPÖ. Denn die Sozialdemokraten haben den Internationalismus in Kärnten/Koroška bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Deutschnationalismus geopfert, um in einem Land mit deutschnationaler und antisemitischer Hegemonie regierungsfähig zu werden. Auch in der Nachkriegszeit trug die SPÖ anti-slawische und anti-slowenische Positionen mit und verstärkte den Rassismus.

Opfer-Täter-Gleichsetzung im Jubiläumsjahr

Statt diese Zusammenhänge und Kontinuitäten zu thematisieren, ist in der aktuellen gedenkpolitischen Debatte vor allem vom Ausbrechen aus einem verkrusteten, polarisierten Geschichtsdiskurs die Rede. In offiziellen Statements des Landes enden vermeintliche Versuche, diese Polarisierung aufzulösen, jedoch in verharmlosenden Gleichsetzungen von Opfern und Tätern, von Widerstand und Verfolgung und von Nazis und Partisan*innen. So verlautbarte der Grazer Universitätsprofessor Helmut Konrad in einem Kommentar zum Gedenkjahr, dass dieses beweisen soll, dass „Erinnerungskultur mehr ist als Peršmanhof versus Ulrichsberg“. Die symbolträchtigen Orte stehen einerseits für die kärntner-slowenische Community und andererseits für heimattreue Traditionsverbände und deren Sympathisant*innen. Der unfeine Unterschied ist, dass am Peršmanhof elf Menschen dem NS-Terror zum Opfer fielen, während der Ulrichsberg eine Pilgerstätte für SS-Veteranen und deren Nachkömmlinge ist.

Kärnten/Koroška rebranded?

Diese Entwicklung entspricht dem andauernden Versuch eines Kärntner Imagewandels. Das Bundesländerbranding verschob sich von „Wir sind stramme Deutschtümler mit schönen Bergen und Seen“ hin zu „Wir sind offene Europäer mit schönen Bergen und Seen“. Doch zwischen Selbstdarstellung und Realität existiert weiterhin eine Kluft. Wer im offiziell zweisprachigen Süden Kärntens die einfachsten amtlichen Handlungen auf slowenisch durchführen will, trifft auf Ignoranz und Ablehnung der Behörden, wie kärntner-slowenische Verbände immer wieder berichten. Die Clubs der slowenischen Student*innen dokumentierten diese Kontinuität anti-slowenischer Diskriminierung in ihrer vor kurzem erschienen Broschüre „100 Jahre nichts zu feiern!“.

Volksabstimmung neu bearbeiten

Progressive geschichtspolitische Initiativen stellen nun die Frage, wie Erinnerungspolitik in Kärnten/Koroška jenseits der für Österreich typischen NS-Aufarbeitungsunfähigkeit und Hufeisenmentalität in die Offensive kommen könnte. Die Ziele sind klar, aber anspruchsvoll. An Opfer und Widerstand soll gebührend erinnert werden. Gleichzeitig soll die lokale Geschichte des Grenzraumes für die gegenwärtige Prävention von Rechtsextremismus fruchtbar gemacht werden. Die akribische Abarbeitung am deutschnationalen Mainstream erweist sich dabei als Sackgasse. Ehemals bekannte Begriffe wie Kärntner Abwehrkämpferbund, Heimatdienst oder Ortstafelsturm sind vielen Jüngeren nicht mehr geläufig und bieten kaum Anknüpfungspunkte.

Eine Initiative kritischer Historiker*innen und Kulturschaffender möchte nun den 8. Mai als Gegenerzählung zum 10. Oktober in Stellung bringen. Der 8. Mai ist der europäische Gedenktag an die Befreiung vom Nationalsozialismus. So sollen ausgehend von der Geschichte des antifaschistischen Widerstands Themen wie Antirassismus, kulturelle Vielfalt und Zivilcourage gestärkt werden.

Diese Initiative hat auch symbolischen Charakter: In der Innenstadt von Klagenfurt/Celovec kreuzt sich die 8. Mai-Straße mit der 10.Oktober-Straße. Die Domplatz-Initiative steht nicht alleine da, sondern ist Teil eines Netzes antifaschistischer Erinnerungsinitiativen in Kärnten/Koroška. Ihnen gebührt vollste Unterstützung, damit sie der Erinnerungskultur in Kärntner/Koroška erfolgreich beim richtigen Abbiegen helfen können.


Im Interview sprechen Grazer Aktivistinnen von Fridays for Future und Black Lives Matter über weiße Demos, das Problem mit dem Hype und gegenseitigen Anknüpfungspunkte.

