Warum wir über Arbeitszeit reden müssen

Foto: Christian

40 Jahre – 40 Stunden. 2015 begehen wir dieses fragwürdige Jubiläum. Ein Grund zu feiern ist jedenfalls die Verkürzung der gesetzlichen wöchentlichen Normalarbeitszeit auf 40 Stunden vor genau 40 Jahren. Die Schattenseite hiervon: In den vergangenen 40 Jahren hat sich unsere Arbeitszeit nicht gerade zum Positiven entwickelt. ArbeitnehmerInnen, ihre Gesundheit, unsere gesellschaftliche Entwicklung und damit auch die Unternehmen brauchen dringend eine Veränderung.

Neun Thesen, warum wir uns dringend mit dem Thema Arbeitszeit auseinander setzen müssen und warum eine neuerliche Arbeitszeitverkürzung jedenfalls im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung stehen muss.

1. Zu viel Arbeit

Nach der Nullrunde beim Eurovision Songcontest können wir uns immerhin an der Europäischen Arbeitszeitstatistik festhalten: 41,8 Wochenstunden (bei  Vollzeitbeschäftigten) bescheren uns den 2. Platz innerhalb der EU, nur die BritInnen arbeiten mehr. 270 Millionen Überstunden waren es 2014. Prekäres Detail: rund ein Fünftel hiervon blieb unbezahlt.

Neben der Arbeitszeit selbst sind auch Stress und Zeitdruck alarmierend hoch. So hoch, dass selbst die OECD Österreich bereits vor steigenden Krankenständen unter anderem wegen Burnout und anderer stressbedingter Erkrankungen warnt. Das Resümee hinsichtlich der Arbeitsqualität in Österreich ist derart niederschmetternd, dass wir gerade mal Rang 27 von 32 erreichen.

Zusätzlich sollen wir mit steigendem Pensionsantrittsalter immer länger im Erwerbsleben verbleiben (Stichwort Ausweitung der Lebensarbeitszeit). Mit den genannten steigenden Gesundheitsbelastungen ist das ein Ding der Unmöglichkeit.

3. Zu wenig Arbeit

Gleichzeit steigt auch im vergleichsweise gesegneten Österreich die Arbeitslosigkeit ins gefühlt Unermessliche. Paradox: neben der Arbeitslosigkeit steigt auch die Erwerbsquote, hier wiederum ist eine Zunahme prekärer Dienstverhältnisse (Teilzeit, Befristungen, Leiharbeit…) zu verzeichnen. Der Grund dafür: Das Arbeitsvolumen insgesamt stagniert. Anstatt kontrollierter politischer Maßnahmen, hat sich jedoch ein Wildwuchs an prekärer Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich eingeschlichen.

Wer wie viel und zu welchen Bedingungen arbeitet, ist eine Verteilungsfrage, die viel zu lange (wieder) ausgeklammert wurde. Umverteilung von Arbeit zwischen Erwerbstätigen und Erwerbsarbeitslosen, Vollzeit und Teilzeit, bezahlter und unbezahlter Arbeit. All diesen Dimensionen müssen wir uns widmen.

ExpertInnen gehen davon aus, dass im Rahmen einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden mindestens ein Drittel der reduzierten Stunden unmittelbar neue Arbeitsplätze schaffen sowie andernfalls abgebaute Arbeitsplätze erhalten kann.

3. Produktivitätssteigerungen neu denken – Nachhaltigkeit und Ökologie

Die alte Faustformel, mit Wirtschaftswachstum der Arbeitslosigkeit zu Leibe zu rücken, hat ausgedient. Nicht nur, dass entsprechende Wachstumsraten – auch ohne Krisenzeiten nicht mehr realistisch sind – stetig steigender Ressourcenverbrauch und ein Konsumverhalten, das mit Bedürfnisabdeckung nur noch wenig gemein hat, treiben unseren Planeten in die nur noch schwer aufhaltbare Klimakatastrophe.

