Bosnien: “Die Lösung sind offene Grenzen”

Ben Owen-Browne

Es sind vor allem Frauen, die in Bosnien-Herzegowina abseits der wenigen lokalen und internationalen Organisationen Unterstützung für Geflüchtete organisieren. Die Redakteurinnen Franziska Wallner und Klaudia Wieser begleiteten letztes Wochenende den SOS Balkanrouten Spendenkonvoi in den Norden des Landes und berichten für Mosaik von ihrer Reise.

Es war das Camp in Vučjak, das letztlich für mediales Aufsehen sorgte. Die Bilder aus dem Camp, wo Menschen in Zelten und ohne fließendes Wasser hausen, schafften es in die internationale Berichterstattung. Gerade einmal 500 Kilometer ist Vučjak von Wien entfernt. Doch das Camp ist kein Einzelfall, es ist ein Spiegel der Politik der Europäischen Union. Die Situation in Vučjak, aber auch in anderen Lagern in Bosnien-Herzegowina, Griechenland oder Malta, wird sich mit dem kommenden Winter zuspitzen.

(Foto: Redaktion)

Abschottung Europas

Der Rapper Kid Pex, einer der Hauptinitiator*innen des Spendenkonvois sagt: „Das, was wir hier machen ist nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein.“ So fühlt es sich auch an. Bald nachdem wir die Grenze zu Bosnien-Herzegowina überqueren, tauchen langsam vereinzelte Gruppen von Geflüchteten auf, die im Dunklen am Straßenrand marschieren. Sie tragen nur das Nötigste mit sich.

(Foto: Redaktion)

Erster Stopp in Bosnien im Dunkel der Nacht

Der erste Stopp des SOS Balkonroute Konvois führt uns in einen Ort direkt an der Grenze. So leise wie möglich entladen wir dort um Mitternacht die ersten Kisten. Dann treffen wir eine Frau, die seit mehreren Jahren Geflüchtete in den unterschiedlichsten Belangen unterstützt und, trotz aller Hürden, nicht damit aufhören wird, wie sie selbst berichtet: Sie stellt ihre Dusche und ihr Wohnzimmer zur Verfügung, begleitet Menschen in Krankenhäuser, sie kocht für hunderte von Geflüchteten und organisiert Schulbücher für Kinder.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Beim Interview in ihrer kleinen Wohnung erzählt sie: „Die Stimmung ist durch hetzerische Medienberichterstattung umgeschlagen. Ich habe zu Anfang meine Aktivitäten auf Facebook angekündigt; mittlerweile geht das nicht mehr. Am Anfang waren wir 30 Personen, jetzt gibt es noch ein kleines Netzwerk von Unterstützer*innen. Der letzte Winter war eine Katastrophe. Menschen haben in verlassenen Unterkünften in der Kälte gehaust. Wir haben versucht, die Menschen bei verschiedene Familien im Dorf unterzubringen, aber die Behörden haben diese zu illegalen Unterkünften erklärt. Selbst wenn ich Geflüchtete im Auto aus dem Spital abhole, kann ich als Schlepperin angezeigt werden.“

Als wir um zwei Uhr früh wieder in unsere Transporter einsteigen, haben wir alle einen Strafzettel bekommen. Die Nachbar*innen haben wohl die Polizei informiert.

Als sie die Balkanroute schlossen

Ab dem Sommer 2018 begann die Europäische Union die sich verschlechternde humanitäre Krise in Bosnien-Herzegowina aktiv zu unterstützen. In ihrem Reaktionsplan legte sie einen Punkt von Beginn in aller Deutlichkeit fest: Es darf für Geflüchtete keine offizielle Unterbringung im Umkreis von 30 Kilometer entlang der kroatischen Grenze geben.