Ariane ist 20, Precious 22 Jahre alt. Sie leben in Graz und engagieren sich in den dynamischsten Bewegungen, die in Österreich in den letzten Jahren, ja vielleicht Jahrzehnten entstanden sind: Ariane bei der Klimabewegung „Fridays for Future“ (FFF), Precious bei „Black Lives Matter“ (BLM). Mosaik-Redakteur Markus Gönitzer sprach mit den beiden über den Faktor Generation und darüber, was die beiden Bewegungen verbindet und trennt.

Mosaik-Blog: Wenn man über euch und eure Gruppen spricht, geht es häufig darum, wie jung die Bewegungen sind, zu denen ihr gehört. Dann heißt es, diese oder jene Generation wäre besonders politisch oder unpolitisch. Werdet ihr damit häufig konfrontiert?

Precious: Nicht direkt. Sicher spielen Generationen in gewisser Weise eine Rolle: Unsere Eltern waren eher darauf fokussiert einen Job zu bekommen und ihre Familie zu ernähren. Klar war ihnen bewusst, dass sie unterdrückt werden und dass es Rassismus gibt, aber das war nicht deren Fokus. Meine Generation muss sich keine Sorgen mehr darum machen, wie wir morgen an Essen kommen, deswegen haben wir die Zeit zu reflektieren und Widerstand zu leisten. Wir wissen also selbst, dass wir sehr viel aktiver sind als unsere Eltern oder Großeltern. Wir möchten unter solchen Bedingungen nicht leben und arbeiten, deswegen werden wir aktiv.

Ariane: Uns als FFF wird viel vorgeworfen, aber sicher nicht, dass wir unpolitisch wären. Also mich beschäftigen diese Vorurteile kaum. Meine Vermutung ist, dass das ein Phänomen ist, das so alt ist wie die Menschheit ist. Dass die nachkommende Generation immer als die schlechtere, faulere, unpolitischere gilt. Wir befinden uns in Zeiten, die sehr lebendig sind, das bestätigen mir auch ältere Aktivist*innen, mit denen ich rede.

Viele ältere Aktivist*innen sind vom Elan und der Aufbruchsstimmung auf FFF- und BLM-Demos begeistert. Was macht für euch eine gute politische Aktion aus?

Precious: Uns sind vor allem das Feedback von Unterstützer*innen, Unterstützungsangebote und die Gespräche nach den Demos wichtig. Das ist uns fast wichtiger als die Aktionen selbst. Wir wünschen uns, dass Menschen unsere Themen sehr bewusst wahrnehmen. Dass sie mitbekommen, dass wir im Jahr 2020 noch gegen Rassismus auf die Straße gehen müssen. Wir möchten erreichen, dass auch Menschen, die nicht betroffen sind, den Protesten solidarisch beistehen.

Ariane: Für mich ist eine Aktion dann gelungen, wenn sehr gute Stimmung herrscht. Also versuchen wir schon sehr bewusst, Energie und gute Stimmung herzustellen, indem wir Musik einbauen, Aktionsformen spielerisch verändern und auch Aktionen planen, die das Community Building und die Vernetzung stärken. Ich finde, das bildet sich auch in den Medien positiv ab. Mit negativer und aggressiver Stimmung sind Umweltschutzorganisationen schon länger gescheitert. Die Leute sollen nicht bedrückt nach Hause gehen, sondern mit dem Gefühl: „Jetzt geht’s los, wir können die Welt verändern!“

Precious: Ich glaube, wir versuchen da, im Vergleich ein bisschen vorsichtiger zu sein. Das Black Lives Matter-Movement wird momentan oft als Hype angesehen. Manche Leute kommen nur zum Tanzen oder um Instagram-Stories zu machen. Uns sind die hundert Leute, die mit uns ins Gespräch kommen und wirklich etwas machen wollen, wichtiger. Der Raum dafür ist auf einer Demo oft schwer zu schaffen, vor allem wenn das Ziel oder die Erwartungshaltung ist, dass eine positive Stimmung herrschen muss. Wir wollen die Leute nicht bedrücken, aber zum Nachdenken anregen, auch darüber, was ihr Beitrag sein könnte. Denn wenn die Leute von der Demo heimgehen und sich denken, dass eh alles gut ist, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hätten, dann normalisiert sich das Problem Rassismus weiterhin.

Eure beiden Bewegungen positionieren sich gegenüber Parteipolitik meist kritisch, richten aber trotzdem Forderungen an sie. Was erwartet ihr euch von der Politik?

