Teil einer Jugendbewegung: Black Lives Matter und Fridays for Future im Dialog

Foto: Callum Blacoe

Im Interview sprechen Grazer Aktivistinnen von Fridays for Future und Black Lives Matter über weiße Demos, das Problem mit dem Hype und gegenseitigen Anknüpfungspunkte.

Ariane ist 20, Precious 22 Jahre alt. Sie leben in Graz und engagieren sich in den dynamischsten Bewegungen, die in Österreich in den letzten Jahren, ja vielleicht Jahrzehnten entstanden sind: Ariane bei der Klimabewegung „Fridays for Future“ (FFF), Precious bei „Black Lives Matter“ (BLM). Mosaik-Redakteur Markus Gönitzer sprach mit den beiden über den Faktor Generation und darüber, was die beiden Bewegungen verbindet und trennt.

Mosaik-Blog: Wenn man über euch und eure Gruppen spricht, geht es häufig darum, wie jung die Bewegungen sind, zu denen ihr gehört. Dann heißt es, diese oder jene Generation wäre besonders politisch oder unpolitisch. Werdet ihr damit häufig konfrontiert?

Precious: Nicht direkt. Sicher spielen Generationen in gewisser Weise eine Rolle: Unsere Eltern waren eher darauf fokussiert einen Job zu bekommen und ihre Familie zu ernähren. Klar war ihnen bewusst, dass sie unterdrückt werden und dass es Rassismus gibt, aber das war nicht deren Fokus. Meine Generation muss sich keine Sorgen mehr darum machen, wie wir morgen an Essen kommen, deswegen haben wir die Zeit zu reflektieren und Widerstand zu leisten. Wir wissen also selbst, dass wir sehr viel aktiver sind als unsere Eltern oder Großeltern. Wir möchten unter solchen Bedingungen nicht leben und arbeiten, deswegen werden wir aktiv.

Ariane: Uns als FFF wird viel vorgeworfen, aber sicher nicht, dass wir unpolitisch wären. Also mich beschäftigen diese Vorurteile kaum. Meine Vermutung ist, dass das ein Phänomen ist, das so alt ist wie die Menschheit ist. Dass die nachkommende Generation immer als die schlechtere, faulere, unpolitischere gilt. Wir befinden uns in Zeiten, die sehr lebendig sind, das bestätigen mir auch ältere Aktivist*innen, mit denen ich rede.

Viele ältere Aktivist*innen sind vom Elan und der Aufbruchsstimmung auf FFF- und BLM-Demos begeistert. Was macht für euch eine gute politische Aktion aus?

Precious: Uns sind vor allem das Feedback von Unterstützer*innen, Unterstützungsangebote und die Gespräche nach den Demos wichtig. Das ist uns fast wichtiger als die Aktionen selbst. Wir wünschen uns, dass Menschen unsere Themen sehr bewusst wahrnehmen. Dass sie mitbekommen, dass wir im Jahr 2020 noch gegen Rassismus auf die Straße gehen müssen. Wir möchten erreichen, dass auch Menschen, die nicht betroffen sind, den Protesten solidarisch beistehen.

Ariane: Für mich ist eine Aktion dann gelungen, wenn sehr gute Stimmung herrscht. Also versuchen wir schon sehr bewusst, Energie und gute Stimmung herzustellen, indem wir Musik einbauen, Aktionsformen spielerisch verändern und auch Aktionen planen, die das Community Building und die Vernetzung stärken. Ich finde, das bildet sich auch in den Medien positiv ab. Mit negativer und aggressiver Stimmung sind Umweltschutzorganisationen schon länger gescheitert. Die Leute sollen nicht bedrückt nach Hause gehen, sondern mit dem Gefühl: „Jetzt geht’s los, wir können die Welt verändern!“

Precious: Ich glaube, wir versuchen da, im Vergleich ein bisschen vorsichtiger zu sein. Das Black Lives Matter-Movement wird momentan oft als Hype angesehen. Manche Leute kommen nur zum Tanzen oder um Instagram-Stories zu machen. Uns sind die hundert Leute, die mit uns ins Gespräch kommen und wirklich etwas machen wollen, wichtiger. Der Raum dafür ist auf einer Demo oft schwer zu schaffen, vor allem wenn das Ziel oder die Erwartungshaltung ist, dass eine positive Stimmung herrschen muss. Wir wollen die Leute nicht bedrücken, aber zum Nachdenken anregen, auch darüber, was ihr Beitrag sein könnte. Denn wenn die Leute von der Demo heimgehen und sich denken, dass eh alles gut ist, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hätten, dann normalisiert sich das Problem Rassismus weiterhin.

