Wie Radio Orange sich gegen die Angriffe der FPÖ auf Freie Medien wehrt

Foto: Juliana Melzer

Seit über 20 Jahren ist Orange 94.0 auf Sendung. Wiens freier Radiosender, einst entstanden aus zivilem Ungehorsam, hat sich in dieser Zeit gewandelt. Statt um Demoberichterstattung geht es heute viel mehr um Selbstermächtigung. Im Interview mit Mosaik-Redakteur Paul Herbinger erzählt Jaqueline Gam von Angriffen der FPÖ, gnadenlose Repression und internationale Solidarität.

Mosaik: „Es ist völlig inakzeptabel, dass die Wienerinnen und Wiener für ein völlig wertloses Antifa-Radio zahlen sollen. Wenn die Macher dieses dubiosen Senders Geld einnehmen wollen, dann sollen sie sich mit Werbeeinnahmen am freien Markt behaupten und nicht den Wienern auf der Tasche liegen“ Das sagt FPÖ-Stadtrat Maximilian Krauss über Radio Orange. Wie wurde das von euch bei Orange 94.0 aufgenommen?

Jaqueline Gam: Man hat versucht das Wort antifaschistisch als Schimpfwort zu verwenden. Für uns ist das kein Schimpfwort, wir verstehen das eher als eine Auszeichnung. Unser Grundkonsens ist inklusiv und offen. Dass das die FPÖ nicht gut findet, war uns immer klar. Aber die Art der Sprache in dieser Presseaussendung wollten wir auch nicht so auf uns sitzen lassen. Wir haben versucht viele im Radio aktive und besonders die der FPÖ genannten Radiomacher_innen einzubeziehen – von denen habe ich mir Ideen, Meinungen und Wünsche geholt. Hinausgekommen ist der Wunsch es eher humorvoll zu nehmen und die Deutung, dass es ein politischer Angriff ist. Da die FPÖ in der Stadt Wien in der Opposition ist und keine Kürzung alleine durchbringen kann, haben wir und uns dafür entschieden unsere sozialen Medien für eine humoristische Antwort zu nützen.

Wie ist das angekommen?

Es hat super hat funktioniert. Wir sind überwältigt von der Unterstützung von Einzelpersonen, Aktivistinnen, NGOs und anderen Medien. Das hat Wellen geschlagen bis nach Deutschland, in die Schweiz, besonders bei anderen Freien Radios. Wir haben echt viele Nachrichten bekommen in dieser Woche.

FOTO: Juliana Melzer

Mit seiner Forderung, Radio Orange solle sich am freien Markt behaupten, greift Krauss nicht nur euren Sender an, sondern eine ganze Säule der Radiolandschaft, die freien Radios.  Ihr sendet ja keine Werbung. Aber was bedeutet es denn genau, ein freies Radio zu sein?

Das Wort Frei kommt aus unserer Geschichte und ist eine Abgrenzung zum öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Radio, damit wollen wir auch einen 3. Rundfunksektor etablieren. Außerdem spiegelt es die Einstellung und Unabhängigkeit der Freien Radios wider. Wir sind gänzlich werbefrei und darüber hinaus nicht-kommerziell. Das heißt, dass wir keine geschäftlichen Interessen verfolgen und – das ist der wichtige Punkt – laut unserer Sendelizenz nicht dürfen.

Aber Sendungen klingen bei euch nicht nur wegen der fehlenden Werbung als im Mainstreamradio anders.

Ja, wir grenzen uns auch durch die Produktion ab.  Einerseits wollen nicht-Mainstream Musik einen Raum bieten. Andererseits ist ein Grundsatz des Freien Radios Partizipation und Teilhabe. Wir wollen nicht über Menschen sprechen, sondern dass Menschen ihre Geschichten selber erzählen – und das in der Sprache in der sie möchten. Leute sollen auch für ihre Community Radio machen können. Das führt dazu, dass wir 169 Sendereihen in 23 verschiedenen Sprachen haben.

Die FPÖ hat sich insbesondere wegen der Höhe der Fördersumme empört. Kannst du schildern um welche Beträge es sich da handelt und ein wenig ins Verhältnis setzten wie die Förderung der freien Radios und die der Privaten ausfallen.

