Was die Waldviertel-Autobahn bringen soll – und was sie wirklich bringt

Die niederösterreichische Landesregierung will eine Autobahn quer durchs Waldviertel bauen. Das soll den wirtschaftlichen Anschluss der Region attraktiver machen und Fahrtzeiten verringern, sagen die Befürworter_innen. Die Gegner_innen befürchten ein Umwelt- und Verkehrschaos. Die „Freizeit-Waldviertlerin“ Bärbel Danneberg hat sich die Argumente angehört – und wurde von den Kritiker_innen überzeugt.

Es ist brennheiß an diesem Sommertag, als das Verkehrs- und Regionalforum Waldviertel sich im Gasthof beim Bahnhof in Schwarzenau trifft. Brennheiß ist nicht nur das Klima, auch die Pläne diverser Politiker_innen bringen die Emotionen zum Kochen.

Ohne Einbindung der Bevölkerung und ohne fachliche Grundlagen wird der Bau einer neuen Transitschneise vorangetrieben. In der niederösterreichischen Landtagsvorlage heißt es: „Errichtung einer Europaspange zur Anbindung des Wald- und Weinviertels an die mitteleuropäischen Wirtschaftszentren…“ Lediglich die Grünen haben dagegen gestimmt, alle anderen Parteien in Niederösterreich sind für die Waldviertel-Autobahn.

Befürchtung: Milliardenverschwendung

Die Versammelten kommen vorwiegend aus den umliegenden Regionen, sie haben ganz unterschiedliche Berufe und kommen aus fast allen politischen Richtungen. Sie befürchten, dass viele Milliarden für ein umweltbelastendes Projekt verschwendet werden.

Ich bin Neuling in diesem Forum, nehme zum zweiten Mal an einem Treffen teil und habe ein paar Leute aus der Runde unseres Freizeit-Bauernhofs mitgenommen. Wir sind durch regionale Medienberichte und Mundpropaganda neugierig geworden. Was hat es mit der geplanten Waldviertel-Autobahn auf sich? Bringt das Vor- oder Nachteile für uns „Freizeitpendler_innen“?

Verkehrte Richtung

Staunend nehme ich die Argumente der Teilnehmenden auf und verstehe als Nichtexpertin regionaler Verkehrskonzepte manchmal nur Bahnhof. Aber eines weiß ich: Mein Hof ist ohne Auto von Wien aus öffentlich nicht erreichbar. Es gibt vor allem an den Wochenenden keine regionale Verkehrsanbindung und der Bahnhof Horn liegt zehn Kilometer weit entfernt.

Ich schätze die Ruhe hier in dieser idyllischen Gegend, die gute Luft und die kühlen Nächte, vor allem heuer in diesem brennheißen Sommer. Unsere Region blieb zwar dieses Jahr von Überflutungen und Klimakatastrophen verschont. Doch die Trockenheit ließ Wiesen und Äcker verdorren und Brunnen versiegen, wozu das Zubetonieren wertvoller Agrar- und Wiesenflächen seinen Beitrag geleistet hat.

Das Verkehrs- und Regionalforum widerlegte bei seinen Zusammenkünften die scheinheiligen Argumente der Befürworter_innen: Eine Autobahn erspart den Waldviertler_innen weder Geld noch Reisezeit, sondern bringt LKW-Transitverkehr, Lärm- und Umweltbelastung und vernichtet dauerhaft 2.000 Hektar wertvoller Agrarfläche.

Die Nordwesteinfahrt von Wien kann zusätzlichen Verkehr nicht mehr aufnehmen und die durch Schnellfahren gewonnene Zeit geht im Stau wieder verloren. Es wird durch viele Studien bestätigt, dass Betonpisten den (Schwer-)Verkehr wie ein Magnet anziehen.

Ruinierte Ortskerne

Der Beschäftigungseffekt ist beim Autobahnbau niedriger als bei fast allen anderen öffentlichen Beschäftigungsarten um dasselbe Steuergeld. Tatsächlich gehen nach einem Autobahnbau sogar Arbeitsplätze verloren (untersucht in der Schweiz, im Südburgenland und dem Lungau).

