Lobautunnel: Wie verfehlte Raumplanung die Klimakatastrophe anheizt

Foto: Michael Kofler

Das Megaprojekt Lobau-Schnellstraße ist ein Paradebeispiel dafür, was in diesem Land falsch läuft, meint Melanie Pichler. Es zementiert den Speckgürtel Wiens ein, fördert den Autoverkehr und heizt den Klimawandel weiter an. Und von SPÖ über ÖVP und FPÖ sind fast alle dafür. 

Es ist neben der Dritten Flughafenpiste das wohl umstrittenste Bauprojekt im Osten Österreichs. Die Lobau-Schnellstraße soll zwischen Süßenbrunn und Schwechat die Nordostumfahrung komplett machen. Wesentlicher Streitpunkt ist ein neun Kilometer langer Tunnel durch die Lobau.

Das Naturschutzgebiet ist symbolisch wichtig. Am östlichen Ende liegt die Hainburger Au, deren Besetzung Mitte der 1980er Jahre die Gründung der Grünen nach sich zog. Vor allem ist es aber, damals wie heute, wichtig für das ökologische Gleichgewicht der Region.

Umstrittene Genehmigung

Seit Mai ist klar, dass die Schnellstraße samt Lobautunnel gebaut werden darf. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Klage der GegnerInnen abgewiesen. Dafür muss die ASFINAG zwar noch einige,  vor allem lärm-, wasser- und naturschutzrelevante, Auflagen erfüllen. Das Projekt selbst steht aber nicht mehr in Frage.

Dabei geht es bei der Kontroverse um den Lobautunnel weniger um umweltpolitische Details, auch wenn diese wichtig sind. Noch wichtiger ist aber, dass das Projekt verkehrspolitische Weichen stellt, die fatal sind und die Klimatakatstrophe weiter anheizen.

Der Einfamilienhausteppich im Speckgürtel

Der Lobautunnel soll die Südosttangente, das Marchfeld und die Donaustadt vom PKW-Verkehr entlasten. Täglich pendeln zehntausende AutofahrerInnen von ihren Häusern am Stadtrand zu ihren Arbeitsplätzen in Wien. Sie sollen weniger im Stau stehen und damit die engen Straßen im Marchfeld und vor allem im 22. Bezirk entlasten.

Der Lobautunnel führt damit eine Verkehrs- und Raumplanung fort, die seit Jahren Autos und Staus produziert und die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort immer weiter vergrößert. Das Ergebnis heißt „Speckgürtel“. WienerInnen, die dem Stress der Großstadt entfliehen wollen, bauen sich im Umland von Wien ein Einfamilienhaus im Grünen. Neben anderen Einfamilienhäusern, Pools und Garagen gibt es dort meist wenig Infrastruktur. Es fehlen in der Regel öffentliche Verkehrsmittel, Arbeitsplätze und Freizeiteinrichtungen. Und wenn es Bahnhöfe gibt, sind diese zu weit von den Siedlungen entfernt. Das hat zur Folge, dass die meisten Menschen täglich mit dem Auto nach Wien pendeln. Staus sind die logische Folge.

Wer Straßen baut, bekommt Autos

Die Lobau-Schnellstraße soll die Donaustadt und das Umland vom Stau erlösen. Das macht diese Art der Ansiedelung noch attraktiver und das Bauland am Stadtrand noch begehrter. Noch mehr Leute werden sich ein Einfamilienhaus im Grünen bauen wollen – und ein Auto brauchen, um in die Stadt zu pendeln.

Denn sind die projektierten drei Milliarden Euro erstmal in Straße und Tunnel versenkt, werden Investitionen in den öffentlichen Verkehr noch unwahrscheinlicher. Dann gibt es breitere Straßen, aber noch mehr Autos. Und die PendlerInnen stehen bald wieder im Stau.

Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort

Viele hoffen deshalb, dass sich durch den Lobautunnel auch mehr Betriebe im Umland ansiedeln. Dann gäbe es nahe Arbeitsplätze für die EinfamilienhausbesitzerInnen. Allerdings gibt es kaum Beispiele in vergleichbaren Fällen, dass das tatsächlich passiert. Denn Betriebe zerstören die Einfamilienhausidylle und machen Lärm. Und genau dem wollen die Städter doch entfliehen, wie BürgerInneninitiativen gegen gewerbliche Entwicklungen in Baden zeigen. Die Speckgürtel-BewohnerInnen könnten natürlich auf den Feldern im Marchfeld Gemüse ernten. Das ist bei einem Stundenlohn von etwa 7,50 brutto aber eher unwahrscheinlich.

