Home Office, Distance Learning, Videokonferenzen, Stress, und Hilfsbereitschaft. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen rund um das Thema Schule zu Corona-Zeiten.

Ob Schüler*innen, Pädagog*innen, Schulleitungen oder Eltern – sie alle mussten dieses Jahr ganz besonders widerstandsfähig sein. Nicht nur sind die Schulen, inklusive Pflichtschulen, schon das zweite Mal für den Unterricht geschlossen. Das Empfehlungs- & Verordnungschaos der Bundesregierung macht auch vor dem Bildungsbereich nicht Halt, ganz im Gegenteil. Wir haben bei unterschiedlichen Betroffenen in Wien nachgefragt, wie sie mit den (oft kurzfristig angekündigten) Maßnahmen umgegangen sind, was für sie die größten Versäumnisse der Politik waren – und wie es ihnen zur Zeit geht. 

Edin, 17, Lehrling, Berufsschüler aus Ried im Innkreis:

“Ich lerne seit März Einzelhandelskaufmann beim Hofer. Von September bis Mitte November hatte ich meinen zweiten Lehrgang in der Berufsschule. Der wurde am Schluss auf e-Learning umgestellt. Es hat schon ein bisschen besser funktioniert als im Frühling, aber viele Probleme sind geblieben. Bei uns gibt es keine Videokonferenzen, das ist in vielen Berufsschulen so.

Wir müssen also alles selber machen und uns die Antworten für unsere Aufgaben auf Google oder Wikipedia zusammensuchen.

Wenn wir Fragen an die LehrerInnen haben, antworten sie oft recht spät und manchmal auch gar nicht. 

Der erste Lockdown war eine komplette Katastrophe. Ich hatte von März bis Juli meinen Lehrgang, der war ausschließlich digital. Aber niemand hat sich ausgekannt. Die LehrerInnen nicht und viele meiner KollegInnen wussten nicht einmal, wie sie ihre Aufgaben hochladen können. Das habe ich dann übernommen und geschaut, dass alle halbwegs damit klar kommen. Unterstützung von der Schule gab es dafür kaum.

Gerade bin ich im Betrieb, das ist schon sehr stressig. Am Montag vor dem Lockdown war unglaublich viel los. Wir waren zu neunt nur am arbeiten, obwohl normalerweise vier Leute pro Schicht eingeteilt sind. Die Menschen kaufen einfach mehr ein als normal. Auch jetzt noch. Es kommt viel öfter vor, dass es Einkäufe über 100 Euro gibt. Das ist für uns harte Arbeit.

Noch dazu kommen wir kaum in der öffentlichen Debatte vor. Es geht viel um Volksschulen, aber über Lehrlinge lese ich sehr wenig.”

Sandra, 35, Teamlehrerin in einer Volksschule in 1150 (davor Nahtstellenlehrerin in einer NMS). Mutter von 2 Kindern (Emma, 9 Jahre & Valentin, 4 Jahre alt):

„Der erste Lockdown war Horror. Mein Partner und ich waren beide im Home Office, gleichzeitig waren beide Kinder daheim: Emma im Home Schooling und Valentin zur Betreuung. Mal drei Stunden am Stück zu arbeiten – unmöglich. Ich hatte damals Glück, weil ich die einzige unter meinen Kolleg*innen mit kleinen Kindern war, weswegen ich zu Hause bleiben konnte. 

Damals bin ich hauptsächlich den Schüler*innen per WhatsApp „nachgerannt“, damit der Kontakt gehalten wird und sie nicht verloren gehen. Jetzt, im 2. Lockdown, funktioniert vor allem das Distance Learning besser. Derzeit habe ich 12 Stunden Präsenzunterricht in der Schule und 4 Stunden Distance Learning. Auch wenn es meinen Kindern und mir und meinem Partner zur Zeit gut geht – die Situation an der Schule ist einfach schlimm. Die FFP2-Masken für das Schulpersonal sind noch immer nicht da; jene Kinder, die in die Betreuung kommen, haben alte oder keine Masken. Fixe Gruppen oder Schichtbetrieb wären für die Betreuung notwendig:

Schulschließungen ohne Sicherheitskonzept machen einfach keinen Sinn! 

Warum da im Sommer nichts passiert ist, ist mir absolut unverständlich; auch der Schulbeginn im Herbst wurde so begangen, als gäbe es keine Pandemie. Und wenn dann der Hut brennt, geht es bei Kindern nur um die Frage: übertragen sie, ja oder nein? Dass Schulen nur wenig am Infektionsgeschehen beteiligt sind, wurde von Meinungsmacher*innen mantraartig wiederholt, richtiger ist es in den letzten Monaten dadurch auch nicht geworden.”

Manfred, 60, Beratungslehrer an einer Volksschule & Supervisor im Schulbereich (unter anderem für Sonderschulpädagog*innen):

„Grundsätzlich ist es ein großes Problem, dass die gesamte Sonderschulpädagogik auch jetzt, während der Pandemie, ein Randthema ist. Da fühlen sich viele komplett alleine gelassen, gerade auch von offizieller Seite. Anderes als im ersten Lockdown ist es derzeit so, dass die Sonderschulen im Präsenzunterricht weiter arbeiten. Für viele Sonderpädagog*innen ist klar, dass die Schule geöffnet bleibt, wenn es um Kinder mit Mehrfach- oder Schwerstbehinderung geht, die die Betreuung brauchen. Aber auf der anderen Seite gibt es auch Unverständnis dafür, dass Kinder kommen müssen, die eigentlich fit für Distance Learning sind und sich da schon im ersten Lockdown bewährt haben. 

Ich persönlich bin als Beratungslehrer derzeit an meiner Einsatzschule, einer Volksschule, präsent – das Problem ist aber, dass ich viele Kinder nicht erreiche, weil sie nicht in die Betreuung geschickt werden. Da geht es um sozial und emotional benachteiligte Kinder, z.B. Kinder mit Gewalterfahrung oder Kinder aus extrem instabilen Familien.

Ich befürchte, dass da in der Folge einige Kinder am Weg verloren gehen.

Ich habe von einer Direktorin an einer Wiener Mittelschule gelesen, die das proaktiv angegangen ist, und jene zwei Drittel der Schüler*innen, für die Distance Learning nicht gut funktioniert, tageweise abwechselnd und in kleinen Teams in die Schule holt. Das ist super, aber eben eine Einzelaktion von unten. 

Aus meiner Arbeit in der Supervision weiß ich, dass viele Lehrer*innen am Rande ihrer Kräfte sind. Ein großes Problem ist die mangelnde Kommunikation von der Bildungsdirektion und vom Ministerium, was zu enorm viel Verwirrung und Chaos geführt hat. Die Lehrer*innen und Eltern fühlen sich oft im Stich gelassen. Das ist aus meiner Sicht wirklich ein großes Versagen der Politik.“ 

Magdalena*, Schülerin, 11 Jahre alt, (Gymnasium, 1210 Wien):

“Es ist einfach total stressig zur Zeit. Wir haben jeden Tag fünf Stunden Videokonferenzen, die den Unterricht ersetzen sollen und dazwischen gerade einmal fünf Minuten Pause. Ich weiß, das ist beim regulären Unterricht genauso, aber es ist einfach was anderes, wenn du dabei vorm Computer sitzt. Und dann musst du am Nachmittag noch Hausübungen machen.

Was fehlt, ist die Freizeit. Du sitzt halt den ganzen Tag zu Hause und sollst Sachen für die Schule machen. Du kannst nicht mehr Einkaufen gehen und dich mit deinen FreundInnen treffen. 

Dabei habe ich es sicher verhältnismäßig gut, es ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Bei uns in der Schule hat der Direktor gesagt, dass wir nicht jede Unterrichtsstunde mit Videokonferenzen ersetzen müssen. Bei meinem Bruder ist das anders. Der hat ganz normal Schule, nur halt vor dem Laptop. Außerdem gibt es Kinder, die eben keinen Laptop oder kein eigenes Zimmer haben. Ich glaube, dass die LehrerInnen versuchen, darauf Rücksicht zu nehmen. Aber sie können ja nicht für alle einen Laptop kaufen. Bei uns in der Schule gibt es eine Liste, wo sich die SchülerInnen, die einen Computer brauchen, draufschreiben können. Wie gut das funktioniert, weiß ich aber nicht. 

Du bist zur Zeit einfach auf dich alleine gestellt.

Die Klassengemeinschaft fällt weg und du musst dich anstrengen, dass du dran bleibst. Viele von meinen FreundInnen gehen spät ins Bett, die sind dann bei den Videokonferenzen immer total fertig. Wir können ja nicht viel länger schlafen. Nur die Fahrtzeit in die Schule fällt weg. Uns beschäftigt das natürlich alle sehr. Wir haben zwar eine Chatgruppe, aber da geht es nur um die Hausübungen. Dass wir uns fragen, wie es uns geht, geht total unter.”

Mara, 41, Home Office, Mutter von Antonia (9 Jahre alt, 3.Schulstufe in einer Mehrstufenklasse):

„Die Gesamtsituation im Frühling, als die Schulen mehrere Wochen geschlossen waren, war sehr belastend. Ich war im Home Office und Antonia im Home Schooling. Die Ankündigung, kein neuer Lernstoff kommt, hat nicht gestimmt – es wurde großteils in den Büchern weiter gearbeitet, also neuer Lernstoff vermittelt. Dadurch hat Antonia natürlich auch Anleitung von mir gebraucht. Ich habe 35 Stunden gearbeitet, de facto oft mehr. Da haben wir viele Dinge für die Schule erst am späten Nachmittag oder am Wochenende erledigen können.

Mein Arbeitgeber hat zwar Sonderbetreuungszeit angeboten, aber es gab niemanden der meine Arbeit hätte übernehmen können. Das hat mir also nicht weitergeholfen. Nach dem ersten Lockdown gab es dann einen Schichtbetrieb in Antonias Schule, der uns vor neue Herausforderungen gestellt hat. Ich war zu der Zeit auch nicht mehr nur im Home Office, sondern auch im Büro. Das war nicht leicht zu organisieren. Jetzt, im zweiten Lockdown, funktioniert vieles besser, auch das Distance Learning. Das liegt vor allem am Engagement der Lehrer*innen.

In meinen Augen hätte es zwei Dinge gebraucht: Einerseits bessere technische Kommunikationsmittel und andererseits, und das ist ganz essentiell, pädagogische Hilfestellung und Anleitung für Eltern.

Erstens sind wir keine Lehrer*innen und zweitens kann man nicht davon ausgehen, dass alle Eltern die Kompetenzen beherrschen, die die Kinder lernen müssen.

*Wir haben auf Wunsch der Interviewten alle Namen geändert.

Der Mord an George Floyd durch vier Polizisten in Minneapolis hat in den USA eine Protestbewegung ausgelöst, die in der ganzen Welt ihre solidarischen Ausläufer findet. Auch in Wien gingen über 50.000 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Auf vielen Protestschildern standen Slogans wie „White Silence = Violence“ oder„White Ally“. Doch was bedeutet es, als Weiße Person anti-rassistisch zu sein? Mosaik startet mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die du als Weiße Anti-Rassist*in machen kannst – und solltest. Ein Text von Mosaik-Redakteurin Franziska Wallner unter Beteiligung von Barbara Stefan, Klaudia Wieser und Neva Löw.

