Toni Morrison: Wie ihre Bücher über Sklaverei und Rassismus die USA veränderten

Foto: Timothy Greenfield-Sanders // Magnolia
Foto: Timothy Greenfield-Sanders // Magnolia

Toni Morrison war eine der bedeutendsten Schriftsteller_innen der Welt. Ihre Romane über Rassismus und Sklaverei aus überwiegend weiblicher Perspektive erschütterten die herrschende US-amerikanische Geschichtsschreibung. Der Film „Toni Morrison: The Pieces I am“ zeichnet das Porträt einer Frau, deren Leben nicht weniger beeindruckend ist als ihre Bücher.

Ihr Blick ist in die Kamera gerichtet. Sie sitzt vor grauem Hintergrund, ihre Strickweste, ihr Schmuck und auch ihre Haare sind grau. Sie lächelt. Und beginnt zu erzählen.

„Armut war nichts, wofür man sich schämte“

1931 in Lorain, Ohio geboren, lernte Toni Morrison mit drei Jahren von ihrer Schwester lesen. Schon bald merkte sie: „Wörter haben Macht“. Als Jugendliche arbeitete Morrison in der städtischen Bibliothek und verschlang dort „Erwachsenen-Bücher“ wie Dostojewksi, denn Jugendbücher gab es keine.

Der Wohnort ihrer Familie, damals geprägt von Stahlindustrie, war laut Morrison ein „melting pot“, die Bewohner_innen kamen aus der Arbeiter- und Mittelschicht und hatten unterschiedliche kulturelle bzw. ethnische Hintergründe. Morrisons Vater war Schweißer, ihre Mutter Hausfrau und meistens war das Geld knapp. „Es war anders als heute. Armut war nichts, wofür man sich schämte“, betont Morrison im Film. Auch habe es keinen Druck gegeben, sozial aufzusteigen – man war zufrieden, wenn man genug zum Leben hatte.

„Ich glaube, ich schreibe gut“

Morrison wurde in einer USA der „Rassentrennung“ groß. Damals hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, dass eine schwarze Frau den Literaturnobelpreis erhalten würde. 50 Jahre später war es soweit. Unmittelbar nachdem 1993 bekanntgegeben wurde, dass Toni Morrison als erste afroamerikanische Autorin den Literaturnobelpreis bekommt, stellte ihr ein Journalist die Frage: „Warum, glauben Sie, haben Sie den Preis erhalten?“. Sie antwortete: „Ich glaube, ich schreibe gut“.

Dabei war es ein harter Weg, Schriftstellerin zu werden. Nach ihrem Anglistik-Studium arbeitete Morrison als Universitätsdozentin und Verlagslektorin, Zeit zum Schreiben fand sie als alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen kaum. Als sie einmal bemerkte, dass nur ihre männlichen Kollegen im Verlag eine Lohnerhöhung erhielten und sie nicht, konfrontierte sie ihren Chef: „Ich muss eine Familie ernähren, genauso wie du!“ Sie bekam die Lohnerhöhung.

Auf die Anerkennung als Schriftstellerin musste Toni Morrison lange warten. Im Jahr 1988, nachdem sie bereits fünf erfolgreiche Bücher veröffentlicht hatte, unterzeichneten 48 schwarze Schriftsteller_innen einen offenen Brief, in dem sie kritisierten, dass Morrison bisher keinen Literaturpreis erhalten hatte. Im selben Jahr bekam die Autorin den Pulitzer-Preis, später folgte der Literaturnobelpreis. Kritische Stimmen stellten infrage, dass ihr diese Preise zustehen und behaupteten gar, dass Morrison sie nur aufgrund „politischer Korrektheit“ erhalten habe.

Schmerzvoller Rassismus

In ihren Büchern erzählt Toni Morrison aus der Perspektive von und Geschichten über schwarze Mädchen und Frauen. „The Bluest Eye“ (1970) handelt von einem Mädchen, das sich nichts mehr als blaue Augen wünscht. Von blauen Augen, wie Weiße sie haben, erhofft es sich ein Entkommen aus elenden Lebensverhältnissen. Das Buch zeigt, wie schmerzvoll Rassismus sein kann, wie früh er im Leben Einzelner beginnt und welche Auswirkungen er hat.

Morrison merkte schon früh, dass schwarze Mädchen nicht ernst genommen werden – und wollte das ändern. Ihre Bücher handeln von schwarzen Lebenswelten und sie bricht mit der Selbstverständlichkeit in der Literaturwelt, Geschichten immer primär an weiße Leser_innen adressieren zu müssen. Den dominanten weißen Blick fordert sie mit ihren Büchern heraus. „Ich will den kleinen, weißen Mann, der auf meiner Schulter sitzt und mich ständig kontrolliert, loswerden“, sagt Morrison kampfeslustig und wischt sich mit ihrer Hand über die Schulter.

Sklav_innen sind mehr als Opfer

Als „Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte“ bezeichnet die politische Aktivistin und langjährige Freundin Morrisons, Angela Davis, den Roman „Beloved“ (1987). Er zeigt auf schonungslose Weise, was ein Leben als Sklavin bedeutete und welche grausamen Entscheidungen man mitunter treffen musste.

Bis zur Veröffentlichung von „Beloved“ stand in der historischen und literarischen Verarbeitung der amerikanischen Sklaverei die Figur des versklavten Mannes im Vordergrund. Toni Morrisons „Beloved“ erzählt hingegen die Geschichte einer versklavten Frau – und zwar nicht ausschließlich als Opfer, sondern als handlungsfähige Protagonistin. Die Subjektivität von Sklavinnen streicht Toni Morrison auch im Film hervor. Sie ist außerdem überzeugt: „Wenn man die Geschichte von schwarzen Amerikanerinnen nicht versteht, versteht man die Geschichte Amerikas nicht.“

„The Pieces I am“ – ein filmisches Denkmal

Toni Morrison starb vergangenen August mit 88 Jahren in New York City. Einige Monate zuvor feierte das Porträt „Toni Morrison: The Pieces I am“ am Sundance Festival seine Premiere und setzte der US-amerikanischen Autorin ein würdiges filmisches Denkmal. Der Dokumentarfilm überzeugt vor allem dadurch, dass er nicht nur ein Film über sondern vor allem mit Morrison ist. In eigens für den Film durchgeführten Interviews erzählt Toni Morrison ihre Geschichte selbst.

In Verbindung mit historischen Foto- und Videoaufnahmen sowie Interviews mit Weggefährt_innen – wie Angela Davis oder Talkshow-Ikone Oprah Winfrey – erhält man ein vielschichtiges und reichhaltiges Portrait der Ausnahmeschriftstellerin. Doch es ist nicht nur Morrisons Biographie, die unglaublich beeindruckend ist. Es ist vor allem ihr Charakter, allen voran ihre unerschütterliche Integrität gepaart mit einem Augenzwinkern, die mich auch lange nach Verlassen des Kinosaals nicht loslässt. Die Universitätsprofessorin Farah Jasmine bringt es im Film pathetisch, aber zutreffend auf den Punkt: „Wenn es Leben am Mars gibt, lesen sie Toni Morrison, um herauszufinden, was es heißt, ein Mensch zu sein.“

Veranstaltungshinweis: „Toni Morrison: The Pieces I am“ spielt es am 15. Dezember um 15 Uhr im Filmhaus in Wien.

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