Wie Bernie Sanders’ Wahlkampf die Politik revolutioniert

Foto: Gage Skidmore

Nach haufenweise Pannen und fast vier Tagen Auszählung ist klar: Bernie Sanders hat bei den Vorwahlen in Iowa die meisten Stimmen bekommen. Hinter seinem Erfolg steht eine beeindruckende Kampagne, die ihn bis ins Weiße Haus bringen kann. mosaik-RedakteurInnen Martin Konecny und Lisa Mittendrein analysieren acht Dinge, die den Wahlkampf auszeichnen.

1. Persönliche Geschichten holen Menschen aus der Vereinzelung.

Im Herzen des Wahlkampfs von Bernie Sanders steht eine Kultur des Zuhörens. Sie verbindet nicht nur die vielfältige Bewegung nach innen, sondern prägt auch den Kontakt nach außen. So erzählen bei Veranstaltungen mit Bernie Sanders TeilnehmerInnen oft ganz persönliche Geschichten – wie sie mit Krankenhaus-Schulden kämpfen, mit drei Jobs ihre Familie kaum durchbringen, oder versuchen, FreundInnen von der Abschiebung zu bewahren. Und Bernie Sanders sagt: „Ihr braucht euch­ nicht zu schämen. Millionen Menschen sitzen im selben Boot.”

Über dieses Teilen – ob an der Haustür, bei Veranstaltungen oder in Videos – holt die Kampagne die Menschen aus ihrer Vereinzelung. Sie bringt sie in den politischen Prozess und macht aus individuellen Problemen gemeinsame Kämpfe.

2. Solidarität wird erlebbar.

Nicht nur die Geschichten helfen, die Vereinzelung zu überwinden. Im Rahmen der Bernie Sanders Kampagne wird auch erlebbar, was es bedeutet füreinander einzustehen. In seiner Rede vor über 20.000 Menschen in New York fragte Bernie Sanders die Menge:

„Seht euch um. Findet jemanden, den ihr nicht kennt. Vielleicht jemanden, der oder die nicht so aussieht wie ihr selbst.

Seid ihr bereit, so für diese Person zu kämpfen, wie ihr für euch selbst kämpfen würdet?“

Denn wenn Millionen Menschen das tun, können sie die Welt verändern.

Für die Kampagne ist klar: Menschen teilen nicht nur materielle Interessen, sondern sind miteinander verbunden. Und diese Verbundenheit wird spürbar. Bei einer Veranstaltung in Iowa reichten sich zuletzt hunderte Menschen die Hände und sprachen die Sätze des Schwarzen Aktivisten und Sanders-Sprechers Phillip Agnew nach. Das mag aus europäischer Sicht befremdlich anmuten. Doch die Kampagne entlehnt solche Rituale den radikalen Traditionen Schwarzer Kirchen. In einer Zeit von Individualismus und Einsamkeit ist es radikal und ermächtigend, das Gemeinsame zu entdecken.

3. „Nicht ich. Wir.“

Bernie Sanders kommt nicht aus dem Nichts. Er kann auf einer langen und reichen Tradition sozialer Bewegungen in den USA aufbauen. Occupy Wallstreet, Black Lives Matter, der Kampf für einen Mindestlohn, der indigene Widerstand gegen die XL-Pipeline und die SchülerInnenbewegung gegen Schusswaffen haben das politische System in den USA nachhaltig verändert.

Sanders und seine UnterstützerInnen wissen: Politische Veränderung wird uns nicht geschenkt, sondern sie muss von unten erkämpft werden. Deswegen ist sein Wahlkampf mehr, als eine normale Präsidentschaftskandidatur. Sein Slogan „Nicht ich. Wir.“ macht klar: Um zu gewinnen und dann tatsächlich eine Krankenversicherung und Justizreform gegen die Eliten durchzusetzen, wird es Millionen Menschen brauchen.

Der Wahlkampf ist nicht nur selbst eine Basisbewegung, sondern stützt sich auf bestehenden sozialen Bewegungen. Die Klimabewegung Sunrise Movement unterstützt ihn ebenso, wie die Gewerkschaft der KrankenpflegerInnen oder die anti-rassistische Bewegung der Dream Defenders. Sie rufen nicht nur für Sanders auf, sondern klopfen selbst an Türen und mobilisieren für die Wahl. Denn sie wissen, dass ein Präsident Bernie Sanders ihre beste Chance ist, ihre Forderungen durchzusetzen.

4. Hinter Bernie Sanders steht die ArbeiterInnenklasse in ihrer Vielfalt.

Bernie Sanders hat die breiteste und vielfältigste Unterstützungsbewegung aller KandidatInnen. Die häufigsten Arbeitsplätze seiner SpenderInnen sind Walmart und Amazon. Er erhält mehr Spenden von Latinos als alle anderen. In Iowa war Bernie Sanders mit Abstand der erfolgreichste Kandidat bei von Rassismus betroffenen Menschen. Bei den in Moscheen stattfindenden Vorwahlen erhielt Sanders fast 100 Prozent der Stimmen. Unter seinen Unterstützerinnen sind junge Frauen die größte Gruppe und er hat starke Unterstützung aus der LGBTIQ* Community.

