Angst vor der Entschleunigung: Corona und der kaputte Uni-Betrieb

Foto: Alexander Johmann

Der Corona-Virus hat auch die Universitäten im Griff. Alle Lehrveranstaltungen sind zumindest bis Anfang April abgesagt. Viele Studierende ärgern sich, dabei hat die Maßnahme auch gute Seiten: Sie hebelt den neoliberalen Uni-Betrieb zumindest kurzfristig aus, schreibt Teresa Petrik. Den Ärger versteht sie dennoch.

Mittwochvormittag auf der Wiener Universitätsstraße. Das sonst so lebendige Uni-Viertel in der Innenstadt ist ausgestorben. Nur vereinzelt stehen Promoter*innen herum und suchen verzweifelt nach letzten Zurückgebliebenen, denen sie ihren Bio-Eistee in die Hand drücken können.

Wo es gerade zu Semesterbeginn normalerweise vor Studierenden auf dem Weg zu Seminaren und Vorlesungen wuselt, herrscht jetzt eine beinahe unheimliche Stille. Alle Uni-Gebäude bleiben geschlossen, nur Mitarbeiter*innen mit Zutrittskarten kommen weiterhin in die „Sperrzone“. Der Grund? Wegen des Corona-Virus wurden sämtliche Lehrveranstaltungen zumindest bis Ostern abgesagt. Was für die einen ein wahrgewordener Traum von unerwarteten Ferien ist, löst bei anderen schiere Panik aus. Die Reaktionen auf die Umstellung des Uni-Betriebs zeigen vor allem eines: Unser Hochschulsystem ist ganz schön kaputt.

„Stellt halt auf Online um“

Es wird eine „Umstellung auf home learning“ geben, verkündete die Universität Wien am Dienstag.

Das stellt Lehrende vor die unmöglich zu bewältigende Herausforderung, kurzfristig den gesamten Lehrbetrieb ohne physische Anwesenheit – also online – abzuhalten. Das bedeutet nicht zuletzt eine enorme Steigerung des Arbeitsaufwandes von Lehrenden, den sie ohne zusätzliche Bezahlung bewältigen müssen.

Die Hilflosigkeit der Unis im Umgang mit dieser unerwarteten Aufgabe nahmen viele nun zum Anlass, sich spöttisch darüber zu echauffieren, dass Österreichs Unis in Bezug auf die Digitalisierung massiv hinterhinken würden. Das hat einen wahren Kern: Tatsächlich fehlen Ressourcen, die Lehrveranstaltungen barrierefreier machen, und beispielsweise arbeitenden Studierenden oder Personen mit Betreuungspflichten die Teilhabe am Universitätsbetrieb erleichtern würden.

Der Schrei nach Digitalisierung hat aber auch eine andere Seite. Er ist Ausdruck der zunehmenden Unterwerfung des Studiums unter eine ökonomische Verwertungslogik. Studieren soll immer effizienter und zunehmend rationalisiert werden. Diese Forderungen beruhen auf einem verkürzten und völlig unrealistischen Bild von universitärer Lehre. Lernen wird dabei mit dem Sitzen in Vorlesungen gleichgesetzt, Partizipation ist höchstens als das gelegentliche Stellen einer Frage denkbar. Dabei gerät völlig aus Blick, dass Lernen immer auch ein zwischenmenschlicher Prozess ist.

Lebendige Diskussionen, das gemeinsame Erarbeiten von Erkenntnissen, aber auch die praktische Arbeit, etwa in Laboren: All das lässt sich nicht restlos digitalisieren und rationalisieren. Hinter der Forderung nach der Umstellung auf einen Unterricht, der völlig ohne physische Anwesenheit auskommt, steht eine neoliberale Vorstellung von Bildung. Die Lehre verkümmert dieser Logik nach zur Service-Leistung für das möglichst rasche Erlangen eines akademischen Grades, Lernen wird nur noch als Mittel zum effizienten Abstauben von ECTS-Punkten begriffen.

Die Corona-Entschleunigung

Die Corona-Sperre ruft vor allem zwei Gefühle hervor: Angst und Erleichterung. Alle Lehrveranstaltungen fallen aus – und Studierende wie Lehrende überlegen panisch, wie der gleiche Stoff jetzt in weniger Zeit untergebracht werden kann. Der Gedanke, einige Wochen weniger leisten zu können, bereitet einigen scheinbar mehr Angst als der Virus selbst. Auch dass wissenschaftliche Konferenzen eine nach der anderen abgesagt werden, ruft Unmut hervor. In Zeiten, in denen der akademische Lebenslauf ständig optimiert werden muss und Universitätsangestellte sich ständiger Bewertung aussetzen müssen, stellt das Ausbleiben von geplanten Vorträgen für viele Forscher*innen einen realen Karriereschaden dar.

Was uns diese Reaktionen zeigen? Wir haben den Zwang, ständig produktiv sein zu müssen, enorm stark verinnerlicht. Dass wir auch einfach einmal weniger machen könnten, liegt im beschleunigten Hochschulbetrieb schlicht außerhalb unserer Vorstellungskraft.

Gleichzeitig wird im Umgang mit Corona auch eine Sehnsucht nach Entschleunigung deutlich. Was vor wenigen Tagen noch undenkbar gewesen wäre, wird auf einmal umgesetzt. Vermeintliche Sachzwänge der neoliberalen Uni-Normalität scheinen kurzerhand außer Kraft gesetzt. Die aktuelle Krisensituation hat daher vielleicht auch das Potenzial, aufzuzeigen, dass wir Sachzwängen auch etwas entgegensetzen können, und zeigt: Die Welt geht nicht unter, wenn wir uns nicht ständig kaputt arbeiten.

Corona verschärft soziale Ungleichheit

Die Angst und Verärgerung, dass Lehrveranstaltungen und Prüfungen ausfallen, hat andererseits auch eine legitime Ursache: Ein großer Teil der Studierenden ist ökonomisch davon abhängig, eine bestimmte Anzahl an ECTS-Punkten zu absolvieren – etwa um Beihilfen oder Stipendien zu beziehen. Für Studierende aus Drittstaaten ist die Studienleistung eine entscheidende Voraussetzung für die Aufenthaltsgenehmigung in Österreich. Für viele stellt das Einstellen der Lehre also eine reale finanzielle und materielle Bedrohung dar. Gerade Studierende aus Arbeiter*innenhaushalten, mit niedrigem Einkommen oder ohne Staatsbürgerschaft erleben eine Zuspitzung ihrer ohnehin schon prekären Lage. Das zeigt uns auch, wie sich Studieren in den letzten Jahrzehnten verändert hat: Leistungssteigerung und Konkurrenzdruck stehen auf der Tagesordnung, wer nicht effizient genug ist, fliegt raus.

Die Universitäten haben dafür bislang noch keine Lösung vorgeschlagen. Die Verantwortung dafür, sich trotz der Virus-Maßnahmen finanziell erhalten zu können, wird den Studierenden selbst zugeschrieben. Den Umgang mit dem Corona-Virus reproduziert und verstärkt auf diese Weise soziale Ungleichheit.

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