„Sorry we missed you“ – Der neue Film von Ken Loach bietet viel Einblick und wenig Optimismus

Foto: Sorry we missed you

Der Film „Sorry we missed you“ des britischen Regisseurs Ken Loach läuft heute in den österreichischen Kinos an. Wieder schafft es Loach, einen realistischen Einblick in den Alltag von Lohnabhängigen zu geben. Die zunehmende Vereinzelung in der Arbeitswelt aber machen Widerstandsmomente im Film schwer möglich. Mosaik-Redakteur*innen Franziska Wallner und Klaudia Wieser waren bei der Vorpremiere im Wiener Votivkino. 

„Du arbeitest nicht für uns, du arbeitest mit uns. Du lieferst nicht für uns, du führst eine Dienstleistung aus. Es gibt keinen Arbeitsvertrag, keine Leistungsvorgaben. Du erfüllst Lieferstandards. Es gibt keinen Lohn, sondern Honorare. Du meisterst dein eigenes Schicksal. Ist das klar?“ Mit diesen Worten wird Ricky, Mitte 40, Vater von zwei Kindern, der sich seit der Finanzkrise 2008 mit Gelegenheitsjobs am Bau oder als Gärtner über Wasser hält, bei einem Konzern aufgenommen, der Subfirmen für Paketbotendienste verwaltet. Er wird nicht angestellt, er ist „on board“.

Seit Jahrzehnten richtet Ken Loach den Scheinwerfer auf Menschen der working class und macht sie zu Held*innen des Alltags. Mit den immer krasseren Verwerfungen in der Gesellschaft änderte Loach auch seine Erzählweise. Schon in seinem sein letzter Film von 2016, „I, Daniel Blake“ war Loach unversöhnlicher als bisher. „Sorry we missed you“ – ein Satz, den Paketzusteller*innen hinterlassen, wenn sie ein Paket nicht zustellen können – schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Scheinbare Selbstständigkeit

Nachdem Ricky sich einen Lieferwagen auf Ratenzahlung beschafft, beginnt der Lauf gegen die Stoppuhr. Jedes Paket ist genau nachverfolgbar und muss unter einer bestimmten Zeitvorgabe ausgeliefert werden. Sobald der Code gescannt ist, liegt das Risiko bei Ricky. Die physische und psychologische Last, die durch die Auslagerung jeglicher Verantwortung an die (Schein-)Selbstständigen entsteht, ist spürbar. Stress, Verzweiflung über ein nicht zustellbares Paket, Überlastung nach einem 14-Stunden-Arbeitstag, Scham über das gefühlte Versagen als Elternteil und auch die Gewalt am eigenen Körper; all das sind Gefühle, die uns während dem Film unter die Haut kriechen und uns lange nicht loslassen.

Der Zeit hinterherlaufen und immer mitdenken

Auch Abbie, Rickys Frau, arbeitet als Selbstständige, allerdings im Pflegebereich. Ihre mobile Personenbetreuung gewährt nicht nur Einblick in die emotional und physisch erschöpfende Beziehungsarbeit mit ihren Klient*innen, sondern liefert auch ein intimes Porträt dessen, was es als Frau bedeutet, die Auswirkungen von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen im sogenannten „privaten“ Familienleben auszugleichen.

Selbst von früh bis spät in der mobilen Pflege im Einsatz, ist Abbie auch wie selbstverständlich für den Haushalt und alle anderen organisatorischen und sozialen Aufgaben rund um die Familie zuständig – Stichwort „Mental Load“. Sie hastet von vereinsamten Klient*innen zum Gespräch mit dem Direktor ihres Sohnes Seb, der als jugendlicher Rebell mehr und mehr Probleme bereitet. Sie befasst sich mit Rickys zunehmenden Aggressionen und tröstete ihre kleine Liza Jane, die versucht, die Anspannung und Verzweiflung ihrer Eltern auszugleichen. Die familiären Konflikte brechen auf, immer mehr drohen sie zu eskalieren.

„How do you get away with this? This is people’s lives!“

Abbie ist es auch, die einen der wenigen widerständigen Momente im Film darstellt. Nachdem Ricky bei einem Überfall auf seinen Lieferwagen schwer zusammengeschlagen wird und noch im Krankenhaus von seinem Vorgesetzten via Telefon darüber aufgeklärt wird, welche Kosten er aufgrund der Paketverluste und seines Arbeitsausfalls zu tragen haben wird, platzt ihr der Kragen. Sie schnappt sich das Handy und übernimmt das Gespräch: „How do you get away with this? This is [sic!] people’s lives. Don’t fuck with my family! Fuck you!“

Das Aufflammen an Wut erinnert an eine der ersten Szenen im Film, in der ein anderer Paketzusteller die Demütigung und Erbarmungslosigkeit des Supervisors nicht mehr aushält und, ob der Hilflosigkeit, diesen beschimpft und angeht. Wie der Film endet, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Die Wut bleibt zurück.

„Leider eine realistische Darstellung“

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion unter dem Titel „Prekariat in der Gig Economy“ mit Anna Schiff vom Projekt „Sichtbar werden“, Karl Delfs von der Gewerkschaft Vida und Michaela Moser von der Armutskonferenz wurde der Film einem Reality Check unterzogen. Zur Zeit gibt es gleich zwei spannende Parallelen in Österreich: Auf der einen Seite die Razzien bei Amazon, bei der die schon jahrelang angeprangerten Zustände von Lohn- und Sozialdumping sowie undokumentierte Arbeit bei den Subfirmen bestätigt wurden. Auf der anderen Seite die Kämpfe um die 35-Stunden-Woche in der Sozialwirtschaft (inklusive Pflegebereich).

„Das ist eine Geschichte, die 1-zu-1 von unseren Beschäftigten kommen könnte“ sagt Gewerkschafter Delfs über „Sorry we missed you“. Er bestätigt, dass die prekären Arbeitsbedingungen und der ständige Druck oft dazu führt, dass es „in der Familie explodiert“ – genau wie bei Ricky. Die Zustellungsbranche im Onlinehandel sei aber nur das Ende einer ausbeuterischen Kette. Auch große österreichische Händler drücken die Preise und zwingen Zusteller*innen in die Scheinselbstständigkeit.

„Die Beschämung von Armut hat System“

Anna Schiff selbst Alleinerzieherin von vier Kindern spricht darüber, wie Beschämung von Armutsbetroffenen Teil des Systems sei und wie real der Film ist.- „Wer sich schämt, muckt nicht auf”, sagt sie.  „Mit 50, 60 ist man am Ende.“ Die Mieten seien viel zu teuer, ein Urlaub sowieso nie drin. Erholungsphasen fehlen, die Kinder rebellieren. Zu Recht, wie Schiff findet: „Keiner von uns will in so einer Gesellschaft leben!“ Es braucht Druck auf die Politik und dieser muss von unten kommen. Hier sind sich Ken Loach und das Podium einig. Dafür muss man vor allem jene erreichen, die eben nicht schon gut organisiert sind.

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