Im Schatten des drohenden Krieges: So leben die Menschen in Venezuela

Juan Cristobal Zulueta

Während sich Opposition und Regierung um die Macht streiten und eine US-amerikanische Invasion droht, geht der Alltag in Venezuela weiter. Die Bevölkerung versucht die Lage zu ertragen und muss sich im Chaos zurechtzufinden. Ein Bericht aus den Städten und Dörfern Venezuelas.

Eine Stadt

Die einsame Straße, das überfüllte Einkaufszentrum. Ein Arbeiter, der es nicht schafft, die Mauer fertigzustellen. Ein Junge, der auf dem Weg zur Schule mit seinem Vater auf einem Motorrad dem Militär den Inhalt seiner Tasche zeigen muss. Die betende Großmutter in der Küche ohne Gas. Der Schuhmacher, der verschiedene Schuhe zu Paaren zusammensucht. Die Frau, die gebrauchte Kleidung zum Verkauf auf die Straße legt. Andere, die im Müll nach Frühstück suchen. Menschen, die in Dollar rechnen, was sie kaufen können. Das volle Luxusrestaurant, ein leerer Supermarkt, ein anderer voller Supermarkt. Der volle Tisch mit Kaffee und Zucker für den illegalen Weiterverkauf. Eine Versammlung. Die Frau, die gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen ist, um ihr Kind zu gebären: überall Bewegung.

Vor allem im Ausland dominiert das Bild eines gelähmten Venezuela. Ein Krieg ohne Bomben, der uns gefangen hält. Dieses Bild wird durch den Regierungsdiskurs vom „Wirtschaftskrieg“ ebenso bekräftigt wie durch die Opposition, die betont, dass wir „humanitäre Hilfe“ benötigen. Die Opposition sagt, es gäbe keinen Wirtschaftskrieg, der die Krise verursache, und die Regierung sagt, es brauche keine humanitäre Hilfe, weil alles halb so wild sei. Wir versuchen, es zu ertragen. Versuchen, es zu ertragen – das heißt, sich von Tag zu Tag etwas Normalität herbeizusehnen.

Maria

Maria hat einen Sohn in Peru, der andere geht auch weg. „Gott sei Dank sind sie gegangen“, sagt sie. „Mein Sohn schickt mir etwas Geld. Ich bleibe hier, weil sie mir hier in der Kantine zumindest Essen geben. Ich nehme die Hälfte für meine Enkelin mit und wir haben wenigstens schon eine von drei Mahlzeiten.“

Beide Diskurse, sowohl jener der Regierung als auch jener der Opposition, verschweigen die täglichen Kämpfe der Venezolaner_innen. Sie führen diese Kämpfe, um gegen die tiefen sozialen Ungleichheiten und die ständige Plünderung der kommunalen, natürlichen und affektiven Ressourcen zu bestehen. Das sind die Menschen, die sich nicht der politischen Polarisierung beugen: sowohl der US-Interventionen und der wirtschaftlichen Ausplünderung als auch der Demontage der staatlichen Institutionen, die nicht reagieren, die lügen und die für nichts zur Verantwortung gezogen werden.

Diese Idee der Bewegung ist wichtig. Zum einen sind wir noch immer in Bewegung, weil wir leben wollen. Und zum anderen bedeutet Bewegung Veränderung und mit jedem Tag wollen die Venezolaner_innen, dass sich die Dinge ändern.

Die Bewegung

Die Umweltbewegung, die vor einigen Jahren für die Erholung eines Flusses gekämpft hat, erzählt, dass alles Erreichte rückgängig gemacht wird: „Es ist wieder einmal notwendig, sich zu organisieren, aber derzeit steht das Militär bei der Flussmündung und wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ Sie haben kürzlich in der Nähe eine Mine eingerichtet. „Die Regierungsvertreter machen da auch Geschäfte“, das sagen sogar einige Vertreter des Ministeriums. Sie haben Angst, Anzeige zu erstatten, aber dennoch dokumentieren sie alles und wissen, wer da was macht. Nach ihrem Treffen gehen einige von ihnen zu Fuß nach Hause, weil es im Dorf keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt.

Der Wirtschaft Venezuelas machten in den letzten Jahren besonders folgende Umstände zu schaffen:

Erstens gibt es keine Erfolge in der wirtschaftlichen Diversifizierung, und wir sind immer noch abhängig von einem einzigen Produzenten und seinem Produkt: dem staatlichen Erdölkonzern PDVSA. Die wirtschaftlichen Maßnahmen, die von unserem Hauptabnehmer des Öls, den USA, gegen Venezuela verhängt wurden, erdrosseln uns. Sie nehmen uns wirtschaftlich die Luft zum Atmen. Und währenddessen rauben korrupte Beamte das Land aus.

