Frauenstreik gegen den Krieg: Die Russische Revolution begann am 8. März

Am 8. März 1917 setzten streikende Textilarbeiterinnen die Russische Revolution in Gang. Ein Datum, dessen Bedeutung bis heute nachwirkt, schreibt Julia Brandstätter.

Krieg und wirtschaftliche Not: Die Rede ist nicht von unserer Gegenwart, sondern von Russland 1917. Am 8. März (nach dem alten russischen Kalender am 23. Februar) legten die Petrograder Textilarbeiterinnen die Arbeit nieder. Dieser Frauenstreik markiert den Beginn der Russischen Revolution. Die Revolution beendete den Krieg und führte zu sozialen Erschütterungen rund um die Welt.

Krieg und Teuerung am Frauentag

Russland befand sich im dritten Kriegswinter. Die Arbeitsbedingungen waren miserabel, besonders jene der Textilarbeiterinnen. Schlecht entlohnt mussten sie täglich bis zu 13 Stunden am Spinnrad drehen. Außerdem waren sie für Kinder und Haushalt zuständig. Lebensmittel und Heizmaterial waren knapp. Infolge des Krieges wurden Waren des täglichen Bedarfs immer teurer und die Schlangen vor den Brotausgabestellen immer länger. Das Leben wurde unerträglich.

In vielen Ländern wurde während des Krieges kein Frauentag organisiert. Aber in Russland planten die Sozialdemokratinnen an diesem Tag wie gewohnt Versammlungen abzuhalten und Flugblätter zu verteilen. Niemandem kam in den Sinn, dass der Frauentag der erste Tag der Revolution sein würde. Die politischen Organisationen riefen nicht zu Streiks auf. Die Bolschewiki hielten die Petrograder Arbeiter*innen sogar vor Arbeitsniederlegungen zurück. Zu groß war die Angst, dass die Bewegung für große Streiks und ein zu erwartendes Aufeinanderprallen mit dem Militär nicht ausreichend vorbereitet war.

Frauen gingen vor

Trotzdem traten die Textilarbeiterinnen einiger Fabriken am 8. März 1917 in den Ausstand. In wachsenden Demonstrationszügen zogen sie vor die Petrograder Stadtduma (das Regionalparlament) und forderten das Kriegsende und Brot. Die streikenden Frauen mobilisierten die Metallarbeiter, ihre Kämpfe aktiv zu unterstützen. Auch die Soldaten, die sich ein rasches Kriegsende wünschten, zogen sie auf ihre Seite. Die Februarrevolution begann also auf Eigeninitiative der Frauen.

Am darauffolgenden Tag streikten etwa 200 000 Arbeiter*innen, etwas mehr als die Hälfte der Industriearbeiterschaft Petrograds. Die Streiks und Demonstrationen dehnten sich auf immer mehr Industriestädte aus. Am zehnten März wurden die ersten Arbeiter*innenräte gebildet, die in den Arbeiter*innenvierteln, auf der Straße und in den Betrieben das Sagen hatten. Zwei Tage später bildete die Duma (das Parlament) eine bürgerlich-liberale Übergangsregierung. Der Zar musste abdanken. Diese Doppelherrschaft wurde erst in der Russischen Oktoberrevolution unter der Führung der Bolschewiki zugunsten der Arbeiter*innenräte entschieden.

Auswirkung auf Österreich

Die Nachricht vom Ausbruch der Revolution elektrisierte die Arbeiterinnen in ganz Europa. In der österreichischen Hälfte der Doppelmonarchie wurde der Kampf um das Frauenwahlrecht wieder aufgenommen. Während der Kriegsjahre hatte die Arbeiterinnenbewegung nur moderate Forderungen zur Unterstützung von Soldatenfrauen erhoben. Nun wurde eine politische Kampagne für das Frauenwahlrecht lanciert, die ihren Höhepunkt in einer großen Frauenversammlung im Wiener Konzerthaus am 6. Mai 1917 fand.

Der 8. März wird Frauentag

Der 8. März 1917 markiert zwar den Beginn der Revolution, den Frauentag gab es aber schon früher. Er wurde erstmals von nordamerikanischen Sozialistinnen 1909 begangen. Ein Jahr später beschloss die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen (mit 100 Delegierten aus 17 Ländern) auf Initiative von Clara Zetkin die alljährliche Abhaltung eines internationalen Frauentages. Ab 1911 organisierten Sozialistinnen, zuerst in Dänemark, Deutschland, Österreich, Bulgarien und in der Schweiz, Aufmärsche und Kundgebungen.

Frauentag als „revolutionäres Kampfmittel“

Der Frauentag diente in erster Linie der sozialdemokratischen Agitation für das Frauenwahlrecht. Er war ein „revolutionäres Kampfmittel“, das den Aufbau der Arbeiterinnenbewegung vorantreiben sollte. Mit dem Kampf um das Frauenwahlrecht versuchte man die Masse der großteils noch unorganisierten Arbeiterinnen in die Reihen der Arbeiterbewegung zu führen. Der Kampf um ein demokratisches Wahlrecht wurde verknüpft mit dem Kampf um soziale Befreiung, die nur durch den gemeinsamen Kampf der männlichen und weiblichen Arbeiter*innen errungen werden könnte.

Wie Clara Zetkin in Deutschland und Adelheid Popp in Österreich setzten sich Alexandra Kollontai und Konkordija Samoilowa in Russland für die Etablierung des Frauentags ein. Ein einheitliches Datum wurde aber erst im Rahmen der Zweiten Internationalen Konferenz der Kommunistinnen 1921 festgelegt. Die Entscheidung fiel, auf Vorschlag der bulgarischen Delegierten Anna Mai, auf den 8. März; in Erinnerung an den für den Ausbruch der Russischen Revolution bedeutsamen Frauenstreik in St. Petersburg. Fortan wurde der Internationale Frauentag alljährlich am 8. März begangen – zumindest von Kommunistinnen.

Frauentag heute

Der 8. März war Ausdruck der parteipolitischen Zugehörigkeit. Bis in die 1970er Jahre galt er als „kommunistischer Frauentag“. Die Sozialdemokratie wählte ein anderes Datum. Die Zweite Frauenbewegung verlieh dem Tag eine neue kämpferische Bedeutung. Aber mit dem Abflauen der Bewegung, ihrer Institutionalisierung und schließlich der Anerkennung durch die Vereinten Nationen setzte sich der 8. März über die politischen Lager hinweg als Frauentag durch. Damit büßte er seinen kämpferischen Charakter ein.

Erst in den letzten Jahren entwickelten sich rund um den Frauentag – mit Großdemonstrationen in lateinamerikanischen Ländern, Spanien, Italien, den Kämpfen gegen Abtreibung in Polen oder der Frauenstreikbewegung – wieder größere politische Kämpfe, die das Feiertagsverständnis ablösen und soziale Fragen in den Mittelpunkt rücken. Damit stellt sich die Frage nach den kommunistischen Traditionen des Frauentags erneut. Eine unbewältigte Pandemie, die Frauen überproportional belastet, ein Krieg in Europa, steigende Mieten, Energie- und Lebensmittelpreise bei stagnierenden Löhnen bilden den Boden, auf dem sich politische und ökonomische Kämpfe heute verbinden müssen.