mosaik-Krisenherd II: Pesto Precario

Foto: Serena Epstein

Essen in der Krise: Die Krise ist vielfältig und so sind die Gerichte, welche Krisenbetroffene trotz prekärer Situation auf den Tisch zaubern. Unsere Reihe „Krisenherd“ versucht, die Auswirkungen auf das alltägliche Leben, das Ess- und Kochverhalten von konkreten Krisenbetroffenen aufzuzeigen. Diesmal isst Ako Pire mit Jaqueline* „Pesto Precario“.

Bei Jaqueline angekommen, erwartet mich Gedränge. Sie und ihre MitbewohnerInnen sind in der Küche versammelt und scherzen herum. Hungrig wie wir sind, verlieren wir aber nicht viel Zeit. Jaqueline ist vor Jahren von Tirol nach Wien gezogen, hat Kunstgeschichte studiert und wohnt an einer stark befahrenen Straße der Hauptstadt. Aufgrund ihres starken Italienbezugs gibt es „Pesto Precario“ mit Fussili zum Abendessen. Es handelt sich im Grunde um das bekannte und beliebte Pesto Genovese, aber selbstgemacht und auf prekäre wie auch auf potenziell vegane Art.

Lebenskunst

Einige herbeigezauberte Tassen und Schüsseln später erzählt die Mittdreißigerin von der Entstehungsgeschichte der Pesto-Variation: Während des Verfassens der Masterarbeit in Mittelitalien über einen bedeutenden, mir aber vollkommen unbekannten Künstler aus ebenjener Region drängte die schmale Kassa zu Innovationen: einerseits der Verzicht auf Parmesan, andererseits der Ersatz der auch in Italien nicht gerade günstigen Pinienkerne durch die deutlich billigeren Sonnenblumenkerne. Eine Tasse von letzteren rösten wir vor der weiteren Verarbeitung an, bevor wir sie in die Schüssel schütten.

„Warum eigentlich der Aufwand?“, frage ich die Kunstvermittlerin. Schließlich weiß ich, dass auch andere Lebensmittel in Italien durchaus günstig zu haben sind, und erfahre in der Folge einiges über die Namensgebung.

G’scheid essen

„Gegessen habe ich immer g’scheid“, sagt Jaqueline entschieden. Und das hat sie auch notwendig, wie sie ausführt. Als Diabetikerin beschäftigt sie sich viel mit Ernährung. Während sie einen halben Bund Petersilie in der, in migrantischen Geschäften üblichen Größe, in der Schüssel mit den Sonnenblumenkernen verteilt, verdeutlicht sie den sozialen Charakter der meist chronisch verlaufenden Krankheit: Existenzielle Unsicherheiten, wie sie gerade auch in den Museen und im Kulturbetrieb im weiteren Sinn üblich sind und durch immer kurzfristigere Aufträge zunehmen, beeinflussen Blutzuckerspiegel wie auch andere Parameter. Darüber hinaus gehen sie oft – das musste auch die Pesto-Erfinderin erfahren – mit überlangen Arbeitszeiten in mehreren Arbeitsverhältnissen einher, denn diese belasten den Blutzuckerspiegel stärker und qualitativ anders als die Berechnung der notwendigen Insulinmenge anhand geschätzter „Broteinheiten“ erfasst. Auch nach dem Essen aber ist die Injektion über ein durch ein Kabel mit dem Körper verbundenes Gerät weiter notwendig – unabhängig davon, wie gesund man isst oder wie gut man kocht. Das Wissen über Mengen und Inhalte sowie die Sicherheit bezüglich der Qualität werden so besonders bedeutsam.

Prekäres Leben, prekäre Pasta

Verschiedene Formen von Prekarität verschränken sich hier sozusagen: prekäre Arbeits- und Wohnverhältnisse sowie das absolute Angewiesensein auf eine aufrechte Krankenversicherung. Jaqueline ist mittlerweile fix angestellt, das prekäre Leben ist einer trügerischen Sicherheit gewichen. Die Aussicht darauf, ein Leben lang Kindern und Jugendlichen Ausstellungsinhalte zu vermitteln, ist auch eine, die ihr Kopfschmerzen bereitet. Perspektivisch-emotionale Prekarität sozusagen.

In jedem Fall bleibt das prekäre Pesto. Diesem fehlt noch eine großzügige Tasse Olivenöl, wer es weniger vegan will, fügt Parmesan hinzu. Das Ganze wird püriert und zu Pasta, zum Beispiel zu Spaghetti, Fussili oder Orecchiette, serviert.

Rezept für ein Pesto Precario

  • Ein frischer Bund Basilikum
  • Ein frischer Bund Petersilie
  • Eine Tasse Sonnenblumenkerne
  • Eine halbe Tasse Parmesan (kann auch weggelassen werden)
  • Eine Tasse Olivenöl
  • Etwas Meersalz, Pfeffer
  • 2 Knoblauchzehen
  • 1 Prise Muskatnuss (gerieben)
  • Nudeln (z.B. Spaghetti, Fussili oder Orecchiette)

Wasser für Nudeln zum Kochen bringen, salzen und Nudeln ins kochende Wasser geben. Die Sonnenblumenkerne leicht rösten, Petersilie und Basilikum waschsen und antupfen, den geschälten Knoblauch in kleinere Stücke schneiden. Alles in eine Schüssel geben, danach Salz, Pfeffer und Muskat dazu. Zutaten mit einem Mörser oder einem Stabmixer zerkleinern. Danach Parmesan reiben und schließlich das Olivenöl in die Schüssel dazu und alles gut vermengen. Nudeln abseihen und mit gewünschter Menge Pesto mischen.

Ako Pire studiert Raumplanung an der TU Wien und Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und hat für ein Jahr in Rom gelebt.

*Der Name der Kochenden wurde auf eigenen Wunsch in Jaqueline geändert. 

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