Das Buch „Generation Haram“ von Melisa Erkurt verlagert die Debatte im Bildungssystem von Migrations- zur Klassenfragen. Ihre Reformvorschläge sind aber nicht drastisch genug und befeuern falsche Diskurse, schreibt Mahdi Rahimi.

Im Diskurs um das Schulwesen dominieren Erzählungen von Brennpunktschulen und Kulturkämpfen. An die Spitze getrieben wird dieses Narrativ unter anderem durch Warnungen vor einem Jihad durch Playstation Controller. Das zeigt, wie sehr die Diskussion eine Neuausrichtung verträgt. Melisa Erkurt bringt mit ihrem Buch „Generation Haram“ frischen Wind in die Debatte.

Klassenfrage statt Migrationsproblem

Ihre Geschichten vom Klassen- und Kulturhass, den man in Österreich vorrangig MigrantInnen aus der ArbeiterInnenschicht entgegenbringt, sind treffend und von jedem/r Migranten/Migrantin nachvollziehbar. Die biographischen Erzählungen ihrer Erfahrungen als Schülerin und Lehrerin, die seit ihrer Flucht vor dem Krieg nach Wien in den 90ern von rassistischen Erfahrungen untermauert waren, leisten einen wichtigen Beitrag: Sie definieren die Probleme im Bildungssystem als Klassenfrage anstelle einer Migrationsherausforderung. Die daraus hervorgehenden Lösungsvorschläge schießen aber am eigentlichen Ziel vorbei und machen Erkurt zur unfreiwilligen Projektionsfläche des Bildungsbürgertums.

Unseliger “Verlierer”-Diskurs

Dabei könnte das Buch viele interessante Diskussionen aufwerfen. Ob es tatsächlich sinnvoll ist, die leidige Ganztagesschuldebatte vom 20. ins 21. Jahrhundert weiterzutragen oder inwiefern das Informationszeitalter das Bildungssystem beeinflusst, sind nur zwei von einigen spannenden Themen, die in Erkurts Werk aufkommen. Stattdessen fokussieren sich die Medien auf den VerliererInnendiskurs und verbreiten die Geschichte der chancenlosen MigrantInnenkinder.

Daran ist Erkurt bis zu einem gewissen Punkt mitschuldig. Schließlich fällt das Wort „Verlierer“ nicht nur in ihrem Buch einige Male, sondern ist sogar im Pressetext vertreten. Die eigentliche Frage ist aber, wie es zu diesen „Verlierern” kommt und wer in einem System gewinnt, das nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Alarmierend sollte auch sein, wie sehr Erkurt ihr Jahr als Lehrerin als Versagen empfindet. Zumindest erscheint das aufreibender als der von ihr beschriebene Fakt, dass sich viele Eltern keine Laptops für ihre Kinder leisten können. Denn der ist hoffentlich für die meisten Menschen keine große Überraschung.

Das eigentliche Problem: Selektion

Die Schwierigkeit mit Erkurts Buch liegt im Bildungsbegriff selbst, der in vielen Fällen allzu abstrakt bleibt. In der Praxis geht es betroffenen Eltern weniger um Bildung als um Ausbildung. Der Grundgedanke der Erziehung ist, eine Generation großzuziehen, der es besser geht als der letzten. Dabei werden Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt. Viele Eltern aus höheren Bildungsschichten interessiert unter anderem Mathematik wenig, weil sich die Nachhilfe-Kosten für das angestrebte Berufsbild, etwa JuristIn oder ÄrtzIn, ohnehin nicht auszahlen.

Im Kontext der Ausbildung und der klassenspezifisch unterschiedlichen Schwerpunktsetzung offenbart sich das Hauptproblem der Debatte: Dass Schule immer noch als Selektionsstätte zur möglichst schnellen Heranbildung von ArbeiterInnen, Angestellten und ÄrztInnen dient. Diese Selektion setzt sich über Generationen fort. Bildung wird in Österreich und anderen OECD-Ländern immer stärker vererbt. Das war 1992 bereits ähnlich, damals konnte man sich aber mit einer Lehrstelle gut über Wasser halten. Heute ist das anders, wir leben in einer Abstiegsgesellschaft. Und dafür braucht es Schuldige.

Diversität in einem kaputten Bildungssystem

Die Schule als Ausbildungsstätte des Spätkapitalismus steckt genauso in einer Krise wie der Spätkapitalismus selbst. Reformen brauchen viel Zeit und Kraft und interessieren Menschen, die das Geld für Privatschulen haben, ohnehin nicht. MigrantInnen kommen als Grund für das kaputte Schulwesen, genauso wie für den kaputten Kapitalismus, gerade recht. Dann sind es eben die migrantischen MitschülerInnen, deretwegen österreichische Kinder plötzlich nicht mehr richtig Deutsch lernen.

Um diesem Diskurs  entgegenzuwirken, beendet Erkurt ihr Buch mit einem Pamphlet. Darin steht, wie das Schulsystem diverser und besser werden kann. Durch gezielte Anwerbung von MigrantInnen für den LehrerInnenjob, positive Vorbilder in der Gesellschaft, eine Sensibilisierung des Lehrpersonals für kulturelle Unterschiede sowie die Einführung von Ganztagsschulen, schreibt sie. Das ist ein Anfang.

Aber würden in so einem kaputten System kleine Reformen und mehr Diversität tatsächlich etwas ändern? Wohl eher nicht. Erkurt dient daher, eher unfreiwillig, als Projektionsfläche einer Bildungsschicht. Denn nichts lieben Bildungsphilister mehr als den Glauben, alle Probleme dieser Welt mit einem Buch lösen zu können. Und Melisa Erkurt, ein im humanistischen Schulwesen aufgewachsenes ArbeiterInnenkind, das vom Geist der hellenistisch-jüdisch-christlichen Tradition des Abendlandes gesegnet wurde, liefert ihnen genau dieses Buch. Subhanallah!

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