Eure beiden Bewegungen positionieren sich gegenüber Parteipolitik meist kritisch, richten aber trotzdem Forderungen an sie. Was erwartet ihr euch von der Politik?

Precious: Um ehrlich zu sein, haben wir keine großen Erwartungen. In erster Linie ging es uns bei den letzten Aktionen darum, unsere Forderungen öffentlich zu machen. Es gab danach kaum Gespräche mit Politiker*innen, auch wenn wir unsere Forderungen auch an sie gestellt haben.

Ariane: In Graz haben wir lange an unseren Visionen gearbeitet, wie wir uns ein gutes Leben hier in zwanzig bis dreißig Jahren vorstellen. Um Lust auf eine autofreie, grüne, schattige, ruhige Stadt mit guter Luft zu machen, die möglich wäre, wenn wir wesentlich mehr Geld und Ressourcen dafür aufwenden würden. Auf nationaler Ebenen haben wir Forderungen an die Politik formuliert. Ich persönlich habe aber eher wenig Hoffnung. Die Forderungen haben eher einen symbolischen Wert. Wenn sich Politiker*innen mit ihrer bescheidenen Klimapolitik rühmen wollen, können wir dann sagen: „Unsere Forderungen habt ihr aber noch immer nicht umgesetzt.“

Linke Demos, auch zum Thema Antirassismus, waren in Graz oft sehr weiß. Was haben vorherige Generationen falsch gemacht? Was läuft jetzt besser? Was muss sich zunehmend bessern?

Precious: Es müsste mehr Schlüsselpersonen geben, die in beiden Communities drinstecken. Aber die Orga-Teams der meisten linken Demos sind nicht gesellschaftlich repräsentativ. Das spiegelt sich dann auch in der Zusammensetzung der Teilnehmer*innen wider. Wenn ich auf eine Demo gehe und sehe im Orga-Team nur Weiße und unter den Teilnehmer*innen auch, werde ich das nächste Mal wahrscheinlich nicht kommen. Ich glaube auch, je weniger Menschen politisiert sind, desto mehr läuft das so. Deswegen finde ich es wichtig, Orga-Teams von Anfang an so divers wie möglich aufzustellen. In unserer POC-Community wird das auch zum Thema gemacht, dass wir nirgends hingehen, wo wir uns nicht wohlfühlen. Das hat Vor- und Nachteile. Wir verpassen dadurch auch viele Chancen.

Auf manchen der BLM-Demos in Graz schien es, als würden sich die Besucher*innen von BLM und FFF etwas zu vermischen. Stimmt das?

Ariane: Vielleicht auf den ersten Blick. Unsere Demos sind nicht so divers. Das ist für uns auch ein Thema. Wir sind damit nicht zufrieden, obwohl wir uns sehr bemühen. Ich war auf allen drei BLM-Demos in Graz und war total begeistert. Sie waren viel diverser als die linken Demos, die ich davor kannte.

Gibt es für euch gemeinsame Anknüpfungspunkte?

Ariane: Klar. Der globale Norden richtet ökologisch den größten Schaden an, der globale Süden leidet darunter am stärksten. Am Elevate Festival gab es heuer einen Vortrag des nigerianischen Klimaaktivisten Nnimmo Bassey, der mich dahingehend sehr aufgerüttelt hat. FFF hat Antirassismus zwar im Selbstverständnis verankert, aber wir sind natürlich in erster Linie eine Klimagruppe. Ich weiß nicht, wie Precious das sieht, aber ich sehe das auch positiv, dass wir verschiedene Themen intensiv bearbeiten, auch wenn wir in Graz als FFF meiner Meinung nach auch vermehrt andere Themen ansprechen könnten.

Precious: Vielleicht besteht eine Überschneidung von BLM und FFF am ehesten darin, dass beide Bewegungen hier sehr jung sind. Ich stimme mit Ariane zu 50 Prozent überein. Einerseits finde ich es gut, dass die Gruppen einen unterschiedlichen Fokus haben. Anderseits glaube ich, dass es Menschen aus der POC-Community gibt, die zu einer FFF-Demo gehen würden, aber es fehlen die erwähnten Schlüsselpersonen. Vielleicht kann sich da ja noch einiges entwickeln. Es gibt in Graz viele POCs, die sich für das Klima-Thema interessieren. BLM kämpft zwar vor allem dafür, dass kommende Generationen weniger Rassismus erfahren. Aber wir sind uns auch bewusst, das kommende Generationen eine Welt zum Leben brauchen.

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