Linzer Theaterintendant Schneider: “Die Kündigung war Lugers Initiative”

Häferl

Die Besuchertribüne des Gemeinderatssaal war voll, so voll wie sie nur selten ist. Am 6. Dezember kündigte die Stadt Linz den Theatervertrag, also die Querfinanzierung des Landestheaters mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ. Das Theater steht jetzt vor der Ungewissheit. Schon im Vorfeld leistete die Belegschaft öffentlichen Widerstand: In der Presse, auf der Theaterbühne und in den sozialen Medien.

Mosaik-Redakteurin Sophia Hochedlinger sprach am Tag nach der Abstimmung mit Hermann Schneider, dem Intendanten des Theaters. Sie unterhielten sich über die Auswirkungen auf die Kultureinrichtung, den neuen Stil der Linzer Kulturpolitik und den Widerstand der in der Belegschaft und im Publikum aufgeflammt ist.

Mosaik: Die Kündigung des Vertrages wurde am Freitag im Gemeinderat beschlossen. Wie ist die Stimmung momentan bei ihren MitarbeiterInnen im Theater?

Hermann Schneider: Eigentlich haben wir gewusst, dass es so kommen wird. Trotzdem sind wir traurig und enttäuscht, dass die Stadt das einfach durchzieht und sagt, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Man hat ja auch gesehen, dass die Diskussion, die in den letzten Wochen entstanden ist, diese PolitikerInnen, insbesondere Bürgermeister Klaus Luger, nicht interessiert. Sie sind nicht an einem Diskurs interessiert, sonst hätten sie sich mit uns auseinandergesetzt. Das haben sie nicht getan.

Sie verlieren durch die Kündigung des Vertrags einen zentralen Budgetposten. Was genau heißt der Beschluss jetzt für das Theater?

Für das Spieljahr 2019/2020 sind wir momentan nicht handlungsfähig. Ich kann keine Verträge abschließen, weil wir nicht wissen, wie unser Budget aussehen wird. Ich kann momentan nicht planen.

Die Belegschaft des Theaters hat vor wenigen Wochen eine Kampagne mit dem Namen #LINZLIEBTSEINTHEATER ins Leben gerufen. Was wollten Sie damit bezwecken?

Wir haben innerhalb von 14 Tagen über 20.000 Unterschriften gesammelt. Das zeigt, dass wir den Leuten nicht egal sind. Und wir haben uns lautstark gewehrt. Das hat den Bürgermeister Luger überrascht, denke ich. Er hat ja weder mit uns, noch mit der Öffentlichkeit gesprochen. Es wäre ihm wahrscheinlich am Liebsten gewesen, kein Mensch hätte von der Vertragungskündigung gewusst und bei der Gemeinderatssitzung hätte er dieses Thema plötzlich hervorgeholt – wie ein Zauberer aus seinem Zylinderhut.

Hat die Kampagne also etwas erreicht, auch wenn der Theatervertrag gekündigt wurde?

Ja und dafür bin ich in gewisser Hinsicht und ohne Ironie Herrn Luger dankbar. Im Haus ist eine Solidarität und ein Zusammenhalt entstanden. Das ist wunderschön. Es gibt jetzt auch einen Dialog mit dem Publikum darüber, was diese Institution wert ist und dass das Theater auch ein Forum ist, in dem gesellschaftliche Frage artikuliert werden. Und die hören ja auf der Bühne nicht auf. Es geht letztlich um die Frage, in was für einer Stadt wir leben wollen und welchen Stellenwert Kunst und Kultur darin hat.

Luger bezeichnet die Kündigung als „Notwehrmaßnahme“ gegen das Finanzgeflecht zwischen Stadt und Land bei dem die Stadt viel Geld verliert. Sie haben bei der langen Nacht der Bühnen gesagt, dass Sie ideologische Gründe hinter der Kündigung des Vertrages sehen. Welchen ideologischen Hintergrund meinen Sie da?

Es geht zuerst um Machtpolitik. Der Stadt geht es darum, einer Einrichtung des Landes zu schaden, weil sie sich ungerecht behandelt fühlt. Das Theater ist in Eigentum des Landes, die Stadt Linz finanziert es mit. Aber man kann doch deswegen nicht einen Dritten in Geiselhaft nehmen.

Glauben Sie, dass die Stadt auch ein Problem mit kritischer Kunst hat?

Ja, das ist für mich der zweite Grund. Einerseits haben wir vor zwei Jahren eine Produktion zum SWAP-Skandal, wo es um eine halbe Milliarde Euro geht, gemacht. Vielleicht hat sich die SPÖ darüber geärgert. Außerdem sollte jede Art kultureller Reflexion kritisches Denken fördern und nicht eine Anpassung. Das ist für die Rechten ein Problem. Das es um ideologische Gründe geht, sieht man ja auch an der Tatsache, dass die Stadt bei der Kultur spart und nicht woanders.

Ihnen wurde vorgeworfen, sich nur auf die Stadt Linz und den Bürgermeister einzuschießen, obwohl auch das Land eine Verantwortung für das Theater trägt. Wie kam es zum Entschluss, speziell den Bürgermeister zu adressieren?

Der Vorwurf, wir hätten uns dem Land gegenüber nicht kritisch geäußert, ist nicht wahr. Wir waren an der Intitiative „Kulturland retten“ beteiligt, und ich habe das Land sehr deutlich für geplante Kürzungen im Kulturbereich kritisiert. Da war Landeshauptmann Stelzer auch not amused.

Aber der große Unterschied ist, dass ich mit dem Land seit den Beschlüssen im ständigen Dialog bin. Bei der Stadt gab es diese Bereitschaft nicht. Sie haben gemeint: Wir haben mit Ihnen nichts zu tun, wenden Sie sich an das Land, die sind der Eigentümer des Theaters und wenn wir dem Land weniger für euch geben, dann müsst ihr das mit denen ausmachen. Das finde ich niederträchtig.

War Luger die Kündigung ein persönliches Anliegen?

Es war seine Initiative. Er hat diesen Antrag eingebracht und er selbst hat sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt, indem er gesagt hat: Ich möchte aus diesem Vertrag aussteigen. Daher haben wir deutlich gesagt, dass Luger derjenige ist, der diese Institution beschädigt. Das werde ich auch weiterhin sagen, weil es den Tatsachen entspricht. Wenn die Stadt das beispielsweise im Aufsichtsrat thematisiert hätte, hätte sie uns signalisiert, dass sie uns ernst nimmt und, dass sie überhaupt ein Interesse, hat mit uns zusammen zu arbeiten, würde die Sache anders liegen. Aber das Interesse war und ist nicht da. Das hat mich fassungslos gemacht.

Wieso haben Sie nicht damit gerechnet?

Linz war 2009 Kulturhauptstadt und hat Großartiges geleistet. Auch wir haben einen Ruf, der international strahlt. Unsere Petition haben ja auch viele Leute unterschrieben, die nicht in Linz oder Österreich wohnen. Das spricht für uns und unsere Reputation. Und jetzt sagt sich die Stadt einfach so davon los.

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