Größter Uni-Streik in Großbritanniens Geschichte legt Unibetrieb lahm

Seit Donnerstag streiken Tausende Uniangestellte an 65 Universitäten in Großbritannien gegen die geplanten Pensionsreformen. Doch längst geht es nicht mehr nur um Pensionen. Melanie Pichler und Edma Ajanovic mit einem Stimmungsbild.

Die UCU (University and College Union) vertritt als größte Uni-Gewerkschaft der Welt Angestellte an 65 Universitäten in Großbritannien. Seit Donnerstag ruft sie zum bislang größten Unistreik in der Geschichte des Landes auf. Über einen Monat lang soll an insgesamt 14 Tagen die Arbeit niedergelegt werden. Bis die Forderungen erfüllt sind.

Die Reform trifft im Grunde nur fix an der Uni Angestellte. Trotzdem gibt es sehr rege Beteiligung quer durch alle Statusgruppen: Professor_innen, Lektor_innen, Projektmitarbeiter_innen und Studierende finden sich an den zahlreichen Streikposten zusammen. An manchen Unis zeigt sich sogar das Reinigungspersonal solidarisch.

Pensionen als Ausgangspunkt

Ausgangspunkt ist die Ankündigung der Arbeitgeber Universities UK (UUK), die Pensionen für Uniangestellte den Marktgesetzen zu überlassen. Pensionsbeiträge von Gehältern bis 55.000 Pfund pro Jahr waren bisher von einem Börsengang ausgenommen, sie hatten also garantierte Pensionszahlungen. Künftig soll die Höhe der Pensionen ganz den Schwankungen auf den Aktienmärkten überlassen werden.

Die Reform trifft vor allem neue, fix angestellte Mitarbeiter_innen. Laut Gewerkschaft könnten sie in 20 Pensionsjahren 200.000 Pfund verlieren. Bereits jetzt legen Uni-Mitarbeiter_innen selbst fest, ob und wie viel sie in die Pensionsversicherung einzahlen. Schlecht bezahlte Mitarbeiter_innen zahlen oft gar nichts ein.

Neoliberalisierung der Unis

Im Streik geht es aber längst nicht mehr nur um Pensionen. Die Privatisierung reiht sich in die Neoliberalisierung der Universitäten seit Ende der 90er Jahre ein. Diese drückt sich vor allem in – stetig steigenden – Studiengebühren und einer Zunahme von unsicheren Jobs aus.

„Es ist nicht offizielle Linie der Gewerkschaft, aber für uns geht es nicht nur um Pensionen. Wir wollen zeigen, dass wir von den prekären Arbeitsverhältnissen, die vor allem junge Wissenschafter_innen treffen, von stagnierenden Löhnen und steigenden Studiengebühren die Schnauze voll haben“, meint Daniel Fuchs, derzeit Lektor an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London.

Unsichere Jobs, unsichere Zukunft

Atypische Beschäftigungsverhältnisse haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Etwa die Hälfte der Uniangestellten an britischen Universitäten haben unsichere Verträge. Von der Gewerkschaft werden ihre Probleme bisher nur wenig beachtet, auch wenn sie einen Großteil der Streikenden ausmachen.

Mariya Ivancheva, die in einem Forschungsprojekt an der University of Leeds arbeitet, fasst ihre Position so zusammen: „Ich streike, obwohl nicht einmal klar ist, dass ich nach meinem aktuellen Vertrag weiter im Universitätssektor oder überhaupt in Großbritannien angestellt sein werde. Ich streike also, um das Recht auf eine Pension für Menschen mit sehr viel höheren Gehältern und Lebensgrundlagen zu verteidigen. Viele von ihnen streiken selbst nicht und beschäftigen sich auch gar nicht mit ihrer Pension oder haben einfach eine private Pensionsvorsorge“.

Studierende als Schlüssel zum Erfolg

Die Studierenden werden von vielen als Zünglein an der Waage bezeichnet. Der Studierendenverband unterstützt offiziell die Streiks und ruft die Studierenden dazu auf, sich zu beteiligen. Trotzdem stoßen die ausfallenden Einheiten und möglicherweise auch Prüfungen bei einigen auf Verstimmung.

