Zum Abschluss der post-normalen Radio ORANGE 94.0-Sendereihe über die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft entwerfen Philipp Sonderegger und Alexandra Strickner eine Strategie für eine gemeinsame Zukunft. Auf Basis ihrer Erfahrungen in zivilgesellschaftlicher Organisierung formulieren sie zehn Thesen für das Bilden von Allianzen. Fiona Steinert hat mitnotiert.

Ungerechte Verteilung und fehlender Zugang zu Wohnen, Bildung, Arbeit, Gesundheit oder Nahrung haben sich in den vergangenen Monaten krisenbedingt verschärft. Damit verdeutlichen sich systemische Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Missverhältnissen. Um wirksam an Veränderung zu arbeiten, ist es notwendig, auch den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die gesellschaftlichen Schieflagen vernetzt zu denken. Jetzt stellt sich die schwierige Aufgabe, gemeinsam eine Erzählung der Zukunft zu entwerfen – aufbauend auf dem Wissen aus bewährten Zusammenschlüssen.

Was Allianzen (nicht) können

1. Allianzen machen uns stark – mehr und differenzierter

In Allianzen können sich Akteur*innen mit denselben Stärken gegenseitig bekräftigen. Oder sie sind eine Möglichkeit, komplementäre Kräfte zu vereinen, die unterschiedliche Dinge gut können. In jedem Fall sind Allianzen für solche Aufgaben sinnvoll, die mit besonderem Aufwand verbunden sind. Also für Aufgaben, die besonders schwierig oder nur langfristig bearbeitbar sind.

2. Allianzen sind Tanker, keine Schnellboote – wuchtig, aber träge

Oft sind unterschiedliche Logiken am Werk. Wer schon einmal versucht hat, in einem Bündnis gemeinsam eine Presseaussendung zu formulieren, weiß, wie schwierig es ist, eine heterogene Gruppe auf gemeinsame Ziele und Vorstellungen einzuschwören. Daher sind Allianzen nicht für schnelle Reaktionen geeignet, sondern besser auf langfristiges Handeln ausgerichtet.

3. Allianzen bereiten das Feld auf – und ermöglichen künftiges Handeln

Im gemeinschaftlichen Tun lernen sich unterschiedliche Akteur*innen verstehen und gewinnen einen Einblick in die einzelnen Sichtweisen und dahinter liegenden Anliegen. Aus diesem Verständnis lassen sich gemeinsam neue Positionen und Handlungsweisen entwickeln, die einzeln vielleicht nicht entstanden wären. Auf solcherart erarbeitete Erfahrungen lässt sich später zurückgreifen.

4. Allianzen verändern die Welt – und dabei auch sich selbst

Nachdem 1995 die Welthandelsorganisation gegründet worden war, formierte sich Widerstand gegen die weltweite Umsetzung neoliberaler Handelsabkommen. Nach den Protesten 1999 in Seattle entstand daraus das globale Netzwerk „Our World is not for Sale“, das seitdem daran arbeitet, Globalisierung in eine andere Richtung zu lenken. Im Zuge dessen erkannten z.B. Gewerkschaften und Umweltbewegung, dass sie gemeinsame Anliegen haben. Sie haben gemeinsam neue Strategien entwickelt. Dazu braucht es Bereitschaft und Offenheit zur Veränderung, Neugierde auf andere Sichtweisen und die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen.

Was wir in der Zusammenarbeit mit anderen gelernt haben

5. Es gilt nur, was vereinbart ist – Aktionskonsens

Was für die einen selbstverständlich ist, muss nicht für alle selbstverständlich sein. In Allianzen braucht es Klarheit über die geteilten Werte und Ziele. Aber auch über die unterschiedlichen Rollen der Beteiligten und welche Interessen die Einzelnen verfolgen.