Dieser Text richtet sich also an alle jene Weißen* Mitmenschen, die sich als Anti-Rassist*innen begreifen, sich aber nicht sicher sind, ob sie genug dafür tun. Die Antwort ist: Wahrscheinlich nicht. Noch mehr ist dieser Text aber für diejenigen, die sich sicher sind, keine Rassist*innen zu sein. Rassistisch – das ist böse und das sind die anderen. Überhaupt ist der Vorwurf, rassistisch zu sein, verletzend. Fast schlimmer als der Rassismus selbst (Siehe Punkt 2) – oder? Okay, der Reihe nach.

Zuerst: Rassismus ist kein Problem der anderen. Wir alle haben Rassismen verinnerlicht, und die Weiße Mehrheitsgesellschaft profitiert jeden Tag von der tiefen Verankerung von Rassismus in unserer Gesellschaft.

Rassismus ist…

Grundsätzlich können wir Rassismus als Ideologie erfassen, die Differenz als unveränderlich konstruierte Eigenschaften bestimmter Gruppen festschreibt. Als gesellschaftliches Verhältnis produziert es Unterschiede und schreibt diese auf körperliche Erscheinung, Sprache, religiöse Praxen etc. fest. Es werden also Unterschiede konstruiert, die nicht bestehen, aber trotzdem ganz konkrete Konsequenzen für die Betroffenen haben. Colette Guillaumine: „Race does not exist. But it does kill people.“ („Es gibt zwar keine Rassen, aber sie töten trotzdem Menschen.“) Diese Ideologie ist seit Jahrhunderten verankert und baut auf Versklavung, Kolonialismus, Macht- und Herrschaftsverhältnissen auf.

„Dort ist das doch ganz anders!“

Was in den letzten Tagen sehr oft zu hören war: Dass wir die Situation in Österreich oder Deutschland nicht mit der in den USA vergleichen können. Ja, es ist eine andere Situation, der Rassismus bei uns hat andere Abwandlungen, Nuancen und Zuschreibungen. Alltagsrassismus, struktureller Rassismus, rassistische Gewalt, rassistische Mordanschläge und rassistische (tödliche) Polizeigewalt grassieren in Österreich und Deutschland aber genauso. Das zu leugnen ist für Schwarze, Muslim*innen und People of Color (PoC) in Österreich ein Schlag ins Gesicht und verhindert außerdem die notwendige Auseinandersetzung mit dem spezifischen Rassismus in Österreich und Deutschland.

Nachdem wir einige Basics angesprochen haben, hier nun acht konkrete Schritte, die du als Weiße Person tun kannst, um deinen Beitrag im Kampf für Anti-Rassismus zu leisten.

1.) Hör‘ jenen zu, die von Rassismus betroffen sind, nimm ihre Erfahrungen ernst und frage was du tun kannst.

Es geht nicht um dich, aber es geht um deine Verantwortung als Weiße Person. Es geht um die Lebensrealitäten von Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Das heißt: Mute ihnen nicht deine Ungläubigkeit oder Fassungslosigkeit zu – ihre Rassismus-Erfahrungen sind real und begleiten sie meist ihr Leben lang. Sei für deine Freund*innen und Bekannten da, die von Rassismus betroffen sind. Biete Hilfe an, hör zu. Akzeptiere „Safe Spaces“, zu denen du keinen Zugang hast. Dräng‘ dich nicht in den Vordergrund, auch und vor allem nicht bei Demonstrationen. Auch hier gilt: Frag‘ nach, wie du am besten supporten kannst – zB als Schutzschild vor der Polizei. Und: Reflektiere dein Verhalten auf Social Media und teile nicht einfach Inhalte, die rassistische Gewalt zeigen – das ist potenziell re-traumatisierend.

Su’ad Abdul Khabeer bringt es auf den Punkt: „You don’t need to be a voice for the voiceless, just pass the mic.” („Du brauchst nicht die Stimme der Stimmlosen sein, gib ihnen einfach das Mikrofon weiter.”)

2.) Bilde dich – mach die Arbeit, auch wenn es mühsam ist.

Verlang‘ nicht, dass People of Color die Arbeit für dich machen, auch nicht deine Freund*Innen/Bekannte. (An dieser Stelle eine Buchempfehlung: „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge). Es gibt unendlich viele Ressourcen für Weiße Menschen, die sich mit Rassismus auseinandersetzen wollen.

Lerne, wie sich der Kolonialismus bis heute festschreibt. Was White Supremacy bedeutet, was White Privilege, was White Fragility. Beschäftige dich damit, was den spezifischen Rassismus in Österreich ausmacht und wie er sich äußert. Ein möglicher Startpunkt könnten die Rassismus-Reporte von ZARA sein oder der Bericht von SOS Mitmensch zu antimuslimischem Rassismus von 2019.

3.) Sei bereit, Arbeit in Selbstreflexion zu stecken.

Der wahrscheinlich schwierigste Punkt für viele. Was hast du mit dem rassistischen System zu tun, wie profitierst du davon und welche Position nimmst du ein? Dieser Punkt verlangt, die Perspektive nach innen zu richten. Wir müssen unsere eigenen verinnerlichten Rassismen verstehen und akzeptieren, dass wir zwangsläufig Teil eines Systems sind, von dem wir Weiße profitieren. Falls du Teil einer politischen Organisation, Plattform oder Initiative bist: Frag’ dich, wie vielfältig die Zusammensetzung der Menschen ist, die sich beteiligen und woran es liegt, dass sich eventuell hauptsächlich Weiße Menschen angesprochen/willkommen fühlen. Das müssen wir auch als Mosaik-Blog tun.

Eine solche Selbstreflexion ist der erste Schritt, um eine anti-rassistische Praxis zu entwickeln. Wärmstens zu empfehlen ist zB. „EXIT RACISM – rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette, das gerade als Hörbuch kostenlos auf Spotify verfügbar ist.

Kurzer Exkurs, falls du dir nicht sicher bist: Nein, es gibt keinen Rassismus gegen Weiße. Rassismus funktioniert über strukturelle Macht und Herrschaftsstrukturen (oder einfacher: Rassismus ist Diskriminierung plus Macht), und Weiße hatten und haben die Macht. Jahrhundertelange Diskriminierung, Unterdrückung und Vorurteile lassen sich nicht einfach umkehren. Solche Behauptungen sind relativierend und lenken die Aufmerksamkeit von echter rassistischer Gewalt ab.

4.) Wenn du kannst: Spende Geld an Organisationen, die Betroffenen helfen!

Das ist praktische Solidarität und verteilt Ressourcen um. Es gibt unzählige Möglichkeiten dazu. Du kannst Geld in die USA schicken – für einzelne lokale Initiativen, die bei Polizeistrafen gegen Schwarze hilft – oder auch für übergeordnete Plattformen (zB. hier oder hier). Oder du spendest in Österreich. Auch hier gibt es unzählige Organisationen und Plattformen, die sich in der einen oder anderen Form gegen Rassismus einsetzen. Ein Beispiel ist die „Schwarze Frauencommunity“.

5.) Zeig‘ Zivilcourage. Sei unbequem.

Ob auf der Straße bei rassistischen Polizeikontrollen (Racial/Ethnic Profiling) oder in der U-Bahn, wenn du einen rassistischen Kommentar hörst: Greif‘ ein. Das kann je nach Situation, eigenen Grenzen und Wunsch des/der Betroffenen unterschiedlich aussehen, aber reicht von: stehen bleiben, zuschauen, Hilfe anbieten/holen, dokumentieren, aktiv eingreifen, dazwischen gehen. Gerade bei Polizeikontrollen ist es wichtig, stehen zu bleiben, zu beobachten, nachzufragen und im Bedarfsfall Hilfe (auch als Zeug*in) anzubieten.

6.) Dekolonialisier‘ dich!

Was weißt du über die europäische Kolonialgeschichte, über Sklaverei, und wie diese mörderische Ausbeutung bis heute fortwirkt? Wie sind internationale Kriege, Konflikte und die Festung Europa mit österreichischer Außenpolitik und ihrer Geschichte verknüpft?

Was weißt du über deine Weiße Welt? Deine Bildung? Wen liest du? Mit welchem Blick gehst du durch Museen? Unterstütze Forderungen nach Restitution und Menschen, die den Kampf mit Museen und anderen Institutionen aufnehmen und sie zum Handeln drängen.

7.) Erzieh‘ deine Kinder anti-rassistisch.

Viele Weiße Eltern sind der Überzeugung, dass es ausreicht, die Gleichheit aller Menschen, unabhängig ihrer Hautfarbe, Religion oder anderer Eigenschaften zu betonen – dann kommt die schöne neue Welt ohne Rassismus von selbst. Das ist falsch. Es ist wichtig, mit Kindern über Rassismus zu sprechen! Anti-rassistische Kindererziehung für Weiße Kinder beginnt damit, Unterschiede und die gesellschaftlichen Privilegien und Nachteile, die damit verbunden sind, sichtbar zu machen.

Ausgangspunkt können Kinderbücher, Filme oder Serien sein, in denen Protagonist*innen oder die Hauptdarsteller*innen Weiß sind. Man kann das Gespräch beginnen, indem man darauf hinweist und fragt, warum das so ist und wie es Schwarzen Kindern wohl geht, wenn sie immer nur Weiße Menschen als Normalität dargestellt sehen. Beginnt das Kind dann, Rassismus im „echten Leben“ wahrzunehmen, kann man beginnen, strukturelle Ungleichheiten wie ökonomische Ausschlüsse, rassistisches Justizsystem, Polizeigewalt, Diskriminierung am Wohnungsmarkt und in der Schule, Sklaverei und Unterdrückung anzusprechen. Etwa in diesem Video oder diesem Artikel, in dem Kinder- und Jugendbücher besprochen werden, die Gesprächsöffner für „Rassismus“ sein können.

8.) Mach weiter, auch wenn die Aufmerksamkeit wieder abebbt.

Dass du dich jetzt verstärkt dem Thema Rassismus und Polizeigewalt widmest, ist gut. Hab‘ Mut dich einzubringen, konstruktive Kritik und Zusammenarbeit ist in allen Bewegungen und Initiativen wichtig. Aber es muss der Ausgangspunkt für eine nachhaltige Auseinandersetzung sein – die den aktuellen „Trend“ überdauert und im besten Fall eine lebenslange Bewusstseinsbildung bedeutet.

Schwarze Menschen, Indigene und PoC riskieren gerade erneut ihre Leben bei den Kämpfen für ein Ende des Rassismus. Auch innerhalb dieser Gruppen herrschen unterschiedliche Betroffenheiten. Daher möchten wir an dieser Stelle zwei Posts verlinken, einmal diesen von Naomi Afia Güneş und dann diesen von Gözde Taskaya.

„In a racist society, it’s not enough to be non-racist, we must be antiracist.“
Angela Davis

Disclaimer:

1.) * Schwarz und Weiß werden hier bewusst großgeschrieben, was sie als politische Kategorien sichtbar macht. „Weiß“ soll auf die sozialen und politischen Privilegien von Menschen hinweisen, die Rassismus nicht ausgesetzt sind. „Schwarz“ ist eine politische Selbstbezeichnung die als Konsequenz der jahrhundertelangen Fremdbezeichnungen eine Form der Ermächtigung darstellt.

2.) Keines dieser Argumente ist neu. Unzählige Male schon haben von Rassismus Betroffene exakt die gleichen Forderungen gestellt, Vorschläge gemacht, Ressourcen zur Verfügung gestellt. Es wird Zeit, dass wir BIPoC (Black and Indigenous People/Person(s) of Color) diese Arbeit abnehmen und endlich Worten Taten folgen lassen.