Precious: Um ehrlich zu sein, haben wir keine großen Erwartungen. In erster Linie ging es uns bei den letzten Aktionen darum, unsere Forderungen öffentlich zu machen. Es gab danach kaum Gespräche mit Politiker*innen, auch wenn wir unsere Forderungen auch an sie gestellt haben.

Ariane: In Graz haben wir lange an unseren Visionen gearbeitet, wie wir uns ein gutes Leben hier in zwanzig bis dreißig Jahren vorstellen. Um Lust auf eine autofreie, grüne, schattige, ruhige Stadt mit guter Luft zu machen, die möglich wäre, wenn wir wesentlich mehr Geld und Ressourcen dafür aufwenden würden. Auf nationaler Ebenen haben wir Forderungen an die Politik formuliert. Ich persönlich habe aber eher wenig Hoffnung. Die Forderungen haben eher einen symbolischen Wert. Wenn sich Politiker*innen mit ihrer bescheidenen Klimapolitik rühmen wollen, können wir dann sagen: „Unsere Forderungen habt ihr aber noch immer nicht umgesetzt.“

Linke Demos, auch zum Thema Antirassismus, waren in Graz oft sehr weiß. Was haben vorherige Generationen falsch gemacht? Was läuft jetzt besser? Was muss sich zunehmend bessern?

Precious: Es müsste mehr Schlüsselpersonen geben, die in beiden Communities drinstecken. Aber die Orga-Teams der meisten linken Demos sind nicht gesellschaftlich repräsentativ. Das spiegelt sich dann auch in der Zusammensetzung der Teilnehmer*innen wider. Wenn ich auf eine Demo gehe und sehe im Orga-Team nur Weiße und unter den Teilnehmer*innen auch, werde ich das nächste Mal wahrscheinlich nicht kommen. Ich glaube auch, je weniger Menschen politisiert sind, desto mehr läuft das so. Deswegen finde ich es wichtig, Orga-Teams von Anfang an so divers wie möglich aufzustellen. In unserer POC-Community wird das auch zum Thema gemacht, dass wir nirgends hingehen, wo wir uns nicht wohlfühlen. Das hat Vor- und Nachteile. Wir verpassen dadurch auch viele Chancen.

Auf manchen der BLM-Demos in Graz schien es, als würden sich die Besucher*innen von BLM und FFF etwas zu vermischen. Stimmt das?

Ariane: Vielleicht auf den ersten Blick. Unsere Demos sind nicht so divers. Das ist für uns auch ein Thema. Wir sind damit nicht zufrieden, obwohl wir uns sehr bemühen. Ich war auf allen drei BLM-Demos in Graz und war total begeistert. Sie waren viel diverser als die linken Demos, die ich davor kannte.

Gibt es für euch gemeinsame Anknüpfungspunkte?

Ariane: Klar. Der globale Norden richtet ökologisch den größten Schaden an, der globale Süden leidet darunter am stärksten. Am Elevate Festival gab es heuer einen Vortrag des nigerianischen Klimaaktivisten Nnimmo Bassey, der mich dahingehend sehr aufgerüttelt hat. FFF hat Antirassismus zwar im Selbstverständnis verankert, aber wir sind natürlich in erster Linie eine Klimagruppe. Ich weiß nicht, wie Precious das sieht, aber ich sehe das auch positiv, dass wir verschiedene Themen intensiv bearbeiten, auch wenn wir in Graz als FFF meiner Meinung nach auch vermehrt andere Themen ansprechen könnten.

Precious: Vielleicht besteht eine Überschneidung von BLM und FFF am ehesten darin, dass beide Bewegungen hier sehr jung sind. Ich stimme mit Ariane zu 50 Prozent überein. Einerseits finde ich es gut, dass die Gruppen einen unterschiedlichen Fokus haben. Anderseits glaube ich, dass es Menschen aus der POC-Community gibt, die zu einer FFF-Demo gehen würden, aber es fehlen die erwähnten Schlüsselpersonen. Vielleicht kann sich da ja noch einiges entwickeln. Es gibt in Graz viele POCs, die sich für das Klima-Thema interessieren. BLM kämpft zwar vor allem dafür, dass kommende Generationen weniger Rassismus erfahren. Aber wir sind uns auch bewusst, das kommende Generationen eine Welt zum Leben brauchen.

Am 31. Jänner blockierten Aktivist*innen aus dem Umfeld von System Change not Climate Change für einige Stunden das Magna-Werk in Graz. Mit Mitteln des zivilen Ungehorsam protestierten sie für eine  „tiefgreifende Verkehrswende und einen klimagerechten Umbau der Automobilindustrie“. Mosaik-Redakteur Markus Gönitzer sprach mit zwei Aktivist*innen über eine erfolgreiche Aktion, Greenwashing bei Magna und den Austausch mit Fridays for Future. Ihre Namen wurden von der Redaktion geändert.