In der Debatte zu Wachstum gehen heute viele einen Schritt weiter und denken Szenarien in einer Gesellschaft nach dem Wachstum an. Was oft als sozialromantische Utopie abgetan wird, trifft einen wahren Kern: Weniger Produktion bedeutet weniger Belastung für unseren Planeten. Eine Weitergabe von Produktivitätssteigerung in Form von Arbeitszeitverkürzung schafft einen sinnvollen Ausgleich und gleichzeitig ein kostenneutrales Szenario: Die Lohnstückkosten bleiben gleich.

4. Autonomie statt Flexibilität

Der Ruf – allen voran der Industriellenvereinigung – nach einem 12-Stunden Tag unter dem gebetsmühlenartigen Gejammer nach mehr Flexibilität blockiert derzeit jegliche sinnhafte Diskussion um Arbeitszeit. Bereits 2007 wurden in Österreich die Möglichkeiten einer Arbeitszeitflexibilisierung umfassend erweitert. Worum geht es also wirklich? Spielräume zur Flexibilisierung sind mannigfaltig vorhanden, doch sind sie mitunter aufgrund entsprechender Zuschläge – zu Recht – teuer.

Dem stehen die quasi nicht vorhandenen Möglichkeiten der ArbeitnehmerInnen gegenüber, ihre Arbeitszeit in einem gewissen Ausmaß selbst zu bestimmen oder auch nur – als Minimalstforderung – Mehr- und Überstunden auch mal ohne gewichtigen Grund ablehnen zu dürfen.

5. Work-Life Balance

Langsam regt sich zumindest in gesellschaftlichen Randbereichen Widerstand gegen die  „Ökonomisierung“ des gesamten Lebens. Im Kern steht hier das alte zynische Sprichwort „Lebst du um zu arbeiten, oder arbeitest du um zu leben?“. Insbesondere neue Technologien lassen zudem die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Durch eine generelle Arbeitszeitverkürzung werden sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen zwar nicht aufhalten lassen, es wird jedoch die Möglichkeit zu einer ausgewogenen Priorisierung geschaffen.

Je nach Lebensphase und individueller Situation haben ArbeitnehmerInnen ganz unterschiedliche Bedürfnisse, denen das geltende Arbeitszeitregime nur selten Rechnung trägt. Arbeitszeitverkürzung schafft Lebensqualität – unabhängig davon ob es hier um die Familie, FreundInnnen, Weiterbildung zivilgesellschaftliches Engagement oder persönliche Hobbies geht: mehr Zeit hierfür führt nicht nur zu einer wesentlich besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, sie fördert auch gesellschaftliche Teilhabe und Demokratie. Nicht zuletzt sei hier auch noch einmal die gesundheitliche Notwendigkeit kürzerer und damit weniger belastender Arbeitszeiten genannt.

6. Die Geschlechterfrage stellen

Kürzere Arbeitszeiten für alle schaffen auch die Möglichkeit unbezahlte Arbeit (Haushalt, Kinder, Pflege etc) unter den Geschlechtern gerechter zu verteilen. Dies wird jedoch nicht von selbst passieren. Unlängst erst erreichte die Autorin ein wütender Leserinnenbrief, in dem der Widerspruch aufgeworfen wird, dass in unserer Gesellschaft mit ihren nach wie vor sehr dominanten Rollenbildern mehr Freizeit für beide Geschlechter erst recht eine Mehrbelastung der Frauen in der unbezahlten Arbeit bedeutet („jetzt haben sie ja die Zeit“).

Ohne entsprechende Begleitmaßnahmen wird es also den gewünschten Umverteilungseffekt zwischen den Geschlechtern nicht geben. Genannt seien hier die Schaffung ausreichender Ressourcen in Kinderbetreuung und Pflege, aber auch gesellschaftliche Impulse (zB im Schulunterricht), die ein Umdenken bewirken.

7. Mut zu neuen Arbeitszeiten

Neben einer Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit stehen verschiedene Modelle im Raum, die an den Dimensionen Jahresarbeitszeit und „Lebens(phasen)arbeitszeit“ als zusätzliche Dimension anknüpfen. Möglich ist dies zB über eine Ausweitung des Jahresurlaubs (Stichwort 6. Urlaubswoche!) und Schaffung eines Rechtsanspruchs auf persönlich gestaltbare Auszeiten, zB über Sabbaticals, oder die Möglichkeit die Arbeitszeit – sofern betrieblich zumutbar – einseitig zu reduzieren oder zu erhöhen.