Der Film „Sorry we missed you“ des britischen Regisseurs Ken Loach läuft heute in den österreichischen Kinos an. Wieder schafft es Loach, einen realistischen Einblick in den Alltag von Lohnabhängigen zu geben. Die zunehmende Vereinzelung in der Arbeitswelt aber machen Widerstandsmomente im Film schwer möglich. Mosaik-Redakteur*innen Franziska Wallner und Klaudia Wieser waren bei der Vorpremiere im Wiener Votivkino. 

„Du arbeitest nicht für uns, du arbeitest mit uns. Du lieferst nicht für uns, du führst eine Dienstleistung aus. Es gibt keinen Arbeitsvertrag, keine Leistungsvorgaben. Du erfüllst Lieferstandards. Es gibt keinen Lohn, sondern Honorare. Du meisterst dein eigenes Schicksal. Ist das klar?“ Mit diesen Worten wird Ricky, Mitte 40, Vater von zwei Kindern, der sich seit der Finanzkrise 2008 mit Gelegenheitsjobs am Bau oder als Gärtner über Wasser hält, bei einem Konzern aufgenommen, der Subfirmen für Paketbotendienste verwaltet. Er wird nicht angestellt, er ist „on board“.

Seit Jahrzehnten richtet Ken Loach den Scheinwerfer auf Menschen der working class und macht sie zu Held*innen des Alltags. Mit den immer krasseren Verwerfungen in der Gesellschaft änderte Loach auch seine Erzählweise. Schon in seinem sein letzter Film von 2016, „I, Daniel Blake“ war Loach unversöhnlicher als bisher. „Sorry we missed you“ – ein Satz, den Paketzusteller*innen hinterlassen, wenn sie ein Paket nicht zustellen können – schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Scheinbare Selbstständigkeit

Nachdem Ricky sich einen Lieferwagen auf Ratenzahlung beschafft, beginnt der Lauf gegen die Stoppuhr. Jedes Paket ist genau nachverfolgbar und muss unter einer bestimmten Zeitvorgabe ausgeliefert werden. Sobald der Code gescannt ist, liegt das Risiko bei Ricky. Die physische und psychologische Last, die durch die Auslagerung jeglicher Verantwortung an die (Schein-)Selbstständigen entsteht, ist spürbar. Stress, Verzweiflung über ein nicht zustellbares Paket, Überlastung nach einem 14-Stunden-Arbeitstag, Scham über das gefühlte Versagen als Elternteil und auch die Gewalt am eigenen Körper; all das sind Gefühle, die uns während dem Film unter die Haut kriechen und uns lange nicht loslassen.

Der Zeit hinterherlaufen und immer mitdenken

Auch Abbie, Rickys Frau, arbeitet als Selbstständige, allerdings im Pflegebereich. Ihre mobile Personenbetreuung gewährt nicht nur Einblick in die emotional und physisch erschöpfende Beziehungsarbeit mit ihren Klient*innen, sondern liefert auch ein intimes Porträt dessen, was es als Frau bedeutet, die Auswirkungen von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen im sogenannten „privaten“ Familienleben auszugleichen.

Selbst von früh bis spät in der mobilen Pflege im Einsatz, ist Abbie auch wie selbstverständlich für den Haushalt und alle anderen organisatorischen und sozialen Aufgaben rund um die Familie zuständig – Stichwort „Mental Load“. Sie hastet von vereinsamten Klient*innen zum Gespräch mit dem Direktor ihres Sohnes Seb, der als jugendlicher Rebell mehr und mehr Probleme bereitet. Sie befasst sich mit Rickys zunehmenden Aggressionen und tröstete ihre kleine Liza Jane, die versucht, die Anspannung und Verzweiflung ihrer Eltern auszugleichen. Die familiären Konflikte brechen auf, immer mehr drohen sie zu eskalieren.

„How do you get away with this? This is people’s lives!“

Abbie ist es auch, die einen der wenigen widerständigen Momente im Film darstellt. Nachdem Ricky bei einem Überfall auf seinen Lieferwagen schwer zusammengeschlagen wird und noch im Krankenhaus von seinem Vorgesetzten via Telefon darüber aufgeklärt wird, welche Kosten er aufgrund der Paketverluste und seines Arbeitsausfalls zu tragen haben wird, platzt ihr der Kragen. Sie schnappt sich das Handy und übernimmt das Gespräch: „How do you get away with this? This is [sic!] people’s lives. Don’t fuck with my family! Fuck you!“

Das Aufflammen an Wut erinnert an eine der ersten Szenen im Film, in der ein anderer Paketzusteller die Demütigung und Erbarmungslosigkeit des Supervisors nicht mehr aushält und, ob der Hilflosigkeit, diesen beschimpft und angeht. Wie der Film endet, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Die Wut bleibt zurück.

„Leider eine realistische Darstellung“

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion unter dem Titel „Prekariat in der Gig Economy“ mit Anna Schiff vom Projekt „Sichtbar werden“, Karl Delfs von der Gewerkschaft Vida und Michaela Moser von der Armutskonferenz wurde der Film einem Reality Check unterzogen. Zur Zeit gibt es gleich zwei spannende Parallelen in Österreich: Auf der einen Seite die Razzien bei Amazon, bei der die schon jahrelang angeprangerten Zustände von Lohn- und Sozialdumping sowie undokumentierte Arbeit bei den Subfirmen bestätigt wurden. Auf der anderen Seite die Kämpfe um die 35-Stunden-Woche in der Sozialwirtschaft (inklusive Pflegebereich).

„Das ist eine Geschichte, die 1-zu-1 von unseren Beschäftigten kommen könnte“ sagt Gewerkschafter Delfs über „Sorry we missed you“. Er bestätigt, dass die prekären Arbeitsbedingungen und der ständige Druck oft dazu führt, dass es „in der Familie explodiert“ – genau wie bei Ricky. Die Zustellungsbranche im Onlinehandel sei aber nur das Ende einer ausbeuterischen Kette. Auch große österreichische Händler drücken die Preise und zwingen Zusteller*innen in die Scheinselbstständigkeit.

„Die Beschämung von Armut hat System“

Anna Schiff selbst Alleinerzieherin von vier Kindern spricht darüber, wie Beschämung von Armutsbetroffenen Teil des Systems sei und wie real der Film ist.- „Wer sich schämt, muckt nicht auf”, sagt sie.  „Mit 50, 60 ist man am Ende.“ Die Mieten seien viel zu teuer, ein Urlaub sowieso nie drin. Erholungsphasen fehlen, die Kinder rebellieren. Zu Recht, wie Schiff findet: „Keiner von uns will in so einer Gesellschaft leben!“ Es braucht Druck auf die Politik und dieser muss von unten kommen. Hier sind sich Ken Loach und das Podium einig. Dafür muss man vor allem jene erreichen, die eben nicht schon gut organisiert sind.

Über vier Jahre sind seit dem sogenannte „Sommer der Migration“ vergangen. Nach wenigen Monate der Solidarität folgte ein restriktiver Umschwung der EU-Grenzpolitik. „Migrationsstopp“ wurde in der Politik zum alles entscheidenden Thema, die Balkanroute „geschlossen“. Tausende Menschen starben an den EU-Außengrenzen. Doch natürlich stoppten diese Maßnahmen die Migration nicht.  Die Situation wurde nur verlagert, entmenschlicht, verdrängt. Franziska Wallner über die aktuelle Situation und unsere Pflicht zur Zivilcourage.

Der österreichische Ex- (und bald wieder) Kanzler, Sebastian Kurz, hat beim Kongress der Europäischen Volkspartei am 21.November dieses Jahres zum gefühlt hundertsten Mal sein Mantra vom EU-Grenzschutz heruntergebetet: „Wir müssen nicht nur das Klima schützen, wir müssen auch unsere Außengrenzen schützen. Die europäische Identität und auch den sozialen Frieden werde man nur aufrechterhalten können, „wenn wir entscheiden, wer nach Europa zuwandert, und nicht die Schlepper“.

Grenzschutz, Grenzschutz, Grenzschutz

Kurz‘ Obsession mit den EU-Außengrenzen zeigt zwei Dinge. Einerseits ist sie ein kluger politischer Schachzug, um von den vielen sozialen Krisen innerhalb der EU abzulenken. Andererseits erweckt Kurz mit dem Durchsetzen einer extrem restriktiven Grenzpolitik den Anschein, Kontrolle über einen nur begrenzt kontrollierbaren Bereich übernommen zu haben. Gemeinsam mit seinen rechten Partnern auf europäischer Ebene, allen voran Viktor Orban und der ehemalige italienische Innenminister Matteo Salvini, ist Kurz Teil einer machtvollen Allianz, deren primäres Ziel es ist, zu verhindern, dass in ihren Augen unerwünschte Migrant*innen EU-Boden betreten.

Seit 2015 hat die Europäische Union ihr Budget für Migrationspolitik auf heute 23,3 Milliarden Euro verdoppelt. Wichtigster Akteur hinsichtlich Grenzschutz ist für die EU ihre Agentur Frontex, die seit ihrer Gründung 2004 wie keine andere europäische Behörde wächst. 2021 soll Frontex über ein Budget von 1,6 Milliarden verfügen, 2016 waren es 254 Millionen Euro, 2004 etwa sechs Millionen. Statt bisher 1.500 sollen künftig 10.000 Frontex-Beschäftigte für den Grenzschutz eingesetzt werden. Die Entwicklung von Frontex ist auch deshalb problematisch, weil sie einerseits immer unabhängiger von den EU-Mitgliedsstaaten wird und andererseits eine parlamentarische Kontrolle kaum stattfindet.

Migrant*innen = Geflüchtete = Illegale

Diese ungenaue Begrifflichkeit („Asyl & Migration“) ist ein Symptom und Teil des Problems der letzten Jahre. Asyl wird nicht mehr als Menschenrecht, sondern als Sicherheitsthema verhandelt. Statt deutlich zu machen, dass es darum geht, Menschen zu helfen, ihre Würde und ihr Leben zu bewahren, spricht man davon, Grenzen zu schließen. Man spricht von „illegaler Migration“ oder „Illegalen“ anstatt von Schutzsuchenden. Menschen verlieren damit ihre Biographie, ihre Geschichte, ihr Menschsein. Konsequenz dieser Verunmenschlichung ist fehlende Solidarität, Gleichgültigkeit oder gar Hass gegenüber geflüchteten Menschen.

Noch problematischer ist die Tatsache, dass selbst geltendes Recht schrittweise ausgehöhlt, in Frage gestellt oder einfach praktisch keine Anwendung findet. Das Asylrecht hat in Österreich „mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun“, sagt der Rechtsanwalt Ronald Frühwirth in einem Interview mit Mosaik. Im August dieses Jahres entschied er sich daher, seine auf Asylrecht spezialisierte Kanzlei nach 14 Jahren zuzusperren. Und auch die tagtägliche und gut dokumentierte Praxis auf dem zentralen Mittelmeer (zum Beispiel die völkerrechtswidrigen Rückführungen nach Libyen, in Kooperation mit Italien) zeigt, dass hier Recht nicht in Stein gemeißelt, sondern – wenn genügend politischer Druck vorhanden ist – zur Verhandlungsmasse wird.