Mosaik-Blog: Beginnen wir chronologisch am Anfang: Was ist denn bei eurer Aktion passiert?

Sarah: Es war eine Aktion des zivilen Ungehorsams. Die Aktivist*innen haben mit ihren Körpern und technischen Blockademitteln die Eingänge des Magna-Werks blockiert – solange bis die Polizei geräumt hat.

Was war euer Ziel?

Mario: Das waren zwei Dinge. Erstens wollten wir verhindern, dass LKWs, die mit Luxus-SUVs beladen sind, das Fabriksgelände verlassen. Und eben nicht Einzelpersonen im Alltag zu blockieren, sondern jene AkteurInnen, die wirklich für die Klimakrise verantwortlich sind. Allgemeiner ging es darum, das Konzept Auto in Frage zu stellen. Da war „Sand in Getriebe“ in Deutschland ein Vorbild. Denen ist es gelungen, dass das Auto zumindest teilweise im Diskurs hinterfragt werden darf.

Sarah: Wir wollten dort hingehen, wo der Klimawandel produziert wird – und dagegen vorgehen.

Seid ihr, im Nachhinein betrachtet, mit dem Ausgang der Aktion zufrieden?

Mario: Ja, die Aktion ist sehr gut verlaufen. Einerseits weil es keine Verletzten und nur vier Identitätsfeststellungen gab, aber andererseits auch, weil die Produktion in der Magna für drei Stunden stillgestanden ist. Es konnten in dieser Zeit Neuwagen die Fabrik nicht verlassen.

Sarah: Außerdem haben wir eine Diskussion gestartet. Es war bisher kaum Thema, was österreichische Firmen zum Klimawandel beitragen. Mit unserer Aktion ist uns da ein Anfang gelungen.

Ja? Wie habt ihr den öffentlichen Diskurs danach wahrgenommen?

Sarah: Mit dem Umgang der Medien sind wir relativ zufrieden. Sie haben uns zu Wort kommen lassen und unsere Presseaussendungen zitiert. Das ist nicht immer der Fall. Aber klar, es hat nicht nur positive Rückmeldungen gegeben, einige Leute waren ziemlich wütend. Aber damit haben wir gerechnet, weil es war eine radikale Form des Protests. In Österreich hat es sowas noch nie gegeben.

Mario: In den Kommentarspalten im Internet werfen uns viele User*innen zum Beispiel vor, dass wir unsere Jause im Plastiksackerl verpackt haben. Smartphones hätten wir außerdem auch. Aber wenn das die Kritik ist, ist uns das recht. Das sind keine guten Argumente gegen die Aktion und zeigt wie schwer es fällt, uns zu kritisieren.

Was erwidert ihr auf diese Kritik?

Mario: Dass es nichts bringt, wenn die Klimakrise auf individuelles Verhalten reduziert wird. Sie hat eine systemische Dimension. Wir können sie nur dann lösen, wenn wir das kapitalistische System überwinden.

Es gibt auch KritikerInnen, die fragen, was mit den ArbeiterInnen von Magna passieren soll, wenn es die Fabrik nicht mehr geben würde. Wie seht ihr das?

Sarah: Es liegt doch auch an der Magna sich zu überlegen, was sie ihren Beschäftigten eine Zukunft bieten kann. Die Autoindustrie liegt im Sterben, früher oder später braucht es für die Leute andere Arbeitsplätze. Stattdessen erklärt die Magna, sie würde abwandern, wenn es strengere Umwelt-Auflagen gäbe. Und einen Teil der Produktion sie schon verlagert. Ein Teil der Lackiererei ist 2019 nach Slowenien abgewandert. Der Konzern interessiert sich für die Profite und nicht für die Beschäftigten.

Magna hat erklärt, sie würden sich von eurer Aktion nicht angesprochen fühlen. Immerhin arbeiten sie mit Biostrom und setzen Elektro-LKWs ein. Wie geht ihr damit um?

Sarah: Das ist klassisches Greenwashing, ihnen geht es nur um das Image. Dieser LKW fährt auf der Liebenauer Hauptstraße, dort, wo die Leute das sehen. Aber gleichzeitig fahren viel mehr „klassische“ LKWs auf die Autobahn.

Gab es einen direkten Austausch zwischen euch und Magna?

