Streiks, Nachbarschaftshilfe, freiwillige Quarantäne: Solidarität in Zeiten von Corona

Foto: Carlos Casares

Corona setzt den Alltag außer Kraft. Doch während Schulen, Unis und Lokale schließen, müssen viele Menschen weiter in die Arbeit gehen, trotz Ansteckungsgefahr. Es zeigt sich eine Welt, die den Profit über die Gesundheit der Einzelnen stellt. Dagegen braucht es Solidarität und linke Perspektiven, schreiben Teresa Petrik und Camilo Molina.

Schulen geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, das soziale Leben auf „ein absolutes Minimum“ reduziert. Der erste Todesfall in Wien ist bereits bekannt. Ganz Österreich soll, so Kanzler Kurz in einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag, „auf Minimalbetrieb heruntergefahren“ werden. Ganze Gemeinden in Tirol werden unter Quarantäne gestellt. Die Corona-Epidemie bestimmt mittlerweile nicht mehr nur die gesamte politische Debatte, sondern auch den Alltag und das öffentliche Leben. Was von vielen vor einigen Tagen noch als Panikreaktion belächelt wurde, erscheint heute mehr als berechtigt.

Bei verhältnismäßig großen Teilen der Bevölkerung ist die Ansteckung möglich und kann schwerwiegende Folgen haben. Bei allzu schneller Ausbreitung des Virus droht eine Überlastung der Gesundheitssysteme, die für viele Menschen tödlich endet. Wie schnell sich die Lage zuspitzen kann, zeigt ein Blick nach Norditalien. Dort führt die Platzknappheit in den Intensivstationen bereits dazu, dass Patient*innen nach ihren Überlebenschancen selektiert werden und erkrankte Menschen keine geeignete Therapie bekommen.

Gesellschaftliche Krise

Dass der Corona-Virus zu einer gesellschaftlichen Krise heranwächst, scheint nicht mehr zu verhindern. Es stellen sich damit höchst politische Fragen. Wer zahlt die wirtschaftlichen Kosten? Wie sorgen wir für die besonders Schutzbedürftigen? Und was können progressive Antworten auf diese Fragen sein? Der Ausnahmezustand, so viel steht fest, darf nicht die einzige Reaktion auf diese Krise bleiben. Als Linke müssen wir, wo es unsere Gesundheit und ein solidarisches Miteinander zulässt, aktiv werden, helfen und Perspektiven anbieten.

Der Kapitalismus ist ein Problem

Der Corona-Virus zeigt die Unfähigkeit einer kapitalistischen Gesellschaft, lebensgefährliche Krisenphänomene frühzeitig und effektiv einzudämmen. Bereits der Verlauf der Epidemie in China führte vor Augen, welche Folgen der neoliberale Umbau von Gesundheitssystemen in einer solchen Situation hat. Die gravierenden sozialen Folgen in den USA, wo ein großer Teil der Bevölkerung sich keine ordentliche Krankenversicherung leisten kann, mag man sich gar nicht erst ausmalen.

Fast alle Menschen sind der Ansteckungsgefahr an einem Ort besonders ausgesetzt: dem Arbeitsplatz. Trotz der Schließung von Schulen und Universitäten, trotz der Absage kultureller Veranstaltungen und dem Verlautbaren zahlreicher Schutzmaßnahmen müssen wir nach wie vor arbeiten. Viele prekär oder selbstständig Beschäftigte müssen die Risiken, die durch Corona entstehen, selbst tragen. Das bedeutet für sie einen massiven Angriff auf ihre Existenz ausgesetzt. Dass gleichzeitig Schulen geschlossen werden, führt zudem zu enormen Betreuungslücken: Wer soll die zu Hause gebliebenen Kinder versorgen, wenn die Eltern weiter arbeiten müssen?

Hilfspakete, aber für wen?

In einer Gesellschaft, in der Kapital- und Profitinteressen menschlichen Bedürfnissen übergeordnet werden, ist eine umfassende Bekämpfung des Virus verdammt schwer. In einer vernünftigen, an unserem Wohlergehen ausgerichteten Gesellschaft würden wir wohl zuallererst die Arbeit niederlegen – und müssten uns die Klagen über Einkommensverluste von Unternehmensseite nicht anhören. Zwar legte die Regierung Arbeitgeber*innen mittlerweile nahe, Home-Office so weit wie möglich zu ermöglichen. Aber das geht nicht in allen Branchen. Ein „Hilfspaket“ für Unternehmen ist hingegen schon auf Schiene. Die Angst, der Wirtschaft zu schaden, leitet das Handeln der Staatsspitzen.

Es zeigen sich aber auch erste Brüche dieser Logik. So wurde etwa die Produktion in einigen italienischen Fiat-Werken vorübergehend eingestellt. Wir haben es anscheinend mit einer so dramatischen Krise der menschlichen Reproduktion zu tun, dass selbst Großkonzerne mit der Durchsetzung ihrer Interessen zu kämpfen haben.