Absolute Verelendung vor – und hinter – den Toren Europas

Im März 2016 hat die EU einen Deal im Wert von sechs Milliarden Euro mit der Türkei vereinbart. Darin verpflichtet sich die Türkei, Menschen aus Syrien, Afghanistan und Pakistan an der Weiterreise Richtung EU zu hindern. Syrer*innen, die es trotzdem auf die griechischen Inseln schaffen, sollen von der Türkei zurückgenommen werden. Die Zahl der Menschen, die es über die Ägäis nach Griechenland schafften, ist nach Abschluss des Abkommens stark gesunken, aber zuletzt wieder angestiegen – dieses Jahr erreichten 70.000 Menschen über diese Route die EU, das sind 46 Prozent mehr als im Vorjahr.

Auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos sowie in kleinerem Umfang auf Leros und Kos leben derzeit über 40.000 geflüchtete Menschen. Davon sind rund 5.200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Zustände in den Camps sind katastrophal. Sie sind heillos überfüllt, auf rund 8.500 Plätze kommen etwa fünf Mal so viele Menschen. Es fehlt an allem. Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat schon 2016 vor den humanitären Folgen des Deals gewarnt, MSF-Präsident Christos Christou sprach im November dieses Jahres von Lebensbedingungen, die Kriegsgebieten oder Naturkatastrophen gleichkommen würden.

Berühmt wegen katastrophale Zustände

In Bosnien sind die Bedingungen für Geflüchtete nicht besser. Nach der weitgehenden Schließung der Balkanroute von Griechenland über Mazedonien und Serbien nach Ungarn hat sich eine neue Route über Bosnien und Kroatien etabliert. An der bosnisch-kroatischen Grenze hat das mittlerweile geschlossene Lager Vučjak aufgrund der katastrophalen Zustände internationale Berühmtheit erlangt. Zwar wurde vor einigen Tagen das Lager geräumt, aber die Situation für die Menschen hat sich nur minimal gebessert. So sind illegale Pushbacks an der Grenze und systematische Gewaltanwendung durch die kroatische Polizei tagtägliche Praxis. Fast alle Geflüchteten, die in Bosnien stranden, berichten von diesen rechstwidrigen Zurückweisungen und Misshandlungen.

Das Mittelmeer bleibt die tödlichste Grenze der Welt

Seit 2014 sind laut Schätzungen der UNO-Flüchtlingshilfe rund 15.000 Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer gestorben. Mindestens 1.200 Menschen ertranken alleine dieses Jahr bei dem Versuch, Europa über den Seeweg zu erreichen. Nicht nur hat die EU jegliche staatliche Seenotrettung aufgegeben – sie bezahlt die sogenannte Libyschen Küstenwache, um die Flucht nach Europa mit allen Mitteln zu verhindern und blockiert zivile Seenotrettungsorganisation so vehement, dass mittlerweile fast keine NGO-Schiffe mehr unterwegs sind. Zwar erlangte die Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, diesen Sommer internationale Berühmtheit als sie sich der italienischen Blockade widersetzte und mit 53 geretteten Migrant*innen in den Hafen von Lampedusa einfuhr. Für die Menschen, die seither die gefährliche Überfahrt gewagt haben, um der Hölle in Libyen zu entkommen, hat sich – trotz Verleihung diverser Awards und Ehrenmedaillen an Rackete – nichts geändert.

Was tun?

Weder der Deal mit der Türkei noch die Kooperation mit Libyschen Warlords beendet menschliches Leid oder verhindert Flucht – die Grenzen werden lediglich vorverlagert, was die humanitäre Krise verschärft sowie den Tod von tausenden Menschen verantwortet. Das wichtigste, was wir, als mehr oder weniger privilegierte EU-Bürger*innen, tun können, ist: Diese Zustände nicht zur Normalität werden lassen. Gegen das sich-gewöhnen ankämpfen. Weiter: Informiert und engagiert euch, lokal und über Grenzen hinweg. Versucht, Abschiebungen zu verhindern. Schreibt Politiker*innen und mahnt die Einhaltung der Menschenrechte ein. Seid solidarisch, zeigt Zivilcourage – auf der Straße, beim Familienessen, überall und immer.

Spendenhinweis: Spenden könnt ihr beispielsweise für SOS Balkanroute: IBAN: AT70 2011 1828 7647 5700; Verwendungszweck: SOS Balkanroute.

Es sind vor allem Frauen, die in Bosnien-Herzegowina abseits der wenigen lokalen und internationalen Organisationen Unterstützung für Geflüchtete organisieren. Die Redakteurinnen Franziska Wallner und Klaudia Wieser begleiteten letztes Wochenende den SOS Balkanrouten Spendenkonvoi in den Norden des Landes und berichten für Mosaik von ihrer Reise.

Es war das Camp in Vučjak, das letztlich für mediales Aufsehen sorgte. Die Bilder aus dem Camp, wo Menschen in Zelten und ohne fließendes Wasser hausen, schafften es in die internationale Berichterstattung. Gerade einmal 500 Kilometer ist Vučjak von Wien entfernt. Doch das Camp ist kein Einzelfall, es ist ein Spiegel der Politik der Europäischen Union. Die Situation in Vučjak, aber auch in anderen Lagern in Bosnien-Herzegowina, Griechenland oder Malta, wird sich mit dem kommenden Winter zuspitzen.

(Foto: Redaktion)

Abschottung Europas

Der Rapper Kid Pex, einer der Hauptinitiator*innen des Spendenkonvois sagt: „Das, was wir hier machen ist nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein.“ So fühlt es sich auch an. Bald nachdem wir die Grenze zu Bosnien-Herzegowina überqueren, tauchen langsam vereinzelte Gruppen von Geflüchteten auf, die im Dunklen am Straßenrand marschieren. Sie tragen nur das Nötigste mit sich.

(Foto: Redaktion)

Erster Stopp in Bosnien im Dunkel der Nacht

Der erste Stopp des SOS Balkonroute Konvois führt uns in einen Ort direkt an der Grenze. So leise wie möglich entladen wir dort um Mitternacht die ersten Kisten. Dann treffen wir eine Frau, die seit mehreren Jahren Geflüchtete in den unterschiedlichsten Belangen unterstützt und, trotz aller Hürden, nicht damit aufhören wird, wie sie selbst berichtet: Sie stellt ihre Dusche und ihr Wohnzimmer zur Verfügung, begleitet Menschen in Krankenhäuser, sie kocht für hunderte von Geflüchteten und organisiert Schulbücher für Kinder.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Beim Interview in ihrer kleinen Wohnung erzählt sie: „Die Stimmung ist durch hetzerische Medienberichterstattung umgeschlagen. Ich habe zu Anfang meine Aktivitäten auf Facebook angekündigt; mittlerweile geht das nicht mehr. Am Anfang waren wir 30 Personen, jetzt gibt es noch ein kleines Netzwerk von Unterstützer*innen. Der letzte Winter war eine Katastrophe. Menschen haben in verlassenen Unterkünften in der Kälte gehaust. Wir haben versucht, die Menschen bei verschiedene Familien im Dorf unterzubringen, aber die Behörden haben diese zu illegalen Unterkünften erklärt. Selbst wenn ich Geflüchtete im Auto aus dem Spital abhole, kann ich als Schlepperin angezeigt werden.“

Als wir um zwei Uhr früh wieder in unsere Transporter einsteigen, haben wir alle einen Strafzettel bekommen. Die Nachbar*innen haben wohl die Polizei informiert.

Als sie die Balkanroute schlossen

Ab dem Sommer 2018 begann die Europäische Union die sich verschlechternde humanitäre Krise in Bosnien-Herzegowina aktiv zu unterstützen. In ihrem Reaktionsplan legte sie einen Punkt von Beginn in aller Deutlichkeit fest: Es darf für Geflüchtete keine offizielle Unterbringung im Umkreis von 30 Kilometer entlang der kroatischen Grenze geben.

Knapp zehn Millionen Euro machte die EU für Bosnien-Herzegowina locker. Davon flossen 2,5 Millionen Euro als sogenannte humanitäre Hilfe ins Land. Eine Summe von 7,2 Millionen Euro floss in Projektgelder, die die IOM, das UNHCR und UNICEF verwalten. Im November 2018 wurde diese Summe noch einmal um 50.000 Euro erhöht. Unter dem Vorwand, die Gelder nicht einem korrupten und dezentralisierten Staat zu überlassen, wurde die Position von internationalen Organisationen gestärkt, die jedoch mit dem tödlichen europäischen Grenzregime verstrickt sind. Diese Taktik schwächte lokale selbstorganisierte Unterstützer*innen und Geflüchtete. Gerade sie sind es, die von den Auswirkungen dieser Politik direkt betroffen sind.

Diese verheerende Situation ist auch Effekt der von Ex-Kanzler Sebastian Kurz sowie Ex-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner 2015 gefeierten Schließung der Balkanroute, die 2016 mit dem Türkei-Deal besiegelt wurde.

Ankunft in Bihać

Eine Viertelstunde von Vučjak entfernt liegt das malerische Städtchen Bihać am Ufer der Una. Spaziert man ein bisschen länger durch den Ort und unterhält sich mit den Bewohner*innen, kann auch die schöne Landschaft nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Lebensrealität in Bihać hart ist. Auch hier spiegelt sich die bosnische Arbeitslosenquote von über 30 Prozent, viele junge und gut ausgebildete Menschen wandern ab. Das und eine allgemeine soziale Unsicherheit sind Zeugnis einer umfassenden sozio-politischen Krise in der Region.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Auch die dreijährige Belagerung der Stadt (1992-1995) während des Krieges hat Spuren hinterlassen: Im Umland der Stadt gibt es noch immer Minenfelder. Die Entschärfung der Minen ist gefährlich und schlecht bezahlt.

Frauen organisieren die lokale Unterstützung

Es sind vor allem Frauen, die die lokalen Unterstützungsstrukturen geschaffen haben und bis heute aufrecht erhalten. So auch Zemira, bei der unser Spendenkonvoi seine zweite Station einlegt.

Zemira hat während des Kriegs als Krankenschwester gearbeitet und von Anfang an die Unterstützung in Bihać organisiert. Als wir ankommen, hilft ihr eine Gruppe von Geflüchteten bei der Arbeit. Am Dachboden und in weiteren Zimmern ihres eigenen Hauses hat sie ein umfassendes Lager für gespendete Hilfsgüter eingerichtet. Viele Refugees in Bihać kennen „Mama Zemira“, wie sie von ihnen liebevoll genannt wird. Im Gespräch bekommen wir einen Einblick in ihre Beweggründe und in die Auswirkungen des steigenden Widerstands. Sie erzählt uns, dass sie seit zwei Monaten nicht mehr selbst draußen hilft, weil meistens gleich die Polizei gerufen wird.

Die Stimmungsmache gegen Geflüchtete als auch gegen lokale Unterstützerinnen benennt Zemira als zentrales Hindernis, gute Unterstützungsarbeit leisten zu können. Hat sie anfangs noch viel praktischen Support von Bosnier*innen bekommen, gibt es nun alleine auf Facebook mehrere Gruppen, auf denen gegen Geflüchtete und einzelne Unterstützerinnen wie sie gehetzt wird. Als sie sogar Drohungen erhielt, verlangte ihre Tochter, dass sie mit der Arbeit aufhört. Acht Tage hat sie ihre Arbeit unterbrochen, dann hat sie wieder angefangen. „Ich kann nicht aufhören – das sind die Kinder von jemandem. Ich kann sie nicht leiden sehen“, rechtfertigt sie sich.