Sarah: Nein, das wollten wir nicht. Wir wollen uns auch nicht auf Podium mit KonzernsprecherInnen von denen setzen. Solange sie Geld damit verdienen, werden sie nicht einlenken.

Mario: Ich will noch einmal auf die Frage zur Belegschaft zurückkommen. Darüber haben wir sehr viel nachgedacht. Deswegen haben wir uns auch entschieden, die Aktion nicht während dem Schichtwechsel durchzuführen. Das hätte dazu geführt, dass die Beschäftigten zu spät zum Arbeitsplatz kommen und deswegen von ihren Chefs bestraft worden wären. Außerdem haben wir für die LKW-Fahrer, die am direktesten davon betroffen waren, Flyer in acht verschiedenen Sprachen vorbereitet und sie verteilt. Die Reaktionen darauf waren gemischt.

Wie sahen die positiven Rückmeldungen aus?

Mario: Ein Fahrer hat sich bei uns für die Pause bedankt. Ein anderer hat Verständnis für unser Anliegen gehabt, ein dritter gemeint, er würde sich dazusetzen, wenn er nicht fahren müsste. Das haben wir auch in den Rückmeldungen im Netz gespürt. Die Aufmunterung kam nicht nur von anderen AktivistInnen.

Glaubt ihr, es ist ein Bündnis mit den Beschäftigten möglich?

Sarah: Wir wollen es versuchen. Wir haben uns mit einem offenen Brief an die ArbeiterInnen gewendet, in dem wir noch einmal klar stellen wollten, dass wir nicht gegen sie protestiert haben, sondern mit ihnen gemeinsam das System verändern wollen.

Ihr sagt selber, dass ihr sehr radikal seid und dass es so eine Aktion in Österreich noch nie gab. Wie schätzt ihr die anderen Teile der Klimabewegung ein? Sollte sie sich radikalisieren?

Sarah: Ja, das glaube ich schon. Die Verhältnisse und die Auswirkungen der Klimakrise sind dramatisch und radikal, unsere Aktionen müssen es auch sein. Ich will damit aber die Bewegung überhaupt nicht geringschätzen. Es ist wichtig, dass sie sehr breit und divers ist. Auch Menschen, denen ziviler Ungehorsam zu radikal ist, sollen Zugang finden.

Mario: Mit unserer Aktion haben wir in der Bewegung auch niemanden vor dem Kopf gestoßen. Es gab Solidaritätsbekunden von Leuten von „Hambi blebt“, die sehr radikal sind. Aber auch Fridays for Future hat die Aktion gut geheißen. Auf Twitter haben sie geschrieben, dass sie zwar andere Aktionsformen haben, aber das gleiche Ziel. Das hat uns gefreut.

Richtigstellung am 19. Februar, 14:00: In der ersten Fassung des Interviews war davon die Rede, dass die Lackiererei Magnas vor zwei Jahren nach Slowenien abgewandert sei. Das ist nicht richtig, der Betrieb im slowenischen Hoče ergänzt jenen in Graz lediglich und startete im März 2019 mit der Produktion.

Mit seinem Buch Desintegriert euch! sorgte der Autor Max Czollek 2018 in Deutschland für Aufregung. Nach einer gemeinsamen Performance Lesung mit dem Grazer Literaten Christoph Szalay im Forum Stadtpark sprach Czollek mit Mosaik-Redakteur Markus Gönitzer.

Was meinst du mit „Desintegriert euch“?

Politisch ist es zuerst einmal eine Absage an den Integrationsbegriff. Es gibt keine politische Debatte in Deutschland zu den Themen Migration und Postmigration ohne den Begriff der Integration. Integration ist das Modell um Zugehörigkeit in Deutschland zu denken und zwar über alle demokratischen Parteien hinweg. Egal um wen es geht, „Nafris“, Muslim*innen, Türk*innen, sie haben sich zu integrieren. Sie müssen eine Leistung erbringen, damit ihre Zugehörigkeit zu diesem Land anerkannt wird.

Die Debatte um Mesut Özil hat dieses Jahr gezeigt, dass dieser Anspruch auch dann nicht endet, wenn man in Deutschland geboren ist. Wenn du Mohammed oder Aishe heißt und in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland lebst, musst du immer noch beweisen, dass du integriert bist. Du musst Tore schießen oder einen Bambi gewinnen und immer zeigen, dass du nicht zu den bösen Migrant*innen gehörst. Daran wird sehr schön deutlich, wie sehr hinter dem Integrationsmodell nach wie vor Vorstellungen von kultureller Dominanz und kultureller Homogenität stehen.

