SOS Balkanroute: „Bosnien ist schon längst das zweite Moria“

Foto: No Name Kitchen

Im Dezember brannte im Bosnien das Geflüchtetencamp Lipa ab. Die darauffolgende mediale Aufmerksamkeit hatte erneut keine Konsequenzen für die menschenverachtende Systematik der EU-Grenzpolitik. Petar „Pero“ Rosandić von SOS Balkanroute berichtet im Interview mit Mosaik-Redakteurin Franziska Wallner von erfolgreichen lokalen Hilfsstrukturen in Bosnien und der inkompetenten österreichischen Spendenpolitik.

2019 Vučjak, jetzt Lipa – wieder einmal sorgt ein bosnisches Flüchtlingslager für einen kurzen Aufschrei. An der Lage der Geflüchteten ändert das nichts – noch immer leben Tausende seit der Schließung der Balkanroute unter menschenunwürdigen Bedingungen in der bosnischen Grenzregion. Die Situation sowie die illegalen Pushbacks und Misshandlungen durch die kroatische Grenzpolizei sind ausreichend dokumentiert – die EU und ihre Mitgliedstaaten schauen weiterhin weg. Nicht so die Organisation SOS Balkanroute. Seit fast zwei Jahren sammelt sie Spenden, leistet Hilfe vor Ort und versucht aufzurütteln. Mosaik hat Petar „Pero“ Rosandić, den Kopf der Initiative, nach seiner letzten, mittlerweile regelmäßigen, Fahrt nach Bosnien zum Interview gebeten und über Politik, Elend und Hoffnung geredet. 

Mosaik: Du bist gestern aus Bosnien zurückgekommen. Geplant war, zehn Tage zu bleiben – jetzt warst du doch ein Monat dort. Was hat sich seit unserem letzten Interview im Mai getan?

Petar Rosandić: Alles ist noch schlimmer geworden. Das Lager Lipa, das am 23. Dezember abgebrannt ist, ist zum Beispiel für die Systematik geworden, die hinter der EU-Migrationspolitik steckt. Das Lager liegt weit weg von städtischen Gebieten und unterstützt diese „Aus den Augen, aus dem Sinn“-Politik. Schon vor dem Brand haben die Leute gefroren und um ihr Leben gekämpft – dass dieses Lager erst jetzt zum Skandal wurde, ist besorgniserregend. 

Die Menschen wurden aber nach dem Brand evakuiert, oder?

Einige Tage nach dem Brand haben wir Essen verteilt, nach der Verteilung hieß es: Ihr müsst alle jetzt schnell in die Busse, ihr werdet evakuiert. Der bosnische Sicherheitsminister hat im Alleingang beschlossen, auf internationalen Druck zu reagieren und diese Menschen in eine Militärkaserne der Stadt Konjic zu bringen. Aber er hat niemanden dort in der Gemeinde informiert, was auch viel über das bosnische System aussagt. Die Information hat sich herumgesprochen, woraufhin es dort Proteste und Streit in der Politik gab, zwischen kantonal-städtischen Regierungen mit Sarajevo. 

Die Geflüchteten wurden dreißig Stunden hingehalten und schlussendlich wieder zurück aufs Feld geschickt, wo noch nicht einmal Zelte waren. Die kamen erst einige Tage später. Natürlich hat auch im Vorfeld niemand die Betroffenen über die geplante Evakuierung informiert. Das war ein Versuch, Europas Gesicht in der Öffentlichkeit in letzter Sekunde zu retten. 

Bei dieser gescheiterten Evakuierung hat sich nicht nur die Dysfunktionalität des bosnischen Systems gezeigt, sondern auch die der Relation zu den internationalen Playern, die in Bosnien mit EU-Geldern hantieren.

Sind diese internationalen Organisationen noch vor Ort?

Jetzt ist niemand mehr dort, weil alle internationalen Organisationen entschieden haben, dass dieses Camp nicht den minimalen humanitären Standards entspricht. Dabei haben sie selbst viele Camps,  deren Dynamiken besorgniserregend sind.

Du hast vorhin gemeint, dass der Bürgermeister von Bihać die Evakuierung „auf internationalen Druck“ veranlassen wollte. Was war das für ein Druck und woher kam der?

Die Leute wurden panisch, auch in der österreichischen Politik, dass Lipa zum zweiten Moria wird. Obwohl Bosnien im Gesamten schon längst das zweite Moria ist. Aber die Leute brauchen das immer komprimiert auf ein Lager, einen „Hotspot“, für den sie dann plötzlich Empathie entwickeln. Dabei wissen ja alle, was los ist. Die österreichische Justizministerin hat von uns alle Infos bekommen, im EU-Parlament wurde es thematisiert, der Spiegel hat Pushback-Fälle auf Video aufgezeichnet und darüber geschrieben. The Guardian hat Fälle von sexuellem Missbrauch von männlichen Personen recherchiert. Insofern kann man es nicht mehr verschweigen. 