„Die Meisten schlafen lieber auf der Straße als in Vučjak“

Die Situation in Vučjak nennt sie eine Schande. Es gibt keinerlei Infrastruktur für die Menschen, die dort hausen, da es weit außerhalb der Stadt liegt. Es gibt weder normale Sanitäranlagen, noch ausreichend Essen, noch Wasser, noch Licht, noch Sicherheit. Die gesundheitliche Situation vieler Menschen ist schlecht, vor allem die vielen Hautwunden und -infektionen bedürften einer viel stärkeren Präsenz von medizinischem Personal, aber das lokale Rote Kreuz ist schon lange überfordert. Zemira kann sich nicht erklären, warum überhaupt ein Lager in Vučjak aufgemacht wurde, da es viel bessere Orte für eine Unterbringung gäbe.

Sie möchte drei Punkte unbedingt festhalten: (1) Wir müssen akzeptieren, dass es Menschen sind, die fliehen. Es sind einfach Menschen, die ein besseres Leben wollen, als das, das sie zurückgelassen haben. (2) Alle sollen helfen, wie sie können. Jede*r kann irgendwie helfen! Das gilt gemäß Zemira auch für Journalist*innen. Diese sollen kritischer arbeiten, vor allem gegenüber der EU und der bosnischen sowie kroatischen Polizei. (3) Die Unterbringung der geflüchteten Menschen muss endlich normalisiert werden. Laut den Geflüchteten ist die Situation nirgendwo so schlimm wie in Bosnien – weder in Griechenland, der Türkei, noch in Serbien. Das macht sie besonders traurig, weil gerade die Leute in Bosnien genau wissen, was es heißt zu fliehen und die Heimat zurückzulassen.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Unterstützerinnen, die sich trotz allem nicht unterkriegen lassen

Die Kriminalisierung der Unterstützerinnen von Geflüchteten steigt an. Das hat nicht nur mit der Repression der Polizei zu tun, sondern auch mit Nachbar*innen, die genau beobachten und oft melden, wenn Stadtbewohner*innen geflüchtete Menschen bei sich aufnehmen.

Trotz dieser schwierigen Situation treffen wir zwei Frauen, die nicht daran denken, ihre Hilfe für Geflüchtete aufzugeben. Diese brauchen dringend warme Schlafsäcke und Winterschuhe, um sie für das Überqueren der Grenze oder „the game“ (wie viele Geflüchtete die Fluchtversuche zynisch nennen) auszustatten. Mehr als einen warmen Ort für ein paar Wochen, Versorgung mit Essen und Kleidung, sowie eine bisschen Menschenwürde, können sie oft nicht geben. Doch allein das zieht für viele Helferinnen schon Einvernahmen bei der lokalen Polizei sowie Ausgrenzung in der Gemeinde nach sich.

Eine der beiden Frauen zeigt uns ein Video, auf dem die Polizei im Ortskern von Bihać Geflüchtete zusammen treibt und sie zwingt in einen Bus nach Vučjak zu steigen. Doch dort wollen wenige bleiben. Die Zustände sind so schlecht, dass die meisten wieder zurück in die Stadt Bihać kommen. Das Treffen dauert nicht lange. Wir vereinbaren, die Spenden in der Nacht vorbei zu bringen, um kein Aufsehen zu erregen.

(Foto: Redaktion)

Die Aktivistin Nahida ist die vorletzte Station des SOS Balkanroute Konvois. Sie bedankt sich für die Spenden. Diese sind gerade vor Wintereinbruch überlebenswichtig. Mehr will und kann sie dazu gar nicht mehr sagen. Sie ist müde und ausgelaugt und sieht auch keinen Sinn mehr in weiteren Interviews. Sie hat oft mit Journalist*innen gesprochen, geändert hat sich aber wenig.

Menschenunwürdige Lebensbedingungen und Misshandlungen

Durch den Besuch bei lokalen Unterstützer*innen, aber auch beim Spazieren durch Bihać kamen wir mit vielen Geflüchteten ins Gespräch. Die meisten haben Monate, wenn nicht sogar Jahre des Weges hinter sich und sind sichtlich von der unzureichenden Versorgung sowie den Misshandlungen der kroatischen Grenzpolizei gezeichnet.

(Foto: Redaktion)

Sie kommen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Syrien, Irak, Palästina und Nord-Afrika und wurden teilweise schon zwei bis drei Mal in ihre Heimatländer abgeschoben, haben sich jedoch wieder auf den Weg nach Europa gemacht.

(Foto: Ben Owen-Browne)

T. aus Pakistan erzählt: „Ich bin seit mehr als zwei Jahren unterwegs. Ich kam über den Iran in die Türkei, und von Mazedonien nach Bosnien. Seit vier Monaten bin ich hier und versuche nach Italien zu kommen. In Pakistan gibt es viele Probleme. Ich muss nach Italien um zu überleben und meine Familie zu unterstützen. Die kroatische Polizei ist ein Problem. Wenn sie uns erwischen, nehmen sie uns alles ab. Rucksack, Schlafsack, Schuhe und verbrennen alles. Sie schlagen uns und zwingen uns ohne Schuhe zurück zu gehen. Andere Länder müssen uns helfen, die Grenzen zu öffnen. Der Winter kommt und jede Person, die ich hier kenne, schläft draußen, da die Camps überfüllt sind.“

Es braucht kritische Berichterstattung

Die Journalistin Nidzara Ahmetasevic ist die letzte Aktivistin, mit der sich unserer Gruppe am Hauptplatz Bihaćs trifft. Ahmetasevic berichtet seit mehr als vier Jahren entlang der Balkanroute. Von Griechenland über Serbien, Kroatien und seit fast einem Jahr aus Bosnien-Herzegovina.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Sie erzählt von zwei großen Problemen, mit denen lokale Aktivist*innen zusätzlich kämpfen: Internationale Helfer*innen die sich selbst ins Rampenlicht stellen, vergessen oft, dass es hier nicht um sie geht. Es sind die Geflüchteten, die tausende von Kilometern gehen, um hier anzukommen. Der Fokus muss auf die geschlossenen Grenzen gelegt werden, nicht auf weiße Voluntär*innen, die sich durch ihre Freiwilligenarbeit besser fühlen. Lokale Netzwerke müssen respektiert werden. Oft haben Menschen, die von außen kommen nicht mal die geringste Ahnung von den politischen Verhältnissen in Bosnien-Herzegowina. Internationale Organisationen und Individuen sollen sich an lokalen Strukturen orientieren, diese unterstützen oder einfach nicht mehr kommen. Dabei betont sie, dass vor allem Spenden von Schlafsäcke und warme Kleidung im Moment wichtig sind, die lokale Bevölkerung könnte diese einfach nicht zur Verfügung stellen.

„Die Lösung sind offene Grenzen“

Die Journalistin wiederholt an diesem Nachmittag, was uns auch schon Unterstützer*innen und Geflüchtete selbst erzählt haben: „Alle berichten im Moment über die schreckliche Situation in Vučjak, aber Vučjak ist nicht das einzige Problem. Die EU sieht Vučjak und andere Orte in Bosnien nicht vorwiegend als humanitäres Problem. Es interessiert sie einen Dreck ob Menschen hier hungrig und krank sind oder sterben. Was sie an Vučjak interessiert, ist, dass das Camp zwei Kilometer von der Grenze entfernt ist. Wir müssen genauso über Orte wie Bira, ein offizielles Lager das von IOM ähnlich wie ein Gefängnis geführt wird, sprechen. Das sind menschenunwürdige Projekte, die von der EU finanziert werden. Eine kritische Berichterstattung muss die EU-Außengrenzen in den Mittelpunkt stellen und aufzeigen, wer das Geld liefert, um diese Situation aufrecht zu erhalten. Der Kern des Problems sind geschlossene Grenzen.”

(Foto:Ben Owen-Browne)

Die Initiative rund um den SOS Balkanroute Konvoi lebt durch den Zusammenschluss verschiedenster Menschen; von Aktivist*innen, Einzelpersonen, Vereinen, Parlamentarier*innen, über Student*innen und Pensionist*innen. Vor allem die vielen Spenden und praktische Unterstützungen haben die Arbeit bisher ermöglicht. Dabei ist das klare Ziel, durch politische Arbeit und praktische Solidarität den kollektiven Kampf gegen das tödliche europäische Grenzregime und für ein menschenwürdiges Leben weiterzutragen.

Der SOS Balkanroute Konvoi plant inzwischen weitere Aktionen und Spendenaufrufe – „…damit aus dem Tropfen auf dem heißen Stein vielleicht irgendwann mehrere Liter werden.”

Infos zu weiteren Spendenterminen des SOS Balkanroute Konvois gibt es in kürze. Infos zur Situation auf der Balkanroute gibt es hier.

Die Fotos sind fast alle von Ben Owen-Browne.

 

Der Frauenfußball-Hype bringt vieles zutage – und nicht nur Gutes. Franziska Wallner, mosaik-Redakteurin und aktive Fußballerin, über emanzipatorische Euphorie, linke Rülpser und Bastionen der Männlichkeit, die endlich fallen müssen.

Vor zwei Wochen startete die Europameisterschaft der Frauen mit dem Spiel Norwegen gegen Niederlande. In Österreich wurde das Turnier zunächst relativ unaufgeregt verfolgt. Medial erschienen Artikel mit Titeln wie „So heiß wird die Fußballparty“, in denen die „Hotness“ der Spielerinnen diskutiert wurde. Danke, Österreich. Das Public Viewing im Wiener WUK war zunächst fast leer. Sogar beim ersten Deutschland-Spiel gegen die Frauenfußball-Granden Schweden waren wir fast alleine vor den Screens. Das hat mich doch gewundert, irgendwie hat es sogar meine Euphorie ein klein wenig geschmälert.

Freudentaumel nach Auftaktsieg

Aber dann! Erster Spieltag, Gruppe C: Österreich, also die Spielerinnen des Nationalteams, geben ihr Debüt bei einer EM. Wir kommen kurz vor dem Anpfiff –und diesmal ist das WUK voll, wir müssen stehen. Egal, die Stimmung ist super. Die Österreich-Trikots und rot-weiß-rot dekorierte Wangen ignoriere ich. Zu glücklich macht es mich, dass die Fußballerinnen tatsächlich die Qualifikation geschafft haben und sich mit den besten Fußballerinnen Europas messen können. Das in einem Land wie Österreich, in dem Frauenfußball viel zu lange belächelt, ignoriert und im besten Fall geduldet wurde.

Das Spiel läuft gut, die Österreicherinnen zeigen eine super Präsenz und pressen, was das Zeug hält. Dann, in der 15. Minute, nach einem super Pass von Zadrazil fällt das Tor von Nina Burger. Die Mini-Menge tobt. Der Spielstand wird bis zum Abpfiff gehalten. Unglaublich. Ich fahre in einem Taumelzustand nach Hause und kann nicht einmal in der U-Bahn mein Grinsen zurückhalten. „Dass ich das noch erleben darf!“, denke ich mir und zerdrücke eine kleine Träne der Rührung. Mein Facebook-Feed ist voll von Jubelmeldungen – klar, ich spiele ja selber Fußball und bin mit hunderten fußballbegeisterten und -spielenden Frauen und Männern vernetzt.

Linke Facebook-Rülpser

Dann die ersten Meldungen aus der linken Blase: „Ist Frauenfußball-Patriotismus guter Patriotismus?“, schreibt wer. „Patriotismus ist reaktionär, auch wenn er durch sportliche Leistungen von Frauen genährt wird“, meint jemand anderes. Oder auch: „Diese verschiedenen Maßstäbe, die da angelegt werden, entlarven so manche ,Linke‘!“.

