Ende Februar fand an der WU in Wien der Kongress „Gutes Leben für alle“ statt. Das Interesse an der Veranstaltung – mehr als 700 Menschen nahmen teil, fast 500 verfolgten die Diskussion per Livestream – war überwältigend. Aber was ist dieses „Gute Leben für alle“? Was fasziniert an dieser konkreten Utopie? Alexandra Strickner und Andreas Novy gehen diesen Fragen nach. 

Der Wohlfahrtsstaat in Westeuropa hat für ein paar Jahrzehnte für viele Menschen Hunger und Elend gebannt und ein gutes Leben zur Wirklichkeit werden lassen. Er tat dies nur räumlich beschränkt, für Frauen und Männer unterschiedlich und über die Nutzung von Rohstoffen und Ressourcen aus dem globalen Süden. Wie groß dieser zivilisatorische Fortschritt war, wird erst jetzt ersichtlich, wo Hunger, soziale Unsicherheit und Armut nach Europa zurückkehren. Auslöser dafür ist die Finanz- und Wirtschaftskrise. Die tiefere Ursache für zunehmende Ungleichheit, Ausbeutung und die Zerstörung der Lebensgrundlagen liegt in der kapitalistischen Wirtschaftsweise selbst.

Eine Utopie

Das „gute Leben für alle“ stellt die Frage nach Gerechtigkeit und Gleichheit. In der gesamten Menschheitsgeschichte lösten sich Zivilisationen ab, die ein gutes Leben für wenige Gruppen ermöglichten. So setzten beispielsweise antike Überlegungen zum guten Leben Sklaverei, patriarchale und koloniale Strukturen voraus. Auch im Kapitalismus ist ein gutes Leben nur für einen Teil der Menschen möglich. Die Forderung nach dem „für alle“ ist somit zentral. Sie zeigt die Grenzen individuellen Glückstrebens auf und erinnert daran, dass Entfaltungsmöglichkeiten extrem ungleich verteilt sind. Gleichheit und Gerechtigkeit sind innerhalb des Kapitalismus nicht erreichbar.
Die Klimakrise und die Begrenztheit natürlicher Ressourcen zeigen, dass das „gute Leben für alle“ global und in die Zukunft gedacht werden muss. Es geht um ein gutes Leben, das nicht auf Kosten Anderer und der Natur verwirklicht wird, oder, das ausbeuterische Handelsbeziehungen voraussetzt.
Wenn wir allen Menschen das Recht auf ein gutes Leben zugestehen, ist ein „weiter wie bisher“ nicht möglich. Wir müssen die Art und Weise wie, für wen und wofür wir produzieren und wie wir konsumieren umgestalten. Wir müssen uns an Zielen und Prinzipien orientieren, die in sozialer, ökologischer und demokratischer Hinsicht dem Gemeinwohl dienen. Das bedeutet, gemeinsam über Lebensqualität, Wohlfahrt und Wohlstand nachzudenken: Wie wollen wir leben? Welche Lebensmittel wollen wir essen? Wie unsere Freizeit verbringen und für Kinder und Eltern sorgen? Was braucht es, damit alle gut leben können?

Was es braucht

Die Frage und Suche nach einem guten Leben hat also nichts Biedermeierliches. Im Gegenteil: Es geht immer um ein Leben in Gemeinschaft, mit Freund_innen und in einem Gemeinwesen, das persönliche Entfaltung ermöglicht. Die Utopie des guten Lebens für alle ist also der Versuch, die viel zu lange privatisierte Frage nach einem gelungenen Leben zu politisieren. Nicht nur in der Ukraine und dem Kosovo gilt: Frieden, Sozialstaat und Demokratie sind politisch zu schaffende Voraussetzungen, um gut leben zu können. Aber auch Pendler_innen können nur aufs Auto verzichten, wenn es öffentliche Verkehrsalternativen gibt. Und nur mit einem Umlageverfahren können auch in Zukunft alle Pensionist_innen abgesichert leben, ohne von der Willkür von Kapitalmärkten abhängig zu sein.
Die Auseinandersetzung mit dieser Utopie und die Entwicklung konkreter Ansätze findet heute vielfach schon statt, zum Beispiel in Lebensmittelkooperativen, beim städtischen Gärtnern, in Leihläden, Wohnprojekten und vielem mehr. Diese Basisinitiativen mit ihrer Spontanität und Kreativität sind wichtige Orte, um neue Formen des Wirtschaftens, des Lebens und der Demokratie zu erproben. Die Initiator_innen dieser Projekte sind Vordenker_innen und Vorleber_innen einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft.

Zugleich werden diese Initiativen aber nicht ausreichen, um die notwendige große sozial-ökologische Transformation umzusetzen. Ebenso wenig kann jedoch eine Gesellschaft ohne Konsumismus, ohne Wachstumszwang und mit viel mehr Kooperation einfach von oben verordnet werden. Folglich müssen wir uns die Frage stellen: Welche Institutionen und Infrastrukturen braucht es, damit alle Menschen ein gutes Leben führen können? Das Nachdenken über Infrastrukturen ist notwendig, um aufzuzeigen, dass Bedürfnisse nicht nur über mit Geld bezahlten Konsum befriedigt werden können.
Was wir damit meinen, sei kurz am Beispiel Mobilität erklärt: Gegenwärtig wird unter anderem mit Autobahnen, Flughäfen, der Nichtbesteuerung von Kerosin oder dem Bau eines Einkaufszentrums nach dem anderen auf der „grünen Wiese“ eine fossile Form von Mobilität erzwungen. Über Begegnungszonen, City Bikes, Öffis und ausreichenden Nahversorgungsangebote kann Mobilität ohne Auto ermöglicht werden. Es geht also um geänderte Infrastrukturen – materielle, genauso wie soziale und mentale. Der Weg zu diesen Infrastrukturen braucht Such- und Lernbewegungen und Experimente. Er braucht plurale Zusammenarbeit und einen respektvollen Dialog zwischen sozialen Bewegungen, Initiativen, Gewerkschaften, Wissenschaft und anderen. Und dafür braucht es auch gesellschaftliche Mehrheiten.

Das gute Leben für alle ist aus unserer Sicht eine wirksame Utopie für gesellschaftliche Bündnisse, die gemeinsam neue sozialökologische Infrastrukturen erdenken und ermöglichen. Der Kongress war ein kleiner, aber anregender Schritt in diese Richtung.

Andreas Novy ist Ökonom und Leiter der Grünen Bildungswerkstatt. Er bloggt auf www.gbw.at.
Alexandra Strickner ist Ökonomin, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied von Attac.

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