In deinem Buch schreibst du, wir sollten der „Rhetorik der Zärtlichkeit“ der AfD gegenüber ein Ende setzen. Ist das eine Aufforderung, nicht oder nicht mehr mit Rechten zu reden?

In den meisten Debatten wird so getan, als müssten wir den Rechten und vor allem ihren Wähler*innen einfach einmal richtig zuhören. Wir wüssten ja gar nicht, was deren Probleme sind. Aber spätestens mit den Ereignissen in Chemnitz halte ich diese Haltung für scheinheilig. Seit Jahren brennen Flüchtlingsheime. Pegida mobilisierte Massen auf die Straßen, der NSU konnte über ein Jahrzehnt lang morden. Wir wissen alles, was wir wissen müssen.

Aber innerhalb der Vorstellung einer geläuterten deutschen Gesellschaft ist das Aufkommen einer neo-völkischen Rechten, die in Umfragen von 20 Prozent der Bevölkerung unterstützt wird, unmöglich. Und weil es im positiv nationalistischen Deutschland nicht so viele Rechte geben darf, wie es gibt, erklärt man sie zu Frustrierten, um die man sich kümmern muss. Ich nennen diese Haltung den Rechten gegenüber „Rhetorik der Zärtlichkeit“.

Oft heißt es auch, abweichende Meinungen auszuhalten, sei Teil der Demokratie. Wie siehst du das?

Ja, das stimmt sicherlich. Aber Demokratie besteht ja nicht nur darin, dass man sich versteht. Demokratie bedeutet auch die Notwendigkeit des politischen Streits. Desintegration ist ein Aufruf zu einem solchen Streit. Der Aufruf zu sagen, wir haben uns nicht missverstanden. Ich sehe das einfach anders.

Wenn Leute in Büchern wie Mit Rechten Reden schreiben, dass die Rechte vor allem eine diskursive Bedrohung sei, der man sich stellen müsse, haben sie in Bezug auf ihre eigene Lebensrealität vermutlich Recht. Aber ich würde ich das nicht verallgemeinern. Für die Menschen, mit denen ich im Gorki Theater arbeite, ist der Rechtsruck eine physische Bedrohung.

Du stellst in Desintegriert euch! einen Sehnsuchtsort vor, den Begriff der „radikalen Vielfalt“. Was können wir uns unter diesem Konzept vorstellen?

Ich stelle diesen Begriff dem der Leitkultur entgegen. Deutschland und vor allem das, was in Deutschland an Kultur entsteht, in der Musik, im Theater, in der Literatur, ist hochgradig geprägt durch gesellschaftliche Vielfalt. Mit der Behauptung einer deutschen Leitkultur hat das wenig zu tun. Radikale Vielfalt bezeichnet da erst einmal nur den Versuch, ein Modell zu entwickeln, das näher an der gesellschaftlichen Realität dran ist.

Aber gleichzeitig sollten wir uns als Linke eben auch von diesen Ideen verabschieden, Integrationsmedaillen zu verleihen oder Heimat positiv zu besetzen. Sonst gerät man nämlich in ein diskursives Fahrwasser, das die AfD mit ermöglicht hat. Stattdessen müssen wir unsere eigenen Konzepte aufbauen und uns fragen, wie unser Denken eingerichtet sein müsste, um so etwas wie die AfD zu verhindern. Und da bezeichnet radikale Vielfalt eine konkrete Utopie, einen Ort jenseits des Integrationsparadigmas.

Im Forum Stadtpark meintest du gestern, dass sich momentan viele zentrale politische Debatten in die Sphäre der Kunst und Kultur verlagern. Worin siehst du aktuelle Potenziale der Kunst, vor allem auch der Kunstformen, in denen du verhaftet bist?

Es mag eine professionelle Fehleinschätzung sein, dass ich glaube, dass Kunst eine wichtige Rolle spielt (lacht). Was ich wahrnehme ist aber, dass ein Theater wie das Maxim-Gorki-Theater, das seit vier Jahren eine postmigrantische Theatersprache entwickelt, einen immensen Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse hat. Sasha Marianna Salzmann und ich haben beide angefangen, Modelle des künstlerischen Ausdrucks zu entwickeln, die uns ermöglichen, dem Klischee als jüdische Autor*innen zu entrinnen.