Wow. Ich bin jetzt keine Linke mehr, sondern eine „Linke“. Auch wenn ich mit solchen Meldungen gerechnet habe, rumort es in meinem Bauch und ich gehe wütend schlafen. Männer, die einfach keine Ahnung haben, was es heißt, in Österreich als Frau Fußball zu spielen – sowieso nicht professionell, davon kann keine leben – haben keinen Genierer, ihre „kritische“ Meinung in die Facebook-Bubble rauszurülpsen. Immer noch wütend wache ich auf und fahre in die Arbeit. Meine Freude über das tolle Spiel ist vergraben unter meiner Wut. Ich MUSS einen Kommentar schreiben.

Die Wörter schießen aus meinem Hirn direkt in meine Finger. Nach einer Stunde ist alles gesagt, was gesagt werden musste. Warum es bei der Euphorie nicht um „Österreich“ geht, sondern um den österreichischen Frauenfußball, dem die notwendige Finanzierung und Förderung der Nachwuchsarbeit vorenthalten wird. Oder dass es nicht falsch und verkürzt ist, bei der Frauen-EM andere Maßstäbe als bei jener der Männer anzusetzen, sondern konsequent und notwendig. Es ist ein Sport, der Frauen jahrzehntelang verboten wurde und noch immer streitig gemacht wird – eigentlich eine wahnwitzige Lächerlichkeit, aber leider Realität in der Alpenrepublik.

Gegen Männerbilder von vorgestern

In einem Land, in dem Fußball der Nationalsport ist, in dem die Stadien und Fußballplätze und Parkkäfige Räume hegemonialer Männlichkeit sind, werden diese bis zuletzt verteidigt. Nicht nur gegen Frauen, auch gegen Männer, die dem gesellschaftlich akzeptierten und geforderten Bild von Männlichkeit nicht entsprechen. Offen schwule Männer im Profifußball? Fehlanzeige. Diese Bastionen der Männlichkeit müssen fallen. Das erfordert viel Mut und Hartnäckigkeit. Das letzte was wir da brauchen können, sind linke Männer, die sich in den falschesten Momenten wichtig machen und uns Steine in den Weg hauen. Oida.

„Posten“. Klick. Ich warte gespannt auf die Reaktionen. Dann die Erleichterung, sie sind gut, ich bekomme Zuspruch und Rückhalt. Offensichtlich hatte ich einen Nerv getroffen.

Die Euphorie kehrt zurück

Die besorgten Stimmen ob der linken Integrität von EM-Zuseherinnen sind leiser geworden und bekommen immer öfter richtig guten Konter. Das wärmt mein Herz, das verwirrenderweise immer noch nicht rot-weiß-rot schlägt. Ich finde meine anfängliche Euphorie wieder. Das Turnier geht weiter, die Überraschungen steigen. Die deutschen Fußballerinnen, die seit 1995 jedes EM-Finale gewonnen haben, scheiden im Viertelfinale aus, genauso die Schwedinnen, die auch viele im Finale gesehen hatten.

Die Zeiten ändern sich. Der Frauenfußball hat einen Qualitätsschub erfahren, was auch die Monopolstellung von deutschen Stars wie Marozsán, Mittag oder Blässe zum Einsturz gebracht hat. Die Spiele sind fast durchwegs auf einem wirklich guten Niveau. Vor allem das niederländische Team lässt mich mit offenem Mund auf die Bildschirme starren. Die Österreicherinnen spielen Unentschieden gegen Frankreich, die nächste Sensation.

„Hans Krankl für Bobos“

Ein paar Tage später finde ich in meinem Facebook-Postfach das Foto eines Artikels mit dem Kommentar „Are you fucking kidding me!“. Ein gewisser Lukas Matzinger, von dem ich zuvor noch nie gehört habe, schreibt einen Kommentar über „Das Dilemma mit dem Frauenfußball.“ Ich traue meinen Augen nicht und kann kaum glauben, dass diese Zeilen tatsächlich frisch gedruckt auf Seite 7 des Falter prangern. Der Inhalt muss nicht weiter diskutiert werden, das haben die Social Media-Community und die LeserInnenbriefe in den darauf folgenden Tagen erledigt. Die Kulturredakteurin der Presse twittert: „Trotteln gibt es überall. Also auch beim Falter“. Ein Freund nennt Matzinger zurecht den „Hans Krankl für Bobos“. Martin Blumenau von FM4 stuft den Text treffend als „machoiden Rülpser“ ein.

Die folgende, gestern erschienenen Falter-Ausgabe ziert ein Sargnagel-Comic zur EM auf der Titelseite. Damit will die Redaktion anscheinend die Wogen glätten. Matzinger bekommt in einem von ihm geführten Interview – war das seine Strafe? – Nachhilfe von der Grünen Landtagsabgeordneten Anna Schiester, die sich doch ein Eitzerl besser als er auskennt.

Was kommt nach dem Frauenfußball-Hype?

Immerhin: Frauenfußball bekommt endlich eine mediale Bühne in Österreich. Nicht nur im deppaten Falter wohlgemerkt. Der ORF zeigt die Spiele, und nach dem siegreichen Elferkrimi gegen Spanien im Viertelfinale gibt es sowieso kein Halten mehr. „Wir“ stehen im Halbfinale! Das Sommermärchen geht weiter! Meine Euphorie ist noch da, auch wenn es einen bitteren Beigeschmack hat, wie viele große Namen und Institutionen urplötzlich ihre Leidenschaft für den Frauenfußball entdeckt haben.

Was kommt danach? Müssen Frauen, die Fußballprofis werden wollen, weiterhin das Land verlassen? Finden sich endlich mehr Sponsoren? Wie lange redet sich der SK Rapid noch raus, wann gründet er endlich ein Mädchen- und Frauenteam? Und die anderen großen Vereine? Ich bin gespannt und habe eine klitzekleine Hoffnung, dass der EM-Hype nicht gleich erlischt. Dass sich nachhaltig was geändert hat. Heute geht’s aber erstmal gegen Dänemark ins Halbfinale!

Franziska Wallner spielt seit 13 Jahren Fußball, derzeit beim FC Mariahilf auf dem linken Flügel, im Mittelfeld oder in der Außenverteidigung. Sie studierte Politikwissenschaft und Geographie und ist mosaik-Redakteurin.

Der provokante Titel dieses Textes ist bewusst so gewählt, kann er doch auf zweierlei Arten interpretiert werden. Einerseits spiegelt er die aufgesetzt besorgte Linie der Mainstream-Medien wider, die den Praterstern „verfallen“ sehen. Andererseits müssen wir uns fragen, ob der Praterstern als öffentlicher Raum noch gerettet werden kann, als Raum, in dem Jede* und Jeder* einen Platz hat und sich nicht vor polizeilicher Gewalt, absoluter Überwachung, oder Vertreibung fürchten muss.

Der Praterstern – eine gefährliche Angelegenheit?

Der Praterstern, oder „Stern“ wie ihn viele, die dort ihre Tage verbringen, nennen, hat es seit einiger Zeit vermehrt in die Schlagzeilen geschafft. Er gilt – neben der U6-Linie –, als „Hot-Spot“ für Gewalt – insbesondere an Frauen* – und Drogenhandel. Ein weiterer Wiener Raum, der nicht „unter Kontrolle“ zu bekommen ist. Doch wer/was soll eigentlich unter Kontrolle gebracht werden? Um wessen Sicherheitsgefühl geht es? Und welche politischen und wirtschaftlichen Interessen stecken hinter der schrillen öffentlichen Debatte und werden von dieser überlagert?

Die Umgestaltung des Pratersterns – und was damit erreicht werden sollte

Der Praterstern ist ein Ort, an dem täglich hunderttausende Menschen vorbeikommen, verweilen und konsumieren. Er ist nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern auch Tor zum grünen Prater sowie zum Wurstelprater. Gelegen im 2. Bezirk, ist er auch von zahlreichen Stadterneuerungs- und Aufwertungsprojekten der letzten Jahrzehnte erfasst worden. In den späten 1990ern startete die sogenannte „Bahnhofsoffensive“ von ÖBB und Verkehrsministerium. Ein milliardenschweres Projekt, mittels derer eine umfassende Modernisierung von österreichischen Bahnhöfen in Auftrag gegeben wurde. Der Bahnhof am Praterstern wurde im Zuge dessen von 2005-2007 umgebaut und pünktlich zur Europameisterschaft 2008 neu eröffnet. Der Bahnhof erstrahlte in verglastem Glanz und fügte sich optimal in den Trend ein: Bahnhöfe unter dem Deckmantel der „Modernisierung“ in Konsumtempel ohne öffentliche Räume zu verwandeln. Benutzer*innen des Bahnhofs wurden zu Konsument*innen gemacht und diejenigen, die aus der Rolle fielen, sei es durch Alkohol- oder Drogenkonsum oder auch einfach nur durch „Herumlungern“, wurden, noch stärker als zuvor, zu störenden Elementen.

Wessen „Sicherheit“ kommt auf die mediale und politische Agenda?

Medial und politisch wurde der Praterstern insbesondere mit Bezug auf zwei „Probleme“ zu einer „No-Go-Area“ erklärt. Im Mittelpunkt steht einerseits seine Rolle als Aufenthaltsort für Menschen, die zum Beispiel keine Wohnung haben oder kein Geld um Lokale mit Konsumpflicht zu nutzen. Bahnhöfe und ihrer unmittelbaren Umgebung kommt aber eine wichtige Aufgabe zu: Sie bieten Raum, Zuflucht, Treffpunkte – oft eine Art zu Hause. Ein Nutzer des Pratersterns sagt in der Dokumentationsserie „Am Schauplatz“: „Wennst Probleme hast, kommst daher und erzählst sie. (…) Ohne Stern hätte ich nicht überlebt. (…) Er hat mich aufgenommen, der Stern, wir sind eine Familie. Da sauft jeder mit jedem.“ Der Praterstern hat also eine wichtige soziale Funktion für Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind. Dass sich an Orten, an denen auch Alkohol oder Drogen konsumiert werden, das Konfliktpotential verdichtet, möchte ich gar nicht bestreiten. Doch statt dem Praterstern seine Rolle als soziales Zentrum zuzugestehen, werden bestimmte Nutzer*innen zu „Problemmachern“ erklärt, die „ausgelagert“ werden sollen.

Andererseits berichteten Medien in den letzten Wochen über stark zugenommene sexuelle Übergriffe an Frauen* in öffentlichen Räumen – auch am Praterstern. Dabei ist die Vermischung der unterschiedlichen instrumentalisierten Ängste und Bedrohungen aus mehreren Gründen problematisch, da Journalist*innen insbesondere einen Aspekt hervorheben: Die Herkunft oder die Religion der Täter*. Gewalt gegen Frauen* muss immer thematisiert und ernst genommen werden, allerdings nicht nur, wenn damit rassistische Vorurteile bedient werden können. Doch genau das ist passiert! Ausgeblendet bleibt hingegen der Großteil der Gewalt gegen Frauen*: alltägliche sexistische Grenzüberschreitungen, Gewalt an geflüchteten Frauen*, häusliche Gewalt oder auch rassistisch motivierte Übergriffe auf Musliminnen*. Ausgeklammert bleibt auch, dass es insgesamt keinen Anstieg an Sexualstraftaten gab – dies hat die Polizei im Mai diesen Jahres bestätigt. Übergriffe im öffentlichen Raum gegen Frauen* gab es immer schon, allerdings war das Interesse von Seiten der medialen und politischen Öffentlichkeit für eine Thematisierung nicht ausreichend. All dies zusammen zeigt insbesondere eines: wie heuchlerisch der plötzliche Aufschrei um den Praterstern ist.