Zweitens durch die Mechanismen der Lebensmittelkontrolle: ineffiziente Regulierung, Hamsterkäufe, illegaler Lebensmittelhandel, selektive Vertriebsmechanismen (etwa durch die „Ministeriumstaschen“, die von den Unternehmen direkt zu den öffentlichen Bediensteten gebracht werden).

Drittens durch die steigende Migration und die Rücküberweisungen, die die Dollarisierung der Wirtschaft vorantreiben.

Und viertens die Kontrolle von natürlichen Ressourcen und Menschen durch staatliche und parastaatliche bewaffnete Gruppen, was zu Gewalt, Enteignungen, rechtswidriger Aneignung von Land und außergerichtlichen Hinrichtungen von Menschen aus den unteren Bevölkerungsschichten führt. Das alles passiert inmitten einer Krise des öffentlichen und privaten Verkehrs, die das Recht auf Mobilität einschränkt.

Wir befinden uns mitten in einem Bruch der konstitutionellen Ordnung, der in der aktuellen politischen Krise seinen Höhepunkt erreicht. Wir haben einen Präsidenten der Nationalversammlung, der sich eigenständig und mit Unterstützung der USA zum Präsidenten erklärt hat. Und einen gewählten Präsidenten, der seit einigen Jahren mit Hilfe des Ausnahmezustandes regiert. Darüber hinaus erfahren wir die gröbsten ausländischen Interventionen und den Verlust unserer Souveränität. Es sind unterschiedlichste ausländische Interventionen. Durch China und Russland, die hinter unseren natürlichen Ressourcen her sind – und sicherstellen müssen, dass ihre Investitionen abgesichert sind. Und durch die USA an der Spitze eines Putschversuchs. Wir stehen kurz vor einem Bruch, der uns zu einem Krieg führen könnte.

Lucrecia

Lucrecia kehrt nach Entführung und Folter auf ihr Land zurück. Ihre Gemeinschaft Yukpa ist seit einiger Zeit nicht mehr sicher. Alles wurde ihnen gestohlen und – anders als in der Verfassung festgelegt – wurden ihre Ländereien noch immer nicht in den Zuständigkeitsbereich der Gemeinschaft übertragen. Bald wird sie sich wieder an die Staatsanwaltschaft wenden, um ihre Beschwerde weiter zu verfolgen – falls die Kuh für den Transport auftaucht. Eine Gruppe von Frauen wartet auf sie, um gemeinsame Aktionen in sozialen Netzwerken zu planen.

Venezuela steht nicht still, nein. Das zu behaupten, wäre schlicht und ergreifend falsch. Venezuela bleibt in Bewegung. Eine Bewegung mit unbeständigem Rhythmus, dem die Harmonie verloren gegangen ist. Die Ungewissheit erzeugt Angst, Gewalt, Müdigkeit, Misstrauen gegenüber den Anderen (mit der Tendenz, alles zu kriminalisieren, was sich nicht der herrschenden Polarisierung unterwirft). Gleichzeitig ist „die Krise eine Chance“, sagen mir einige junge Leute, die eine agrarökologische Initiative betreiben. Und das sagt auch ein Unternehmer, der seinen Handel mit importierten Nahrungsmitteln aufbaut.

Die Genossenschaft

Seit sechs Jahren trifft sich die Genossenschaft wöchentlich immer am gleichen Tag. Die Produktion in diesem Monat ist gering, aber die Frauen setzen sich zufrieden hin, um für das Dorf zu nähen. In diesem Monat haben sie schon Land für den Gemüsegarten gerodet. Es ist nicht groß, aber „es ist besser etwas zu tun als darauf zu warten, dass Zitronen vom Himmel fallen“, sagt eine von ihnen.

Die Beziehung zum Land verändert sich, sie muss sich ändern, wenn sich das Leben ändert. Wie viele dieser Veränderungen werden dauerhaft sein? Es ist dringend notwendig zu verstehen, dass und wie die Gemeinschaft immer noch aufrechterhalten wird. Und darauf zu achten, dass sie weiterlebt und kämpft. Die Möglichkeit des Aufbaus einer Gemeinschaft inmitten dieser permanenten Bewegung besteht weiter.

Dieser leicht gekürzte Text erschien im Original auf dem venezolanischen Blog Observatorio de Ecología Política de Venezuela.

Liliana Buitrago ist Wissenschafterin am Instituto de Estudios Avanzados (IDEA). Sie ist Teil der Beobachtungsstelle für Politische Ökologie in Venezuela (Observatorio de Ecología Política de Venezuela).

Übersetzung: Melanie Pichler und Ulrich Brand

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