Ein Kopftuchverbot an Schulen wäre ein Schritt in die falsche Richtung

Foto: IDB

,Die neue Landesparteisekretärin der SPÖ-Wien, Barbara Novak, fordert ein Kopftuchverbot an Schulen. Warum das eine schlechte Idee ist und welche Probleme es mit Diskriminierung an Österreichs Schulen gibt, erklärt Sonia Zaafrani von der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen.

mosaik: Durch die Aussagen von Barbara Novak ist das „Kopftuchverbot“ wieder einmal in den Medien. Was hieße so ein Verbot für junge Musliminnen in Schulen? 

Sonia Zaafrani: Natürlich würde ein solches Verbot die Kriterien institutioneller Diskriminierung erfüllen. Für die Betroffenen wäre es fatal. Wir wissen, dass die überwältigende Mehrheit von Musliminnen in Österreich das Kopftuch freiwillig trägt. Gerade in der Pubertät würde der Zwang, das Kopftuch abzulegen, bedeuten, einen Teil der eigenen Persönlichkeit abzulegen. Das kann sich negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Für die Betroffenen wäre das eine Stresssituation, die auch den Lernerfolg stark behindern könnte.

Ein solcher Zwang würde auch die anerzogene Minderwertigkeit – die es bereits jetzt gibt –  verschärfen. Viele SchülerInnen bekommen das Gefühl vermittelt, dass ihre Muttersprache, sexuelle Orientierung oder eben Religion falsch wären. Wenn man in einer solchen Situation ein Kopftuchverbot fordert, dann macht man genau das Falsche.

Was wir eigentlich brauchen, ist ein Schutz vor Diskriminierung – für Musliminnen genauso wie für Menschen mit Behinderung, schwule und lesbische SchülerInnen und alle, die ausgegrenzt werden.

Wirken sich solche Debatten auf den Alltag muslimischer Schülerinnen aus?

Ja, auf jeden Fall. Immer, wenn Diskussionen um das Kopftuchverbot neu entfacht werden, verstärkt das bereits vorhandene Vorurteile bei manchen LehrerInnen gegenüber MuslimInnen. Wobei es hier nicht um LehrerInnen gegen SchülerInnen geht. Es gibt sehr engagierte LehrerInnen und auch viele, die selbst von Diskriminierung betroffen sind.

Die Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen hat letztes Jahr den ersten Jahresbericht erstellt. Was habt ihr herausgefunden?

Wir haben uns gefragt: Wer ist in Österreichs Bildungseinrichtungen von Diskriminierung betroffen, und aus welchen Gründen? Das Ergebnis war eindeutig: Mädchen und junge Frauen werden am häufigsten diskriminiert, und zwar ganz besonders, wenn sie sichtbare Musliminnen sind. Sexismus und Rassismus greifen da ineinander. Aber natürlich gibt es noch viele andere Diskriminierungsformen, die an Schulen wirken, etwa aufgrund der ethnischen Herkunft, wegen Behinderungen oder der sexuellen Orientierung.

Gibt es Faktoren, die dazu beitragen, dass es in manchen Schulen weniger Diskriminierung gibt?

Ja. Aus unserer Arbeit wissen wir, dass Schulen mit vielen jungen LehrerInnen, die auch selber bunt durchmischt sind, was etwa Religion oder Migrationserfahrung betrifft, besser funktionieren. Wenn sich die SchülerInnen in ihrer Vielfalt in den LehrerInnen wiederfinden, dann führt das zu weniger Diskriminierung.

Warum ist gerade das Bildungssystem in dieser Frage so wichtig?

In der Schule werden Vorurteile gelernt oder auch verlernt. Wir brauchen LehrerInnen, die mit Vielfalt in der Klasse umgehen können. Die Schule ist ein zentraler Ort, um die Spaltung unserer Gesellschaft zu überwinden.

Welche Maßnahmen braucht es also im Bildungssystem?

Zunächst müssen wir hinschauen, was eigentlich im Bildungssystem passiert. Da wird ja zum Teil bewusst weggeschaut. Das befördert die Probleme noch zusätzlich. Wir haben dazu einen Zehn-Punkte-Plan erarbeitet, der einen ersten Ansatz bietet. Er beinhaltet zum Beispiel die Schaffung einer unabhängigen Meldestelle, aber auch Maßnahmen zur Diversifizierung des Lehrpersonals. Wir brauchen mehr und nicht weniger Diversität in der Schule. Schule sollte auf das Leben vorbereiten und eine diverse multikulturelle Gesellschaft ist die Realität in Österreich.

Eure Initiative versucht auch, Diskriminierung im Bildungswesen konkret zu dokumentieren. Wie funktioniert das? Wer kann sich an euch wenden? 

Ja, wir sind ein unabhängiger und gemeinnütziger Verein, der sich aus Spenden finanziert und Diskriminierungen im Bildungswesen dokumentiert. Betroffene, aber auch ZeugInnen bzw. Vertrauenspersonen können Diskriminierungserfahrungen im Bildungssystem bei uns melden. Selbstverständlich werden alle Daten anonymisiert und anschließend in unserem Jahresbericht veröffentlicht.

Uns geht es darum, aufzuzeigen, dass das österreichische Bildungswesen leider nicht für alle gleich ist. Das österreichische System bevorzugt nicht nur Menschen mit höherem Einkommen, sondern auch ganz allgemein weiße, männliche und heterosexuelle Kinder und Jugendliche.

Der jüngste Vorstoß für das Kopftuchverbot kam ja nicht von einer rechten Partei, sondern aus der SPÖ Wien. Überrascht dich dieser Vorstoß?

Zunächst muss man sagen, dass das die Position von Landesparteisekretärin Novak ist, nicht die Linie der gesamten SPÖ. Noch-Bürgermeister Michael Häupl war hier immer sehr deutlich. Daher sollten wir die Aussagen von Frau Novak zum Kopftuchverbot nicht überbewerten.

Wien ist eine multikulturelle Weltstadt. Die Menschen haben ganz viele verschiedene ethnische Backgrounds, mehrsprachliche und interkulturelle Kompetenzen. MuslimInnen sind ein fester Bestandteil des Lebens in dieser Stadt. Die SPÖ Wien war in der Vergangenheit auch deshalb so erfolgreich, weil sie die unterschiedlichen Potenziale und Ressourcen der gesamten Bevölkerung geschätzt hat und zu nützen wusste.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass von diesem Erfolgskurs jetzt bewusst abgewichen werden soll, indem man eine ganze Bevölkerungsgruppe ausschließt und ihre Interessen nicht mehr vertritt.

 

Dr. Sonia Zaafrani ist Obfrau von IDB – Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen und arbeitet als Ärztin an der gynäko-onkologischen Abteilung der Medizinischen Universität Wien.

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