Von der Klima-Verzweiflung zur revolutionären Hoffnung

Christopher Glanzl

Das Eindringen der Klimakrise in unseren Alltag lässt viele vereinzelt verzweifeln. Doch die Kritik Greta Thunbergs und das gemeinsame Eingreifen der Fridays-for-Future Bewegung lassen trotz gigantischer Herausforderungen eine revolutionäre Hoffnung keimen.

Spätestens in diesem Sommer war die Klimakrise auch in Europa nicht mehr zu verdrängen. In Österreich war es der zweitheißeste Sommer der Messgeschichte und der dritte in Folge, der zu den fünf heißten gehört, seit die Aufzeichnungen 1767 begonnen haben. Vier davon liegen in den letzten fünf Jahren.

Und auch die apokalyptischen Nachrichten überschlugen sich: Auf der Nordhalbkugel brannte Wald in der Größe Griechenlands ab. Die dadurch freigesetzte Wärme beschleunigte das Auftauen der Permafrostböden, in denen gigantische Mengen an Treibhausgas gebunden sind. Das Bild von Schlittenhunden, die nicht mehr auf „ewigem Eis“ laufen, sondern in Schmelzwasser warten, ging um die Welt. Und als der Brand des Amazonas-Regenwaldes den Himmel selbst im zweitausend Kilometer entfernten São Paulo verfinsterte, schockierte das viele.

Krise der Verzweiflung

„Vor allem seit mein Sohn geboren wurde, erzeugen die Sommer Stress bei mir. Es ist schwierig eine Jahreszeit zu genießen, die einen ständig daran erinnert, dass sich die Welt stetig aufheizt.“, bringt Meg Ruttan Walker, Lehrerin aus Ontario, ein Gefühl auf den Punkt, das viele teilen. Die Klimakrise wird für uns individuell und symbolisch immer greifbarer. Die große Bedrohung, vor der die Menschheit steht, sickert in unseren Alltagsverstand ein. Das Ergebnis ist nur allzu oft tiefe Verzweiflung.

Wollen wir sicherstellen, dass der Planet auch noch ab 2050 bewohnbar bleibt, müssten Länder des kapitalistischen Zentrums bis 2030 ihren CO2-Austoß jährlich drastisch um 15 Prozent reduzieren. Was Politik und Gesellschaft dafür tun, ist viel, viel zu wenig. Dieser Widerspruch ist für viele Menschen schwer zu ertragen und gespenstisch. Psychotherapeut_innen forderten daher jüngst die politisch Mächtigen auf, endlich entschlossen zu handeln, da andernfalls mit einem starken Anstieg von Depressionen zu rechnen sei.

Von Athen bis Kabul

Doch die Verzweiflung ist kein individuelles Versagen. Vielmehr scheint sie Ausdruck der verkörperten Ahnung zu sein, dass sich die kapitalistischen Verhältnisse und der ihnen innewohnende Zwang zu Wettbewerb, zu Wachstum und zur Ausbeutung von Natur und Mensch völlig verselbständigt haben. „Das Ende der Welt ist heute leichter vorstellbar als das Ende des Kapitalismus“, lautet ein dem Literaturwissenschaftler Frederic Jameson zugeschriebenes Bonmot.

Diese Verselbständigung war es auch, die am Anfang des Widerstandes von Greta Thunberg stand. Nachdem sie sich für die Klimakrise zu interessieren begann und feststellen musste, dass niemand handelte, als wären wir in einer Krise, verfiel sie in eine Depression: „Ich hörte auf zu sprechen und zu essen. In zwei Monaten verlor ich zehn Kilo.“ Ihre Stimme und Hoffnung fand sie wieder, als sie in der Dürre und Hitzewelle 2018 mit den „Schulstreiks für das Klima“ begann und durch die schnell anwachsende Unterstützung heraus fand, dass sie nicht allein ist.