Der Grund ist einfach: Studiengebühren in Großbritannien zählen zu den höchsten in der EU. Für ein einjähriges Masterstudium zahlen EU-Student_innen etwa 9.000 Pfund, Studierende aus Drittstaaten gar 18.000 Pfund. Die Solidarität der Studierenden ist deshalb ein Schlüssel für die Erfolgsaussichten des Streiks.

„Nur wenn es gelingt, Studierende von der Bedeutung der Streiks zu überzeugen und ihren verständlichen Frust an die Uni-Leitung zu lenken, können wir Erfolg haben. Es gibt bereits Petitionen für die Rückerstattung von Studiengebühren aufgrund der verlorenen Studienzeit. Das ist ein Mittel, den Druck auf die Universitäten zu erhöhen und die Verantwortlichen zur Rückkehr an den Verhandlungstisch zu bewegen“, sagt Daniel Fuchs.

„Am Birkbeck College fiel der Unterricht für die Studienrichtung Jus fast zur Gänze aus“, sagt Alexandra König. „Ausnahme war ein Seminar, wo sich der Tutor aber ohne Studierende im Raum fand. Das liegt vielfach daran, dass Lehrende im Vorfeld ihre Studierenden über die Gründe und Notwendigkeit informiert haben und Raum für Diskussionen gegeben haben. In solchen Momenten können auch die größeren Zusammenhänge besprochen werden, die für die Politisierung sehr wichtig sind.“

Entwertung der Lehre

Für die Lehre besonders wichtig sind sogenannte Fractionals. Das sind meist PhD-Studierende im 4. Jahr. Sie erhalten als Lehrende mit befristeten, in der Regel ein akademisches Jahr dauernden Verträgen, einen „Teil“ (fraction) des Gehalts von Vollzeitangestellten.

„Die Lehre an den britischen Universitäten wird chronisch entwertet, Lehrende leisten viele Stunden unbezahlt. Die meisten meiner Freund_innen und Kolleg_innen, die an den Unis lehren, verdienen nicht einmal genug, um sich für Pensionen zu qualifizieren. Andere zahlen ihre Pensionsbeiträge gar nicht erst ein, weil sie sich das Leben in London sonst nicht leisten könnten. Die Streiktage fallen für viele auf ihre „Lehrstunden“. Das bedeutet, dass ihr Monatseinkommen komplett entfällt. Ich habe von Leuten gehört, die sich Geld ausborgen werden, um diesen Monat ihre Mieten zahlen zu können. Weil sie überzeugt sind, dass dieser Streik ein wichtiges Gelegenheitsfenster für politische Arbeit ist“, sagt Alexandra König, Doktorandin am Birkbeck College der University of London.

Wie wichtig diese politische Arbeit ist, zeigen die Erfahrungen von externen Lehrenden an der SOAS. „Wir Fractionals an der SOAS können auf erfolgreiche Streikerfahrungen in den vergangenen Jahren aufbauen. In der SOAS Fractionals for Fair Play Kampagne ist es uns im Mai vergangenen Jahres nach dreieinhalb Jahren und mehreren Streiks gelungen, bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Zuvor waren 40 Prozent unserer Arbeitszeit nicht entlohnt“, meint Daniel Fuchs.

An den Streikposten

Um den Streik sinnvoll und auch mit Spaß umzusetzen, gibt es an vielen Unis ein breites Programm an teach-outs. „In diesen offenen Lehrveranstaltungen können auch weitreichendere Themen angesprochen werden“, sagt Alexandra König.

„Wir haben beispielsweise eine Session zu den Anti-Terrorgesetzen PREVENT geplant. Wir wollen erarbeiten, wie Universitäten an der Durchsetzung von repressiven Politiken im Namen von Anti-Terrorgesetzen mitmachen. Das betrifft uns alle – Lehrende, Studis und Admin-Personal. Es gibt aber auch Streikchöre. Musik und Krach dürfen auch nicht fehlen, das ist bei dem Sauwetter unabdinglich.“

Melanie Pichler ist Politikwissenschafterin in Wien, sie forscht v.a. zu (internationaler) Umwelt- und Ressourcenpolitik. Edma Ajanovic ist Politikwissenschafterin und forscht zu Rassismus und Migration in Wien.

Beide sind Mosaik-Redakteurinnen. Vielen Dank an Daniel Fuchs, Mariya Ivancheva und Alexandra König für die O-Töne aus Großbritannien.

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