Knapp zehn Millionen Euro machte die EU für Bosnien-Herzegowina locker. Davon flossen 2,5 Millionen Euro als sogenannte humanitäre Hilfe ins Land. Eine Summe von 7,2 Millionen Euro floss in Projektgelder, die die IOM, das UNHCR und UNICEF verwalten. Im November 2018 wurde diese Summe noch einmal um 50.000 Euro erhöht. Unter dem Vorwand, die Gelder nicht einem korrupten und dezentralisierten Staat zu überlassen, wurde die Position von internationalen Organisationen gestärkt, die jedoch mit dem tödlichen europäischen Grenzregime verstrickt sind. Diese Taktik schwächte lokale selbstorganisierte Unterstützer*innen und Geflüchtete. Gerade sie sind es, die von den Auswirkungen dieser Politik direkt betroffen sind.

Diese verheerende Situation ist auch Effekt der von Ex-Kanzler Sebastian Kurz sowie Ex-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner 2015 gefeierten Schließung der Balkanroute, die 2016 mit dem Türkei-Deal besiegelt wurde.

Ankunft in Bihać

Eine Viertelstunde von Vučjak entfernt liegt das malerische Städtchen Bihać am Ufer der Una. Spaziert man ein bisschen länger durch den Ort und unterhält sich mit den Bewohner*innen, kann auch die schöne Landschaft nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Lebensrealität in Bihać hart ist. Auch hier spiegelt sich die bosnische Arbeitslosenquote von über 30 Prozent, viele junge und gut ausgebildete Menschen wandern ab. Das und eine allgemeine soziale Unsicherheit sind Zeugnis einer umfassenden sozio-politischen Krise in der Region.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Auch die dreijährige Belagerung der Stadt (1992-1995) während des Krieges hat Spuren hinterlassen: Im Umland der Stadt gibt es noch immer Minenfelder. Die Entschärfung der Minen ist gefährlich und schlecht bezahlt.

Frauen organisieren die lokale Unterstützung

Es sind vor allem Frauen, die die lokalen Unterstützungsstrukturen geschaffen haben und bis heute aufrecht erhalten. So auch Zemira, bei der unser Spendenkonvoi seine zweite Station einlegt.

Zemira hat während des Kriegs als Krankenschwester gearbeitet und von Anfang an die Unterstützung in Bihać organisiert. Als wir ankommen, hilft ihr eine Gruppe von Geflüchteten bei der Arbeit. Am Dachboden und in weiteren Zimmern ihres eigenen Hauses hat sie ein umfassendes Lager für gespendete Hilfsgüter eingerichtet. Viele Refugees in Bihać kennen „Mama Zemira“, wie sie von ihnen liebevoll genannt wird. Im Gespräch bekommen wir einen Einblick in ihre Beweggründe und in die Auswirkungen des steigenden Widerstands. Sie erzählt uns, dass sie seit zwei Monaten nicht mehr selbst draußen hilft, weil meistens gleich die Polizei gerufen wird.

Die Stimmungsmache gegen Geflüchtete als auch gegen lokale Unterstützerinnen benennt Zemira als zentrales Hindernis, gute Unterstützungsarbeit leisten zu können. Hat sie anfangs noch viel praktischen Support von Bosnier*innen bekommen, gibt es nun alleine auf Facebook mehrere Gruppen, auf denen gegen Geflüchtete und einzelne Unterstützerinnen wie sie gehetzt wird. Als sie sogar Drohungen erhielt, verlangte ihre Tochter, dass sie mit der Arbeit aufhört. Acht Tage hat sie ihre Arbeit unterbrochen, dann hat sie wieder angefangen. „Ich kann nicht aufhören – das sind die Kinder von jemandem. Ich kann sie nicht leiden sehen“, rechtfertigt sie sich.

„Die Meisten schlafen lieber auf der Straße als in Vučjak“

Die Situation in Vučjak nennt sie eine Schande. Es gibt keinerlei Infrastruktur für die Menschen, die dort hausen, da es weit außerhalb der Stadt liegt. Es gibt weder normale Sanitäranlagen, noch ausreichend Essen, noch Wasser, noch Licht, noch Sicherheit. Die gesundheitliche Situation vieler Menschen ist schlecht, vor allem die vielen Hautwunden und -infektionen bedürften einer viel stärkeren Präsenz von medizinischem Personal, aber das lokale Rote Kreuz ist schon lange überfordert. Zemira kann sich nicht erklären, warum überhaupt ein Lager in Vučjak aufgemacht wurde, da es viel bessere Orte für eine Unterbringung gäbe.

