Pride 2021: Warum wir stolz sind und wofür wir kämpfen

Foto: dolce_luna

Auf der Pride 2021 feiert die Community ihren Stolz, erinnert sich an erfolgreiche Proteste, kämpft für gesellschaftlichen Fortschritt und gegen heuchlerische Unternehmen und Politik – Flora Lola Fath Ruiz berichtet.

Dieses Jahr findet zum 25. Mal die Wiener Regenbogenparade, international als „Gay Pride“ oder im deutschsprachigen Raum als Christopher Street Day bekannt, statt. Jedes Jahr kommen auf der von der HOSI organisierten Demonstration bis zu 500.000 Menschen zum Feiern unter dem Regenbogen zusammen. Zu feiern gibt es vieles. Gleichgeschlechtliche Sexualkontakte sind seit mittlerweile 50 Jahren nicht mehr verboten. Dank dem Verfassungsgerichtshof haben seit 2019 auch gleichgeschlechtliche Paare Zugang zur Ehe. Doch worauf sind die einzelnen Menschen der Community stolz und wofür steht das Event mit der lauten Musik und den tanzenden Menschen heute?

Zu sich selbst und zueinander stehen – trotz aller Umstände

Wir sind nicht stolz darauf, schwul, lesbisch, intergeschlechtlich, bisexuell, transident oder queer zu sein. Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung alleine ist keine Leistung und somit auch nicht etwas auf das jemand automatisch stolz sein sollte. Wir sind jedoch stolz darauf, trotz weniger Vorbilder, schlechter Aufklärung, Stigmatisierung von nicht-heteronormativen Sex und Diskriminierung in der Familie, zur Schulzeit und vor dem Gesetz, zu uns selbst stehen zu können. Stolz, unsere Gleichgesinnten gefunden zu haben. Menschen, mit denen wir bittere Erfahrungen, Kämpfe für Sichtbarkeit und sichere Räume teilen können. Viele von uns erlebten am Weg zu sich selbst die Grenzen der familiären Liebe. Viele mussten sich Nähe, Vertrauen und Geborgenheit durch ihre Freund*innen, die als gewählte Familie dienen, erarbeiten. Gefeiert wird also, dass wir da sind und den Anspruch haben, uns selbst und uns gegenseitig zu akzeptieren. Trotz diverser widriger Umstände. „We are here. We are queer. Get used to it“

Stolz auf die Vorkämpfer*innen – „Stonewall was a riot!“

Als queere Person bin ich aber auch auf die Menschen stolz, die die Anfänge der „Schwulen- und Lesben“-Bewegung geprägt haben. Gerade den vulnerabelsten Gruppen der Community, die heute noch wenig Schutz und Unterstützung haben, verdanken wir unsere Rechte. Es waren Sexarbeiter*innen, trans Frauen of Color und andere marginalisierte Teile der Community, die sich im Sommer 1969 in der Christopher Street in New York während einer Razzia im Stonewall Inn ihrer Verhaftung durch die Polizei widersetzten. Zu der Zeit war es üblich, dass regelmäßig gewalttätige Razzien in Lokalen der Szene durchgeführt wurden. Dies führte zu Zwangsoutings der Betroffenen in der Presse, rassistischer Polizeigewalt und sexuellen Übergriffen. Besonders betroffen davon waren nicht-weiße und nicht geschlechtskonform gekleidete Menschen. 

An dem besagten Abend fand zudem eine Trauerfeier statt, die Menschen waren aufgewühlt. Als die Polizei versuchte, Festnahmen durchzuführen und mit ihren Schlagstöcken ausholte, wehrten sie sich. Schnell verbreitet sich die Nachricht des Aufstands im Viertel, bis zu 2.000 Menschen solidarisierten sich und skandierten „Gay Power“. Dies ist die Geschichte der Pride und auf diese mutigen Vorkämpfer*innen können wir stolz sein. Wir können uns gegenseitig ihre Namen erzählen und uns immer daran erinnern, dass es nicht Petitionen oder friedliche Proteste waren, die dazu geführt haben, dass wir selbstbewusst und stolz auf den Straßen Wiens tanzen können. Es waren die unterdrücktesten Teile der Gesellschaft die sich zusammenschlossen und sich tapfer gegen Polizeigewalt wehrten. Sie haben gezeigt, dass sie es nicht mehr und nie wieder zulassen werden, so behandelt zu werden. 