Auch deswegen spendet die Fridays-for-Future-Bewegung so vielen Menschen Hoffnung: Es ist die Überwindung von individueller Verzweiflung durch das gemeinsame Eingreifen in die Geschichte, welches sie so groß werden ließ: Im Rahmen des weltweiten Klimastreiks gingen im Verlauf der letzten Woche mehr als vier Millionen Menschen auf die Straße. 100.000 waren es jeweils in London und Sydney, 250.00 in Berlin und 300.000 in New York, allein in Deutschland waren eineinhalb Millionen Menschen auf der Straße. Größere Demonstrationen gab es fast überall auf der Welt u.a. in Athen, Bangkok, Islamabad Kampala und Santiago de Chile. Selbst in Kabul trotzen viele der Sicherheitslage und liefen hinter einem Leittransparent, welches ausschließlich von Frauen getragen wurde.

 

Fehlende Reife

Bei ihrer Rede auf der Abschlusskundgebung in New York sprach Greta Thunberg davon, dass die Bewegung eine „Welle der Veränderung“ sei, die nicht mehr akzeptiere, dass ihr der Profite wegen die Zukunft gestohlen werde. Jene, die die größte Schuld an der Krise hätten, werde diese Bewegung zur Verantwortung ziehen und die Herrschenden zum Handeln zwingen. Schließlich endete sie mit den Worten: „Und wenn Sie zu der kleinen Gruppe gehören, die vor uns Angst hat, dann haben ich schlechte Nachrichten für Sie: Denn heute ist erst der Anfang. Die Veränderung hat begonnen, ob Sie das wollen oder nicht.“

Greta Thunbergs Ansatz gibt Hoffnung, dass wir die heutige, auf Profit und Wachstum ausgerichtete Produktions- und Lebensweise überwinden können. Denn Thunberg lebt die Änderungen der individuellen Verhaltensweise zwar vor, betont in ihren Reden aber die Notwendigkeit einer völligen Neuorganisierung unseres ökonomischen und politischen Systems.

Am UN-Klimagipfel etwa schleuderte sie den Staatschefs am UN-Klimagipfel entgegen: „Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir sind am Beginn einer Massenvernichtung. Und alles, über was Sie sprechen können, ist Geld und Märchen über unendliches Wachstum. Wie können Sie es wagen? […] Wieder werden heute keine Lösungen oder Pläne präsentiert werden, die den Vorgaben entsprechen. Denn diese Zahlen sind zu unangenehm. Und Sie sind immer noch nicht reif genug, zu sagen, was ist.“

Die Angst auf der anderen Seite

Damit benennt Greta Thunberg die strukturellen Grenzen einer Politik, die nicht bereit ist eine Produktionsweise in Frage zu stellen, die auf Wachstum angewiesen ist. Zu sagen, was ist, das gilt angesichts der Klimakrise mehr als jemals, ist und bleibt die revolutionärste Tat. Ihre Botschaft dabei ist: Vertraut nicht auf die Mächtigen, sondern organisiert massenhafte Mobilisierung und Streiks, um selbst handlungsfähig zu werden, Hoffnung zu schöpfen und so den Systemwechsel zu erstreiten.

Wie bedrohlich die durch Fridays for Future angestoßene weltweite Bewegung den ökonomischen und politisch Herrschenden erscheint, lässt sich an ihren Aussagen ablesen. Rainer Seele, der Vorstandsvorsitzende der OMV, des größten Ölkonzerns in Österreich, bezeichnet die Klimabewegung als „hysterisch“. Der FDP-Vizepräsident des deutschen Bundestages droht ihr sogar recht unverhohlen mit Gewalt: „Der Rigorismus der Klima-Bewegung wird irgendwann dazu führen, dass Konflikte nicht mehr friedlich ausgetragen werden, sondern im Zweifel gewalttätig.“ Dabei gesteht er auch offen ein, woran eine klimagerechte Politik bis her scheitert: Die von den Expert_innen dazu vorgeschlagenden Maßnahmen gefährden die deutschen Autoindustrie.

