Am österreichischen Wesen soll der Ausländer genesen

Alexander Johmann

Die Debatte um den „Onlinepranger” hat eines klar gemacht: Das Vertrauen in die österreichischen Institutionen ist auch unter Linken manchmal grenzenlos. Man soll die Justiz nur arbeiten lassen. Dabei hat sie strukturelle Fehler. Und auch die österreichischen Schulen können nicht jedes Problem aus der Welt schaffen. Ein Kommentar von Mahdi Rahimi.

Als Kind wurde ich oft gefragt, ob es im Iran Berge gibt. Ich habe dann immer auf den Damavand verwiesen, der mit knapp 5.600 Metern jeden europäischen Berg übertrifft. Es war damals schwierig, ohne Internet die Mitschüler*innen von der Pracht des Damavand zu überzeugen. Ich musste daher am nächsten Tag immer ein Lexikon mitbringen. Auf die Frage mit den Bergen folgte dann meistens eine etwas andere Frage, nämlich die, ob es im Iran schneien würde. Bei Bergen von 5.600 Metern ist das eine interessante Frage. Hohe Berge, auf denen es schneit, gibt es ja auch in Österreich. Aber die Gesetze, die hierzulande gelten, haben scheinbar in anderen Regionen, die noch dazu so weit weg sind, keine Gültigkeit.

Anderswo ist es anders – und schlechter

Dieser Glaube und dieses Gefühl hat einiges damit zu tun, was österreichische Journalist*innen momentan als „Onlinepranger“ bezeichnen. Was bei uns gilt, ist anderswo ja anders und meistens schlechter. Unsere Justiz, zum Beispiel, muss man nur arbeiten lassen, dann wird sie Probleme schon lösen.

Aber der Reihe nach, und zurück zu interessanten Fragen, zum Beispiel zu jenen im Integrationstest des Österreichischen Integrationsfonds. Eine der Fragen dort lautet, was man in Österreich machen muss, um als Arzt/Ärztin tätig zu sein. Die richtige Antwort lautet, dass man an der Uni Medizin studiert haben muss. Die anderen Optionen („reich sein”, „sehr lange bei einem Arzt oder einer Ärztin gearbeitet haben”) sind so absurd wie falsch. In den Vorbereitungen zum Test lernt man, dass man beim Grüßen die Hand reicht und sich vorab telefonisch entschuldigt, wenn man sich verspätet. Falls mir wer nicht glaubt, empfehle ich die wunderbare App „Meine Integration” runterzuladen, mit der man sich für den Test vorbereiten kann.

Das Gefühl kultureller Überlegenheit

Dass es ohnehin keine Länder gibt, wo man nicht an der Uni Medizin studieren muss, um als Arzt/Ärztin praktizieren zu dürfen, interessiert den Integrationsfonds anscheinend ebenso wenig, wie dass die Grenze der Höflichkeit nicht mit der österreichischen Außengrenze zusammenfällt. Das kann man auf die neue Regierung, den Zeitgeist oder das Personal schieben. Oder man kann es als weitere Schikane gegen Menschen sehen, die genug Probleme haben und denen man so ein weiteres schafft.

Doch hinter dem steckt eine andere Idee, nämlich der tief verankerte, fast fundamentalistische Glaube an österreichische Institutionen. Den hat die Regierung nicht exklusiv, er erstreckt sich über weite Teile der österreichischen Bevölkerung und fast die gesamte „Integrationsdebatte“. Auch in links-liberalen Kreisen findet sich dieser Glaube – und er ist nichts anderes das Gefühl kultureller Überlegenheit.

Die Schulen von Priklopil und Fritzl

Dieses Gefühl ist sehr präsent. Bekanntermaßen hat Staatssekretärin Karoline Edtstadler in einer Diskussionsrunde sinngemäß gesagt, dass es in Österreich kein Patriarchat mehr gäbe. Und dass, wenn österreichische Männer doch Gewalt an Frauen ausüben, sie Nachahmungstäter der ausländischen Frauenhasser wären. Das kann man jetzt wieder als schwarz-blauen Blödsinn abtun. Schließlich ist Österreich das Land von Jack Unterweger, Wolfgang Priklopil und Josef Fritzl.

Aber das Problem sitzt tiefer. Wäre es nicht ebenso absurd zu behaupten, dass ausländische Kinder nur dasselbe Schulsystem wie Unterweger, Priklopil und Fritzl besuchen müssten, damit alles gut wird? Dass dort, in den österreichischen Schulen, reaktionäre Männlichkeitsbilder zertrümmert werden, und „sie“ in Zukunft keine Gewalt an Frauen mehr ausüben? Und während in der Integrationsdebatte die österreichischen Schulen oft zum Hort alles Guten und Schönen stilisiert werden, so sehr fehlt es an Nuance bei anderen Schulsystemen. Dass das Bildungsniveau in Syrien sehr hoch ist, geht dann unter, nach dem Motto: alles Koranschulen im Morgenland.

Die Institutionen werden’s schon richten

Der Institutionsfetischismus endet nicht bei den Schulen. Der religiöse Glaube an österreichische Institutionen erfasst auch die Justiz, die Exekutive, die Familie, die Medien, die „Kultur“. Schließlich sind sie den Trümmern des Zweiten Weltkriegs wie der reformierte Phönix aus der Asche entstiegen. Sie stellen das Gute und das Progressive dar, das man jetzt vor der Übernahme durch besiegte Kräfte schützen muss. Daher braucht es keinen „Onlinepranger“. Die heiligen Institutionen werden schon alles regeln und – fast wie gewohnt – das Problem der Gewalt gegen Frauen alleine lösen. Dass man Kinder mit Migrationshintergrund und Asylwerber*innen an den Pranger von Wochenzeitungen stellt, ist aber schon ok.

Diese Institutionen funktionieren nicht für alle gleich gut. Vor allem nicht für Menschen, die nicht Florian, Ferdinand oder Franz heißen. Natürlich sind in diesen Institutionen viele engagierte und solidarische Menschen tätig, die mit ihrer Hilfsbereitschaft viel bewegen. Aber selbst die stoßen oft an ihre Grenzen.

Heroische Bilder zerstören

Die Idee, dass die österreichische Kultur besser (oder schlechter) als eine andere Kultur sei und mit den österreichischen Institutionen die Heilung aller sozialen Probleme funktioniere, ist etwas zwischen Wunschvorstellung und Männerphantasie. Nur als Beispiel: Wenn man in der Schule, in einer österreichischen wohlgemerkt, über das osmanische Reich nicht lernt, dass es sehr gut verwaltet war und dort eine religiöse Toleranz herrschte, von der die „aufgeklärte Welt“ noch 300 Jahre entfernt war, fehlt ein wesentlicher Aspekt.

Es transportiert eine Überheblichkeit, die es schwierig macht, alle Schüler*innen für sich zu gewinnen, oder gar ihre „Männlichkeitsbilder“ zu zerstören. Ein ausgewogener Unterricht über das osmanische Reich mag etwas am heroischen Bild Österreichs als Bewahrer des Abendlandes ändern. Aber sie würde zumindest mehr den historischen Realitäten entsprechen, und das würde helfen. Dann würde es auch leichter fallen, zu verstehen, dass es auf Bergen im Iran genauso schneit wie auf denen in Österreich. Und vielleicht könnte man sogar besser nachvollziehen, wieso es Leute gibt, die den österreichischen Institutionen nicht blind vertrauen.

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