Arbeiter*innen beim Maschinenbauer GKN in Florenz halten den Zwei-Meter-Sicherheitsabstand ein. Foto: Collettivo Di Fabbrica

Der linke Umgang mit Corona

Politisch bedeutet das, dass wir uns für eine Reduktion der Arbeitszeit einsetzen müssen, um die Ansteckungsgefahr am Arbeitsplatz einzudämmen – und uns damit gegen jene stellen, die gewöhnt sind, das (eigene) Geld über die Gesundheit (der anderen) zu stellen. Die Vereinbarkeit von Gesundheitsschutz und Erwerbsarbeit wird ein Konfliktherd werden. Eltern brauchen im Falle der Schließung von Kinderbetreuungseinrichtungen eine Entgeltfortzahlung, um zu Hause bleiben zu können. Kündigungen müssen verhindert und Miet- wie andere Zahlungen gegebenenfalls aufgeschoben werden. Statt Unternehmen sollten die öffentlichen Gelder, die EU und nationale Regierungen derzeit in die Hand nehmen, jenen zugute kommen, die von Einkommensausfällen und Zahlungsproblemen existentiell bedroht sind.

Die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die den aktuellen Umgang mit dem Corona-Virus hervorbringen, ist wichtig. Ebenso das Stellen konkreter Forderungen an Regierungen. Als Linke dürfen wir aber nicht auf der Ebene der theoretischen Kritik stehen bleiben, sondern müssen im Alltag von Menschen konkret nützlich sein. Corona stellt uns nicht nur vor gesundheitliche, sondern vor weitreichende gesellschaftliche Herausforderungen. Zum einen befeuert die Epidemie ein gegenseitiges Misstrauen und eine Ellbogenmentalität, die sich in den Ereignissen der letzten Wochen offenbart. Von rassistischen Übergriffen über den Diebstahl von Schutzmasken aus Spitälern bis hin zu Rangeleien bei Virentests. Gerade in Italien sehen wir, wie die Angst vor dem Chaos es den politischen Spitzen ermöglicht, sich als „starke Männer“ zu inszenieren, und im öffentlichen Raum eine autoritäre Law-and-Order-Politik durchzusetzen.

Aber es geht auch anders. Der Corona-Virus bringt nicht nur gesellschaftliche Verwerfungen mit sich, sondern zeigt uns gleichzeitig, wie sehr wir gegenseitige Solidarität brauchen.

Solidarität muss praktisch werden

Wir müssen die Corona-Krise und ihre mögliche Zuspitzung erst nehmen. Priorität muss sein, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, um die Gefährdung vieler Menschen einzudämmen. Deswegen sind auch die Vorsichtsmaßnahmen jener Personen, die selbst nicht in eine Risikogruppe fallen, fundamental. Gerade gesunde Träger*innen tragen in alltäglichen Kontakten unbemerkt zur Übertragung bei. Die von Expert*innen formulierten Anweisungen zu persönlichen Hygienevorkehrungen und zur zeitweiligen Reduktion körperlicher Nähe sind insofern sinnvoll. Allerdings könnten sich die dazu bisher in Österreich ausgearbeiteten Maßnahmen möglicherweise als unzureichend herausstellen, wenn die Entwicklung einen „italienischen“ Verlauf nimmt.

Statt individualistisch die Verantwortung für unsere Mitmenschen von uns zu schieben, sollten wir uns ohne zu viel zu dramatisieren dessen bewusst sein, dass wir in der aktuellen Situation mit unserem Handeln dafür mitverantwortlich sind, wie gut vor allem ältere und kranke Menschen in unserer Gesellschaft diese Krise überstehen.

Vom „bloßen“ Einhalten der empfohlenen Maßnahmen, über das Verzichten darauf, ohne Rücksichtnahme auf die nächsten Einkäufer*innen 50 Rollen Klopapier zu hamstern, bis hin zur konkreten Unterstützung gefährdeter Menschen im Alltag: Solidarisches Handeln auf Grundlage dieses kollektiven Bewusstseins ist die Art und Weise, wie wir der Panik und autoritären Sehnsüchten entgegenwirken können und die Krise am besten überstehen.

Solidarisch zuhause bleiben

Bei aller Anerkennung des Ernsts der Lage sollten wir uns also nicht in apokalyptischen Visionen suhlen. Gerade aus dem Krisenherd Italien kommen auch vielfältige ermutigende Zeichen einer solidarischen Antwort, von spontanen Streiks zum Schutz vor Ansteckung am Arbeitsplatz, über die Organisation von Hilfeleistungen für Nachbar*innen im Grätzel, bis hin zur gegenseitigen Ermutigung zur freiwilligen Quarantäne auf Social Media mit dem Hashtag #iorestoacasa (dt. ich bleibe zuhause).  Auch in Österreich gibt es ähnliche Entwicklungen.

Wenn wir verhindern wollen, dass die Herrschenden den Notstand für ihre politischen Zwecke ausnutzen, müssen wir selbst solidarische Antworten finden. Jetzt Solidarität zu entwickeln ist zum einen die Voraussetzung für gemeinsame Organisierung und das Führen von Kämpfen für eine bessere Gesellschaft. Ganz praktisch kann sie gerade jetzt zum anderen aber auch eines: Leben retten.

Italienische Ärzt*innen rufen auf, zuhause zu bleiben. Foto: Μαρία Μπαλάφα

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