Das verweist auf drei große Herausforderungen vor denen die neue Klimabewegung steht:

1. Workers for Future

Damit der Aufbau einer sozialen und ökologischen Produktionsweise gelingt, müssen die Lohnabhängigen mit an Bord sein. Das lässt sich an der österreichischen Autoindustrie verdeutlichen, an der rund 400.000 Arbeitsplätze hängen. Was es braucht ist die Umstellung dieser umweltschädlichen Produktion für den Profit zu einer Produktion, die Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Das Können und Wissen der Arbeiter_innen darf nicht verloren gehen, sondern muss genutzt werden, um Windräder, Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen und Schienen statt Klimaverbrenner zu bauen.

Ein solches Konversions-Programm könnte gerade deswegen leichter umsetzbar sein als bisher, weil der Autosektor im speziellen und die Wirtschaft im Allgemeinen in die Krise rutscht: Zuletzt brach die Neuzulassung von Autos um mehr als 8 Prozent ein. Deutschland und die USA stehen in bzw. vor einer Rezession, die an Österreich nicht vorbeigehen wird. Dem sich ankündigenden Jobabbau der Konzerne muss eine Jobgarantie entgegengestellt werden, die die Produktivkraft der vielen für die Ökologisierung nutzbar macht und die dazu notwendige Demokratisierung der Wirtschaft einleitet.

2. Ein wahrlich grenzüberschreitende Bewegung

Die Klimakrise macht die Überwindung der gegenwärtigen Produktionsweise zu einer universellen Frage. Dennoch sind Arme und Arbeiter_innen von den Verwerfungen, die mit ihr einhergehen, besonders betroffen. Das gilt umso mehr im weltweiten Maßstab: Der globale Süden dient gleichzeitig als Ressourcenlieferant und Schadstoff-Senke, in der Mensch und Natur grenzenlos und mit Gewalt von multinationalen Konzernen ausgebeutet werden können. Der Kolonialismus wirkt auch Jahrzehnte nach seinem formalen Ende weiter.

Bespielhaft dafür ist, dass wir die Warnungen indigener Aktivist_innen vor den Folgen der kapitalistischen Verwüstung, wie etwa jene von Berta Cáceres, die wegen ihres Kampfes gegen Waldrodungen und für das Klima ermordet wurde, nicht hörten. Das notwendige grenzüberschreitende Bündnis wird aber nur dann entstehen, wenn wir beginnen, die koloniale Spaltung zu überbrücken und den damit verbundenen Rassismus zum Thema machen.

3. Massen mobilisieren, um die Mächtigen herauszufordern

Eine soziale und ökologische Produktions- und Lebensweise, das gute Leben für alle, lässt sich nur durchsetzen, wenn die Machtverhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft in Frage gestellt werden. Denn jene Klasse, die heute oben ist, weil sie durch die Ausbeutung von Natur und Mensch erfolgreich Kapital vermehrt, wird nicht freiwillig auf ihre Position verzichten.

Dazu braucht es Gegenmacht, die durch die Handlungsfähigkeit und politische Aktivität der Vielen entsteht. Gerade dahingehend steckt in der gegenwärtigen Klimabewegung viel Hoffnung: Weltweit sind Millionen überwiegend junge Menschen aktiv geworden und in kurzer Zeit ist bei vielen ein Bewusstsein dafür entstanden, dass die Appelle an die Politik und die besseren Argumente und Fakten allein nicht reichen.

Die gespenstische Lücke zwischen dem Notwendigen und der Politik wird sich nur schließen lassen, wenn der Druck durch massenhaften zivilen Ungehorsam und Streiks steigt. Dabei wird entscheidend sein, nicht die Fehler vorangegangener Bewegungen zu wiederholen und sorgsam und solidarisch miteinander umzugehen. Nur dann könnte es für die Verselbstständigung der kapitalistischen Verhältnisse auch wirklich gefährlich werden und der Griff nach der Notbremse gelingen.

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