Unter Palmen: „Politisch haben wir uns zwischen die Stühle gesetzt“

Foto: Unter Palmen

Im Sommer 2016 erschien die erste Ausgabe von „UNTER PALMEN“. Seither sind fünf weitere Ausgaben erschienen, einen Podcast und einen erfolgreichen Telegram-Newsletter gibt es außerdem. Im Interview mit Teresa Perik spricht Redakteur Levin Weiher über die Anfänge als autonome Gruppe, die Unterschiede zu anderen linken Zeitungen und Leser*innen, die nicht studieren.

Mosaik: Es gibt sehr viele linke Zeitschriften. Alleine in Wien ist es schwer, die Übersicht zu behalten. Was unterscheidet euch von anderen linken Zeitschriften?

Levin Weiher: Ich würde sagen, wir erfüllen politisch eine andere Funktion als klassische Theorie- und Debattenzeitschriften. Es geht uns nicht darum, Fachdiskurse zu führen oder tagespolitisches Geschehen zu analysieren. Stattdessen wollen wir einzelne theoretische Impulse setzen und dabei Lust auf Gesellschaftskritik machen. Dieser Anspruch schlägt sich auch in der Gestaltung der Zeitung nieder. Wir versuchen auf akademischen Sprech zu verzichten, setzen gezielt auf ein eher lockeres Layout und abwechslungsreiche Textformate.

Wer sind die Leute, die ihr damit erreichen wollt?

Uns ist klar, dass wir vor allem Leute erreichen, die sich selbst als links oder kritisch verstehen. Von denen versuchen wir möglichst viele Leute abzudecken, darunter auch gezielt jene, die noch nicht politisch organisiert sind. Dabei hilft sicher, dass unsere Zeitung kostenlos ist. Politisch sitzen wir ein Stück weit zwischen den Stühlen – oder haben uns auch absichtlich zwischen die Stühle gesetzt. Dass wir an keine Organisation angegliedert sind, macht es für uns leichter, in unterschiedliche Ecken der Linken Kontakte zu knüpfen.

Glaubst du nicht, dass ihr hauptsächlich Leute aus dem linken, studentischen Milieu erreicht?

Da hast du Recht, unsere Kernleser*innenschaft sind sicher Studierende. Wir versuchen aber aktiv Schritte zu setzen, um aus der studentischen Blase rauszukommen,. Wir verteilen unsere Zeitung zum Beispiel gezielt an Schüler*innen. Außerdem arbeiten wir mit Versandhändler*innen für Kleidung oder Musik zusammen, die dann unsere Zeitung bei ihren Bestellungen mitschicken.

Eure Zeitung heißt „UNTER PALMEN“. Wie seid ihr auf den Namen gekommen?

Als wir das Projekt gestartet haben, wollten wir uns gezielt einen Namen geben, der positiv assoziiert ist. Es sollte nicht bieder sein oder zu sehr nach linker Theoriezeitschrift klingen. Darüber hinaus haben wir aber eigentlich keine gemeinsame Interpretation des Namens. Für mich persönlich war das damals eine Assoziation mit dem „schönen Leben“, heute finde ich diese Verbindung mäßig sinnvoll. Mit der Offenheit war auch eine gewisse inhaltliche Beliebigkeit verbunden, es ist in sehr viele Richtungen offen. Rückwirkend betrachtet würde ich sagen, wir hätten uns anders nennen sollen, um dem Projekt von vornherein eine klarere Stoßrichtung und Verortung zu geben.

Was ist die Entstehungsgeschichte eurer Zeitung?

Ein Genosse und ich haben in Berlin bei der Zeitschrift „Straßen aus Zucker“ mitgearbeitet und dort mitbekommen, wie die es relativ erfolgreich schaffen, linke Theorie niederschwellig zu vermitteln und auch einem jungen Publikum zugänglich zu machen. Wir sind dann beide gleichzeitig nach Wien gezogen und haben uns vorgenommen, hier etwas vergleichbares hochzuziehen. Am Anfang haben wir gearbeitet wie eine klassische autonome Gruppe: Das Plenum hat alles entschieden, es gab relativ wenig Arbeitsteilung, der Grad der Professionalisierung war gering.

Hat sich das seitdem verändert?

Vor einem Jahr haben wir gesagt, damit unsere Arbeit weiterhin Sinn macht, müssen wir das Projekt auf neue Beine stellen und eine Professionalisierung voranzutreiben. Wir haben die Zeitung dann neu aufgesetzt. Jetzt haben wir ein neues Design, setzen mehr auf Illustrationen und sind in Bezug auf unsere Formate vielfältiger geworden. Mit der Entscheidung, unsere Arbeit neuaufzustellen, haben wir uns auch ein Stück weit aus der Tradition politischer Organisierung, aus der wir gekommen sind, rausbewegt. Wir sind keine autonome Gruppe mehr. Damit einher ging der Aufbau von Mitgliederstrukturen und die Gründung eines Vereins.