Mit dieser Energie und diesem Wissen müssen wir auch die Problematiken der Gegenwart aufgreifen. Noch lange ist nicht alles erkämpft was uns zusteht. Ein Blick nach Ungarn zeigt auch, dass uns hart erkämpfte Rechte und Freiheiten wieder genommen werden können. 

Aktuelle Kämpfe in der LGBTQI+ Community

Zum diesjährigen IDAHOBIT (International Day Against Homophobia, Biphobia, Interphobia and Transphobia) veröffentlichten verschiedene Organisationen, wie die HOSI, VIMÖ und TransX einen offenen Brief an die Bundesregierung mit Forderungen, die vor allem bürokratische und finanzielle Hürden thematisieren. Mitunter soll eine freie Personenstandswahl, vor allem für transidente und nicht-binäre Personen, zu den Einträgen „inter“, „divers“, „offen“ und „kein Eintrag“, ohne bürokratische Hürden möglich sein. Noch immer gibt es die Gutachtungspflicht als pathologisierende Voraussetzung für Personenstands- und Vornamensänderungen. Bei einer freien Personenstandswahl würde jeder Mensch durch Selbstauskunft in dem Geschlecht anerkannt werden, in dem er lebt. Ohne die Beurteilung einer außenstehenden Person.

Auch im Schutz von intergeschlechtlichen Menschen hinkt die österreichische Gesetzgebung hinterher. So sind medizinisch nicht notwendige geschlechtsanpassende Eingriffe bei Minderjährigen (IGM – Intersexgenitalverstämmelung) immer noch nicht verboten. Dieser Missstand wird vom UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes als „schädliche Praxis“ bezeichnet. Er wird als grausamer, unmenschlicher Eingriff im Sinne der UN-Antifolterkonvention geführt.

Regenbogen-Kapitalismus und heuchlerische Aufmerksamkeit der Politik

Auffällig ist, dass die Politik Themen wie ein gesetzliches Verbot von Umpolungstherapien oder das Blutspende-Verbot für homo- und bisexuelle Männer hauptsächlich im Pride Month thematisiert. Der Juni hat 30 Tage – eine Politik, die für die Rechte der LGBTQI+ Community eintritt, bräuchte es aber 365 Tage im Jahr. Es reicht nicht, einmal im Jahr über unsere Themen zu reden, Vereine und Vorsitzende einzuladen. Wir existieren immer und nicht nur wenn gerade hippe Werbebilder für ein junges Zielpublikum nötig sind. 

Mit der Kritik, sich mit Regenbogenfahnen zu schmücken, ohne für reale Verbesserungen zu kämpfen, müssen sich auch Unternehmen auseinandersetzen. Besonders verhöhnende Beispiele für Regenbogen-Kapitalismus sind Rüstungsunternehmen, die queer-feindliche Regime mit Waffen beliefern, sich jedoch auf der Pride viel Raum nehmen. Die letzten Wochen hat auch die Werbestrategie der BMW Group für Aufregung gesorgt. So wurde in einigen westlichen Instagram-Accounts die Regenbogenfahnen mit dem Firmenlogo kombiniert. In Ländern wie Russland oder Saudi-Arabien, wo sich damit keine Profite machen lassen, jedoch nicht. Seit die LGBTQI+ Community als Zielgruppe erkannt wurde, stehen Unternehmen symbolisch auf unsere Seite. Hinterrücks finanzieren sie aber trotzdem konservative Politiker*innen oder arbeiten mit unterdrückerischen Staaten zusammen. 

Gesellschaftlichen Fortschritt können wir nur selbst erkämpfen

Die Geschichte zeigt uns also, dass wir uns, wenn es um den Schutz der eigenen Existenz und Identität geht, weder auf Staaten noch auf Unternehmen verlassen können. Gesellschaftlichen Fortschritt und die Akzeptanz verschiedener Lebens- und Liebensformen kann es nur geben, wenn queere Menschen weiterhin gemeinsam, bestimmt und laut für ihre Rechte eintreten. Unsere Stärke war und ist die Vielfalt der Community. So ist es aber auch unsere Pflicht, uns auszutauschen, voneinander zu lernen und uns gegenseitig weiterzubilden. Die Pride soll genau daran erinnern und so sollten wir sie auch feiern. Auf einen solidarischen und kämpferischen Pride Month!

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