Und auch mein Buch Desintegriert euch! ist kein Policy Paper, sondern ein künstlerisches Konzept, das sich mit der Form der Polemik auseinandersetzt, mit Rhythmus, dramaturgischen Bögen und der Klaviatur der Haltungen. Ein Beispiel: Der Begriff „jüdische Rache“, der im Buch über ein ganzes Kapitel ausgebreitet wird, ist die künstlerisch-überspitzte Verarbeitung der Position der „guten Opfer“, die ausschließt, dass die Juden keine Rache an den Nazis genommen hätten. Dieser Bezug auf die Rache heißt aber nicht, dass ich denke, es bräuchte auch politisch gesehen eine jüdische RAF.

Künstlerische Überspitzungen der Realität, die dabei viel von der Funktionsweise unserer Gesellschaft sichtbar machen, findet man auch in anderen Kunstformen. Ich verweise da gern auf HipHop, gerade weil der so einen schlechten Ruf hat. Ich glaube, dass HipHop für viele Menschen als ein Ermächtigungsraum funktioniert. Das meine ich nicht in einem politisch-moralischen Sinne, auch HipHop ist kein Policy Paper. Sondern er ist eine Art der Gegenerzählung. Womit im HipHop ja ganz zentral gespielt wird, sind die Angststrukturen der Dominanzkultur, etwa: Ihr habt Angst vor dem migrantischen Mann? Zurecht! Denn wir sind wirklich gefährlich. Das ist doch eine bewusst gewählte Strategie der Überzeichnung und der Aneignung, in der etwas Ermächtigendes mitklingt. Und das funktioniert als Stilmittel auch aus einer jüdischen Perspektive. Ihr habt Angst vor der Weltverschwörung der Weisen von Zion? Ja zurecht, denn wir kontrollieren den Laden. Und wenn wir wollen, dann ist hier morgen Revolution.

Max Czollek wurde 1987 in Berlin geboren, wo er bis heute lebt. Bis 2006 besuchte er die Jüdische (Ober-)Schule Berlin, danach studierte er Politikwissenschaft an der FU Berlin.

Interview: Markus Gönitzer

Noch in den 1990ern gab es auch in Österreichs ländlicheren Regionen ein belebtes Netzwerk aus Jugendzentren und anderen sozialarbeiterischen und kulturellen Angeboten für junge Menschen. Heute scheinen viele dieser Strukturen geschrumpft, oder gar ausgestorben zu sein. Inspiriert von den deutschen und italienischen Vorbildern, wie III. Weg und Casa Pound, versuchen jetzt auch Österreichs Rechtsextreme, dieses Vakuum zu füllen und den Rechtsruck am Land zuzuspitzen. Ein Kommentar von Markus Gönitzer.

Das Buhlen um die Jugend ist für rechtsextreme Organisationen nichts Neues. Sowohl die historischen Faschismen, als auch zeitgenössische rechtsextreme Gruppen (parlamentarisch und außerparlamentarisch) empfinden Jugendorganisationen und die Politisierung der Jugend als unverzichtbar. Hinzu kommen deutschnationale Burschenschaften, die junge Menschen bereits ab dem Schulalter an rechte und rechtsextreme Ideologien binden. Aktuell gibt es zurecht Beunruhigung über neofaschistische Gruppen wie Casa Pound und die Identitären, die dezidiert versuchen, Jugendliche vor allem auch in ländlichen Regionen anzusprechen. Die Gefahr dieser Gruppen liegt darin, dass sie sich aktuelle Jugendcodes und -trends aneignen, um so über verrostete rechte Milieus hinauszureichen.

Die neue, alte Rechte und die Jugend

Wie so oft dient für die italienische Gruppe Casa Pound als Vorbild. Die selbsternannten Neofaschist*innen haben sich viele historisch links-assoziierte politische Praxen angeeignet, um Menschen außerhalb parlamentarischer Politik für ihre menschenverachtenden Inhalte zu gewinnen. (Jugend-)kulturelle Angebote und soziales Engagement für wirtschaftlich Abgehängte sind fixer Bestandteil der Organisierungsbemühungen von Casa Pound. Ihre Ressourcen ermöglichen es ihnen, in Italien 120 soziale Zentren zu betreiben und dort Angebote von medizinischer Versorgung bis zu kultureller Unterhaltung in Form von Konzerten, Workshops, etc. anzubieten. Natürlich nur für weiße Italiener*innen.

Auch in Österreich thematisieren Kollektive wie Soziale Arbeit ist politisch oder die Recherchegruppe Mensch Merz rechtsextreme Einflussnahme im sozialarbeiterischen Bereich. Sie unterstreichen die Notwendigkeit eines antifaschistischen Grundkonsenses in diesem Feld.

