Alberto Acosta über die linke Wahlüberraschung in Peru

Foto: Pedro Castillo Presidente 2021

Dem linken Präsidentschaftskandidaten Pedro Castillo wurden vor der Wahl in Peru keinerlei Chancen eingeräumt, nun hat er den Wahlsieg in der Tasche. Mosaik-Redakteur Ulrich Brand spricht mit Alberto Acosta über die Hintergründe der Wahl, die Person Pedro Castillo und die Zukunft der Region.

Die Verkündung der peruanischen Wahlergebnisse ließ auf sich warten – ungewohnt viele Einsprüche der politischen Rechten hatten den Prozess verzögert. Erst einige Tage nach der Wahl steht deshalb fest: Der linke Kandidat der Partei Peru Libre, Pedro Castillo, hat mit einem Vorsprung von 45.000 Stimmen – bei 17,6 Millionen Urnengängen – gegen die rechte Kandidatin Keiko Fujimori gewonnen. Das entspricht 50,13 Prozent gegenüber 49,87 Prozent der Stimmen. 

Fujimori, selbst der Korruption angeklagt, ist Tochter von Alberto Fujimori, der von 1990 bis zum Jahr 2000 Präsident war, das Land ultra-neoliberal und repressiv regierte und wegen Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Er sitzt tatsächlich im Gefängnis. Das Versprechen der „harten Hand“ von Keiko Fujimori und die Angstmache gegen Castillo, der als „Terrorist“ und „Kommunist“ denunziert wurde, verfing bei vielen. Aber nicht bei der Mehrheit. Fujimori hat nun zum dritten Mal knapp die Präsidentschaftswahl verloren. 

Wer ist der Wahlsieger Pedro Castillo?

Er ist ein Grundschullehrer aus dem Inland von Peru aus der Region Cajamarca, im nördlichen Hochland. Das zu verstehen ist wichtig. Er vertritt das sogenannte Perú profundo, das arme, ländliche, vielfach indigene, von der Metropole Lima unbeachtete Peru. Er war aber auch gewerkschaftlich aktiv und hat vor einigen Jahren erfolgreich einen Lehrer*innenstreik organisiert.

Warum ist ein Dorflehrer so erfolgreich?

Im ersten Wahlgang im April gab es 18 Kandidat*innen, die überwiegende Mehrheit davon politisch rechts. Er erreichte mit 18 Prozent der Stimmen den ersten Platz. Der Sieg im zweiten Wahlgang gegen die Kandidatin des Establishments würde ich als eine Art Explosion des erwähnten „profunden Perus” bezeichnen, eine Reaktion insbesondere auf die Eliten in Lima und ihre imperiale Lebensweise mit all ihren brutalen und zerstörerischen Konsequenzen für die Bevölkerungsmehrheit. Im Land gibt es inzwischen viele Widerstände gegen Bergbauprojekte. Castillo hat in diesen Regionen mit fast oder sogar mehr als 80 Prozent der Stimmen gewonnen. Spannend ist nun, ob sich auch in anderen Ländern Lateinamerikas ähnliche Ansätze entwickeln. In jenen enorm fragilen Gesellschaften, mit ähnlich vielen Problemen, die sich in der Coronakrise verschärften, wo es bisher nicht einmal eine Garantie auf Überleben gibt.

In Peru und in den internationalen Medien hieß es: Im Fall eines Wahlsieges wird Peru ein neues Venezuela. Ist das vorstellbar?

Sicher nicht. Zum einen scheiterte Venezuela an korrupten Regierungen, vor allem unter Nicolás Maduro. Diese bremsten die sehr spannenden Transformationsprozesse von unten, die es anfangs gab. Es dominierte eine etatistische Vorstellung, bis hin zu stalinistischen Elementen von Politik. Der Extraktivismus, insbesondere die Ausbeutung von Erdöl, wurde als Basis der Wirtschaft nie in Frage gestellt. Das ist in Peru anders: Viele soziale Bewegungen, die Castillo unterstützten, kämpfen gegen den Ausbeutung der Natur. Andererseits hat der designierte Wirtschaftsminister sich gegen Verstaatlichung, für die Unabhängigkeit der Zentralbank und Ähnliches ausgesprochen. Durch diese Ankündigungen soll der Widerstand der Rechten bis zur Amtsübergabe Ende Juli geschwächt werden. Trotzdem wird die Elite ihre Macht nicht einfach so abgeben. Castillo wird einige Kompromisse machen müssen.

