Warum eine grüne Arbeitszeitverkürzung notwendig ist

Eine ökologische Arbeitszeitverkürzung ist machbar, wenn die Umverteilung der Löhne mitgedacht wird. Dafür plädiert mosaik-Redakteur Fabian Hattendorf.

Der Kampf um die Arbeitszeit ist so alt wie die Arbeit selbst. Neu ist die ökologische Dimension in Zeiten der Klimakrise: Sollte das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens durch eine Arbeitszeitverkürzung alleine erreicht werden, müsste die durchschnittliche Arbeitswoche in Deutschland 6 Stunden betragen. Denn Treibhausgasemissionen und Wirtschaftswachstum sind nach wie vor eng aneinander gekoppelt und werden langfristig miteinander einhergehen. Eine Reduktion des Wirtschaftswachstums, wie es Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen der Degrowth-Bewegung fordern, ist deshalb unabdingbar und ohne eine Verkürzung der Normalarbeitszeit, d.h. der gesetzlich festgelegten Länge der Arbeitswoche, nicht zu erreichen.

Arbeitszeitverkürzung in der Klimakrise

In der Vergangenheit orientierten sich die Kämpfe um eine Arbeitszeitverkürzung an den sozialen Forderungen nach einer verbesserten Lebensqualität, Geschlechtergerechtigkeit – da sich Männer dann vermehrt im Haushalt einbringen können – und einer sozial gerechten Umverteilung von Einkommen. Angesichts der Klimakrise wirbt ein weiteres schlagfertiges Argument im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit für eine radikale Arbeitszeitverkürzung, auch wenn ökologische und soziale Belange auf den ersten Blick im Konflikt miteinander stehen. Dieser Konflikt entzündet sich an der Frage nach dem Lohnausgleich (der Forderung eines gleichbleibenden Wochenlohns trotz Stundenkürzungen). Er ist aus sozialer Perspektive unabdingbar, kann aber klimaschädlichen Konsum anheizen. Der Widerspruch löst sich auf, wenn wir Arbeitszeitverkürzung und Umverteilung zusammendenken. Aber noch einmal von vorne.

Zeit- statt Geldnot

Bis in die 1980er haben sich Produktivitätssteigerungen in der Arbeit zumindest in Teilen in einer Arbeitszeitverkürzung niedergeschlagen. Seitdem ist das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Freizeit in den Industrieländern aber relativ stabil geblieben. Das liegt daran, dass Arbeitnehmer*innen in einem sogenannten „work-and-spend-cycle“, einem Arbeits- und Ausgabenzyklus, gefangen sind. Produktivitätssteigerungen führen darin zu entsprechenden Lohn- und Konsumsteigerungen. Geld gibt es im Überfluss, Zeit wird rar. Das spiegelt sich auch darin wider, dass viele Branchen Teilzeitmodelle nach wie vor verunmöglichen bis sozial nicht anerkennen. Stattdessen konkurrieren Firmen um Anteile am Absatzmarkt und treiben dadurch das Wirtschaftswachstum zusammen mit dem Emissions- und Ressourcenverbrauch weiter an.

Quel­le: Poyn­t­ner (2015), Daten Huber­mann und Minns (2007).

Emissionssparungen durch Arbeitszeitverkürzung

Eine Arbeitszeitverkürzung spart stattdessen auf zwei Wegen Emissionen ein. Erstens führt sie dazu, dass in einem Land weniger produziert wird. Dafür dürfen Konzerne die kürzere Normalarbeitszeit nicht durch ein höheres Beschäftigungsniveau und eine Produktivitätssteigerung überkompensieren. Zweitens hat eine kürzere Normalarbeitszeit einen Einfluss auf individuelle Konsum- und Verhaltensmuster, beispielsweise in Bezug auf die Freizeitgestaltung. So können Arbeiter*innen die frei verfügbare Zeit dafür nutzen, mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Auf der anderen Seite können sie die neugewonnene Zeit auch dafür nutzen, den Urlaub mit dem Kreuzfahrtschiff in der Karibik zu verbringen.

Politische Rahmenbedingungen

Diese individuellen Konsumentscheidungen werden von politischen Rahmenbedingungen – wie zum Beispiel der Nicht-Besteuerung von Kerosin oder dem Ausbau von Autobahnen gegenüber dem Rückbau der öffentlichen Verkehrsmittel – beeinflusst. Insgesamt können die Emissionen pro Kopf steigen oder sinken. Nur in Hinblick auf das Einkommen gibt es einen eindeutigen Zusammenhang: Je geringer das Einkommen, desto niedriger der persönliche ökologische Fußabdruck. Damit ist klar: Wir müssen den „work-and-spend-cycle“ dringend überwinden.

So kommt es zu einer Umverteilung von oben nach unten bei gleichzeitigen Emissionseinsparungen.

Eine geschickte Arbeitsmarktpolitik versucht, bei der Reduktion der Arbeitszeit soziale und ökologische Ansätze zu integrieren. Das gelingt zum Beispiel, indem Geringverdiener*innen bei einer Arbeitszeitverkürzung einen vollen Lohnausgleich erhalten, höhere Einkommensklassen aber Lohnbußen in Kauf nehmen. So kommt es zu einer Umverteilung von oben nach unten bei gleichzeitigen Emissionseinsparungen.

Trend zur 60-Stunden-Woche

Eine solche Arbeitszeitverkürzung mit progressivem Lohnausgleich existiert bisher nur auf dem Papier. Überhaupt sieht es in Österreich schlecht aus mit der Arbeitszeitverkürzung: Der Trend geht zu Überstunden, Flexibilisierung von Arbeitsmodellen und sinkenden Löhnen. Unternehmen nutzen das Instrument der Solidaritätsprämie, das die Verteilung von Arbeit auf mehr Köpfe innerhalb eines Betriebs erlaubt, fast nicht. Seit der Reform des Arbeitszeitgesetzes 2018 gibt es sogar wieder die 60-Stunden-Woche. Wie kann es sein, dass Menschen in Österreich im Durchschnitt länger arbeiten als vor 40 Jahren, obwohl der Wohlstand gestiegen ist? Und warum erzielen die Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innenvertretungen keine Erfolge im Kampf um die Normalarbeitszeit?

Die Gewerkschaft ist am Zug

Der Philosoph Oskar Negt setzte sich schon 1984 mit dieser Frage auseinander.  Er beantwortet sie damit, dass Arbeitszeitpolitik zu selten als „politischer Machtkampf verstanden wird, als Kampf nicht nur um eine gleichmäßige Verteilung vorhandener Arbeit, sondern als Kampf um die Prinzipien gesellschaftlicher Organisierung von Arbeit, ja einer freien und gerechten Gesellschaft selbst.“ Er fordert deshalb die Erweiterung des politischen Mandats der Gewerkschaften, die sich kämpferischer positionieren und auch für die Rechte von Arbeitslosen einsetzen sollen.

Von den politischen Parteien dieses Landes erwarten wir uns so schnell keinen Umschwung. Die Handlungsmacht liegt bei den Gewerkschaften, die aber im sozialpartnerschaftlichen System schon lange keine Arbeitskämpfe mehr hervorrufen, sondern sie viel eher befrieden. Es ist also höchste Zeit, dass die Interessensvertretungen der Arbeiter*innen eine grundsätzliche Neuorientierung anstreben, um die so wichtigen Erfolge im Kampf um die Normalarbeitszeit zu erzielen. Sonst wird es keines von beidem geben: weder eine sozial gerechte noch eine ökologisch nachhaltige Arbeitsmarktpolitik.