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Utopie Planwirtschaft: Welche Rolle spielt die Technik?

Automatisierte Planwirtschaft statt kapitalistische Chaos-Konkurrenz? Computergestützte Planung ohne Märkte und Privateigentum? Immer wieder kommen solche Technikutopien auf – und mit ihnen technokratische Fallstricke. Potjeh Stojanović skizziert fünf Herausforderungen für technikutopische Wege in eine vernünftige Wirtschaftsweise.

1. Globale Planwirtschaft

Planung ist die (bewusste) politische Steuerung und Koordination gesellschaftlichen Zusammenlebens. Im Kapitalismus funktioniert sie relativ unvernünftig: Der kapitalistische Markt versagt systematisch bei der Befriedigung von Bedürfnissen und Zuteilung von Ressourcen. Das zeigt sich an allerlei Absurditäten wie unbezahlbarem Wohnraum bei gleichzeitig massivem Leerstand. Der Kapitalismus umfasst eine zwar äußerst krisenhafte und repressive, aber irgendwie doch funktionierende globale Planungsmaschinerie. Dafür ist er auf ein ganzes Arsenal an Institutionen angewiesen, die den ‚freien‘ Preismechanismus am Laufen halten: Zentralbanken, Wettbewerbsbehörden, Welthandelsorganisationen. All das ist notwendig, damit sich Angebots- und Nachfragebedürfnisse zumindest halbwegs decken – im Dienste des Profits.

Wir müssen davon ausgehen, dass eine solidarische Planwirtschaft ein ähnliches Repertoire an Institutionen bräuchte, um Bedürfnisse und Ressourcen zu koordinieren. Nur eben vernünftig. Denn eine befreite Gesellschaft kann selbstverständlich nur global gedacht werden. Nicht zuletzt, weil die gesellschaftlichen Probleme wie Klimakatastrophen oder Pandemiebekämpfung längst globale Dimensionen angenommen haben. Technische Entwürfe zur sozialen Koordination und Abschaffung von Märkten sind dafür als streitbare Ideen zunächst begrüßenswert. Sie könnten ein wichtiger Baustein für die Schaffung emanzipatorischer Institutionen im großen Maßstab sein.

2. Tinder für den Sozialismus

Stattdessen werden jedoch technokratische Phantasien zur alleinigen Lösung gesellschaftlicher Probleme mittels Big Data, Algorithmen oder künstlicher Intelligenz von Industrie und Politik propagiert. Es sind aber nicht nur die Eigentümer*innen der Tech-Unternehmen oder Unternehmensgurus, die von technischen Lösungen träumen. Auch viele Linke sehen in der Technik den Schlüssel für die Zukunft. Ihr Argument häufig: Die gegenwärtigen technischen Möglichkeiten erlauben eine herrschaftsfreie gesellschaftliche Koordination im großen Maßstab. Unsere Bedürfnisse und Ressourcen könnten also gesamtgesellschaftlich ohne kapitalistischen Markt oder kommunistische Apparatschiks geplant werden. Der Markt wird wie beim linken Blogger Morozov durch „nicht-marktliche“ Koordinationsinstrumente oder beim Ökonomen Saros durch ein technisches Planning Board ersetzt. Matching-Algorithmen gleichen Angebot und Nachfrage computergestützt und dezentral aus. Tinder für den Sozialismus sozusagen. Sozialistische Ökonom*innen und Kybernetiker*innen träumen bereits seit Jahrzehnten von solch einer technisch gelenkten Ökonomie.

Was Morozov’s Vorstellung von jener früherer Utopist*innen unterscheidet, ist nicht das überbordende Vertrauen in technische Möglichkeiten. Es ist die Behauptung, moderne, nicht-kapitalistische Planung könnte mittels Technologie auf die Zentralisierung von Macht in einem Planungsbüro verzichten. Vermeintlich das Beste aus zentralem Plan und dezentralem Austausch, vereint in Künstlicher Intelligenz. Linke technokratische Ideen reduzieren damit aber die Frage zwischen Kapitalismus und Sozialismus letztlich auf ein Informationsproblem: Welches System kann Informationen über Bedürfnisse effizienter verarbeiten? Markt, Plan oder Algorithmus? Wie im anonymen, allumfassenden Markt und dem autoritären Plan, schlummert auch in einem allumfassenden Algorithmus die Gefahr einer unterdrückenden und vergegenständlichten Apparatur. Gerade auch deswegen ist es relevant, sich mit den emanzipatorischen Potenzialen von Technik zu befassen. Ohne dabei Technologie als zentrales befreiendes Instrument zu überhöhen.