Was war der Auslöser für diesen Prozess?

Irgendwann wurde uns klar, dass wir über den kleinen Kreis, den wir bis dahin erreicht haben, hinauskommen wollen. Dafür mussten wir ansprechender werden, strukturierter arbeiten und mehr mittel- und langfristige Perspektiven entwickeln. Deshalb haben wir auch begonnen an unseren redaktionellen Fähigkeiten zu arbeiten und daran, Texte zugänglicher zu gestalten.

Was ist eure Blattlinie?

Weil wir in Bezug auf unsere politischen Vorerfahrungen auch innerhalb der Redaktion relativ divers sind, ist das gar nicht so eindeutig. Wir teilen zwar ein gemeinsames Grundverständnis in vielen politischen Fragen, wenn es konkreter wird, sind wir uns aber oft genug uneinig. Daher haben abweichende Positionen auch immer Platz bei uns. Wir haben nicht den Anspruch, dass wir hinter allem, was unsere Autor*innen schreiben, zu hundert Prozent stehen müssen. Was uns auf jeden Fall verbindet, ist der Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Wohlstand allen zugute kommt und Gewalt Geschichte ist.

Hat sich das mit der Professionalisierung verändert?

Ja, auf alle Fälle. Zu Beginn war das Texte Schreiben ein sehr kollektiver Prozess und es wurde über jeden Text gemeinschaftlich entschieden. Mittlerweile haben wir auch Lust daran gefunden, Widersprüche sichtbar zu machen, anstatt für alles vorab einen Kompromiss zu finden.

Ich hatte in den letzten Monaten den Eindruck, dass ihr auch versucht, an innerlinken Debatten teilzuhaben und zu intervenieren. Wie siehst du da eure Rolle?

Ein Beispiel ist die Diskussion um die Frage, ob es als Linke Sinn macht, sich als Partei zu organisieren und innerhalb parlamentarischer Strukturen zu arbeiten. Die gewinnt gerade wieder an Schwung und Brisanz, unter anderem weil es mit „LINKS“ und den Jungen Linken neue, und in einem gewissen Maß erfolgreiche Projekte gibt. Unsere Rolle sehe ich darin, dieser Diskussion Raum zu verschaffen und unterschiedliche Leute mit sehr verschiedenen strategischen Ausrichtungen zusammenzubringen, um genau über diese Fragen zu diskutieren. Gemacht haben wir das zum Beispiel bei einer Diskussionsveranstaltung im Dezember.

Welche Rolle spielt man als Zeitung in der Linken?

Wenn es uns als Linken darum geht, handlungsfähig zu sein und Gesellschaft aktiv mitgestalten zu können, dann braucht es vor allem Organisationen, die es schaffen, viele Leute einzubinden und konkrete Interessen zu organisieren. Eine Zeitung kann das nicht ersetzen, aber sie kann eine wichtige Ergänzung darstellen.

Apropos unterschiedliche Formate: Ihr seid ja nicht nur eine Zeitung, sondern verwendet unterschiedlichste Kanäle. Wie funktioniert das?

Wir wollen verschiedene Formate und Interessen bedienen, um auch Themen unterschiedlich behandeln zu können. Neben der Zeitung veröffentlichen wir den Schirmchen und Streusel-Podcast und betreiben einen Telegram-Newsletter, der jeden Montag erscheint, und den ca. 900 Leute abonniert haben. Dort sammeln wir verschiedenste Veranstaltungsempfehlungen und Lesetipps zu aktuellen Ereignissen. Auch damit erreichen wir nochmal andere Leute.

Wo siehst du bei euch noch Schwächen? Wo wollt ihr besser werden?

Ich hätte gerne, dass wir es schaffen, den Podcast und die Zeitung inhaltlich mehr aufeinander abzustimmen. Ein weiteres konkretes Ziel ist es, mehr Fördermitglieder zu bekommen, um zu garantieren, dass wir unsere Zeitung weiterhin kostenlos vertreiben können. Wenn uns jetzt Schüler*innen aus Klagenfurt schreiben, sie hätten gerne eine Zeitung, bekommen sie die binnen einer Woche kostenlos zugeschickt. Das soll so bleiben.

Gerade ist die neue Ausgabe von „UNTER PALMEN“ erschienen. Interessierte können die Zeitung kostenlos bestellen beziehungsweise abonnieren:  unterpalmen.net/bestellung

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