Diagonale 2019: Ein aufwühlender Eröffnungsfilm

Paul Pibernig

Der Film „Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer eröffnete gestern die Diagonale in Graz. Er behandelt den Umgang der Unternehmensberaterin Lola mit krassen Einschnitten in ihrem Leben, gegen die sie mit stumpfen Business-Szenarien nichts ausrichten kann.

Lola (Valerie Pachner) führt ein getriebenes Leben zwischen Wien und Rostock. Während sie sich in Wien immer noch nicht entscheiden konnte, welche Bilder sie aufhängen möchte, scheint ihr das anonyme Rostocker Hotelzimmer heimelig vertraut geworden zu sein. Getrieben ist sie aber nicht nur von ihrer Rettungsmission, in Rostock ein Unternehmen zu sanieren, sondern auch von ihrer Auseinandersetzung mit dem neuerlichen Zusammenbruch ihrer psychisch erkrankten Schwester Conny (Pia Hierzegger), die in Wien lebt. Lolas Realität gerät ins Wanken.

Ein harter Panzer für die Welt

Bemerkenswert am Film ist die Gestaltung der Hauptfigur Lola. Wir beobachten die ausgeklügelten Techniken, mit denen die Protagonistin ihren Panzer für die Anforderungen ihrer Arbeitswelt baut. Der Consultingbereich ist geprägt von Entgrenzung und Sexismus. Durchwachte Nächte ernten zwar kollegiale Anerkennung, bringen aber Frauen nicht auf der Karriereleiter weiter. Während wir von dieser Arbeit am Panzer viel mitkriegen, erhaschen wir anfänglich nur selten Einblicke in die intimen Seiten Hauptfigur. Jeden Tag im Morgengrauen verübt Lola verbissen Liegestützen und verbringt atemschwer Stunden auf dem Hometrainer im Fitnessraum des Hotels.

Wie in eine Rüstung schlüpft sie täglich in ihren makellosen Businesslook. Auch Lolas Sprache ist maßvoll und kontrolliert, durchsetzt von klinischen Formeln der Consultingsprache, die sie gezielt im richtigen Moment einzusetzen weiß. Bei ihrer Schwester rutscht sie damit jedoch ab. Ausgerechnet Conny, die von Lola in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden war, fordert die eingeübte (Selbst-)Beherrschung ihrer zielstrebigen Schwester heraus. Conny stellt Ansprüche auf ihre zwangsweise entzogene Autonomie, zeigt sich scharfsinnig und widerständig. Was Conny sagt und tut, arbeitet sich langsam in Lolas Inneres vor, und lässt sie nicht mehr los.

Wahrnehmungsverschiebungen

An diesem Dilemma entfaltet sich eine spannende Erzählform, die Zuseher*innen den Atem anhalten lässt. Es wird klar, dass Lolas Panzer nicht nur ein Schutz vor dem Außen, sondern auch vor sich selbst ist. Einerseits entspannt sich ein Drama, in dem die zeitweise turbulente Handlung Lola zwingt, Position zu beziehen. Conny möchte nämlich aus der Anstalt entlassen werden und in der Arbeit braut sich ein Sturm zusammen. Dabei bricht aber auch eine zweite Ebene auf, die uns immer mehr vom Innenleben der Protagonistin verrät. Mehr noch, wir kippen regelrecht in Lolas Wahrnehmung, der schrittweise der Boden unter den Füßen wegbricht. Für Lolas Weiterkommen wird die zusehends verengte und verängstigte Wahrnehmung zu einer weiteren Herausforderung, die den Nervenkitzel immer höher treibt.

Während die Regisseurin Marie Kreutzer ihr Publikum am Anfang noch im Glauben lässt, Kontrolle über die Bewertung der Handlungen zu haben, wird es beim Zusehen immer schwieriger einen Blick einzunehmen, der über den Dingen steht. Nicht nur kommen Lola ihre herkömmlichen Bewältigungsstrategien abhanden, auch wir können keine eindeutigen Schlüsse mehr als unbeteiligte Beobachter*innen ziehen. Wir müssen uns ganz auf Lolas partiellen Blick einlassen, auch wenn es schwerfällt, sich auf ihre Einschätzungen zu verlassen.

Ein Leben in der Vereinzelung

Nachdenklich macht der Film auch aufgrund seiner Darstellungen von Beziehungen, die vor allem die systemische Vereinzelung aufzeigen. Conny, Lolas Schwester, lebt mit ihrer Erkrankung und isoliert. Und Lolas soziale Welt ist, obwohl sie ständig herumjettet, sehr überschaubar. Abseits der Beziehung zu ihrer Schwester beschränken sich ihre Interaktionen auf das Arbeitsumfeld des Consultingunternehmens und die Kund*innen, für die sie tätig ist. Dieses Umfeld erinnert an eine beklemmende Schicksalsgemeinschaft, in der die Beziehungen zwangsweise auf das Funktionieren des Geschäfts ausgerichtet sind.

Viel Platz für Solidarität, geschweige denn engere Bindungen bleibt da nicht: Lola schätzt zwar eine Kollegin, die in der Unternehmenshierarchie unter ihr steht, lässt sich aber freundschaftlich von ihr nichts sagen. Der jungen Frau, die sie vor dem Hotel anschnorrt, gibt sie kein Geld. In ihren arbeitend durchwachten Nächten kommt sie höchstens dazu die Affäre mit ihrer Vorgesetzten Elisa (gespielt von Mavie Hörbiger) am Laufenden zu halten. Dass die Arbeit über allem steht, prägt auch ihren privaten Umgang miteinander. Und das macht Aushandlungen im Arbeitsalltag nicht gerade einfach. Sinnbildlich ist daher die Szene, in der sich Lola nachts, mit ihren Stöckelschuhen in der Hand, auf dem teppichbelegten Hotelgang zurück in ihr Zimmer schleicht. Und sich nach zu wenigen Stunden Schlaf wieder auf dem Hometrainer abstrampelt, bis sie das Leben nicht mehr draußen halten kann.

Mit Der Boden unter den Füßen hat Marie Kreutzer einen Film mit Nachwirkung geschaffen, der mit seiner scharfsinnigen Analyse einer patriarchalen Arbeitswelt und den Auswirkungen gesellschaftlicher Vereinzelung nahegeht. Die Sehnsucht nach heiterer Auflockerung wird streckenweise groß. Dass der Film kompromisslos humorvolle Einsichten verweigert, erweist sich letztlich als angemessenes Mittel für seine intellektuelle und emotionale Treffsicherheit. Selbst die abgebrühten Zuseher*innen können daher ruhig etwas Zeit zur Verarbeitung der starken Eindrücke vorsehen. Offizieller Kinostart in Österreich ist der 22. März.

Alexandra König schreibt derzeit an ihrer Dissertation in Wien.

Kommentare

Kommentare