Ixhel Aguirre/Luchadoras

In keinem Land der Welt werden mehr Frauen vergewaltigt und ermordet als in Mexiko – zuletzt auch von Polizisten. Eine neue feministische Bewegung trägt jetzt den Zorn der Frauen auf die Straßen. Sie greifen Polizeistationen an und fordern mit Graffiti und Glitzer ein Ende der Gewalt. Die Wissenschaftlerin und Aktivistin Alejandra Santillana Ortiz erklärt im Interview, warum die Proteste gerade jetzt explodieren.

Was hat die jüngsten Proteste von Frauen in Mexiko ausgelöst?

Anfang August haben Polizisten in Azcapotzalco und Cuauhtémoc (Bezirke am Rande von Mexiko-Stadt, Anm. d. Red.) zwei Minderjährige vergewaltigt. In Azcapotzalco ist ein Mädchen in der Nähe von ihrem Zuhause aus dem Taxi ausgestiegen, eine Patrouille tauchte auf und vier Polizisten vergewaltigten sie. In Cuauhtémoc hat ein Polizist ein Mädchen in einem Museum vergewaltigt, als sie aufs Klo ging. Zudem ist es in jüngster Zeit in oder vor Schulen mehrmals passiert, dass Mädchen betäubt und vergewaltigt, in manchen Fällen auch umgebracht wurden.

Mehrere feministische Kollektive riefen daraufhin zu Protesten am 12. August vor der Generaldirektion von Mexiko-Stadt auf. Der Aufruf in sozialen Netzwerken erfolgte unter dem Motto „Sie schützen uns nicht, sie vergewaltigen uns“ („No nos cuidan, nos violan“). Er verweist darauf, dass wir nicht noch mehr Polizei oder Nationalgarden auf den Straßen brauchen. Genau das war aber die Strategie der neuen Regierung unter Andrés Manuel López Obrador.

Bilder und Videos von den Protesten sind seither um die Welt gegangen

Ja, die Proteste sorgten für großes Aufsehen in Medien und sozialen Netzwerken. Zunächst gab es einige spektakuläre Bilder. Es gab Auseinandersetzungen zwischen DemonstrantInnen und der Polizei, bei der Scheiben zu Bruch gingen. Bei einer Pressekonferenz warfen einige Compañeras Glitter auf Jesús Orta (Staatsekretär für Bürgersicherheit, Anm. d. Red.). Die Bilder von ihm mit Glitzer im Haar und auf dem Anzug sind schnell viral gegangen.

Die Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt, Claudia Sheinbaum, verurteilte die Proteste zunächst als Provokation und kündigte eine Strafverfolgung der DemonstrantInnen an. Das hat viele enttäuscht, weil gerade an sie hohe Erwartungen in Menschenrechtsfragen gesetzt worden waren. Außerdem wurden die vier Polizisten aus Azcapotzalco nur suspendiert, aber auf freien Fuß gesetzt. Sie können das Mädchen und ihre Familie nun bedrohen und einschüchtern. Informationen über Alter, Wohnort und Familie der Anklägerin wurden bereits an die Öffentlichkeit gespielt.

Diese Ereignisse im Anschluss an den ersten Protesttag führen in den sozialen Netzwerken zu Wut und Zorn. Nicht nur über die Gewalt, die wir tagtäglich erleben, sondern auch darüber, dass wir jetzt auch noch als Provokateurinnen dargestellt werden. Deshalb fand bald darauf ein weiterer Protestmarsch statt. Die Aufrufe dazu begannen in Mexico Stadt und breiteten sich dann massiv in vielen Städten wie Puebla, Querétaro, Chihuahua und Guadalajara aus.

Warum glaubst du, dass es gerade jetzt zu diesem massiven, wütenden Protest kommt?

Diese entfesselte Wut hat mit der Gewalt zu tun, die uns jeden Tag erstickt. Die mexikanische Feministin Silvia Gil hat es auf den Punkt gebracht: Um die Unruhen zu verstehen, müssen wir uns vorstellen, dass Frauen in Mexiko jedes Mal, wenn sie das Haus verlassen, zur Schule oder Arbeit gehen, nicht wissen, ob sie lebendig zurückkehren.

Ich weiß nicht, ob es für Leute von außerhalb möglich ist zu verstehen, von welchem hohen Gewaltniveau wir hier sprechen. In Mexiko überlegen sich Frauen ständig, in welche Straße sie abbiegen und welche sie besser meiden. Sie wissen, dass vor einigen Monaten in der U-Bahn am helllichten Tag mehrere Frauen von Männern entführt wurden. Sie wissen, dass sie, wenn sie in der U-Bahn schon nicht entführt, dann sehr wahrscheinlich belästigt werden. Es gibt deshalb sogar getrennte Waggons für Frauen und Männer. Und trotzdem passiert es, dass Männer in unsere Waggons steigen. Wenn Du an der Uni oder in der Schule bist, weißt du nicht, ob du vom Professor oder einem Klassenkameraden belästigt, oder eben im Klo vergewaltigt wirst.

Warum ist die Situation für Frauen gerade in Mexiko so schlimm?

