Vorsätzlich gelegte Brände verwüsten ein Gebiet in Patagonien, in dem sich indigene Gemeinden gegen Landspekulation und den räuberischen Vormarsch der Rohstoffindustrie wehren. Saskia Fischer und Manuela Zechner berichten über die Geschehnisse.

Patagonien brennt. Am 10. März brachen innerhalb von nur zwei Stunden sechs Brände im Abstand von wenigen Kilometern in der Comarca Andina aus – einer argentinischen Region in den Anden unweit von Chile. Aufgrund starker Winde, anhaltender Trockenheit, staatlicher Inkompetenz und hochentzündlicher Kieferplantagen, die die Region überziehen, breiten sich die Feuer rasant aus. Tausende Menschen, vor allem Kleinbäuer*innen und Landarbeiter*innen, haben ihre Häuser, Arbeitsplätze, Tiere und Felder verloren. Viele werden vermisst, zwei Menschen sind bereits gestorben. Das komplexe Ökosystem der Region aus Wäldern und Steppe wurde massiv geschädigt. Es wird lange dauern, bis es sich erholen kann.

Sixto Garcés Liempe, ein Landarbeiter aus dem indigenen Volk der Mapuche, war das erste Opfer der Feuer. Auf einer Sommerwiese, in der Nähe des Dorfes El Maitén, wollte er sein Pferd und seine Hunde in Sicherheit bringen. Dort verbrannte er, gemeinsam mit seinen Tieren. Die örtlichen Behörden hatten sich nicht auf die Suche nach ihm begeben, als er verschwand. Es waren Mitglieder der benachbarten Cañio Mapuche-Gemeinde oder des Lofs, die ihn schließlich fanden. Sie sind jetzt selbst von den Bränden bedroht, die sich immer näher auf Cerro Leon, wo sie leben, zubewegen. Trotz Hilferufs an die Gemeinde, blieb jede Unterstützung bisher aus, wie sie anprangern.

Luxustourismus auf indigenen Weiden

Fehlende Unterstützung durch die Behörden ist für die Cañio nicht neu. Sie waren schon immer auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. Die Gemeinde El Maitén verweigert ihnen seit Jahren jede Unterstützung, obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet wäre. Vor etwa zehn Jahren wurde aus der Vernachlässigung offene Feindseligkeit. Die Behörden trieben den Bau eines Skigebits auf den Sommerweiden der Cañios voran. Gegen ihren Willen und ihr Recht auf Selbstbestimmung.

Einer der ersten Angriffe der Bauherren war die Abholzung eines Stücks Urwald auf dem Cerro Leon. Trotz Einschüchterungen, Schikanen und rassistischen Beleidigungen durch lokale Behörden und Medien setzen die Menschen ihren Widerstand fort. Bisher ist es ihnen gelungen die Pläne zu stoppen. Doch heute stehen die Berge um ihr Gebiet in Flammen.

Landspekulation in den Anden

Die Comarca ist eine Region von atemberaubender Schönheit. Noch unberührte Flüsse verbinden die Ausläufer der Anden mit den offenen Ebenen der patagonischen Steppe. Es kein Wunder, dass die Region verschiedene Arten von Tourismus anzieht – zunehmend in Form des Luxustourismus und der Landspekulation. Milliardäre aus aller Welt haben Berggipfel, den Zugang zu Gewässern und die Zuflüsse von Flüssen aufgekauft

Bergbauunternehmen mit Interessen in der Region setzen sich seit langem für die Aufhebung von Abbauverboten und Umweltschutzmaßnahmen ein. Hunderte von geplanten Explorations- und Ausbeutungsstätten würden den Konzernen und politischen Profiteuren riesige Gewinne einbringen, während sie das Trinkwasser des Chubut-Flusses vergiften und die wertvollen patagonischen Lebensräume zerstören.

Indigener Widerstand

Die Comarca ist auch umstrittenes Territorium, eine der Fronten im andauernden Krieg Argentiniens gegen seine vielen indigenen Völker. Um die Flamme des Kolonialismus am Leben zu halten, beschuldigen heute zahlreiche Lokalpolitiker und ihre Komplizen in den Medien die Mapuche, selbst die Brände gelegt zu haben. Gegen die Perversität solcher Anschuldigungen setzen sich die Mapuche der Coordinadora del Parlamento Mapuche (Koordinationsorgan des Mapuche Parlament) aus dem benachbarten Rio Negro zur Wehr, wenn sie erklären, dass „wir als das Volk der Mapuche Tehuelche diejenigen sind, die die größten Anstrengungen unternehmen, um das Land vor der Gier der Bauunternehmer zu schützen, die nach den Bränden kommen (…) und die das Territorium gegen die extraktivistischen Klauen der Bergbau-, Wasserkraft- und Forstunternehmen verteidigen.“

