“Geschlechtliche Vielfalt ist kein Minderheitenthema“

Foto: Missbutterfly

Heute ist internationaler Tag der Menschenrechte. Am 10. Dezember 1948 rief die UN-Generalversammlung die „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ aus. An diesem symbolischen Datum eröffnet heute in Wien die Beratungsstelle VarGes für Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale.

„Das Thema geschlechtliche Vielfalt betrifft sehr, sehr viele Menschen, ist nicht einfach nur ein „Minderheitenthema“, wie Tobias Humer vom Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich (VIMÖ) im mosaik-Interview mit Rainer Hackauf meint.

mosaik: Diesen September hat das Gesundheitsministerium neue rechtliche und medizinische „Empfehlungen zu Varianten der Geschlechtsentwicklung“ veröffentlicht. Ein großer Sprung vorwärts?

Tobias Humer: Die Empfehlungen sind tatsächlich ein Meilenstein. Positiv ist, dass sich darin erstmals ein Ministerium zur aktuellen „Behandlungspraxis“ in Bezug auf geschlechtliche Vielfalt äußert. Begonnen wurde auch damit Klarheit zu schaffen, wer überhaupt, für welche Fragen zuständig ist. Darüber hinaus wurden ganz grundlegend Begriffe geklärt. Im Vorfeld hat es dafür in Österreich erstmals einen interdisziplinären Dialog zwischen Mediziner*innen, Jurist*innen, Expert*innen aus dem psychosozialen Bereich und Menschen aus Selbstorganisationen gegeben. Sehr zu begrüßen sind die enthaltenen Empfehlungen zur Stärkung von Peer-Beratung und psychosozialer Hilfestellungen.

Bleiben dann noch Kritikpunkte?

Schwierig sind die Empfehlungen, weil im Endeffekt sehr viele Standpunkte vermengt wurden. Diese stehen nun einfach nebeneinander. Inhaltlich sind die Empfehlungen dadurch ein sehr widersprüchliches Papier geworden, für sehr unterschiedliche Perspektiven lassen sich darin Argumente heraussuchen. Das ist ganz konkret im medizinischen Teil der Empfehlungen ein Problem. Hier werden gleiche Rechte für alle relativiert, es geht stark in Richtung Einzelfallentscheidungen, was etwa nicht-konsensuelle und medizinisch nicht notwendige Eingriffe betrifft. In unserer Stellungnahme, haben wir auf dieses Problem und die damit verbundene Rechtsunsicherheit hingewiesen.

Medizinische Zwangseingriffe sind also weiterhin das wichtigste Thema für euch?

Genau. Das ist weiterhin das wesentliche Anliegen von uns. Alle medizinischen Eingriffe in die Geschlechtsentwicklung, die nicht unbedingt notwendig sind und zudem nicht-konsensuell passieren, sollten untersagt werden.

Intergeschlechtlichkeit war bis vor ein paar Jahren in der Öffentlichkeit kaum Thema, wurde einfach als körperliche Störung gesehen. Was hat sich in den letzten 10 Jahren getan?

Seit den 1990er Jahren gibt es sowas wie eine Inter* Bewegung. Damals sind erste Selbsthilfegruppen nach außen getreten. Gegen die Praxis medizinischer Zwangsmaßnahmen gab es damals erste Proteste. Dadurch ist es in Medizin und Politik zu einem langsamen Umdenken gekommen. Zugleich ist damit natürliche eine gesteigerte Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit einhergegangen. Es gibt seitdem auch immer mehr Inter* Organisationen weltweit, die auf die eigenen Anliegen aufmerksam machen und so ihre Interessen vertreten. Seit 2015 schließlich gibt es immer mehr Resolutionen auf internationaler Ebene – wie etwa durch UN, Europarat und auch WHO. Das Thema ist somit als Menschenrechtsthema angekommen.

Wie schaut das Ganze für Österreich aus?

2006 ist der Film „Tintenfischalarm“ mit Alex Jürgen herausgekommen. In dem Film von Elisabeth Scharang wurde zum ersten Mal nicht über jemand berichtete, sondern mit jemandem. Der Film war doppelt wichtig, weil erstmals nach den 1980er Jahren und der Geschichte rund um die Skirennläufer*in Erik(a) Schinegger, mit Alex wieder ein Inter* in der Öffentlichkeit stand. In Folge des Films sind erste Selbsthilfestrukturen entstanden, die dann aber wieder eingeschlafen sind. 2014 hat es einen neuen Anlauf gegeben und es ist schließlich zur Gründung von unserem Verein VIMÖ gekommen. Zusammen mit den schon erwähnten internationalen Resolutionen konnten wir seitdem auch in Österreich Druck machen. Zunächst hat sich die Bioethik-Kommission mit dem Thema beschäftigt, dann auch die Volksanwaltschaft.

Mit der dritten Option beim Geschlechtseintrag wurde 2018 eine eurer Hauptforderungen durch den Verfassungsgerichtshof erfüllt?

Der „dritte Geschlechtseintrag“ war natürlich ein großer Schritt, das war auch viel in den Medien. Zudem bekommen das Menschen nun auch im Alltag mit. So müssen nun zum Beispiel alle möglichen Formulare angepasst werden. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die sich in den letzten Jahren unter anderem darum gekümmert hat, dass Frauen gleichermaßen wie Männer angesprochen werden, wird hier einiges zu tun haben.

Das Urteil ist zugleich auch ambivalent. Denn es herrscht der Glaube vor, dass alle Inter* Menschen bzw. Menschen mit Variationen von Geschlechtsmerkmalen dieses „dritte Geschlecht“ haben wollen. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Die meisten Inter* Menschen definieren sich als Mann oder Frau. Das ist auch in Ordnung. Die, die das nicht tun, können dafür den dritten Geschlechtseintrag beantragen und auch nachweisen. Das sollte eigentlich nicht der Fall sein. Dieser Eintrag sollte eigentlich für alle Menschen da sein, die ihn wollen. Und das ganz ohne jeglichen Nachweis einer körperlichen Variation.

Heute Abend eröffnet eure neue Beratungsstelle VarGes im Villa Vida Café in Wien. Wer kann sich an euch wenden? Welche Beratung bietet ihr an?

Mit der Beratungsstelle VarGes wollen wir eine niederschwellige Anlaufstelle für alle Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale schaffen. Das heißt, es geht uns nicht unbedingt um Geschlechtsidentität. Zudem wollen wir auch Eltern oder Angehörige ansprechen, die sich vielleicht mit dem Begriff Inter* in Bezug auf ihr Kind schwer tun. Im Vordergrund steht ein das Peer-Beratungsangebot, also ein Beratungsangebot von Menschen, die selber Erfahrungen mit dem Thema haben.

Unser zweites Angebot richtet sich an Bildungseinrichtungen, Institutionen und Unternehmen, wo wir durch Workshops für Multiplikator_innen ein Bewusstsein für das Thema schaffen wollen. Denn das Thema geschlechtliche Vielfalt betrifft sehr, sehr viele Menschen, ist nicht einfach nur ein „Minderheitenthema“.

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