Wir teilen uns mit 17 andern nicht-kommerziellen Medien drei Million Euro jährlich aus der RTR- Bundesförderung. Die kommerziellen Medien bekommen aus dem selben Topf 20 Millionen. Außerdem verdienen sie über Werbung dazu. Ihre Förderung ist also mehr als siebenmal so hoch wie die der freien Radios.

Um welche Förderung geht es der FPÖ konkret?

Normalerweise bekommen wir ca. 350.000 Euro jährlich für unseren Kernbetrieb. Letztes Jahr haben wir uns aber an die Stadt gewandt, weil wir dringend unsere Technik erneuern müssen. Einige unserer Server zum Beispiel stammen teilweise noch aus 2004. Wir hätten keinen störungsfreien Sendebetrieb mehr gewährleisten können. Die Stadt hat uns deswegen 70.000 Euro mehr, also mit insgesamt 422.000 Euro, gefördert. Das ist viel Geld, aber Radiomachen ist teuer. Und wir sind auch ein gemeinnütziger Verein, Gewinne macht bei uns niemand.

Die Ursprünge des freien Radios liegen im zivilen Ungehorsam. Die „Radiopirat*innen“ haben in den späten 80ern selber damit begonnen, Radio zu senden, obwohl das wegen dem staatlichen Fundfunkmonopol verboten. Wie hat das funktioniert?

Pirat*innen haben an  Orten in Wien, zum Beispiel dem WUK, Sender aufgestellt und von dort aus gesendet. Und als diese gefunden wurden, hat sie die Polizei wieder abmontiert. Das war eine Art Katz-und-Maus-Spiel. Es klingt nach viel Spaß – Störfunken und sich die eigenen Sender basteln – aber ich meine das hat auch eine dunkle Geschichte. Was man sich auch kaum vorstellen kann, ist die Repression die mit dem Aktivismus einherging. Leute sind verhaftet worden, die Strukturen sind wieder und wieder zerschlagen worden. Aber aus dieser Bewegung heraus sind die Freien Radios entstanden. Die Legalisierung haben wir uns   erkämpft.

Orange 94.0 gibt es jetzt 22 Jahre lang. Wie blickt man da auf diese Geschichte zurück?

Es gibt natürlich große Unterschiede zwischen dem Freien Radio heute und zur Zeit der Illegalität. Radio Orange ist sehr groß geworden. Es senden auch Leute, die mit diesen Ursprüngen gar nichts zu tun haben. Auch ich bin ja zu jung, um das Freie Radio selbst erkämpft zu haben. Aber wir sind erstens sehr geschichtsbewusst und haben auch noch Akteur*innen von damals im Radio. Und das zweite ist, dass ganz früh bei uns schon feministische Gruppen ein großer Teil des Radios waren. Frauengruppen ohne Männer waren schon seit Anfang an ein großer Teil von der freien Radiobewegung und das führt sich heute auch bei uns noch fort.

Wie geht es euch heute und wie versteht ihr eure Rolle in Zeiten des Rechtsrucks?

Ich glaube niemand konnte sich 1998 vorstellen, dass es den Sender so lange geben wird. Das war finanziell damals extrem prekär. Auch eine besonders schwere Zeit, aber auch inhaltlich sehr wichtige Zeit für uns war unter der ersten schwarz-blauen Regierung ab 2000. Da ging es dem Radio finanziell schlecht. Zugleich waren wir aber ein wichtiger Teil der großen Bewegungen. Wir haben sehr viel berichtet und waren ein sehr aktivistisches, involviertes Radio. Das ist heute vielleicht anders, diese große Bewegung gibt es nicht mehr. Und auch die Rolle des Radios hat sich verändert. Der Schwerpunkt liegt mehr auf die selbst-ermächtigte Sendungsgestaltung durch Bildung und niederschwelligen Zugang.

Wir versuchen, Gruppen selbstzuermächtigen die wenig oder gar nicht sprechen und gehört werden dürfen in Wien und Österreich. Wir haben eine ganz starke Vernetzungsfunktion die auch Solidarität fördert, weil sich bei uns viele Gruppen treffen die sonst wenig Kontakt hätten. Ich glaube bei einem Rechtsruck ist so ein Zusammenhalt essenziell: Das wir uns nicht auseinander dividieren lassen durch Angriffe von außen. Das wir uns nicht selbst zensieren und nicht zensieren lassen und dass wir kämpferisch aber trotzdem humorvoll bleiben.

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