Diese einseitige Berichterstattung sowie die Koppelung der beiden Probleme führte dazu, den Praterstern als insbesondere für Frauen* unsicheren Ort zu etablieren. Viele fühlen sich tatsächlich unsicherer, und es ist genau dieses „subjektive (Un-)Sicherheitsgefühl“, das schließlich für die Erhöhung von Polizeipräsenz, verstärkter Überwachung und Kontrolle immer wieder beschworen wird. Doch um wessen Sicherheitsgefühl und welche Sicherheit geht es eigentlich? Wir sollten uns die Frage stellen, warum das Gefühl von Unsicherheit momentan so stark an Bedrohungen „von außen“ oder an als „fremd“ bezeichnete Personen gekoppelt ist. Tatsächlich wird unser Leben doch durch so viel mehr immer unsicherer: Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlte und unsichere Jobs, grassierenden Rassismus, unleistbare Mieten, das Leben am oder unter dem Existenzminimum oder durch den fehlenden Zugang zu Sozialleistungen oder Mitbestimmung (wie bei Asylwerber*innen).

Die Angst von Frauen* vor männlicher Gewalt und sexuellen Übergriffen ist selbstverständlich berechtigt. Denn Gewalt gegen Frauen* passiert täglich, in allen Kontexten und quer durch die Gesellschaft. Sie passiert zu Hause, am Arbeitsplatz, im Internet, und auch im öffentlichen Raum. Es ist aber nicht nur falsch und gefährlich, anzunehmen, dass unser aller Sicherheit erhöht wird, solange öffentliche Räume nur stark genug überwacht, kontrolliert und von als gefährlich eingestuften Menschen „gesäubert“ werden. Es lenkt in erster Linie auch von den strukturellen Unsicherheiten, die unser Leben bedrohen, ab.

Aufgewertete Räume – abgewertete Menschen

In dieser Debatte um „Sicherheit“ geht ein zentraler Aspekt unter: Prozesse städtischer Aufwertung und die Profitlogik, die auch vor urbanen Räumen nicht Halt macht – nicht mal im „Roten Wien“. Der Neubau des Bahnhofs am Praterstern sowie die Neugestaltung seines Vorplatzes ist Teil eines umfassenden Stadtentwicklungsplans, der unter anderem die Neugestaltung der Messe Wien, den Bau des WU Campus (Wirtschaftsuniversität), die Bebauung der Krieau sowie die beiden Stadtentwicklungsgebiete Nordbahnhof und Nordwestbahnhof beinhaltet. Vor dem Hintergrund, dieses Gebiet in der Leopoldstadt aufzuwerten und massiv darin zu investieren, verwundert es nicht, dass bestimmte Menschen und Gruppen nun als störend dargestellt werden. So wurde ja auch die jahrhundertealte Sexarbeitsszene im 2. Bezirk fast gänzlich illegalisiert.

Praterstern für alle! Wien für alle!

Dem gegenwärtigen Trend, öffentliche Räume immer weiter einzuschränken, zu überwachen und für bestimmte Menschen zu verbieten, muss entschieden entgegengetreten werden. Städte sind Orte des Aufeinandertreffens und der Diversität, sie müssen allen Menschen, nicht nur im Verborgenen, Platz bieten. Frauen* müssen öffentlichen Raum immer benutzen können – ohne Benimmregeln und Vorsichtsmaßnahmen. Ständige Identitätsfeststellungen im öffentlichen Raum von Menschen die als „fremd“ eingestuft werden, seitens der Polizei, müssen wir als diskriminierend benennen und bekämpfen. Der Praterstern ist ein Paradebeispiel für neoliberale Stadtentwicklung und die Vorstellung davon, wie „moderner“ öffentlicher Raum auszusehen hat und wer ihn benutzen darf. Dagegen müssen wir uns wehren und die Stadt zurückerobern, als Ort mit tatsächlich öffentlichen Räumen, ohne Konsumzwang und für alle – das ist unser urbanes Recht.

Anmerkung: Ich verwende in diesem Artikel das * statt dem Binnen-I, um auf die Vielfalt von Geschlechteridentitäten hinzuweisen und diesen Platz zu geben.

Franziska Wallner ist Redakteurin bei Mosaik, hat Politikwissenschaft und Geographie studiert und interessiert sich vor allem für kritische Stadtforschung und feministische Geographie.

Theresa Mayr* betreut fünfmal die Woche nachmittags eine Gruppe von 20 Kindern an einer Wiener Volksschule. Ihre Berufsbezeichnung lautet Freizeitpädagogin, und der dazugehörige Lehrgang wird erst seit wenigen Jahren angeboten. Mosaik-Redakteurin Franziska Wallner fragt im Interview nach Freuden und Herausforderungen ihres Arbeitsalltags und wieso man sich nicht einfach in fremde Büros stellt.

Franziska Wallner: Du hast vor einigen Jahren die Ausbildung zur Freizeitpädagogin gemacht. Wie bist du auf diesen noch recht jungen Lehrgang gestoßen? Und was hat dich motiviert?

Theresa Mayr: Stimmt, der Lehrgang ist noch jung, ich glaube erst vier oder fünf Jahre alt. Eine Freundin, die die Ausbildung gleich im ersten Jahr gemacht hat, hat sie mir empfohlen. Sie wird vormittags oder abends angeboten, daher ist sie gut mit einer Teilzeitarbeit kombinierbar. Das hat mich angesprochen. Ich wollte weiterhin im pädagogischen Bereich arbeiten, und die Chancen, mit dieser neuen Ausbildung einen stabilen Job zu finden, schienen gut.

Wie ging es nach dem Abschluss der Ausbildung weiter? Du arbeitest jetzt an einer Volksschule?

Genau, an einer offenen Volksschule der Stadt Wien. Ich betreue fünfmal die Woche eine Schulklasse, die ich gegen Mittag von der Lehrperson übernehme, bis zum frühen Abend. Ich bin 32 Wochenstunden angestellt, ein kleiner Teil dieser Zeit dient auch der Vorbereitung, Planung und Dokumentation. Es wird mit den Kindern gemeinsam gegessen, gespielt, und es werden Projekte abgehalten. Die durchschnittliche Gruppengröße liegt ungefähr bei 20 Kindern. Sehr positiv sehe ich das Seminarangebot, das wir an schulfreien Tagen in Anspruch nehmen. Diese Fortbildungen sind oft wertvoll und unterstützen auch den Austausch mit KollegInnen aus anderen Schulen.

Was gefällt dir an deinem Alltag an Freizeitpädagogin? Und worin siehst du die größten Herausforderungen deiner täglichen Arbeit?

Schön ist, dass man nicht an einen festen Lehrplan gebunden ist und deshalb nach Gruppenbedürfnis und auch nach eigenen Stärken Projekte und Alltag gestalten kann. Außerdem ist man ein Anker für die Kinder – und zwar in einer Zeit, in der viel passiert und viel von ihnen verlangt wird: sowohl schulisch, als auch von Eltern und Umwelt. Man kann ihnen ein Stück Stabilität geben, daraus ergeben sich auch schöne Beziehungen.

Herausfordernd ist es oft, den Bedürfnissen vieler Kinder so gerecht zu werden, dass sich ein für alle gut lebbarer Alltag ergibt. Nach dem Stillsitzen und der Konzentration am Vormittag ist es natürlich nicht einfach, eine Gruppe zu führen. Dabei spielen standortspezifische Gegebenheiten wie bespielbare Innen- und Außenflächen und die finanziellen Mittel der Eltern (im Hinblick auf Ausgänge und Projekte) eine große Rolle. Nicht zu unterschätzen ist, dass unsere Tätigkeit körperlich sehr anstrengend ist. Man ist dauernd in Bewegung, muss dauernd hinter einem Kind her, sich bücken und einfach viel herumlaufen. Dazu kommt auch der dauernde Lärm. Kinder im Volksschulalter sind laut, das ist einfach so. Man gewöhnt sich zwar an den Lärmpegel, aber nach einem Nachmittag in der Schule bin ich physisch und psychisch einfach ziemlich erschöpft.

Was unterscheidet dich von einer Volksschullehrerin? In welchen Punkten siehst du deine Arbeitsbedingungen gegenüber denen eines Lehrers oder einer Lehrerin an deiner Schule erschwert?

Wir haben weniger Ferien, das ist natürlich ein Nachteil [lacht]. Druckmittel wie Noten, auch Verhaltensnoten, stehen uns nicht zur Verfügung, weshalb wir noch stärker auf unsere Performance und die Bindung zu den Kindern angewiesen sind. Leider sind wir finanziell nicht annähernd mit LehrerInnen gleichgestellt, und das fällt dann besonders unangenehm auf, wenn sich Arbeitsbereiche überschneiden.

Wer ist eigentlich euer Arbeitgeber?

Die Wiener Kinder- und Jugendbetreuung – das ist ein gemeinnütziger Verein, der vor zwanzig Jahren gegründet wurde und in Wien rund 90 Schulstandorte mit mehr als 25.000 Kindern betreut. Er arbeitet mit  dem Stadtschulrat zusammen.

Welche Forderungen wären aus deiner Sicht die wichtigsten, um deine Situation und die deiner KollegInnen zu verbessern?

Ich würde mir eine Aufwertung unserer Tätigkeit in der allgemeinen Wahrnehmung wünschen. Dann käme es seltener zu Situationen, in denen Eltern entscheiden wollten, wie die Nachmittagsbetreuung im Detail auszusehen hat. Es kommt beispielsweise vor, dass Eltern einfach in den Gruppenraum kommen und sich in die Arbeit einmischen, Tipps und Tricks und Anleitungen geben wollen. Wenn man sich die Situation anders herum vorstellt – ich stehe plötzlich im Büro einer Mutter oder eines Vaters und weise sie oder ihn darauf hin, wie sie oder er ihre bzw. seine Arbeit besser zu machen hat –, gibt das schon ein absurdes Bild ab.

Nur selbstverständlich wäre es eigentlich, dass wir die gleiche Zulage wie LehrerInnen für Arbeitsbereiche erhalten, die alternativ von FreizeitpädagogInnen oder LehrerInnen erledigt werden. Dazu zählt etwa die Leitung der Nachmittagsbetreuung an Schulen.

Wie gut kommst du mit deinem Gehalt aus? Hat die Bezahlung etwas damit zu tun, dass in deinem Feld, wie fast immer im pädagogischen Bereich, bei Weitem mehr Frauen arbeiten?

Unser Einkommen entspricht in etwa dem Einkommen von KindergartenpädagogInnen. Selbstverständlich ist der Bereich der betreuenden – und nicht in erster Linie lehrenden – Pädagogik traditionell unterbezahlt und unterbewertet. Innerhalb der Freizeitpädagogik arbeiten in den letzten Jahren aber erfreulicherweise immer mehr Männer. Durch den vermehrten Ausbau von ganztägig geführten Pflichtschulen werden wir an der vermehrten Wahrnehmung und – hoffentlich – Aufwertung dieses Berufsfeldes nicht herumkommen.

Theresa Mayr* ist gelernte Einzelhandelskauffrau, Mutter zweier Söhne und seit drei Jahren Freizeitpädagogin an einer Volksschule in Wien.