Gleichzeitig fordern soziale Bewegungen und Aktivist*innen in den sozialen Medien Gerechtigkeit, während sie grundlegende Hilfe vor Ort organisieren. Wie der lokale Umweltaktivist Pablo Palicio Lada auf Twitter schreibt: „Jedes Feuer ist politisch. Abgesehen von dem starken Verdacht vorsätzlicher Brandstiftung, ist es die Apathie einer nutzlosen Regierung, die nur daran denkt, gigantische Minenprojekte voranzutreiben, während sie die Provinz in einem Zustand bitterer Armut hält.“

Nein zu Minen in Patagonien

In den letzten Jahren hat der jahrzehntelange Kampf gegen den Bergbau an neuer Dynamik gewonnen. Organisierte lokale Gemeinden sagen #NoalaMegamineria („Nein zu Megaminen“) zu kanadischen Bergbauunternehmen. Darunter Pan American Silver, Yamana Gold und El Dorado Gold. Die Kampagne „No a la Mina Esquel“ führte 2003 das erste Referendum gegen ein Bergbauprojekt in der Welt an. Ein Modell, das später in vielen anderen Ländern nachgeahmt wurde. Begleitet von heftigen Kämpfen, sprachen sich in der Abstimmung 81% der lokalen Bevölkerung gegen jeglichen Gold- und Silberabbau aus. In der Zwischenzeit drängten Bergbau- und Immobilienkonzerne immer wieder auf die Aufhebung des Bergbauverbots, was den Widerstand der lokalen Bevölkerung weiter anheizte. 

Erst vor kurzem, am 3. März, sollte die Provinz über die Zonierung der Bergbauprojekte abstimmen, die die Region in verschiedene Nutzungszonen unterteilt. Doch am Tag der Abstimmung kam es zu massiven Mobilisierungen der Menschen in der gesamten Region, inklusive Streik, Straßenblockaden und Menschenmassen vor dem Provinzparlament. Die Abstimmung wurde daraufhin auf den 16. März vertagt. Kaum eine Woche später stand die ganze Gegend in Flammen. Am 16 März kam es erneut zu Protesten, angefeuert durch die Wut über die Brände. Die Abstimmung wurde wieder vertagt.

Reihe „zufälliger“ Brände

Es besteht kaum Zweifel daran, dass die Brände gelegt wurden und die Verantwortlichen dafür nicht vor Gericht landen werden. Vergleicht man die Karte der Brände mit der Karte der geplanten Bergbauprojekte drängt sich eine erschreckende Reihe von Zufällen auf. Egal, wer sich als Brandstifter herausstellt, es ist klar, dass die Brände Bedingungen schaffen, die für die Menschen in der Region katastrophal sind. Es sind nicht nur Häuser, sondern auch Produktionsmittel, die zerstört wurden. In der Folge der Brände wird der Druck auf ein Endedes Bergbauverbots wohl steigen und Arbeitsplätze werden als Argument dafür herhalten.

Es ist nicht nur die Comarca, die brennt. In den letzten Wochen wurden auch weiter südlich in Chubut Brände entfacht. Moira Millan, Sprecherin von El Movimiento de Mujeres Indígenas por el Buen Vivir (Bewegung indigener Frauen für das gute Leben) berichtet, dass auch in der Gegend von Corcovado, in der Nähe des Berges Pillan Mahuiza, Feuer wüten. Dieses Feuer verzehrt rein zufällig den Teil des Nationalparks, der als Standort für den ersten in einer Reihe von umstrittenen Staudämmen geplant ist. Diese Staudämme sollen das Mega-Wasserkraftwerksprojekt La Elena bilden. Am 25. Mai wird laut Millan eine Karawane von Corcovado nach Buenos Aires ziehen. Sie soll auf den Kampf gegen „Terricidio“, die Aneignung und Zerstörung von Territorium, aufmerksam zu machen.

Kampf um Naturverhältnisse

Mit dem Slogan #BastaDeTerricidio weist die Bewegung darauf hin, wie die Kämpfe für indigene Rechte, gemeinschaftliche Selbstbestimmung, Pflege des Landes, Schutz des Lebensraums und Klimagerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Der Kapitalismus stößt indes an die letzten Grenzen unserer gemeinsamen Welt(en). Ob für Minen, Staudämme oder Tourismusressorts, der Einsatz von Taktiken der verbrannten Erde ist ein Zeichen dafür, dass sich der Kampf um ein gerechtes Verhältnis unter den Menschen und mit der Natur verschärft.

In Patagonien, wie auch in vielen anderen Teilen Lateinamerikas, sind indigene Völker oft diejenigen, die die größte Last der Gewalt des Extraktivismus tragen. Sie sind auch diejenigen, die sich artikulieren und für Wege aus dem Zustand kämpfen, in dem wir uns befinden. La lucha sigue, no se apague con los fuegos… der Kampf geht weiter, er wird nicht mit den Bränden gelöscht werden.

Kommentare

Kommentare