Vorreiter sind hier einige Industriekollektivverträge (allen voran die Elektro- und Elektronikindustrie, aber auch Bergbau/Stahl, Fahrzeugindustrie und Papierindustrie), die seit kurzem die sog. „Freizeitoption“ kennen. Bei dieser kann die jährliche Ist-Lohn-/Gehaltserhöhung gegen individuell planbare Freizeit abgetauscht werden.

8. Grundbedingungen: Lohnausgleich und keine Arbeitsverdichtung

Während in einigen Sektoren durch technologische Entwicklung das Arbeitsvolumen sinkt und neu verteilt werden muss, hat vor allem der Dienstleistungssektor mit dem Problem weiterer Arbeitsverdichtung zu kämpfen. Immer mehr muss in der gleichen Zeit erledigt werden.

Arbeitszeitverkürzung ist keine Maßnahme, die für sich allen stehen kann, ein Bündel an gut durchdachten Begleitmaßnahmen ist unerlässlich. Einerseits sprechen wir hier von Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Verkürzung der Arbeitszeit auch tatsächlich zu Neueinstellungen führt, andererseits gilt es, das entsprechende Angebot an Arbeitskräften zB. durch Schulungsmaßnahmen auch parat zu haben. Der Dienstleistungssektor kann wiederum durch die Umstellung auf eine Wertschöpfungsabgabe entlastet werden, eine Diskussion die ebenfalls von der Wirtschaft blockiert wird.

Unbedingt gilt es auch einen Kaufkraftverlust der ArbeitnehmerInnen zu vermeiden, der – neben den Auswirkungen auf die individuellen ökonomischen Verhältnisses – letztlich einen gegenteiligen Effekt nicht nur auf die Konjunktur sondern auch auf die gewünschte Schaffung von Arbeitsplätzen hätte.

9. Arbeitszeitverkürzung ist finanzierbar

Wer über Arbeitszeitverkürzung spricht, muss also über Lohnausgleich sprechen. Wer diese Kosten einer Arbeitszeitverkürzung (in welchem Verhältnis) tragen soll, ist letztlich eine Verteilungsfrage.  Einerseits ist es nur fair den ArbeitgberInnen einen Teil der Kosten aufzubürden, nicht zuletzt da sie in den letzten Jahrzehnten nahezu alleine von den Produktivitätssteigerungen profitiert haben. Letztlich dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir hier von einer Umverteilungsfrage im weiteren Sinn sprechen. Um einen Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich über sämtliche Betriebsgrößen und Branchen hinweg zu ermöglichen und sowohl die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen als auch die Kaufkraft der ArbeitnehmerInnen sicherzustellen, wird eine öffentliche Anschubfinanzierung unerlässlich sein.

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil am österreichischen Weg durch die Krise hatte eine vorübergehende Arbeitszeitverkürzung, va in der Industrie. Was politisch als No-Go erscheint, ist über Kurzarbeit und das Solidaritätsprämienmodell jedoch nicht nur gängige Praxis, sondern sogar Erfolgsmodell: Hier erfolgt die Finanzierung in unterschiedlichem Ausmaß sowohl ArbeitgeberInnen- und ArbeitnehmerInnenseitig sowie durch die öffentliche Hand.

Zu einem Teil sind diese Maßnahmen selbsttragend, allein durch jene Kosten, die sich Krankenkassen und AMS sparen. Zum anderen Teil werden uns diese Maßnahmen wohl nur dann gelingen, wenn wir die Vermögenden fair an den gesellschaftlichen Kosten beteiligen: Es braucht endlich eine gerechte Vermögensbesteuerung in Österreich.

Susi Haslinger ist Juristin und in der Rechtsabteilung sowie der sozialpolitischen Grundlagenabteilung der Produktionsgewerkschaft PRO-GE tätig. 

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