Von den weltweit 25 Ländern mit den meisten Femiziden, also Morden an Frauen, weil sie Frauen sind, liegen 14 in Lateinamerika. Die strukturelle Gewalt an Frauen steigt in der ganzen Region an. Mexiko ist dabei das Land mit dem meisten Morden an Frauen. Wir sprechen hier von einem Femizid alle zweieinhalb Stunden. Im Jahr 2019 alleine wurden bereits 1.199 mexikanische Frauen ermordet. Alle 18 Sekunden wird in Mexiko eine Frau oder ein Mädchen vergewaltigt.

Hinzukommt die Straffreiheit: nur in acht bis zehn Prozent der Fälle kommt es zu irgendeiner Art der Sanktion. Dabei kommt ein Großteil gar nicht erst zur Anzeige. Man muss im Kopf behalten, dass Mexiko ein Land ist, das in den letzten Jahrzehnten vom Drogen- und Menschenhandel bestimmt wurde und wo Gewalt unser tägliches Leben prägt. Diejenigen, die es schaffen, zu überleben und Anzeige zu erstatten, durchlaufen danach oft eine Kette von noch größerer Gewalt und Bedrohung für ihr Leben. Hier hat sich eine Gesellschaft der Gewalt und Straflosigkeit herausgebildet, in der der Staat Teil eben dieser Gewalt ist. Bei vielen der Verbrechen, die in den letzten Jahren in Mexiko begangen wurden, waren Beamte oder Polizei selbst die Täter. Oder der Staat garantiert später mittels Richtern oder Justizbeamten ihre Straflosigkeit.

Weltweit sind in den letzten Jahren Bewegungen wie #metoo oder #niunamenos („Nicht eine Tote mehr!“) entstanden. Welche Rolle spielen sie in Mexiko?

Für die lateinamerikanischen Bewegungen ist nicht so sehr das nordamerikanische #metoo wichtig, sehr wohl aber #NiUnaMenos oder #VivasNosQueremos („Wir wollen lebendig sein“). Diese Bewegungen sind Formen des kollektiven „einander den Rücken freihalten“. Es gibt keine individuellen, sondern kollektive Aktionen, bei denen wir alle zu einem einzigen Körper werden. Deswegen war unsere Antwort auf die Frage von Polizei, Politik und Medien, wer für die zerbrochenen Fenster verantwortlich ist: „Wir alle waren es“. Wir alle waren es, weil wir alle tagtäglich diese Gewalt erleiden.

Um die Bewegung zu verstehen, muss man wissen, dass es neben der strukturellen Gewalt eine besondere Entwicklung der feministischen Bewegung in diesem Land gibt. In den 1960er und 1970er Jahren gingen viele Compañeras zur Guerilla, wurden Linke und radikale Feministinnen. Ab den 1990er Jahren wurde dann der Feminismus, wie überall in Lateinamerika, durch die staatliche geschlechterpolitische Agenda verdrängt, die viel dieser feministischen Energie abgesaugt hat. Staatliche Geschlechterpolitik ist sicherlich wichtig, aber sie reicht nicht aus. Das gilt ganz speziell in Mexiko, wo der Staat wenig Raum für Autonomie und Selbstverwaltung bietet.

Was sich in den letzten Jahren beobachten lässt, ist dass junge Feministinnen sich auf diese Geschichte beziehen und auf verschiedene Weise an Traditionen wie jene der StudentInnenbewegung seit 1968 anschließen. Dadurch werden autonome feministische Traditionen wieder präsenter.

Was können die Proteste aus deiner Sicht erreichen?

Nach den Mobilisierungen hat sich die Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum endlich mit einigen der feministischen Kollektive zusammengesetzt. Sie hat auch ihre ersten Aussagen zurückgenommen und erklärt, dass sie die angekündigten Strafverfolgungen zurücknimmt. Auch wenn man skeptisch bleiben muss, ist das doch eine wichtige Geste. Wir sehen, dass wir organisiert und kämpferisch Dinge erreichen können. Das ist keine Kleinigkeit in einem Land wie diesem, in dem es große Mobilisierungen gibt und doch nichts passiert. Im Falle von Ayotzinapa [2014 wurden 43 StudentInnen im Dorf Ayotzinapa entführt und ermordet, Anm. d. Red.] gab es beispielsweise wochenlange Proteste mit fast 500.000 TeilnehmerInnen in Mexiko-Stadt und doch ist nichts passiert.

Gleichzeitig gibt es innerhalb der Bewegung verständlicherweise eine große Skepsis darüber, was der Staat tun oder eben auch nicht tun wird. Es wird viel über das Verhältnis zur neuen Regierung diskutiert. Wir sollten auch die unglücklichen Aussagen von Andrés Manuel López Obrador nicht vergessen, der uns als gewalttätig bezeichnet hat. Wir müssen abwarten, ob das, was passiert ist, zu einem gewissen Niveau an Gerechtigkeit und Möglichkeiten des Dialoges führt oder eben nicht.

Alejandra Santillana Ortiz ist Teil des Ruda Colectiva Feminista, Aborto Libre Ec, el Foro Feminista contra el G20 und des Kollektivs Malandra Colectiva Femiinista. Sie arbeitet als Forscherin am Instituto de Estudios Ecuatorianos und ist aktuell Doktorantin an der UNAM in Mexiko-Stadt.

Interview: Tobias Boos

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