Franziska Wallner ist Redakteurin bei Mosaik, hat Politikwissenschaft und Geographie studiert und interessiert sich vor allem für kritische Stadtforschung und feministische Geographie.

*Name von der Redaktion geändert.

Die stückweise Verdrängung von Sexarbeiterinnen aus dem öffentlichen Raum ist ein europäischer Trend, dem auch Wien folgt. Das „Wiener Prostitutionsgesetz 2011“, maßgeblich von den Interessen von Wirtschaft und Anrainer_innen beeinflusst, hat die Stoßrichtung vorgegeben: „Sichtbare“ Sexarbeit muss aus dem Stadtbild verschwinden. Doch das geht auf Kosten der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen. Das wirft die Frage auf: Wer hat eigentlich ein „Recht auf Stadt“ – und wer nicht?

Sexarbeiterinnen, die im öffentlichen Raum um Kunden werben, waren bis vor ein paar Jahren ein ganz alltäglicher Teil des Wiener Stadtbildes. Ob am Gürtel, im Prater, in der Linzer- oder Felberstraße – der sogenannte Straßenstrich war nicht nur ein Teil der Wiener Sexarbeitszene und Arbeitsplatz, er war auch Teil von Wien.

Der Straßenstrich in Wien – Reality Check

Als 2011, nach langen politischen und (scheinbar) öffentlichen Diskussionen, das neue „Wiener Prostitutionsgesetz 2011“ (WPG) von der rot-grünen Stadtregierung unter Federführung von Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) erlassen wurde, war vor allem die sogenannte sichtbare Anbahnung, also das Werben um Kunden im öffentlichen Bereich, von den rechtlichen Neuerungen betroffen. In der medialen Berichterstattung wurde vor allem ab 2010 eine Richtung eingeschlagen, die den Diskurs um Sexarbeit und Anbahnung im öffentlichen Raum maßgeblich beeinflusste. Regelmäßig wurde von dem „ausuferndem Straßenstrich“ geschrieben, der angeblich „unter Kontrolle“ gebracht werden musste. Tatsächlich waren es in den Jahren 2010/2011 nur 120 bis 180 Frauen, die auf den Straßen Wiens anbahnten – von insgesamt rund 2.500 registrierten Sexarbeiterinnen in der Stadt.  Trotzdem drehte sich die Debatte, die schlussendlich zum neuen Gesetz 2011 führte, fast ausschließlich um den Straßenstrich. Dieses Gesetz hatte auch nicht, wie Frauenberger es gerne medienwirksam formulierte, das Wohl der Frauen im Sinne. Im Kern ging es vielmehr um die gesetzlich verordnete Trennung von Wohngebiet und Outdoor-Sexarbeiterinnen. Diese wurden im Prozess der Gesetzesausarbeitung, obwohl sie die direkt Betroffenen waren, in keiner Weise eingebunden – ein Vorgehen, das bei keiner anderen Berufsgruppe denkbar wäre. Letztlich führte das Gesetz auch keineswegs zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen – ganz im Gegenteil.

Das Erschaffen einer Problemsituation

Die Situation am Straßenstrich wurde vor dem Gesetzeserlass 2011 oft als beengt und prekär bezeichnet. Doch das lag nicht daran, dass zu viele Sexarbeiterinnen auf die Straßen Wiens drängten. Vielmehr war der öffentliche Raum, in dem die Anbahnung legal erfolgen konnte, in den Jahrzehnten vor der Gesetzesnovelle immer weiter eingeschränkt worden. Daher kam es trotz einer kleiner werdenden Anzahl an Outdoor-Sexarbeiterinnen zunehmend zu Platzmangel und immer lauter werdenden Anrainer_innenprotesten, allen voran der „Bürgerinitiative Felberstraße“ im 15. Wiener Gemeindebezirk. Letztere, ein kleines Grüppchen um die Wohnungseigentümerin Gabriele Schön, verstand es, Sexarbeiterinnen sowie Streetworkerinnen von Organisationen wie LEFÖ, das Leben schwer zu machen. Zudem gelang es ihr durch zahlreiche Medienauftritte und Vernetzungsarbeit Druck auf politische Entscheidungsträger_innen aufzubauen. Um die Anrainer_innen zu beruhigen – und vor allem in Hinblick auf die anstehenden Wiener Landtags- und Gemeinderatswahlen im Herbst 2010 – versuchte die SPÖ-Stadträtin Sandra Frauenberger mit einem sogenannten „7-Punkte-Programm“ zunächst den Straßenstrich auf zwei andere Straßenzüge im 15. Bezirk zu verlagern. Dieser Versuch scheiterte massiv, was vor allem daran lag, dass in den gesamten Ausarbeitungs- und Umsetzungsprozess keine Sexarbeiterinnen involviert wurden. Die angedachten Straßen waren für Anbahnung absolut ungeeignet und wurden entsprechend nicht angenommen.

Zugleich wurde eine Neufassung des Prostitutionsgesetzes angekündigt, welches dann relativ schnell nach den Wahlen gemeinsam mit dem neuen grünen Koalitionspartner ausgearbeitet wurde und im November 2011 in Kraft trat. Immer wieder wird betont, dass die Ausarbeitung ein langer und intensiver Prozess zwischen einer Vielzahl von Akteur_innen aus Politik, Exekutive, NGOs und „sogar“ Sexarbeiterinnen gewesen sei. Wenn jedoch der Inhalt und die praktischen Konsequenzen des WPG 2011 in den Blick genommen werden, wird schnell klar, dass die Interessen und Bedürfnisse derjenigen, die das Gesetz eigentlich betrifft, die Sexarbeiterinnen selbst, überhaupt keinen Einfluss auf das Ergebnis hatten. Die zentrale Forderung der Sexarbeiterinnen – das Aufheben der Verbotszonen für Outdoor-Sexarbeit – wurde ins Gegenteil verkehrt. Anbahnung im öffentlichen Raum wurde gänzlich aus dem Wohngebiet verbannt.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Bereits eine Woche nach Inkrafttreten des Gesetzes waren die vormaligen Hotspots im Westen Wiens wie Felber- oder Linzerstraße wie leergefegt, was durch intensive Kontrollen und Bestrafungen seitens der Exekutive erreicht wurde. Eine neue, nicht im Wohngebiet gelegene Anbahnungszone wurde im dunklen und abgelegenen Auhof gefunden. Doch schon Mitte November nahmen die offiziellen Stellen die zuvor ausgesprochene Empfehlung zurück, da „…die Sicherheit der Frauen nicht gewährleistet werden kann“. Diese Floskel ist nicht nur angesichts des tatsächlichen Ziels des Gesetzes – Sexarbeiterinnen an den Stadtrand und in die abgelegenen Industriegebiete zu verdrängen – unglaublich dreist, sie verharmlost auch, welcher Gewalt Sexarbeiterinnen im Auhof tatsächlich ausgesetzt waren.

Auch im 2. Bezirk, traditionell ein Zentrum der Sexarbeit in Wien, wurde legale Sexarbeit schrittweise unmöglich gemacht. 2012 wurde der Prater per Erlass zur Verbotszone erklärt und 2013 das Gebiet um die neu eröffnete Wirtschaftsuniversität (WU) zum Wohngebiet umgewidmet. Das erklärte Ziel der Gesetzgeber_innen, die Zahl der Sexarbeiterinnen, die im öffentlichen Raum anbahnen – also sichtbare Sexarbeiterinnen – zu reduzieren, ist klar erreicht worden: Nur noch 15 bis 30 Frauen arbeiten Outdoor, und zwar im 21. und 23. Bezirk, ohne jegliche Infrastruktur wie öffentliche Toiletten, geschweige denn Stundenhotels in unmittelbarer Nähe. Dass Sandra Frauenberger das WPG als Erfolg für  Sexarbeiterinnen verkauft, ist blanker Hohn. Auch die vielgelobte Verlagerung der Sexarbeit vom Outdoor- in den Indoor-Bereich, bedeutet keineswegs automatisch eine höhere Sicherheit für Sexarbeiterinnen. Tatsächlich werden Frauen durch eine Einschränkung ihrer möglichen Arbeitsorte in immer unsicherere und prekärere Arbeitsverhältnisse gedrängt.

Doch es darf bei diesem Thema nicht nur um (schein-)moralische Entrüstung gehen. Eine entscheidende treibende Kraft bei der Verdrängung von Sexarbeiterinnen aus dem öffentlichen Raum ist die Verwertung der Stadt, also das Ziel, den urbanen Raum Profitkriterien zu unterwerfen. Die Wiener Wirtschaftskammer (in Person von Ing. Josef Bitzinger) genauso wie die Wirtschaftsuniversität (mit dem damaligen WU-Direktor Christoph Badelt) haben sich in die Debatte um den Straßenstrich im 2 .Bezirk eingeklinkt und erfolgreich Lobbyarbeit betrieben: Stadtpolitik und Wirtschaft gaben sich gegenseitig Rückendeckung. So wie im Stuwerviertel im 2. Bezirk stiegen auch in der Felberstraße im 15. Bezirk die Immobilienwerte nach den Verboten der Outdoor-Sexarbeit sprunghaft an. Die „Säuberung“ innerstädtischer Räume von marginalisierten und stigmatisierten Gruppen ist die Kehrseite neoliberaler „Stadtaufwertung“. Dieser globale Trend hat in den letzten Jahren auch in Wien unglaublich an Bedeutung gewonnen.

Das Recht auf Stadt und öffentlichen Raum muss für alle gelten!

Öffentlicher urbaner Raum ist eine zentrale Qualität von Städten. Gleichzeitig ist er immer umkämpft: Wer hat wie Zugang zu welchen Orten in der Stadt? Welche Stadtbewohner_innen werden als willkommen anerkannt, welche sollen möglichst unsichtbar bleiben? Die Forderung nach einem „Recht auf Stadt“ bedeutet auch, ein „Recht auf Differenz“ einzufordern: Alle Menschen sollen gleiche Rechte auf den Zugang zu urbanen Räumen haben, auch wenn sie von dem abweichen, was von offiziellen Stellen als „normal“ definiert wird. Es geht dabei nicht darum, sie bloß zu „akzeptieren“ oder darum, dass sie konkrete Räume benutzen dürfen. Es bedeutet vielmehr das Recht auf den Zugang zu politischen Debatten, darauf, sich die Stadt kollektiv wiederanzueignen und gemeinsam die zukünftige Entwicklung auszuhandeln.

Damit Sexarbeiterinnen (und Sexarbeiter) eine reale Chance haben an einer solchen Debatte teilzunehmen, muss aber zuerst eine Reihe grundlegender Forderungen erfüllt werden. Dazu gehören die Einführung von Berufsrechten, die Förderung von Gewerkschaften und Selbstorganisierung, die Legalisierung des Straßenstrichs, das Abschaffen der gesetzlich verordneten Kontrolluntersuchungen, die Rücknahme der umfangreichen Polizeibefugnisse, oder auch Kampagnen zur Entstigmatisierung von Sexarbeit. Nur wenn die Position von Sexarbeiterinnen gestärkt wird und sie als Akteurinnen mit eigenen, legitimen Interessen anerkannt werden, können Sexarbeiterinnen ihr „Recht auf Stadt“ wirksam einfordern.

Franziska Wallner ist Redakteurin bei Mosaik, hat Politikwissenschaft und Geographie studiert und interessiert sich vor allem für kritische Stadtforschung und feministische Geographie.

 
Nach oben scrollen