Sie möchte drei Punkte unbedingt festhalten: (1) Wir müssen akzeptieren, dass es Menschen sind, die fliehen. Es sind einfach Menschen, die ein besseres Leben wollen, als das, das sie zurückgelassen haben. (2) Alle sollen helfen, wie sie können. Jede*r kann irgendwie helfen! Das gilt gemäß Zemira auch für Journalist*innen. Diese sollen kritischer arbeiten, vor allem gegenüber der EU und der bosnischen sowie kroatischen Polizei. (3) Die Unterbringung der geflüchteten Menschen muss endlich normalisiert werden. Laut den Geflüchteten ist die Situation nirgendwo so schlimm wie in Bosnien – weder in Griechenland, der Türkei, noch in Serbien. Das macht sie besonders traurig, weil gerade die Leute in Bosnien genau wissen, was es heißt zu fliehen und die Heimat zurückzulassen.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Unterstützerinnen, die sich trotz allem nicht unterkriegen lassen

Die Kriminalisierung der Unterstützerinnen von Geflüchteten steigt an. Das hat nicht nur mit der Repression der Polizei zu tun, sondern auch mit Nachbar*innen, die genau beobachten und oft melden, wenn Stadtbewohner*innen geflüchtete Menschen bei sich aufnehmen.

Trotz dieser schwierigen Situation treffen wir zwei Frauen, die nicht daran denken, ihre Hilfe für Geflüchtete aufzugeben. Diese brauchen dringend warme Schlafsäcke und Winterschuhe, um sie für das Überqueren der Grenze oder „the game“ (wie viele Geflüchtete die Fluchtversuche zynisch nennen) auszustatten. Mehr als einen warmen Ort für ein paar Wochen, Versorgung mit Essen und Kleidung, sowie eine bisschen Menschenwürde, können sie oft nicht geben. Doch allein das zieht für viele Helferinnen schon Einvernahmen bei der lokalen Polizei sowie Ausgrenzung in der Gemeinde nach sich.

Eine der beiden Frauen zeigt uns ein Video, auf dem die Polizei im Ortskern von Bihać Geflüchtete zusammen treibt und sie zwingt in einen Bus nach Vučjak zu steigen. Doch dort wollen wenige bleiben. Die Zustände sind so schlecht, dass die meisten wieder zurück in die Stadt Bihać kommen. Das Treffen dauert nicht lange. Wir vereinbaren, die Spenden in der Nacht vorbei zu bringen, um kein Aufsehen zu erregen.

(Foto: Redaktion)

Die Aktivistin Nahida ist die vorletzte Station des SOS Balkanroute Konvois. Sie bedankt sich für die Spenden. Diese sind gerade vor Wintereinbruch überlebenswichtig. Mehr will und kann sie dazu gar nicht mehr sagen. Sie ist müde und ausgelaugt und sieht auch keinen Sinn mehr in weiteren Interviews. Sie hat oft mit Journalist*innen gesprochen, geändert hat sich aber wenig.

Menschenunwürdige Lebensbedingungen und Misshandlungen

Durch den Besuch bei lokalen Unterstützer*innen, aber auch beim Spazieren durch Bihać kamen wir mit vielen Geflüchteten ins Gespräch. Die meisten haben Monate, wenn nicht sogar Jahre des Weges hinter sich und sind sichtlich von der unzureichenden Versorgung sowie den Misshandlungen der kroatischen Grenzpolizei gezeichnet.

(Foto: Redaktion)

Sie kommen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Syrien, Irak, Palästina und Nord-Afrika und wurden teilweise schon zwei bis drei Mal in ihre Heimatländer abgeschoben, haben sich jedoch wieder auf den Weg nach Europa gemacht.

