Sprecherin von Afro Rainbow: „Ich glaube nicht an Normalität“

Foto: Afro Rainbow Austria

In der Radio ORANGE 94.0-Sendereihe „Post-Normal. Wie wir uns die Zukunft denken“ werfen Radiomacherin Louis Hofbauer und die nigerianische LGBTQI+-Aktivistin Henrie Dennis einen queeren Blick auf Normalität, Aktivismus und Ausnahmezustände unter Corona-Bedingungen.

Im vergangenen Jahr war viel von Normalität die Rede. Davon, dass sie verloren gegangen ist, von der Sehnsucht nach dem Gewohnten, der „neuen Normalität“ und von der Chance das Normale hinter uns zu lassen. Aber wer definiert, was normal ist? Die zehnte Ausgabe des (post-)migrantischen, queer-feministischen Festivals WIENWOCHE trägt 2021 den Titel „Back to Normality“. Henrie Dennis ist im Leitungsteam des Festivals und stellt den Begriff „normal” grundsätzlich in Frage.

Louis Hofbauer: In unserer Sendereihe geht es um die Frage, wie Corona unsere Normalität verändert. Gleichzeitig erleben wir eine Zeit, die vielleicht auch eine Chance für die Veränderung der Verhältnisse darstellt. Corona bedeutet für viele einen Ausnahmezustand, ganz besonders für diejenigen, die ohnehin harte Zeiten gewohnt sind. 

Henrie Dennis: Ich gehöre zu den Menschen, die nicht an Normalität glauben – hab ich niemals, tue ich immer noch nicht und die derzeitige Situation bestärkt mich darin. Normalität verlangt immer nach einem Vergleich, sie definiert einen Standard. Und in der Regel werden Standards von der herrschenden Mehrheit definiert. So akzeptieren wir die Mehrheitsmeinung als normal. Das ist in sich diskriminierend. 

Wenn wir das Normale dagegen fließend halten, scheint mir das gesund. Mit gesund meine ich angenehm für mich und für dich. Ich beschränke die Dinge auf den Moment. Das heißt, wenn etwas im Moment für mich und dich und alle funktioniert, dann kann ich es als normal betrachten. 

Aber ich will auch nicht definieren, was für andere Normalität bedeutet. Wenn ich aus dem momentanen Zusammenhang trete, kann sich diese Einschätzung ändern. Meine subjektive Henrie-Dennis-Definition von normal ist also sehr fließend.

Du sprichst von gesunden Momenten Gesundheit ist ein großes Thema in Zeiten von Corona. Welchen Einfluss hat die Pandemie auf deine psychische Gesundheit und die deiner Familie, Freund*innen, Community?

Für meine eigene psychische Gesundheit habe ich beschlossen, weniger über Corona zu reden. Aber Corona hat gesellschaftliche Krankheiten wie Rassismus akzeptabel gemacht. Leute, die sonst nicht mit dir reden würden, verwenden das Kontaktverbot als ein Mittel, um dir zu sagen, dass du Abstand halten sollst. Du weißt aber genau, dass es in der Situation nicht um den Abstand geht, dass es nichts mit Corona zu tun hat, sondern mit der Art wie du aussiehst. Und du kannst dem nicht entgegentreten, weil dieses Verhalten jetzt gesellschaftlich akzeptiert ist.

Apropos gesellschaftliche Kämpfe: Die großen Bewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future spielen sich auf der Straße ab. Da gibt es ein Bedürfnis hinaus zu gehen. Du bist selbst sehr aktiv bei Demonstrationen, trittst oft als Sprecherin von Afro Rainbow Austria auf. Aber auch in anderen Zusammenhängen, die dir wichtig sind. Wie beeinflusst Corona aus deiner Sicht Aktivismus?

Du sagst, dass die Leute das Bedürfnis haben, auf die Straße zu gehen. Das möchte ich mit einem Fragezeichen versehen. Für mich ist Aktivismus eine Lebensweise. Ich muss nicht auf die Straße gehen, um eine Aktivistin zu sein. 

Ich sage das aus der Perspektive einer Person, deren Aktivismus in ihrem Herkunftsland als verrückt angesehen wird. In Nigeria bedeutet eine Lesbe zu sein eine Übertretung der Regeln. Dort konnten wir nicht auf die Straße gehen – dann wären wir Geschichte gewesen. Wir konnten das Internet nicht benutzen, wir verwendeten das, was wir hatten – unsere Körper. Schon unsere Existenz bedeutet Protest.

Als ein Schwarzer Körper in Österreich, in Europa zu existieren, heißt andauernde Anspannung. Ob du es wahrhaben willst oder nicht, du bist immer wachsam. Und das ist auf Dauer ein gefährlicher Zustand.

Denkst du, das wird sich ändern? Hast du utopische Vorstellungen von der Zukunft?

Utopien haben viel mit Fantasie zu tun – das Fantasieren nimmt mich für eine bestimmte Zeit aus dem Raum, in dem ich mich befinde. Aber ich bin gerne geerdet in meiner gegenwärtigen Wirklichkeit.

Eine sehr realistische Zukunftsvorstellung ist es allerdings, über die Folgen der momentanen Situation nachzudenken. Es wird sehr schwierig für die Gesellschaft, die Isolation wieder zu verlernen. Und es wird eine große Aufgabe, den Menschen wieder beizubringen sozial zu sein. Speziell hier in Österreich, wo sozial zu sein etwas ist, das die Leute lernen müssen. Im Vergleich zu meinem Herkunftsland, in dem es der Lebensweise entspricht, das Fenster aufzumachen und über die Straße zu rufen „Hey, guten Morgen, wohin geht‘s?“. Hier, wo die Leute vor dem Spiegel üben, wie sie „Hallo“ sagen, ist es dagegen schon überfordernd ein Sozialleben zu haben.

Corona hat den Leuten eine Lizenz gegeben, nicht sozial sein zu müssen. Und wenn diese Zeit vorbei ist, wird ihnen die Lizenz entzogen werden. Den Leuten dann beizubringen, wieder herauszukommen und echten Menschen zu begegnen – das wird hart sein.

Projekteinreichungen für die WIENWOCHE sind noch bis zum 22. Jänner möglich. Gesucht sind Projekte, die aus der Perspektive der Zukunft Konzepte von Normalität im Jahr 2021 hinterfragen.

Fiona Steinert hat Auszüge aus dem Gespräch aus dem Englischen übersetzt und zusammengestellt. Die Sendung mit dem Titel „I don’t believe in normal“ könnt ihr hier nachhören.

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