Das heißt noch mehr Einfamilienhäuser im Grünen. Die Straßen brauchen, um zum Arbeitsplatz in Wien zu kommen. Profitieren werden davon wahrscheinlich Shoppingcenter entlang der Schnellstraße, die die Zersiedelung weiter vorantreiben und die Orts- und Stadtkerne abwerten. Denn wenn der Arbeitsweg länger wird, kauft man eher am Autoweg nach Hause ein als in Gänserndorf, Deutsch-Wagram oder Raasdorf.

Zersiedelung heizt Klima weiter an

Diese Entwicklung ist ein Paradebeispiel für die Zersiedelung in ganz Österreich. Das Marchfeld ist traditionell eine landwirtschaftliche Region. Doch in den letzten Jahren haben sich viele Gemeinden nach alternativen Einnahmen umgesehen. Dafür widmen sie landwirtschaftliche Flächen in Bauland um. Der Einfamilienhausteppich rund um Wien entstand auf diesen fruchtbaren Böden. 7.300 Hektar, eine Fläche größer als das Stadtgebiet von Salzburg, wird so österreichweit Jahr für Jahr versiegelt.

Die Zersiedelung heizt die Klimakatastrophe weiter an. Wenn die Distanz zwischen Wohn-, Arbeits- und Einkaufsort steigt, führt das auch zu steigenden CO2-Emissionen. Und auch die bereits jetzt spürbaren Folgen des Klimawandels werden durch die Zersiedelung und die dafür notwendige Verkehrsinfrastruktur verstärkt. Versiegelte Flächen können im Gegensatz zu Grünflächen nicht zur Kühlung der Luft beitragen. Ein Problem, das durch die zunehmenden Hitzeperioden offensichtlich wird. Gleichzeitig verstärkt die Zersiedelung bei starken Niederschlägen die Gefahr von Überflutungen, weil das Regenwasser weniger gut versickern kann.

Betonfront gegen die Vernunft

Für die Gemeindepolitik in Wien zählen diese Argumente nicht. Bürgermeister Michael Ludwig gilt – wie schon sein Vorgänger Michael Häupl – als entschiedener Befürworter des Projekts. Es sei „von enormer Bedeutung für den Wirtschafts- und Jobstandort Wien“. Wirtschaftskammer sowie ÖVP und FPÖ sehen den Bau ohnehin als Meilenstein für die Wiener Wirtschaft. So viel Einigkeit zeigt eindrucksvoll die enge Verflechtung zwischen Politik und Bauwirtschaft. Letztere pocht seit Jahren auf die Schnellstraße samt Tunnel. Immerhin soll der Bau mindestens drei Milliarden Euro kosten.

Nur die Grünen sind weiterhin dagegen. Die Wiener Grünen haben deshalb die Kampagne Nobau gestartet, mit der sie Investitionen in öffentlichen Verkehr sowie in Schulen und Kindergärten anstelle der Schnellstraße fordern.

Öffis statt Straßen

Funktionierende und flächendeckende Öffis wären eine wirkliche Alternative. Entscheidend ist aber vor allem eine Raumplanung, die diesen Namen verdient. So verbindet die Entscheidung über den Lobautunnel Bereiche, die auf den ersten Blick gar nichts mit Verkehrspolitik und Straßenbau zu tun haben.

Mit der Rolle von Arbeit zum Beispiel. Und der Frage, ob wir es als normal empfinden, dass unser Arbeitsort meilenweit von unserem Wohnort entfernt ist. Und wir täglich stundenlang im Auto sitzen müssen, um von einem zum anderen zu kommen. Oder der Rolle von Nahversorgung. Und der Frage, warum Stadt- und Ortskerne zunehmend aussterben, während Einkaufs- und Gewerbezentren völlig selbstverständlich gratis Parkplätze und Straßenanbindungen brauchen und die Politik dafür in Geiselhaft nehmen. Und nicht zuletzt mit der Frage, ob das Einfamilienhaus mit Garten, Hund und zwei Autos tatsächlich die geeignete Form ist, um eine lebenswerte Gesellschaft für alle zu ermöglichen.

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