Letztendlich sichern das Überleben dieser Menschen nicht internationale Organisationen, die große Gelder und viel bessere Mittel haben, sondern das Rote Kreuz von Bihać und vom Kanton Una-Sana. Und das unter Bedingungen, die die Dynamik dieses kompletten internationalen Versagens widerspiegeln. 

Petar Rosandić mit Mitarbeiter*innen des bosnischen Roten Kreuzes. Foto: SOS Balkanroute

Das letztes Jahr bekannt gewordene „Horror-Camp“ Vučjak gibt es nicht mehr – gibt es gerade nur das neue Lipa Camp?

Nein, es gibt noch das Miral Camp in Velika Kladuša, es gibt Camps im Umfeld von Sarajevo, in Blažuj, in Ušivak. Es gibt viele inoffizielle und offizielle Elendscamps, aber Lipa wurde zu einem abschreckenden Beispiel, weil dort nicht mal das Minimum an Menschenwürde durchgesetzt wurde, sprich Wasserversorgung, Elektrizität, Beheizung – die politischen Akteure wollen die Existenz dieser Menschen am liebsten leugnen und sie für die Öffentlichkeit unsichtbar machen. 

Die Bild-Zeitung hat über Lipa berichtet – ähnlich wie damals bei Vučjak gibt es gerade mehr Aufmerksamkeit. Glaubst du, dass sich daraus eine Dynamik ergeben könnte, durch die sich doch etwas ändert? 

Nicht, solange sich die Systematik hinter der Migrationspolitik mit Abschottung, Grenzen und isolierten Menschen nicht ändert. Diese Dehumanisierung führt natürlich zu noch mehr Frustration und noch schlechteren Dynamiken wie Gewalt. Auch das beste Lager der Welt ist ein Elendslager – niemand will langfristig in einem Flüchtlingslager leben. Und diese Menschen sind seit Jahren dort.

Wie sieht es aus, mit den Versuchen der Geflüchteten, die Grenze nach Kroatien zu übertreten? Gibt es noch immer illegale Pushbacks der kroatischen Grenzpolizei?

Ja, Pushbacks sind laufend. Wir haben selbst mehrere Fälle von Rückkehrern vor Ort gesehen. ARD-Reporter*innen haben gerade erst eine Familie angetroffen, die gepushbackt wurde. Da wird ohne Gnade die Peitsche des selbsternannten, modernen, rechtspopulistischen Kurses unter dem Deckmantel des angeblichen Christentums fortgesetzt.

Zu den positiveren Aspekten – wie ist dein Eindruck von den lokalen Strukturen dort? Wir haben damals, als wir im Oktober 2019 dabei waren, viele lokale Unterstützer*innen, vor allem Frauen, kennengelernt. Sind die noch immer aktiv? 

Ja, sie haben es mittlerweile schwieriger. Die Stimmung ist vergiftet. Egal ob Polizist, Geflüchteter, Lagerbetreuer, Flüchtlingshelfer – alle sind in diesem Teufelskreis der Frustration gefangen. Trotzdem kann man Kleinigkeiten bewegen. Dabei ist es  wichtig, lokale Strukturen zu unterstützen. Wir haben die erste warme Mahlzeit für die Geflüchteten in Lipa organisiert, die deutsche Organisation „Wir packen’s an“ dorthin gebracht, die 1.000 Paar Schuhe gekauft hat und noch weitere 1.000 Trainingshosen und Pullis kaufen wird. Wir machen die Küche vom Roten Kreuz bereit, damit sie den Hygienestandards entspricht. 

Heute haben wir wieder Geld nach Zenica und Tuzla zu unseren Helferinnen und Helfern geschickt. Viele Helfer*innen, die vor drei Jahren noch einfache Volontäre waren, haben sich jetzt professionalisiert, zum Beispiel bei IPSIA. Sie wirken weiter und wir sind jetzt Dank vieler Spenden in der Position, mehr Akzente zu setzen. Ob die momentane Spendenbereitschaft aufrecht bleibt und unsere Projekte langfristig erhalten werden können, ist natürlich eine andere Frage. 

Sind die Spender*innen hauptsächlich Privatpersonen oder gibt’s da auch größere Organisationen, die sich beteiligen?

Es sind vor allem Privatpersonen, die  Beträge von 20 bis 100 Euro spenden.  Es gibt aber zum Beispiel ein Nonnenkloster, von dem wir große Spenden bekommen. Das sind die Franziskanerinnen in Simmering. Sie haben uns auch in schwierigen Zeiten unterstützt, als wir nichts veröffentlichen konnten, weil die politische Lage so brenzlig war.