(Foto: Ben Owen-Browne)

T. aus Pakistan erzählt: „Ich bin seit mehr als zwei Jahren unterwegs. Ich kam über den Iran in die Türkei, und von Mazedonien nach Bosnien. Seit vier Monaten bin ich hier und versuche nach Italien zu kommen. In Pakistan gibt es viele Probleme. Ich muss nach Italien um zu überleben und meine Familie zu unterstützen. Die kroatische Polizei ist ein Problem. Wenn sie uns erwischen, nehmen sie uns alles ab. Rucksack, Schlafsack, Schuhe und verbrennen alles. Sie schlagen uns und zwingen uns ohne Schuhe zurück zu gehen. Andere Länder müssen uns helfen, die Grenzen zu öffnen. Der Winter kommt und jede Person, die ich hier kenne, schläft draußen, da die Camps überfüllt sind.“

Es braucht kritische Berichterstattung

Die Journalistin Nidzara Ahmetasevic ist die letzte Aktivistin, mit der sich unserer Gruppe am Hauptplatz Bihaćs trifft. Ahmetasevic berichtet seit mehr als vier Jahren entlang der Balkanroute. Von Griechenland über Serbien, Kroatien und seit fast einem Jahr aus Bosnien-Herzegovina.

(Foto: Ben Owen-Browne)

Sie erzählt von zwei großen Problemen, mit denen lokale Aktivist*innen zusätzlich kämpfen: Internationale Helfer*innen die sich selbst ins Rampenlicht stellen, vergessen oft, dass es hier nicht um sie geht. Es sind die Geflüchteten, die tausende von Kilometern gehen, um hier anzukommen. Der Fokus muss auf die geschlossenen Grenzen gelegt werden, nicht auf weiße Voluntär*innen, die sich durch ihre Freiwilligenarbeit besser fühlen. Lokale Netzwerke müssen respektiert werden. Oft haben Menschen, die von außen kommen nicht mal die geringste Ahnung von den politischen Verhältnissen in Bosnien-Herzegowina. Internationale Organisationen und Individuen sollen sich an lokalen Strukturen orientieren, diese unterstützen oder einfach nicht mehr kommen. Dabei betont sie, dass vor allem Spenden von Schlafsäcke und warme Kleidung im Moment wichtig sind, die lokale Bevölkerung könnte diese einfach nicht zur Verfügung stellen.

„Die Lösung sind offene Grenzen“

Die Journalistin wiederholt an diesem Nachmittag, was uns auch schon Unterstützer*innen und Geflüchtete selbst erzählt haben: „Alle berichten im Moment über die schreckliche Situation in Vučjak, aber Vučjak ist nicht das einzige Problem. Die EU sieht Vučjak und andere Orte in Bosnien nicht vorwiegend als humanitäres Problem. Es interessiert sie einen Dreck ob Menschen hier hungrig und krank sind oder sterben. Was sie an Vučjak interessiert, ist, dass das Camp zwei Kilometer von der Grenze entfernt ist. Wir müssen genauso über Orte wie Bira, ein offizielles Lager das von IOM ähnlich wie ein Gefängnis geführt wird, sprechen. Das sind menschenunwürdige Projekte, die von der EU finanziert werden. Eine kritische Berichterstattung muss die EU-Außengrenzen in den Mittelpunkt stellen und aufzeigen, wer das Geld liefert, um diese Situation aufrecht zu erhalten. Der Kern des Problems sind geschlossene Grenzen.”

(Foto:Ben Owen-Browne)

Die Initiative rund um den SOS Balkanroute Konvoi lebt durch den Zusammenschluss verschiedenster Menschen; von Aktivist*innen, Einzelpersonen, Vereinen, Parlamentarier*innen, über Student*innen und Pensionist*innen. Vor allem die vielen Spenden und praktische Unterstützungen haben die Arbeit bisher ermöglicht. Dabei ist das klare Ziel, durch politische Arbeit und praktische Solidarität den kollektiven Kampf gegen das tödliche europäische Grenzregime und für ein menschenwürdiges Leben weiterzutragen.

Der SOS Balkanroute Konvoi plant inzwischen weitere Aktionen und Spendenaufrufe – „…damit aus dem Tropfen auf dem heißen Stein vielleicht irgendwann mehrere Liter werden.”

Infos zu weiteren Spendenterminen des SOS Balkanroute Konvois gibt es in kürze. Infos zur Situation auf der Balkanroute gibt es hier.

Die Fotos sind fast alle von Ben Owen-Browne.

 

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