Während die Linke hierzulande über das Verhältnis von sozialer Frage und Anti-Rassismus streitet, löst Bernie Sanders‘ Kampagne diese Frage in der Praxis. Er und seine MitstreiterInnen sprechen die Menschen explizit als ArbeiterInnen, Schwarze, Frauen, LGBTIQ und MigrantInnen an. Die Videos der Kampagne zeigen keine Karikaturen eines weißen Amerikas, sondern die Wirklichkeit der ArbeiterInnenklasse. In Sanders‘ Erzählung ist Platz für die unterschiedlichen Zumutungen, die den Menschen im Kapitalismus widerfahren, ohne sie gegeneinander aufzuwiegen. Diese Bewegung der vielfältigen ArbeiterInnenklasse durchbricht den von Trump inszenierten Konflikt zwischen liberalen Eliten und zurückgelassenen Weißen.

5. Die Macht hunderttausender AktivistInnen mobilisiert

Um eine vielfältige Massenbewegung aufzubauen und mehr NichtwählerInnen denn je zu mobilisieren, setzt die Sanders-Kampagne stark auf Organizing. Nicht nur rufen Freiwillige Millionen von WählerInnen an und machen hunderttausende Hausbesuche, sie organisieren auch ihre Familien und Bekannten.

Im Wahlkampf wird dieses „Organizing im Umfeld“ systematisch angewandt. Der Ansatz geht davon aus, dass Menschen eher von jemandem überzeugt werden können, die/den sie kennen. Eine eigene Bern-App unterstützt Freiwillige, um mit ihren Bekannten über Bernie Sanders ins Gespräch kommen. So regt die App etwa dazu an, eigene „My Bernie“-Geschichten aufzunehmen und über soziale Medien mit FreundInnen zu teilen.

Auch um spezifische Gruppen wie GewerkschafterInnen oder vietnamesische AmerikanerInnen zu erreichen setzt die Kampagne auf direkte Kontakte an der Basis, statt traditionell (nur) auf deren Führung. So analysieren Freiwillige ihre Communities und planen – unterstützt von erfahrenen OrganizerInnen – wie sie diese für Bernie gewinnen. So geschehen auch in Iowa: Die Kampagne setzte gezielt auf Organizing unter MuslimInnen, Latinos und migrantischen ArbeiterInnen. Sie mobilisierte viele Menschen,das erste Mal zur Wahl zu gehen und dann für Sanders zu stimmen.

6. Hoffnung und Konfrontation als radikaler Horizont

Bernie Sanders prangert Missstände an, aber zeigt auch auf, wie die Gesellschaft besser sein kann: wie ein Green New Deal die Klimakrise bekämpft und sinnstiftende Arbeit für Millionen schafft, wie jeder Mensch Gesundheitsversorgung erhält oder ein menschliches Justizsystem an Stelle des Wegsperrens von Schwarzen, Latinos und Indigenen tritt. Damit unterscheidet Sanders sich von vielen Linken, die sich nur auf das konzentrieren, wogegen sie sind.

Es sind jedoch genau die konkreten Bilder der politischen Revolution, die in den Menschen Hoffnung wecken. Und es ist das Wissen darüber, wie es gehen kann. Denn Sanders macht klar, dass sie den Green New Deal oder einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde nur gemeinsam und in Konfrontation mit Konzernen und Superreichen durchsetzen werden.

Die Hoffnung, die so entsteht, ist optimistisch, radikal und konfrontativ.

7. Die Angriffe von Medien und Establishment machen ihn stärker.

Lange gab es ein regelrechtes „Bernie Blackout“ – Medien berichteten viel weniger über ihn. Umfragen, in denen er führte, wurden präsentiert ohne ihn zu nennen oder sein Name in KandidatInnen-Listen einfach ausgelassen. Wird doch berichtet, darf etwa die Superreiche Tisch Sussman verkünden, nur Sexisten würden ihn unterstützen. Chris Matthews darf behaupten, Bernie Sanders würde bei einem Unfall nicht stehen bleiben und helfen.

Auch das Partei-Establishment attackiert Sanders. Doch all das kann der Kampagne nichts anhaben. Im Gegenteil: Jeder Angriff lässt die AktivistInnen noch härter kämpfen. Als Hillary Clinton zuletzt behauptete, Sanders wäre unsympathisch und niemand würde ihn mögen, flutete die Basis Twitter mit „I like Bernie“. Und dern ersten Negativ-Spot beantworteten Bernies AnhängerInnen innerhalb eines Tages mit 1,3 Millionen Dollar Spenden. Denn Sanders entzieht sich mit seiner gut organisierten Basis der Logik der medialen Kampagnen gegen ihn.

Die Angriffe bestätigen vor allem eines: Die Eliten fürchten nichts so sehr, wie einen Präsidenten Bernie Sanders.

8. Bernie Sanders wird ein Präsident, wie es ihn noch nie gegeben hat.

Bernie Sanders ist noch der selbe Politiker wie vor dreißig Jahren, trotz Jahrzehnten im Kongress und Senat. Er hat sich nie vom System vereinnahmen lassen und das prägt seine Pläne für die Präsidentschaft. Diese wird nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer Form vom bisherigen unterscheiden.

Als Präsident will er nicht nur „Commander in Chief“, Oberbefehlshaber der Streitkräfte, sein, sondern vor allem „Organizer in Chief“. Denn er hat ein realistisches Bild von den herrschenden Kräften und will Gegenmacht von Unten aufbauen. Sollte etwa ein rechter demokratischer Senator gegen seine Pläne stimmen, will ihn Präsident Sanders mit Massendemonstrationen in seinem Wahlkreis unter Druck setzen.

Er ist auch nicht bereit, den Wandel aufzuschieben bis sich der behäbige Staatsapparat bewegt, sondern wird gleich zu Beginn seiner Amtszeit per Dekret den Export von Rohöl verbieten, Cannabis legalisieren, billige Medikamente aus Kanada importieren und die Mauer an Mexikos Grenze stoppen.

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