Schöndorfer: “Ich habe nicht geplant, Podcasterin zu werden”

Matt Botsford
Matt Botsford

Seit sechs Wochen hat Nicole Schöndorfer einen Podcast. „Darf sie das?“ hat pro Folge zwischen 10.000 und 15.000 Hörer*innen, die letzte Episode war auf Platz 10 der deutschen iTunes Charts. „Das ist ziemlich explodiert“, sagt Schöndorfer. Wir haben die Oberösterreicherin getroffen und mit ihr über die Ängste beim Podcasten, Twitter und linken Journalismus geredet.

Mosaik: Was hat dich zum Podcasten gebracht?

Nicole Schöndorfer: Ich habe das nicht geplant. Aber Daniel Roßmann hat ein Podcast-Unternehmen gegründet und hat mich gefragt, ob ich nicht auch einen machen will. Die Idee war ein feministisches Kommentar. Es war zwar etwas beängstigend, aber ich habe mich schlussendlich doch dafür entschieden.

Wovor hattest du Angst?

Es ist nicht so leicht, sich hinzusetzen und alleine zu sprechen. Das funktioniert anders als einen Text zu schreiben. Aber mittlerweile bin ich froh, dass ich das gemacht habe. Die Idee ist voll aufgegangen.

Haben dich die Rückmeldungen überrascht?

Ja, mit so einer Reichweite hätte ich nicht gerechnet. Ich wusste, dass es Leute gibt, die mich mögen und denen auch der Podcast gefallen wird, aber ihn hören wesentlich mehr Menschen. Ich hätte auch mit mehr negativen Reaktionen gerechnet, aber ein paar Maskulinisten gibt es einfach.

Viele Podcasts sind Dialoge. Ist es eine bewusste Entscheidung, dass du alleine sprichst?

Ja, es soll ein Kommentar sein. Das wird auch so bleiben. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es spezielle Anlässe gibt, an denen ich mir Leute einlade. Zu Jubiläen, beispielsweise. Über manche Themen kann ich außerdem nicht selbst sprechen: Ich möchte nicht über die Erfahrungen von trans Frauen reden oder über jene von Menschen, die mit Rassismus konfrontiert sind. Dieses „white saviour“-Ding will ich nicht.

Welchen Einfluss hat dein Podcast?

Das ist schwer zu sagen, vor allem weil ich mich noch immer oft unterschätze. Aber er kommt auf alle Fälle an. Das zeigen einerseits die Zugriffszahlen, andererseits bekomme ich selbst mehr Anfragen.

Glaubst du, du erreichst damit auch Leute außerhalb deiner Bubble?

Mein Anspruch ist nicht in erster Linie, dass ich Menschen mit gegensätzlichen Positionen überzeugen will. Wenn es mir darum ginge, müsste ich meine Positionen abschwächen. Aber der Vorteil an einem Podcast ist, dass ich dort die Dinge anders und vollständiger darstellen kann. Auf mich sind Leute zugekommen, mit denen ich davor auf Twitter diskutiert habe, die nach einer Folge gesagt haben: „Ich verstehe deinen Punkt jetzt besser.“

Du führst viele Konflikte auch mit anderen Linken, sei es im Podcast oder auf Twitter. Ist es ein Problem, wenn die in der Öffentlichkeit ausgetragen werden?

Nein, dadurch werden die Konfliktlinien verständlicher. Und als Linksradikale sehe ich Dinge anders als Linksliberale, da will und kann ich mich auch gar nicht annähern. Das wird an der Privilegiendisskusion gut sichtbar: Wenn zum Beispiel weiße Männer glauben, sie können Schwarzen Frauen ihre Lebensrealität erklären, dann zeugt das von Privilegienblindheit und Ignoranz.

Aber sollte man nicht, angesichts der schwarz-blauen Mehrheit, bei Linken manchmal ein Auge zudrücken?

Nein. Wenn sich linksliberale Journalist*innen über die Kritik an alten, weißen Männern beschweren, solidarisieren sie sich mit Mitte-Rechts-Positionen. Da üben sie die selbe Kritik an linksradikalen Positionen wie das Rechte tun. Dieser Anspruch auf Einigkeit kommt ja aus einer Machtposition heraus. Zu sagen; „Wir sind alle gegen den Kickl und alles andere ist nicht so wichtig“ musst du dir leisten können.

Machst du dir Gedanken darüber, wie du Menschen abseits von Twitter erreichen könntest?

Das tue ich, aber das geht nur schrittweise. Ich erhalte, wie gesagt, mehr Anfragen von anderen Medien und kann damit immer öfter auf Podien oder manchmal im Radio sprechen. Aber jene Menschen, die von diesen Debatten in den sozialen Medien nichts mitbekommen und nichts wissen wollen, die erreiche ich nicht. Ich wüsste auch nicht wie.

Du hast lange Zeit mehr über Popkultur geschrieben. Vermisst du es, über leichtere Themen zu schreiben?

Nein, ich könnte das nicht mehr. Am Ende von meiner Zeit bei „the gap“ waren meine Texte oft schon eher politisch. Mittlerweile wäre ich unzufrieden mit meinen Artikeln, wenn ich Phänomene nicht gesellschaftspolitisch einbette.

Wie ist es als linke Frau, im Journalismus zu arbeiten?

Natürlich es ist schwierig. Ich habe lange nicht davon leben können und reich werde ich noch immer bei weitem nicht. Viele Männer in Führungspositionen haben sich ab einem gewissen Zeitpunkt dazu entschieden, mich nicht zu fördern. Stattdessen suchen sie lieber ihresgleichen, wenn es um Kolumnen und Kommentare geht. Von Fix-Anstellungen rede ich erst gar nicht. Davon gibt es einfach nicht viel. Aber ich habe mittlerweile meinen Umgang damit gefunden.

Was meinst du damit?

Ich kann Dinge selbst tun. Sei es auf meinem Blog, in den sozialen Medien oder in meinem Podcast. Da gibt es keine Gatekeeper*innen. Die Nachfrage ist da und ich kann meine Sachen trotzdem machen.

Das klingt optimistisch. Gleichzeitig haben viele linke Medien in Österreich finanzielle Schwierigkeiten. Können die überhaupt überleben?

Mein Eindruck ist, dass die klassischen Medien und Methoden einfach an Bedeutung verlieren. Das Dossier ist ein Beispiel für ein Printprodukt, das sich über Crowdfunding finanziert hat. Damit ist es sicher nicht getan und es braucht einen Businessplan, aber es eröffnet Möglichkeiten. Was mir Sorgen macht ist, dass linke Inhalte in den etablierten Zeitungen immer weniger Platz haben.

Machst du dir Gedanken darüber, wenn du Journalist*innen auf Twitter anschießt, dass das deine Jobchancen beeinträchtigen könnten?

Ich war lange Zeit hin- und hergerissen. Aber davon habe ich mich gelöst und es hat glücklicherweise funktioniert. Ich bin mittlerweile froh darüber, dass ich mich dazu entschlossen habe. Vielleicht habe ich mich bei ein paar Journalist*innen unbeliebt gemacht, aber dafür unterstützen mich viele korrekte Leute.

Nicole Schöndorfer ist Journalistin und lebt in Wien. Sie schreibt über Feminismus.

Interview: Moritz Ablinger

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