3. Machtkonzentration- und Verhältnisse

Das historische eindrücklichste Beispiel für die Kontrolle von selbstregulierenden technischen Systemen – aber auch der Repression die von ihnen ausgehen kann – findet sich im Projekt Cybersyn im sozialistischen Chile der 1970er Jahre. Hier wurde die ökonomische Aktivität teils automatisiert, technisch gesteuert und in Ansätzen demokratisiert. Die Idee: Funktionär*innen überwachen gemeinsam mit (männlichen) Arbeitern in einem Kontrollraum die automatische Steuerung ökonomischer Aktivität, Techniker*innen programmieren die Algorithmen und das selbstregulierende System plant vernünftiger als es jede*r Planer*in könnte.

Nicht nur zeigt dieses Beispiel durch den expliziten Ausschluss von Frauen aus dem Kontrollraum, wie sich gesellschaftliche Machverhältnisse in der immer noch zu oft als neutral geglaubten Technologie wiederfinden. Auch die Möglichkeiten eines autoritären Missbrauchs der Machtkonzentration manifestierte sich ironischerweise gerade zur Zeit eines rechten Transportstreiks. Die kybernetische Planung schwächte durch Umleitung von Ressourcen die Effektivität des Streiks. Der Streikbruch ist aber ein politisches Instrument, das sich auch gegen progressive Streikende richten könnte. Der Herausforderung der politisch-demokratischen Kontrolle der Technik müsste sich eine herrschaftsfreie Planwirtschaft annehmen.

4. Bedürfnisse sind politisch

Ein Algorithmus, der neben unseren Ressourcen auch unsere individuellen Bedürfnisse in Echtzeit erfassen und vernünftig verteilen soll, setzt eine bestimmte (karikaturhafte) Vorstellung von uns voraus: autonome, unabhängige Menschen, mit widerspruchsfreiem Wissen über ihre eigenen Bedürfnisse. Als würden wir bereits von der Vernunft geküsst vom Himmel fallen.

Das vergisst aber die Gesellschaftlichkeit von unseren Bedürfnissen und Identitäten. Den Markt oder das Planungsbüro schlicht durch einen effizienteren Algorithmus zu ersetzen, ändert zunächst nichts an der passiven Konsumlogik, die uns nicht als aktive Gestalter*innen unseres Zusammenlebens anerkennt. Wir haben alle spezifische Formen von Bedürfnissen verinnerlicht. Die bestehende Gesellschaft bietet uns eben auch nur bestimmte Formen zu ihrer Befriedigung an: als Ware über den Markt oder als unsichtbar gemachte Dienstleistung in Form unbezahlter Arbeit. Wir sind es gewohnt, mit Angeboten von Waren geflutet zu werden und unsere Wünsche in Form einer Auswahl bestehender Warenkörbe auszudrücken. Gleichzeitig sind wir es auch gewohnt, gewisse Arbeiten gar nicht als Arbeit zu sehen und damit entziehen sie sich potenziell unserem Planungshorizont (Stichwort: Hausarbeit). Solidarische Planwirtschaften müssten stattdessen den politischen Prozess zur kollektiven Ausverhandlung nach legitimen Bedürfnissen und notwendiger Arbeit ins Zentrum rücken.

5. (Sorge-)Arbeit ausverhandeln

Moderne Technologien wie 3D-Drucker haben unbestreitbar einen potenziell arbeitserleichternden Charakter. Viele Tätigkeiten sind aber nicht vollends automatisierbar, allen voran Sorgearbeit. Befreiung durch Technik kann demnach nicht bedeuten, alle Arbeit abzuschaffen. Damit stellt sich aber die kollektive Frage danach, was wir für ein gutes Leben für alle überhaupt brauchen. Welche Bedürfnisse wir als Gesellschaft befriedigt haben wollen, und damit welche Arbeiten unverzichtbar sind, hat nur zweitrangig mit Technik zu tun. Sie ist praktisch-politisch.

So kann zum Beispiel die radikale Praxis des Feministischen Streiks als ein Beispiel dienen, neue Formen solidarischer Planung zu entwickeln. Das dort praktizierte Instrument der Versammlung kann möglicherweise als Keimform eines neuen Planungsinstruments zur kollektiven Organisierung von Sorgearbeit betrachtet werden. Es rückt unsere uneindeutigen Bedürfnisse und unsere Abhängigkeit voneinander (nicht nur bei Sorgearbeit) in den Vordergrund und politisiert diese. Erst im gemeinsamen Austausch von Sorgenden und Umsorgten (und wir sind immer beides) können wir feststellen, wie viel welcher (Sorge-)Arbeit wir brauchen. Solidarische Planung wirklich aller gesellschaftlichen Bereiche kann gar nicht ohne diese Ausverhandlung auskommen.

Bei all diesen Herausforderungen fällt die Frage der Technik nicht unter den Tisch, sie wird jedoch den politischen Fragen herrschaftsfreier Planwirtschaft untergeordnet und damit den Köpfen der Sozialingenieur*innen entrissen und dorthin verlagert, wo sie hingehört: In die Köpfe und Körper jener, die für eine befreite Gesellschaft kämpfen.