Viele kleine und mittlere heimische Handwerks- und Gewerbebetriebe fallen dem steigenden Konkurrenzdruck von Konzernen zum Opfer. Die Milliarden, die eine Autobahn kostet, können laut Transitforum im Waldviertel für Bildung, Klimaschutz, Energieautarkie, schnelle Bahnanbindung, Datenautobahn und Förderung von Gewerbe und Landwirtschaft viel besser eingesetzt werden.

Mir erscheinen diese Argumente logisch und die regionale Wirtschaftsbelebung fraglich. Schon die Umfahrungen von Seitzersdorf-Wolfpassing und Ziersdorf haben viele örtliche Geschäfte und Bauern in den Ruin getrieben. Seit es sie gibt, rasen die von Wien ins Waldviertel Fahrenden durch die Umfahrungen schnell an den Ortschaften vorbei. Die Wochenendeinkäufe werden nicht in den kleinen Ortschaften, sondern in den großen Einkaufszentren in Horn oder Zwettl erledigt.

Keine Beschleunigung

Die Waldviertel-Autobahn wird den Verkehr – entgegen allen Versprechungen – nicht wirklich beschleunigen. Für die Strecke zwischen Vitis und Wien berechnete das Verkehrs- und Regionalforum Waldviertel: „LKWs kostet die Autobahn geringfügig Zeit durch den Umweg, daher wird man auf der B2 ein LKW-Verbot brauchen, um Mautflucht zu vermeiden.

PKWs bringt die Autobahn angeblich eine Zeitersparnis von zwölf Minuten am Weg. Das gilt allerding nur dann, wenn man nicht bedenkt, dass die Autobahn eine Menge zusätzlichen Verkehrs anziehen wird, etwa von der Route Deutschland-Rumänien. Dieser führt zu Stau auf der Donauuferautobahn, der Nordbrücke, dem Gürtel und der Südosttangente. Die Nordautobahn ist bereits am Auslastungslimit und die Trassen können im Raum Wien nicht mehr verbreitert werden.“

Das Fazit der Expert_innen des Verkehrsforums ist ernüchternd: „Etwa die Hälfte der PKW wird zu stark belasteten Zeiten nach Wien unterwegs sein und ab Stockerau eine Viertelstunde Reisezeit verlieren, so dass (…) die Reisezeit je nach Tageszeit um bis zu zwölf Minuten sinkt oder (für circa 50 Prozent der PKW-FahrerInnen) zwischen einer Ersparnis von zwei Minuten und einem Zeitverlust von drei Minuten liegen wird.“

Beton und Emissionen

Für mich als „Freizeit-Waldviertlerin“ wird also eine Autobahn außer Lärm und Dreck nichts bringen. Und für ansässige Gewerbetreibende kein besseres Geschäft.

Die Klimaveränderungen werden in diesem überdurchschnittlich heißen Sommer durch Waldbrände, Wassernot einerseits und Überflutungen andererseits auch in Österreich spürbar. Das Zubetonieren der Landschaft und weiterer Emissionsausstoß, auch durch Tempoerhöhungen, lassen ein neues Autobahnprojekt, das den Schwerverkehr anzieht, fraglich erscheinen.

Wer davon profitiert

FPÖ-Verkehrsminister Hofer argumentierte jüngst die Erhöhung des Tempolimits auf Autobahn-Teststrecken damit, dass man schließlich nicht Milliarden in den Autobahnausbau investiere, um dann die Verkehrsbeschleunigung durch Tempobeschränkungen zu verhindern. Hier werden die Interessen hinter solchen Investitionen deutlich: Die Milliarden an Steuergeldern, die in den Bau von neuen Autobahnen fließen, müssen gerechtfertigt werden.

Die einzigen, die davon profitieren werden, sind die Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft ASFINAG und die Betonlobby. Der Ausbau öffentlicher Verkehrsnetze wird auf der Verkehrs-Einbahnstrecke weiter links liegen bleiben.

Bärbel Danneberg ist Journalistin und Autorin und schreibt für die Volksstimme und den Augustin.

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