Essensausgabe. Foto: SOS Balkanroute

Apropos Unterstützer*innen: Ihr habt von einem bosnischen Hotelbesitzer berichtet, der sein Hotel in Srebrenica für Geflüchtete geöffnet hat…

Und trotzdem wird dieses Bild vom Westen gezeichnet, laut dem alle Bürger*innen in Bihać „Faschos“ sind. So wie der Bürgermeister von Bihać, weil er das Lager in Bira nicht aufmachen wollte. Nachdem sie drei Jahre lang, auch von internationalen Institutionen, im Stich gelassen wurden. Da wird sehr, sehr viel am Rücken von Nachkriegsgesellschaften, die sowieso durch Armut, Korruption, einen nicht funktionierenden Staatsapparat und genug eigene Probleme herausgefordert sind, ausgetragen. 

Die österreichische Bundesregierung hat aber auch Geld gesendet, oder?

Man hat mich sogar aus der ÖVP kontaktiert und wollte mir, als ich in Bosnien war, die frohe Botschaft überbringen, dass man Geld spenden wird. Aber auch, dass es zweckgebunden an Familien, Frauen und Kinder ist. 

Ich habe ihnen geantwortet, dass das Inkompetenz zeigt, denn die Familiencamps im Kanton Una-Sana – ich sage nicht alle Familiencamps in Bosnien, aber die Familiencamps dort  – sind gut ausgestattet. Die Kinder kriegen Laptops von der IOM, es gibt Sozialpädagog*innen und beheizte Schlafräume. Österreich hat da das Thema verfehlt: Das Thema, Menschenleben zu retten, weil jetzt gerade Männer-Menschenleben in Gefahr sind. Das schert Österreich nicht. Man hätte unsere Erfahrung in Betracht ziehen und fragen können: „Ihr seid eineinhalb Jahre unterwegs, was glaubt ihr, was wäre hilfreich?“.

Gut, von der ÖVP wundert mich das nicht wirklich, aber was ist mit ihrem Regierungspartner, den Grünen?

Es gab mit den Grünen im Dezember eine zivilgesellschaftliche Aussprache mit dem Namen „Red’ ma Tacheles“, das war noch vor meiner Abfahrt nach Bosnien. Da haben wir geredet und da habe ich unter anderem die mangelnde Kommunikation kritisiert. Wen ich hervorheben muss, ist Ewa Ernst-Dziedzic. Sie erkundigt sich regelmäßig und sie versucht, das Thema in die Medien zu bekommen. Sonst gibt es einfach noch sehr viel Spielraum und ich hoffe, dass sich die Grünen ihre Partei-Ehre und ihre Menschenrechts-Linie irgendwie wieder stärker ins Bewusstsein rufen.

Abschließend: Wie geht’s jetzt weiter bei euch?

Unser Geld ist nahezu an jedem Hotspot im Einsatz. Wir unterstützen zum Beispiel zwei sensationelle Frauen in Zenica, Amina und Merdija. Die fahren gemeinsam in die Abbruchhäuser und bringen den Leuten Essen. Die bosnischen Helfer*innen wissen aufgrund der Geschichte ihres Landes, dieses Krieges, was Armut und Elend ist. Auch die Geflüchteten wissen, dass sie bei Leuten sind, die ähnliches durchgemacht haben. Das schafft eine sehr starke Verbindung.

Andererseits unterstützen wir weiterhin „Mama“ Zemira und Anela in Bihać und Zehida, Jasmina und Alma in Velika Kladuša. Dort haben wir auch ein Distributionssystem, dass täglich 500 – 800 Geflüchtete mit Nahrungsmitteln versorgt. Wir verteilen regelmäßig Non-food items, wir sind in Bihać, im abgebrannten Camp von Lipa. Aber auch bei homosexuellen Refugees in Sarajevo, die in Hostels leben. Oder im Tageszentrum von EMMAUS in Tuzla, wo Geflüchtete es von früh bis spät nicht nur warm haben, sondern sich etwas kochen, Schach spielen oder etwas auf dem Computer schreiben können. 

Der Winter ist immer ein harter Zeitraum, um groß zu reflektieren, weil man schnell handeln und agieren muss. Vor allem vor Ort, es gibt leider immer etwas zu tun. Das Fass an Elend ist so groß und man muss sich auch immer wieder realistischerweise vor Augen führen, dass wir das nicht lösen können, so lange das System, das sich dahinter verbirgt, nicht zusammenbricht. 

Spenden für SOS Balkanroute könnt ihr hier: 
IBAN: AT20 2011 1842 8097 8400
BIC: GIBAATWWXXX
Kontoinhaber: SOS Balkanroute

Interview: Franziska Wallner

Kommentare

Kommentare