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Nach den TeenStar Leaks ist eine öffentliche Debatte über sexuelle Bildung entbrannt. Barbara Rothmüller und Ines Pazdera sprechen im Interview mit mosaik-Redakteurin Lisa Mittendrein über ganzheitliche Sexualpädagogik, politische Ansprüche und den Generalverdacht, unter dem die sexuelle Bildung steht.

Mit den TeenStar-Leaks ist die Sexualpädagogik derzeit wieder in den Medien. Ein konservativer Verein bietet problematische Workshops in Schulen an. Hat euch das überrascht?

Rothmüller: Nein, leider überhaupt nicht. Sexuelle Bildung ist ein heftig umkämpftes Feld – nicht nur in Österreich. Konservative Akteur*innen sind sehr aktiv. Unter Sexualpädagog*innen war auch bekannt, dass manche sehr problematische Ansätze und Methoden in Schulen verwenden.

Wie findet eigentlich heute in Österreich Sexualpädagogik in der Schule statt?

Pazdera: Sexuelle Bildung soll altersadäquat in allen Unterrichtsfächern stattfinden – entsprechend dem Grundsatzerlass des Ministeriums. Es ist oft schwierig für Lehrpersonen über Sexualität und Beziehungen zu reden, wenn sie nicht sexualpädagogisch ausgebildet sind. Das kann für alle Beteiligten überfordernd sein. Deswegen gibt es Fortbildungen für Lehrer*innen und viele Schulen holen sich gerne externe Sexualpädagog*innen. Das hat viele Vorteile, denn für Schüler*innen kann es leichter sein, einer Person Fragen zu stellen, die keine Noten gibt – solange Freiwilligkeit und Vertraulichkeit vereinbart werden.

Was umfasst der Grundsatzerlass, den du gerade erwähnt hast?

Rothmüller: Der Grundsatzerlass definiert Sexualpädagogik als Querschnittsmaterie in allen Unterrichtsfächern. Er legt zum Beispiel fest, dass es nicht nur um Gefahrenprävention geht, sondern um die altersadäquate Begleitung von Kindern und Jugendlichen, damit sie eine positive Grundhaltung zu ihrem Körper und ihrer Sexualität entwickeln. Auch Antidiskriminierung steht drinnen, Geschlechtergleichstellung, sowie andere wichtige Leitlinien.

Ihr habt vor kurzem als Plattform Sexuelle Bildung ein Statement zur aktuellen Debatte veröffentlicht, das von vielen sexualpädagogisch arbeitenden Vereinen unterzeichnet wurde. Wer seid ihr?

Pazdera: Die Plattform Sexuelle Bildung ist ein Zusammenschluss von Sexualpädagog*innen in Österreich. Nachdem die Plattform länger inaktiv war, haben wir es jetzt als Teil des neuen Vorstandes übernommen, den Verein neu aufzustellen. Wir finden es wichtig, dass Sexualpädagog*innen sich vernetzen.

In der Stellungnahme sprecht ihr von „ganzheitlicher Sexualpädagogik“. Was ist das?

Rothmüller: International gibt es verschiedene Ansätze, wie Sexualpädagogik unterrichtet wird. Einer ist „abstinence only“ und predigt Enthaltsamkeit vor der Ehe als einzig legitimen Weg. Das ist etwa in den USA sehr verbreitet. Dagegen hat sich eine ganzheitliche Sexualpädagogik etabliert. Sie stellt die altersgerechte Begleitung der sexuellen Entwicklung in den Mittelpunkt und die soziale und emotionale Entwicklung der gesamten Persönlichkeit. Es geht um die Unterstützung sexueller Selbstbestimmung.

Pazdera: Professionelle Sexualpädagogik orientiert sich stark an den Interessen und der Lebenswelt der Zielgruppe. Damit steht sie im Gegensatz zu Wertevermittlungsprogrammen, die ihre eigene, klare Message haben, unabhängig davon ob es für die Zielgruppe ein Anliegen ist. Wir gestalten Workshops so, dass die Teilnehmer*innen ihre Themen einbringen können – egal ob sie über Verhütung, Pornographie oder Gefühle reden wollen. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen wird dabei auf Alter und Zielgruppe abgestimmt.

Rothmüller: Diese Perspektive wird teilweise erweitert in emanzipatorischen, kritisch-reflexiven oder auch queeren Ansätzen, die sich noch einmal stärker darauf konzentrieren, Vielfalt zu berücksichtigen und Sexualität in gesellschaftliche Machtfragen einzubetten.

Das macht die Sexualpädagogik auch politisch, oder?

Rothmüller: Sexuelle Bildung ist politisch und war es immer. Sexualität ist ein Ungleichheitsverhältnis wie auch soziale Klasse, Ethnizität oder Geschlecht. Man kann sich eigentlich auch nicht mit Sexualität beschäftigen ohne Machtverhältnisse einzubeziehen. Gerade wenn das Ziel sexuelle Selbstbestimmung ist, müssen wir Sexualität mit sozialer Benachteiligung und Hierarchien zusammendenken: Wer kann sich für oder gegen Sex entscheiden, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen? Wer wird als begehrenswert wahrgenommen und wer nicht? Wer kann sich einen Schwangerschaftsabbruch leisten?