6. Unterschiede wirken – einkalkuliert oder nicht

In Allianzen kommen unterschiedlichste Organisationen zusammen: Große und kleine, alte und junge, mit viel Geld oder ohne, aktionistisch oder auf Hintergrundrecherche fokussiert. Unterschiede treten früher oder später zu Tage. Funktionierende Allianzen schaffen es, konstruktiv mit diesen umzugehen. Das geht am besten, indem die Unterschiede ausgesprochen und anerkannt werden, im Idealfall ergibt sich daraus die gemeinsame Stärke. Personen, die ihre Organisation in Allianzen vertreten, haben eine Mittlerfunktion. Die Arbeit in der Allianz in die eigene Organisation zurück tragen, ist nicht immer ganz einfach.

7. Ungewöhnliche Allianzen – vier spezielle Formen

Eine erste ungewöhnliche Form von Allianzen zeichnet sich durch ungewöhnliche Partner*innen aus. Sie erregen Aufmerksamkeit, weil die Konstellation überrascht. 

Ein zweiter Spezialfall sind minoritäre Allianzen, in denen sich marginalisierte Gruppen zusammenschließen, um eine kritische Masse zu erreichen, mit der sich besser für ein gemeinsames Anliegen streiten lässt. So wurde zum Beispiel in den 2000er Jahren für ein Zusammendenken von Wahlrecht, Kultur und sozialen Fragen gekämpft.

Oder drittens Spaltungsallianzen: Dabei geht es um den Versuch, den bestehenden Konflikt in ein gegnerisches System hineinzutragen. Indem zum Beispiel ein Flügel in einer gegnerischen Institution gestärkt wird, der den eigenen Anliegen nahe ist. 

Ein viertes Beispiel sind Solidaritätsallianzen wie der Solidaritätspakt, in dem sich zu Zeiten der türkis-blauen Regierung Organisationen zusammengeschlossen haben, um sich im Fall von Angriffen von Regierungsseite auf einzelne Einrichtungen gegenseitig zu unterstützen.

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8. Von der Defensive in die Offensive – die Kurve kratzen

Stopp GATS, Stopp TTIP, Nein zu Rassismus, Nein zu Sozialabbau, Stopp 12 Stunden Tag – es gibt viel Erfahrung mit Allianzen, die Widerstand leisten. In diesen Formationen sind die Ziele und Gegner*innen klar.

Jetzt stehen wir vor der Herausforderung, Zukunftsbilder zu formulieren und zu entwerfen, wohin wir eigentlich wollen. Dabei geht darum, an einer gemeinsamen Erzählung der Zukunft zu arbeiten und dafür Strategien und Schritte zu definieren. Ein Beispiel dafür ist die Initiative „Zukunft für alle“, die an Entwürfen für eine sozial-ökologische Utopie arbeitet.

9. Generative Dialogräume schaffen – wie Neues entsteht

Es braucht neue Formen des Dialogs und neue Räume, damit Ideen entstehen können. Zuhören und Zeit sind Zutaten, um kollektive Lernprozesse zu ermöglichen. Dazu gehört auch, sich Fragestellungen mit anderen Methoden anzunähern. So verändert sich der Blickwinkel auf Herausforderungen und neue Lösungen entstehen.

10. „Vom Ergebnis her denken“ – von Systemtheorie lernen

Relevante Perspektiven auf ein Problem verschaffen sich früher oder später Gehör. Daher macht es Sinn, sie von Anfang an aktiv einzubeziehen und zu bearbeiten, damit sie nicht später im Prozess blockieren. In zivilgesellschaftlichen Allianzen wird der Strategiearbeit oftmals wenig Zeit gewidmet. Denn Strategiearbeit heißt: Zuerst überlegen, wohin es gehen soll, dann erst passende Schritte und Methoden dafür definieren.

Und schließlich sagt uns ein lösungsorientierter Ansatz: Der Blick auf Ressourcen, auf die Zukunft und das, was Spaß macht, bringt Energie. Was gut funktioniert, gilt es zu stärken.

Eine ausführlichere Version der 10 Thesen im Audioformat ist heute am 14. Jänner um 16:00 auf Radio ORANGE 94.0 zu hören.

In der ORANGE 94.0-Reihe „Post-Normal. Wie wir uns die Zukunft denken“ war in den vergangenen Monaten von den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und Themen die Rede. Alle Sendungen gibt’s hier zum Nachhören.

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