Identitäre Bemühungen um die Jugend am Land

Nachdem sich die Identitären in Österreich etabliert hatten, versuchten sie auch über die urbanen Zentren wie Wien, Graz oder Linz hinaus Einfluss zu erlangen. In einigen steirischen Kleinstädten wie Deutschlandsberg, Voitsberg oder Weiz wurden Stammtische organisiert. Darüber hinaus boten die Identitären in unregelmäßigen Abständen niederschwellige Angebote wie gemeinsames Wandern, Grillen oder Kegeln an. Der Erfolg der Bemühungen blieb jedoch aus.

Bei genauerer Betrachtung der Stammtischfotos ist augenscheinlich, dass ein Großteil der hauptsächlich männlichen Besucher die immer gleichen Kaderaktivisten sind. Nicht zu unterschätzen ist dennoch, dass es in der Steiermark und in Kärnten auch am Land (vor allem unter Grazer Anleitung) zu kleinen Interventionen kam. Die vereinzelten Aktionen, bei denen sie Transparente von Autobahnbrücken oder vor Geflüchteten-Unterbringungen (beides beispielsweise in Wolfsberg) hissen, ergaben zwar meist nur verwackelte Handyfotos, die nicht wirklich in die professionelle Medienstrategie der Rechtsextremen passen. Trotzdem stellen diese Aktionen Partizipationsmöglichkeiten dar, die sich entscheidend auf die Politisierung junger Menschen auswirken können.

Scheinbar in der Defensive

Allgemein lässt sich feststellen, dass die Identitären Aufwand und Komplexität tatsächlicher Organisierungspolitik unterschätzt haben. Die Initiativen in ländlichen Regionen wurden deutlich weniger und es etablierten sich keine schlagkräftigen Strukturen. Stattdessen konzentrierte sich die rechtsextreme Gruppe wieder vermehrt auf Diskurspolitik und darauf, martialische Fotos und Videos zu produzieren. Schließlich haben Hausdurchsuchungen, Social Media- und Kontosperren sowie gerichtliche Prozess sie in die vermeintliche Defensive gedrängt.

Die größte Attraktivität und damit auch die größte Gefahr, die die identitäre Präsenz in ländlichen Regionen dennoch mit sich bringt, ist ihr symbolisches Identifikationspotenzial. Wenn es plötzlich cool ist, dass alltägliche Freizeitpraxen von Jugendlichen wie gemeinsames Abhängen, Ausgehen, Feiern, Sport, etc. im Phalanx- (Modelinie der Identitären) oder „Still not loving Antifa“-T-Shirt absolviert werden. Wenn in den Schulpausen am Raucherhof eher Martin Sellner-Vlogs anstatt Feine Sahne Fischfilet-Videos gestreamt werden und samstagabends lieber am patriotischen Lagerfeuer, als auf der selbst aus dem Hut gezauberten Keller-Elektroparty in Mamas Garage gefeiert wird. Dann besteht die Gefahr, viele Köpfe und Herzen für eine radikal vielfältige und sozial gerechte Gesellschaft auf Dauer zu verlieren.

Fortschrittliche Gegenangebote am Land stärken

Mit Sicherheit kann man in Österreich noch von keiner besonders erfolgreichen, tatsächlichen, Organisierung der Identitären von Jugendlichen in ländlichen Regionen sprechen. In einer durchdigitalisierten Gesellschaft birgt ihre mediale Präsenz und die bereits geschaffenen Anknüpfungspunkte dennoch eine Gefahr, vor allem hinsichtlich der schwindenden progressiven Gegenangebote in den Feldern der ländlichen Jugend- und Kulturarbeit. Die urbane Fixierung der Linken ist ein, oft polemisch zugespitzter, Vorwurf rechter Kräfte. Ein Funken Wahrheit ist darin aber mit Sicherheit enthalten.

Es braucht daher die Unterstützung, Vernetzung und Stärkung von Strukturen und Räumen am Land, die alternative, fortschrittliche Angebote machen. In jungen Jahren mit alternativen Kulturformen in Berührung zu kommen und sich selbst darin auszuprobieren, kann wichtige Fährten für eine fortschrittliche, politische Bewusstseinsbildung legen. Schön illustriert wird das in dem vor kurzem erschienenen Dokumentarfilm über das Röda Steyr: „Jedem Dorf sein Underground“. Der Film dokumentiert den selbstbestimmten, kreativen und langanhaltenden Kampf junger Menschen für einen Raum, in dem sie sich austauschen und verwirklichen können. Filmszenen aus den 1990ern, in denen hunderte junge Menschen am Hauptplatz von Steyr protestieren und die Politik in die Pflicht nehmen, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, erfrischen und inspirieren auch heute.

 
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