Was für eine Covid-Impfpflicht spricht

Foto: Ivan Diaz

Das „Schreckgespenst“ Impfpflicht ist nichts Neues und für ein solidarisches Miteinander bestimmend, schreibt Elka X.

Österreich steht eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie vor der vierten Welle. Die entwickelten Impfstoffe gegen COVID-19 sind mittlerweile breit verfügbar und könnten die Infektions- und die Hospitalisierungsrate radikal vermindern. Doch das Land liegt in Sachen Impfquote unter EU-Durchschnitt. Während die Infektionszahlen wieder steigen und die Anzahl der Impfungen stagniert, nimmt die Diskussion um eine etwaige Covid-Impfpflicht wieder an Fahrt auf. Elka X arbeitet im Gesundheitsbereich und hat Argumente dafür parat.

Covid-Impfpflicht – Das Schreckgespenst der heutigen Zeit. Sie hört sich nach Zwang an, nach etwas Undemokratischem. Dabei sind Zwänge und Pflichten Alltag in unserem Leben. Sobald man Teil einer Gesellschaft wird, verpflichtet man sich zu gewissen Regeln des Zusammenlebens. Diese Regeln schützen den einzelnen Menschen, die Gesellschaft als Ganzes und deren Fortbestand. Bereits mit unserer Geburt gehen wir diesen unsichtbaren und unausgesprochenen Vertrag ein. Wir genießen viele Vorteile als Mitglied einer Gemeinschaft (Menschenrechte, soziales Netz, Obsorge, Infrastruktur) aber nehmen damit auch Regeln und Gesetze in Kauf, an die wir uns halten müssen. Das galt und gilt für alle modernen Gesellschafts- und Wirtschaftsformen, die wir kennen. Ab dem Moment unserer Geburt sind wir automatisch nicht frei zu tun und lassen, was wir wollen.

Rechte und Pflichten unser ganzes Leben lang

Doch eigentlich beginnen diese staatlich aufgezwungenen Pflichten sogar schon vor unserer Geburt. Der Eltern-Kind-Pass regelt, welchen medizinischen Untersuchungen sich Schwangere (Blutuntersuchung, gynäkologische Untersuchungen) und später die Neugeborenen unterziehen müssen. Wenn Eltern diese Untersuchungen nicht durchführen lassen, kann ihnen rigoros die Kinderbeihilfe gekürzt werden. Sinnvolle Schutzmaßnahme oder Bevormundung? Sollten die Eltern nicht selbst entscheiden dürfen, welche Untersuchung für sie und ihr Kind sinnvoll ist? Wäre das nicht der freiheitsbetontere Ansatz?

Viele „Impfskeptiker:innen“ meinen in Bezug auf die Covid-Impfpflicht, Test- oder Maskenpflicht auch: „Ich bin ein mündiger Erwachsener. Es ist mein Risiko. In einer Demokratie hat der Staat kein Recht mich dazu zu zwingen“. Auf den ersten Blick klingt das Argument nicht abwegig. Es wäre jedoch interessant, ob sie das auch bei der nächsten Straßenkontrolle entgegnen, wenn sie vergessen haben, sich anzuschnallen. Gurtpflicht, Helmpflicht: All das sind Regeln, die mit „Zwang“ durchgesetzt werden. Und das, obwohl man durch das Nicht-Anschnallen niemand anderen gefährdet als sich selbst.

Impfpflicht nichts Neues im Gesundheitsbereich

In einigen Landeskrankenhäusern wird ab sofort ein verpflichtender Covid-Impfnachweis für Neuanstellungen gefordert. Impfnachweise sind im Gesundheitsbereich grundsätzlich überhaupt nichts Neues. Auch jetzt schon müssen alle neuen Angestellten in den meisten Gesundheitseinrichtungen vor Diensteintritt Impfungen, wie MMR (Masern-Mumps-Röteln), Hepatitis oder Varizellen vorweisen. Eine sehr sinnvolle Maßnahme, da wir uns schließlich verpflichtet haben, unsere Patient:innen zu schützen. Viele Patient:innen sind schwer krank und zählen somit zur Risikogruppe. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass PatientInnen sich im Spital mit Covid infizieren und daraufhin sterben. In vielen Ländern ist das leider keine Seltenheit.

Covid-Impfpflicht in anderen Branchen

Eine Impfpflicht im Gesundheitsbereich ist also keine Neuheit und sollte unumstritten sein. Nun fordern bereits einige Expert:innen eine Covid-Impfpflicht in anderen Branchen mit viel Menschenkontakten, wie zum Beispiel Friseur:innen, und Branchen mit Kontakt zu ungeimpften Kindern oder Risikopatient:innen. Vor allem für Kinder mit Vorerkrankungen ist die Rückkehr in den Kindergarten und in die Schule ein sehr schwieriges Unterfangen. Dass auch Kinder Risikopatient:innen sein können, wird leider oft vergessen. Solange diese Kinder nicht geimpft werden können (zurzeit alle Kinder unter 12) müssen wir ein möglichst sicheres Umfeld gewährleisten. Aber auch Kinder ohne Risikofaktoren erkranken immer wieder an Long Covid (monatelange Symptome wie schwere Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Atembeschwerden) und können durch Kontakt zu ihren Verwandten das Virus unter Risikopatient:innen verbreiten. 

Natürlich braucht es in Schulen noch andere Maßnahmen, wie regelmäßige Tests oder Lüftungsanlagen. Die Impfung des Lehrkörpers ist darüber hinaus ein wichtiger Schritt, um Schulen nicht zu Hotspots werden zu lassen.

Warum Impfen solidarisch ist

Bei der Verweigerung der Covid-Impfung kommt zur Selbstgefährdung auch noch eine Fremdgefährdung hinzu. Ungeimpfte erkranken nämlich nicht nur viel schwerer an Corona als Geimpfte, sie geben (laut derzeitigem Wissensstand) auch viel mehr Viren weiter. Sie sind somit viel ansteckender für ihre Mitmenschen. Eine jüngst erschienene Studie hat außerdem gezeigt: Je höher die Impfrate ist, desto weniger Corona-Mutationen entstehen. Mutationen, die die Gefahr bergen, auch für geimpfte Personen gefährlich zu werden. Die Freiheit eine Impfung zu verweigern, schränkt also die Freiheit der Anderen auf körperliche Unversehrtheit ein. „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, wusste schon der Philosoph Immanuel Kant.

Wir können diese Pandemie beenden

Es geht nicht einmal nur um die Gefahren einer Covid-Infektion. Es geht auch um den unerträglichen Ausnahmezustand einer Pandemie. Die ständigen Lockdowns und Einschränkungen sind vor allem, aber nicht nur, für einsame und psychisch kranke Menschen eine große Belastung. Jeder weitere Tag in diesem untragbaren Zustand ist unnötig und kostet Menschenleben. Der einzig humane Weg aus dieser Pandemie ist die Impfung. Jetzt, wo endlich genug vom sicheren und lebensrettenden Impfstoff da ist, gibt es keinen Grund, diesen Zustand weiter ertragen zu müssen. Durch ein kollektives und entschlossenes Vorgehen, wobei die Impfung und eine Zero-Covid-Strategie (kurze, harte Lockdowns wie in Neuseeland oder China) die Hauptrolle spielen, können wir diese Pandemie beenden. Wir sind ihr nicht hilflos ausgeliefert, wie während der letzten großen Seuchen, die die Menschheit heimgesucht haben. Wir haben die Werkzeuge dafür in der Hand – wir müssen sie nur verwenden. Entschlossen, gemeinsam und solidarisch.

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