Warum wählen doch recht viele Keiko Fujimori?

Ein Wahlmotiv ist vor allem eine weit verbreitete Angst. Peru hat ja eine lange Geschichte bewaffneter Guerillas, insbesondere des Leuchtenden Pfads (Sendero Luminoso). Die Oligarchie und mehr noch die Massenmedien haben diese Ängste wieder geschürt und Castillo als „Terroristen” diffamiert. Der Vorwurf ist falsch: Castillo hat die lokale Bevölkerung zu frühreren Zeitpunkten gegen die Guerilla verteidigt. 

Zusätzlich haben die großen TV-Stationen Fujimori am Ende des Wahlkampfs sehr viel Raum gegeben, Castillo dagegen keine Minute. Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat zusammen mit der Finanzoligarchien zur Wahl für Fujimori aufgerufen. Wenn es der Elite an ihre Privilegien zu gehen droht, wehrt sie sich und untergräbt sogar ihre „demokratischen Diskurse“.

Meist ist die urbane Bevölkerung progressiver als die ländliche. Warum wählt die Hauptstadt Lima, wo mit etwa zehn Millionen Einwohner*innen etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt, mehrheitlich rechts?

Lima war die Hauptstadt des kolonialen Vizekönigreichs. Die Eliten dort sind entnationalisiert, haben keine Bodenhaftung. Die traditionelle politische Führung sieht sich immer noch als Vizekönige. Das betrifft übrigens auch viele Linke, die aber im zweiten Wahlgang eine programmatische Allianz gegen den Fujimorismus bildete.

Was kann Pedro Castillo in den kommenden Jahren im besten Fall und bei anhaltend breiter Unterstützung der vor allem ärmeren Bevölkerung erreichen? Wo sind die größten Widerstände der Oligarchie zu erwarten?

Eine Castillo-Regierung weckt viele Erwartungen und Hoffnungen. Auch auf internationaler Ebene ist sie ein Hauch von demokratisierendem Sauerstoff, der den reaktionären Druck der Lima-Gruppe (Grupo de Lima) senkt. Es wird jedoch schwierig sein, einen tiefgreifenden Veränderungsprozess ohne permanenten sozialen Druck zu fördern, der die neue Regierung stützt und sie zwingt, ihre Wahlkampfvorschläge aufrechtzuerhalten. 

Im Wahlkampf versprach Castillo „Keine Armen mehr in einem reichen Land“. Die Probleme dieses Versprechens liegen auf der Hand. Die wirtschaftliche Lage des Landes ist komplex. Die Gesundheitskrise ist dramatisch. Die Zersplitterung im Parlament ist enorm. Und die rechten Kräfte werden bereit sein, große Veränderungen zu stoppen, indem sie versuchen, Castillo zu zähmen, wie sie es mit dem ehemaligen Staatspräsidenten Ollanta Humala getan haben. Der politische Druck der transnationalen Unternehmen wird präsent sein. In diesem Szenario wäre es nicht unangemessen, sogar einen Putsch vorauszusehen. Darüber hinaus wird Castillo komplexe Antworten auf mehrere seiner konservativen Positionen geben müssen. Seine Ablehnung von Abtreibung, gleichgeschlechtlicher Ehe und dem, was er als „Umweltfundamentalismus” bezeichnet. 

Dennoch sind dies historische Momente in Lateinamerika. Sie kündigen die Auferstehung der traditionell untergeordneten Volksschichten in Peru, Kolumbien, Chile und nach und nach auch in Brasilien an.

Das Gespräch führte Ulrich Brand.

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