Wir werden an der Aufwertung dieses Berufsfelds nicht vorbeikommen

Foto: Senorhorst Jahnsen

Theresa Mayr* betreut fünfmal die Woche nachmittags eine Gruppe von 20 Kindern an einer Wiener Volksschule. Ihre Berufsbezeichnung lautet Freizeitpädagogin, und der dazugehörige Lehrgang wird erst seit wenigen Jahren angeboten. Mosaik-Redakteurin Franziska Wallner fragt im Interview nach Freuden und Herausforderungen ihres Arbeitsalltags und wieso man sich nicht einfach in fremde Büros stellt.

Franziska Wallner: Du hast vor einigen Jahren die Ausbildung zur Freizeitpädagogin gemacht. Wie bist du auf diesen noch recht jungen Lehrgang gestoßen? Und was hat dich motiviert?

Theresa Mayr: Stimmt, der Lehrgang ist noch jung, ich glaube erst vier oder fünf Jahre alt. Eine Freundin, die die Ausbildung gleich im ersten Jahr gemacht hat, hat sie mir empfohlen. Sie wird vormittags oder abends angeboten, daher ist sie gut mit einer Teilzeitarbeit kombinierbar. Das hat mich angesprochen. Ich wollte weiterhin im pädagogischen Bereich arbeiten, und die Chancen, mit dieser neuen Ausbildung einen stabilen Job zu finden, schienen gut.

Wie ging es nach dem Abschluss der Ausbildung weiter? Du arbeitest jetzt an einer Volksschule?

Genau, an einer offenen Volksschule der Stadt Wien. Ich betreue fünfmal die Woche eine Schulklasse, die ich gegen Mittag von der Lehrperson übernehme, bis zum frühen Abend. Ich bin 32 Wochenstunden angestellt, ein kleiner Teil dieser Zeit dient auch der Vorbereitung, Planung und Dokumentation. Es wird mit den Kindern gemeinsam gegessen, gespielt, und es werden Projekte abgehalten. Die durchschnittliche Gruppengröße liegt ungefähr bei 20 Kindern. Sehr positiv sehe ich das Seminarangebot, das wir an schulfreien Tagen in Anspruch nehmen. Diese Fortbildungen sind oft wertvoll und unterstützen auch den Austausch mit KollegInnen aus anderen Schulen.

Was gefällt dir an deinem Alltag an Freizeitpädagogin? Und worin siehst du die größten Herausforderungen deiner täglichen Arbeit?

Schön ist, dass man nicht an einen festen Lehrplan gebunden ist und deshalb nach Gruppenbedürfnis und auch nach eigenen Stärken Projekte und Alltag gestalten kann. Außerdem ist man ein Anker für die Kinder – und zwar in einer Zeit, in der viel passiert und viel von ihnen verlangt wird: sowohl schulisch, als auch von Eltern und Umwelt. Man kann ihnen ein Stück Stabilität geben, daraus ergeben sich auch schöne Beziehungen.

Herausfordernd ist es oft, den Bedürfnissen vieler Kinder so gerecht zu werden, dass sich ein für alle gut lebbarer Alltag ergibt. Nach dem Stillsitzen und der Konzentration am Vormittag ist es natürlich nicht einfach, eine Gruppe zu führen. Dabei spielen standortspezifische Gegebenheiten wie bespielbare Innen- und Außenflächen und die finanziellen Mittel der Eltern (im Hinblick auf Ausgänge und Projekte) eine große Rolle. Nicht zu unterschätzen ist, dass unsere Tätigkeit körperlich sehr anstrengend ist. Man ist dauernd in Bewegung, muss dauernd hinter einem Kind her, sich bücken und einfach viel herumlaufen. Dazu kommt auch der dauernde Lärm. Kinder im Volksschulalter sind laut, das ist einfach so. Man gewöhnt sich zwar an den Lärmpegel, aber nach einem Nachmittag in der Schule bin ich physisch und psychisch einfach ziemlich erschöpft.

Was unterscheidet dich von einer Volksschullehrerin? In welchen Punkten siehst du deine Arbeitsbedingungen gegenüber denen eines Lehrers oder einer Lehrerin an deiner Schule erschwert?

Wir haben weniger Ferien, das ist natürlich ein Nachteil [lacht]. Druckmittel wie Noten, auch Verhaltensnoten, stehen uns nicht zur Verfügung, weshalb wir noch stärker auf unsere Performance und die Bindung zu den Kindern angewiesen sind. Leider sind wir finanziell nicht annähernd mit LehrerInnen gleichgestellt, und das fällt dann besonders unangenehm auf, wenn sich Arbeitsbereiche überschneiden.

Wer ist eigentlich euer Arbeitgeber?

Die Wiener Kinder- und Jugendbetreuung – das ist ein gemeinnütziger Verein, der vor zwanzig Jahren gegründet wurde und in Wien rund 90 Schulstandorte mit mehr als 25.000 Kindern betreut. Er arbeitet mit  dem Stadtschulrat zusammen.

Welche Forderungen wären aus deiner Sicht die wichtigsten, um deine Situation und die deiner KollegInnen zu verbessern?

Ich würde mir eine Aufwertung unserer Tätigkeit in der allgemeinen Wahrnehmung wünschen. Dann käme es seltener zu Situationen, in denen Eltern entscheiden wollten, wie die Nachmittagsbetreuung im Detail auszusehen hat. Es kommt beispielsweise vor, dass Eltern einfach in den Gruppenraum kommen und sich in die Arbeit einmischen, Tipps und Tricks und Anleitungen geben wollen. Wenn man sich die Situation anders herum vorstellt – ich stehe plötzlich im Büro einer Mutter oder eines Vaters und weise sie oder ihn darauf hin, wie sie oder er ihre bzw. seine Arbeit besser zu machen hat –, gibt das schon ein absurdes Bild ab.

Nur selbstverständlich wäre es eigentlich, dass wir die gleiche Zulage wie LehrerInnen für Arbeitsbereiche erhalten, die alternativ von FreizeitpädagogInnen oder LehrerInnen erledigt werden. Dazu zählt etwa die Leitung der Nachmittagsbetreuung an Schulen.

Wie gut kommst du mit deinem Gehalt aus? Hat die Bezahlung etwas damit zu tun, dass in deinem Feld, wie fast immer im pädagogischen Bereich, bei Weitem mehr Frauen arbeiten?

Unser Einkommen entspricht in etwa dem Einkommen von KindergartenpädagogInnen. Selbstverständlich ist der Bereich der betreuenden – und nicht in erster Linie lehrenden – Pädagogik traditionell unterbezahlt und unterbewertet. Innerhalb der Freizeitpädagogik arbeiten in den letzten Jahren aber erfreulicherweise immer mehr Männer. Durch den vermehrten Ausbau von ganztägig geführten Pflichtschulen werden wir an der vermehrten Wahrnehmung und – hoffentlich – Aufwertung dieses Berufsfeldes nicht herumkommen.

Theresa Mayr* ist gelernte Einzelhandelskauffrau, Mutter zweier Söhne und seit drei Jahren Freizeitpädagogin an einer Volksschule in Wien.

Franziska Wallner ist Redakteurin bei Mosaik, hat Politikwissenschaft und Geographie studiert und interessiert sich vor allem für kritische Stadtforschung und feministische Geographie.

*Name von der Redaktion geändert.

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