SIGNALE 18: Ein Festival für das gemeinsame Handeln

SIGNALE 18

Am 19. Dezember findet in der Wiener Arena das SIGNALE 18 Festival statt. Neben Konzerten (u. A. von Gustav und Clara Luzia) wird es auch Workshops und Raum für Diskussionen geben. Mosaik-Redakteurin Sandra Stern hat mir Oliver Horvath und Ana Threat, die Teil des SIGNALE-Kollektivs sind, über das Festival, Proteste gegen die Bundesregierung und linke Kunst gesprochen.

Ihr seid beide beim linken Musiker*innenrat-Netzwerk. Könnt ihr uns mehr darüber erzählen? Wer ist der Musiker*innenrat? Warum gibt es euch? Und was macht ihr?

Oliver Horvath: Das Netzwerk, so wie ich es verstehe, ist ein offener Verband von Menschen aus der Musikszene mit ansonsten unterschiedlichem Background, der das Ziel verfolgt, sich zur politischen Arbeit zusammen zu schließen, die Motivation zu erhalten, über Aktionen zu informieren bzw. diese zu koordinieren.

Ana Threat: Vielen von uns ging es darum, bestehende Arbeitsbeziehungen, die wir über unsere langjährige gemeinsame Tätigkeit in der Wiener Independent- und DIY-Musikszene aufgebaut haben, zur Mobilisierung zu nutzen. Für mich ist das Netzwerk auch ein Lernort. In der Gruppe sind Leute mit Erfahrung mit politischen Aktionen genauso wie Menschen, für die das einigermaßen neu ist. Im miteinander Herumwurschteln bringen wir uns gegenseitig Sachen bei. Zum Beispiel, wie ein fresher Blick auf eingefahrene Konfliktlinien und Organisationsformen gewonnen werden kann.

Als linkes Musiker*innenrat Netzwerk organisiert ihr aktuell die SIGNALE 18 am 19.12. in der Arena. Was erwartet uns dort? Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Und was wollt ihr damit erreichen?

Oliver: Aus meiner Perspektive, somit nicht unbedingt fürs ganze Kollektiv gültig: Die Idee zur SIGNALE kam auf aus der Beobachtung, dass zwar – in der Subkultur – eine allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen in Österreich und vor allem dem aktuellen Regierungs-Desaster besteht, davon ausgehend aber nicht wirklich etwas entfacht wird. Nicht mehr als Unzufriedenheit. Jede*R für sich sitzt zuhause, unkt und grämt sich, es bleibt aber bei der Nabelschau. Oder man werkt in den eigenen Kreisen – die Szenen aber vermischen sich nicht. Erst seit den letzten Wochen und Monaten gibt es mit u.a. den Donnerstagsdemos eine breitere, auch öffentlich sichtbare Protestbewegung.

Mit der SIGNALE wollen wir erreichen, dass Menschen aus verschieden Szenen zusammenkommen, sich vernetzen zur politischen Arbeit – und nicht zuletzt auch voneinander zu lernen, was man tun kann. Daher: Musik politisch machen. Zugleich soll es ein öffentliches Zeichen sein, dass auch die Subkultur nicht schweigend vorm Kanonenrohr sitzt. Wichtig dabei ist, dass die SIGNALE 18 nur ein Auftakt-Event ist – wir möchten, dass daraus eine fortlaufende Aktion wird, die in verschiedenen Gestalten auftritt. Um den Anspruch einer szenenübergreifenden Veranstaltung einzulösen, haben wir versucht, das LineUp möglichst divers zu halten. Wobei da natürlich immer noch einiges nicht vertreten ist; aber: Es soll ja noch mehr folgen! Da es bei der SIGNALE auch darum gehen soll, zu lernen, wie man überhaupt politisch aktiv werden kann, gibt es vor den Konzerten auch Workshops. Schlussendlich – im Sinne der Vernetzung und der Förderung wichtiger Aktionen – werden wir alle Einnahmen an verschiedene politische Initiativen weitergeben.

Ana: Wir verstehen die SIGNALE allerdings nicht als Charity-Veranstaltung, die uns, überwiegend weißen, großteils bürgerlichen Aktivist*innen positive Gefühle verschaffen soll, weil wir Geld für betroffene Andere sammeln. Wir hoffen, mit dem Fest einen Raum aufmachen zu können, in dem gemeinsames Handeln möglich wird. Wichtig dabei war und ist uns die Organisationsform: wir arbeiten zusammen, und wir haben Bock drauf.

Musik spielt in eurer beider Leben eine große Rolle. Emma Goldman meinte einmal “If I can’t dance, it’s not my revolution!” Seht ihr das auch so oder wie ist das für euch? Was an Musik ist aus eurer Sicht politisch?

Oliver: Natürlich stellen sich politische oder soziale Fragen (auch) im Bereich von Musik bzw. Popkultur. Fragen zu Ausgrenzungsmechanismen, Rassismus etwa, Diskriminierung von Frauen*, zu Geschlechtlichkeit und Sexualität – das aber trifft nicht auf die Popkultur im Speziellen, sondern auf jeden Gesellschaftsbereich zu. Aber ob Musik, ein Song, wirklich zielgerichtet einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess auslösen könnte, bezweifle ich.

Was Popkultur aber anbietet, worauf sie baut, das sind Images, Phantasien. Ideen davon, wer man sein will, wie man gesehen werden will – und wie nicht. Dass es etwa auch im Mainstream-Pop momentan Mode ist, Feminismus oder Queerness zu propagieren – hinfällig ob einfach nur aus verkaufsfördernden Gründen oder als ‚ehrliches‘ Bedürfnis – ist eine sehr gute Sache. Wenn ich dazugehören und cool sein will, muss ich pro-Queer sein. Einfach nur aus Hedonismus, ganz egal, wer ich ganz tief in mir drinnen wirklich bin. Das ist lustvoll, das macht Spaß – und macht’s möglich, jenseits meiner ach-so-wichtigen Person, meinem Wissen und meinen Befindlichkeiten, meiner so einzigartigen Identität, mit anderen ‚in Bewegung‘ zu kommen.

Ana: …und zwar gemeinsam. Ich habe mitunter große Probleme mit dieser vor sich her getragenen Abneigung einervermeintliche Spießer_innengesellschaft. Das geht oft mit dem Bild des (meist männlichen) unangepassten Künstlers einher, der sich gegen ‚das System’ stellt. Das verwechselt man in der Popgeschichte oft mit einem politischen Gestus: als ein Vorstoß für die Befreiung von Unterdrückung. Sehr oft geht es aber genau um das nicht. Die Politik der Rock-Geste ist überwiegend eine libertäre, eine der Befreiung des Individuums von der Notwendigkeit, sich mit Formen des gemeinsamen Zusammenlebens beschäftigen zu müssen. Das kann sich gegen tatsächlich oppressive Institutionen wie die heteronormative Familie richten, aber genauso schnell auch gegen Gruppen, die einmahnen, der Rocker möge sich selbstkritisch mit ungleich verteilter Macht, zum Beispiel durch Geschlechterverhältnisse, beschäftigen.

Ein politisches Moment, das tatsächlich befreiend wirken kann, ergibt sich in meinem Verständnis nur, wenn Musikmachen als gemeinsames Aushandeln aller Beteiligten begriffen wird: Wie wollen wir miteinander leben? Wie miteinander umgehen? Wie uns aufeinander Beziehen? Wer darf mitmachen, wer welche Rollen einnehmen? Wie nutzen wir die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen? Und welche Räume machen wir mit unseren Handlungen auf?

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