Mit dem Ruf nach freien Entscheidungen allein ist es nicht getan. Und nicht alle haben ein Interesse daran, dass über Sexualität, Macht und Ungleichheit überhaupt gesprochen wird. Selbstbestimmung kann nur verwirklicht werden, wenn wir auch Geschlechter- und Ungleichheitsverhältnisse verändern. Dann wird auch klar, dass sexuelle Bildung einen gesellschaftskritischen Auftrag hat. Es geht also um mehr als um Aufklärung im Sinne der Wissensvermittlung.

Der Umgang mit Sexualität ist oft normativ – eine bestimmte Art der Sexualität gilt als gut oder gesund. Wie geht ihr in eurer Arbeit mit unterschiedlichen Haltungen um?

Pazdera: Uns ist natürlich bewusst, dass es unterschiedliche Wertvorstellungen zu Sexualität gibt. Als Sexualpädagog*in ist es wichtig zu berücksichtigen, dass es verschiedene Lebensrealitäten und Formen der Gestaltung gibt. Wenn es in einem Workshop gelingt, vielfältige Haltungen offenzulegen, können die Teilnehmer*innen diese kritisch reflektieren und gemeinsam diskutieren. Dafür ist es zentral, einen sicheren Rahmen zu schaffen und Respekt vor der Kompetenz der Menschen zu haben, ihr eigenes Leben auf für sie bestmögliche Weise gestalten zu können.

Rothmüller: Sexualpädagogik richtet sich dabei klar gegen Zwang, Gewalt und Diskriminierung. Wenn es um konkrete Sexualpraktiken geht beispielsweise, kann vieles nebeneinander stehenbleiben, aber nicht, wenn es um Ausgrenzung geht. Wir versuchen sicherzustellen, dass unsere Workshops diskriminierungsfreie Räume sind, wo alle am Bildungsangebot teilnehmen und etwas für sich mitnehmen können.

Zurück zu TeenStar: Was müsste eurer Meinung nach politisch passieren, damit so etwas nicht mehr vorkommt?

Pazdera: Uns ist wichtig zu betonen, dass Vereine wie TeenStar nicht repräsentativ für die Sexualpädagogik in Österreich sind. Viele Organisationen machen sehr gute und professionelle Arbeit nach den etablierten Standards.

Rothmüller: Auf deren Expertise sollte die Politik zurückgreifen. Es ist auch die Verantwortung der Politik, mehr Ressourcen für sexuelle Bildung und Professionalisierung bereitzustellen. Es gibt in Österreich zum Beispiel kaum wissenschaftliche Forschung dazu. Was ich aber problematisch finde, ist, dass jetzt die ganze Sexualpädagogik quasi unter Generalverdacht gerät. Auch Akteur*innen, die seit vielen Jahren wertvolle und engagierte Arbeit leisten.

Als Reaktion auf die Leaks wurde auch vereinzelt gefordert, alle sexualpädagogischen Angebote staatlich zu organisieren. Wie seht ihr das?

Rothmüller: Ich finde es ist eine öffentliche Aufgabe, sexuelle Bildung zu finanzieren. Daher ist es gut, wenn Initiativen zur Qualitätssicherung diskutiert und mehr Ressourcen bereitgestellt werden. Externe Angebote sind unterschiedlich organisiert. Zum Beispiel finanziert das Land Niederösterreich kostenlose Angebote für Kinder, Eltern und Lehrpersonen an allen Schultypen über eine zwischengeschaltete Fachstelle. Das ist leider die Ausnahme. Ich hätte aber, gerade unter den aktuellen politischen Verhältnissen, große Bedenken bei etwaigen inhaltlichen Zentralisierungsversuchen.

Du hast gerade Niederösterreich als Beispiel genannt. Wie sieht es in Wien aus?

Rothmüller: In Wien gibt es interessanter Weise nur vereinzelte Finanzierungsmodelle für bestimmte Schultypen, etwa Berufsschulen. Ein kostenloses und flächendeckendes Workshop-Angebot für alle Kinder und Jugendlichen ist nicht vorhanden. Ich frage mich manchmal, ob da nicht auch institutioneller Klassismus eine Rolle spielt. Es wird angenommen, dass bestimmte soziale Milieus besonders intensive Betreuung brauchen – Stichwort Teenagerschwangerschaften. Umgekehrt scheint es dann so, als ob Gymnasiast*innen keine besonderen Angebote brauchen.

Pazdera: Dabei haben ja alle Jugendlichen Fragen und ein Recht auf sexuelle Bildung.

Es gibt immer wieder Versuche von rechts, progressive sexualpädagogische Vereine zu diskreditieren. Beeinflusst das eure Arbeit?

Rothmüller: Sexualpädagog*innen arbeiten sehr prekär, es gibt ja fast keine Angestelltenverhältnisse. Wenn sie unter Druck gesetzt wurden, waren viele Pädagog*innen und Vereine bisher auf sich allein gestellt.

Pazdera: Hier gemeinsam Strategien zu entwickeln, war auch ein Ziel der Neuformierung der Plattform. Wir wollen unsere Arbeit solidarisch miteinander machen, uns unterstützen und austauschen, damit Vernetzung in diesem fragmentierten Feld gelingt.

 

Barbara Rothmüller ist Sozialwissenschaftlerin, Vorstandsmitglied der Plattform Sexuelle Bildung und Sexualpädagogin. Sie arbeitet u.a. zu Bildungsungleichheiten und kritischer Sexualitätsforschung in Wien.

Ines Pazdera ist Sexualpädagogin, Familienplanungsberaterin und Vorstandsmitglied der Plattform Sexuelle Bildung. Studium der Gender Studies und Bildungswissenschaft in Wien.

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