Ungarn: Zehn Gebote statt gute Gesundheitsversorgung

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Seit 2010 regiert Viktor Orbáns nationalistische Fidesz-Partei in Ungarn. Seitdem gerät die schon vorher angeschlagene Gesundheitsversorgung immer tiefer in die Krise. Und Gesundheitsminister Miklós Kásler hat ganz eigene Lösungen für das Problem: das Einhalten biblischer Tugenden und der zehn Gebote.

Die Semmelweis-Universität für Medizin in Budapest gilt als bestes Krankenhaus Ungarns. Wer jedoch die Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde betritt, wird in ein anderes Jahrhundert zurückversetzt. Der Putz bröckelt von den Wänden, Desinfektionsmittel ist Mangelware, der Wartebereich hoffnungslos überfüllt und die medizinischen Instrumente könnten auch in einem historischen Museum ausgestellt sein.

Auch wenn Pfleger*innen und Ärzt*innen ungeachtet der Umstände ihr Bestes geben, wird schnell klar, dass dies an der Grenze ihrer Belastbarkeit geschieht. Denn neben der Arbeit mit Patient*innen müssen sie auch noch forschen oder lehren. Fragt man Beschäftigte im Gesundheitsbereich oder Patient*innen, berichten viele, dass sich die Lage in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt hat.

32.000 vermeidbare Tote in einem Jahr

Bei der Gesundheitsversorgung im ländlichen Ungarn sieht es noch schlechter aus. Fahrtzeiten von knapp einer Stunde bis zum nächsten Krankenhaus gelten als normal. Die langen Anfahrts- und Wartezeiten bedeuten, dass die Menschen sich oft erst behandeln lassen, wenn es zu spät ist. Maßnahmen der Prävention können dann nicht mehr greifen.

Laut einer Studie des Staatlichen Zentrums für gesundheitliche Versorgung hätten 32.000 Todesfälle im Jahr 2014 durch eine bessere Gesundheits-Infrastruktur verhindert werden können.

Eine Frage des Geldes

Wer es sich leisten kann, lässt sich in einer der zahlreichen Privatkliniken des Landes behandeln – oder hofft nach der Zahlung des sogenannten „Dankesgeldes“ (hálapénz) an Ärzt*innen auf eine Sonderbehandlung in einer staatlichen Einrichtung. Tatsächlich gilt das hálapénz als normal. Menschen in Notlagen versuchen, für sich oder ihre Angehörigen doch noch das Beste an Versorgung herauszuholen. Die Ärzt*innen, chronisch unterbezahlt, nehmen das Geld an – auch wenn sie eine bessere Leistung nicht garantieren können.

Probleme bei der Modernisierung von Gesundheits-Einrichtungen und der ländlichen Versorgung existieren nicht nur in Ungarn. Doch hier sind die Folgen der mangelhaften Versorgung besonders gravierend. Die Lebenserwartung der ungarischen Bevölkerung sollte alarmieren: Frauen liegen vier Jahre unter dem EU-Durchschnitt, Männer sogar sechs. Wie eine Studie aus den USA nahelegt, lassen sich diese Zahlen unter anderem auf die Dichte der ambulanten Versorgung zurückführen.

Die ungarische Regierung reagiert auf die alarmierenden Zahlen nicht. Ganz im Gegenteil: Die Ausgaben für das öffentliche Gesundheitssystem sinken sogar. Vonseiten der Kammer der ungarischen Ärzt*innen heißt es: „In Ungarn findet die gesundheitliche Versorgung und deren Finanzierung praktisch auf demselben Niveau wie zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs statt.

Zehn Gebote als Gesundheitsprogramm

Besonders absurd sind die Aussagen von Miklós Kásler, Minister für „Humanressourcen“, der auch für Bildung und Gesundheit zuständig ist. In einem Interview sagte er: „Man kann mit der Einhaltung der Zehn Gebote 70 bis 80 Prozent der tödlichen Erkrankungen vorbeugen.“ In einem weiteren Interview führt der Onkologe aus: „Die Zehn Gebote sind eigentlich ein fast perfektes Volksgesundheitsprogramm, denn was wir hier auf mehreren hundert Seiten zusammenstellen, beruht auf den Zehn Geboten.

Das Thema Gesundheit steht damit exemplarisch für den Politikstil der Regierung Orbán. Deren Fokus liegt nämlich längst nicht mehr auf der Lösung realer Probleme. Sein Kabinett hat sich ins Post-Politische verabschiedet, wo Politik nur noch aus Inszenierung besteht und echte Probleme kreierten Problemen weichen müssen.

Die Jungen wandern aus

Hat die Regierung tatsächlich ein Problem als solches erkannt und will es beheben, setzt sie auf große Gesten mit zweifelhaftem Nutzen. Orbáns Partei Fidesz hat Anfang 2019 ein Gesetz verabschiedet, das Mütter mit mehr als drei Kindern von der Einkommensteuer befreit. Das soll die Zahl der Geburten steigern. Doch was bringt das, wenn sich Schwangere vor der Geburt im Krankenhaus fürchten müssen? Schließlich erwarten sie nach einer kräftezehrenden Geburt schlaflose Nächte in Acht-Bett-Zimmern. Auch über mangelnde hygienische Standards wissen werdende Eltern nur zu gut Bescheid.

Viele junge Menschen ziehen – trotz Maßnahmen wie der Finanzspritze für kinderreiche Familien – ins Ausland. In der Zeit von 2010 bis 2014 haben 600.000 Ungarn ihre Heimat verlassen. Das betrifft nicht zuletzt auch Fachkräfte wie Ärzt*innen und Pflegekräfte – oder völlig überarbeite Hebammen.

Zum Wohle der Patient*innen und der in Gesundheitsberufen tätigen Menschen bleibt zu hoffen, dass sich die Politik in Ungarn ändert. Gesundheit muss wieder höchste Priorität erlangen. Denn um gesund zu werden oder es zu bleiben, reicht es nicht, nur einen Gott zu haben, die Eltern zu ehren oder nicht zu stehlen.

Marinus Fislage studiert Medizin an der Charité in Berlin und engagiert sich bei der AG Kritische Mediziner*innen. Im Sommer 2019 hat er ein Semester lang in Budapest gewohnt.

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