Lieferdienste expandieren weltweit, die Coronapandemie hat dem Sektor noch einmal immensen Auftrieb verschafft. Die BotInnen werden dafür in katastrophale Anstellungsverhältnisse gedrängt. ArbeiterInnen von Gorillas Berlin wehren sich – ihr Widerstand ist kein Einzelfall, schreibt Ako Pire.

Das Nudelwasser ist bereits am Herd, als man bemerkt, dass man sich die Carbonara doch eher hätte bestellen sollen: Kein Salz mehr. Wer nicht bei NachbarInnen klingeln will, der findet bei Unternehmen wie Gorillas oder Flink schnell anderweitig Abhilfe: Zu Supermarktpreisen oder darunter bekommt man, so das Versprechen von Gorillas Berlin, das Salz in spätestens 10 Minuten geliefert. Am 9. Juni haben die ArbeiterInnen von Gorillas ihrem Unternehmen die Suppe jedoch gehörig versalzen. Nach der Entlassung des Kollegen Santiago aufgrund einer Nichtigkeit (einer Verspätung) brachen wilde, also ungenehmigte, Streiks aus. Das wichtigste Warenlager der Firma in Berlin wurde erfolgreich blockiert. Gorillas Berlin musste seinen Service einstellen. Die eindeutige Forderung des „Gorillas Workers Collective“, einem informellen Zusammenschluss von FahrradkurierInnen: „We want Santiago back!“ 

Profit – in 10 Minuten, 10 Jahren, oder irgendwann vielleicht 

Es handelt sich bei Gorillas um ein typisches Start-up. Ein profitabler Betrieb liegt, wenn überhaupt, noch in weiter Ferne. Fokussiert wird auf Minimierung der Kosten sowie Marketing. Ziel ist die Übernahme ganzer Märkte durch die eigene Plattform zum Zweck der Monopolisierung. Oder, weniger glamourös: Rechtzeitig verkaufen. 

Die Königsdisziplinen der High-Tech- Superinnovatoren bleiben miese Arbeitsbedingungen und geringe Löhne. Denn Drohnen bringen Bomben aber immer noch keinen Burger. Um diese schlechten Bedingungen durchzusetzen, bleibt die Strategie immer die gleiche. Egal ob beim großen Vorbild Amazon oder Foodora/Mjam. Die Lieferdienste verkaufen die Zustellung als Gelegenheitsarbeit (eine hippe Möglichkeit, flexibel Geld zu verdienen – bezahlt Fahrradfahren, höhö!). Und die ArbeiterInnen sind voneinander isoliert. Die Organisierung der Belegschaften durch Gewerkschaften gestaltet sich, wie beabsichtigt, oft schwierig. 

Die Grenzen der Gig-Economy 

Es ist aber kein Zufall, dass sich gerade die ArbeiterInnen bei Gorillas derart schnell kollektiv wehren. Denn Gorillas und andere Lieferdienste, die sich auf Lieferung in kurzer Zeit konzentrieren, sind gleich auf mehrfache Weise verwundbar. Die Zustellung als Gelegenheitsarbeit (Gig-Work, in Österreich beispielsweise freie Dienstnehmerschaft) zu organisieren, ist durch das Versprechen auf Lieferung innerhalb kürzester Zeit nicht möglich. Leistungsbezogene Entlohnung, also Bezahlung pro Lieferung, zahlt sich für die FahrradkurierInnen zu schwächeren Tageszeiten nicht aus. Trotzdem müssen Unternehmen auch diese verlässlich bedienen. Darauf, dass (vielleicht gar bei schlechtem Wetter) ein freier Dienstnehmer auftaucht, um eventuell ein paar Aufträge zu absolvieren, kann sich das Unternehmen nicht verlassen. Die für das Geschäftsmodell notwendigen ordentlichen Arbeitsverträge verkauft Gorillas als Entgegenkommen. Tatsächlich handelt es sich um arbeitsrechtliches Greenwashing.  

Aus dem Versprechen der Lieferung binnen 10 Minuten ergibt sich außerdem eine weitere Verwundbarkeit. Während sich bei Amazon gezeigt hat, dass der Streik bei einem Warenhaus durch andere Warenhäuser im Rahmen der firmeninternen Logistik aufgefangen werden kann (mittlerweile bestreiken deutsche Gewerkschaften Amazon an polnischen Feiertagen) sind die zentral gelegenen Warenlager von Unternehmen wie Gorillas ein weiches Ziel – selten waren Blockaden so einfach und so unmittelbar wirksam. Tatsächlich sah sich das Unternehmen schon vor einigen Monaten seinerseits mit Blockadevorwürfen konfrontiert – nämlich seitens AnrainerInnen, die nicht erfreut waren, dass öffentlicher Raum und Parkplätze im Umfeld der Warenlager zu Pausenräumen wie auch weiterem Lagerplatz mutierten. Bei den Warenlagern treffen sich außerdem notwendigerweise die BotInnen und lernen sich kennen – eine gute Gelegenheit, sich von unten zu organisieren.

Die Gorillas sind kein Einzelfall, es zeigen sich global erstaunlich ähnliche Dynamiken. Der durch schnelle Lieferversprechen und stationäre Positionierung erzeugte Flaschenhals führte beispielsweise auch zu Streiks in der Volksrepublik China, in der Folge gar zu staatlicher Repression gegen unabhängige Gewerkschafter. 

Änderung der Probezeitregelung

Eine Anstellung über ordentliche Arbeitsverträge, selbst wenn sie nach Kollektivvertrag erfolgt, ist zuweilen nicht so viel besser als die Freie Dienstnehmerschaft. In Österreich gibt es einen Kollektivvertrag für FahrradbotInnen, Unternehmen finden dennoch reihenweise Schlupflöcher. So liefern manche FahrradbotInnen mit All-in Verträgen aus, die eigentlich für Führungskräfte gedacht sind – obgleich hier bloß Essen geführt wird.  

Die KollegInnen bei Gorillas in Berlin fordern deswegen mittlerweile nicht nur die Wiedereinstellung von Santiago sondern auch eine Änderung der Probezeitregelung, die seinen Rauswurf überhaupt erst ermöglicht hat. Sechs Monate lang ist die Probezeit. In einer Branche mit einer derartigen Fluktuation stellen sechs Monate Probezeit schlicht eine Prekarisierung des Arbeitsvertrages dar. Es finden weiterhin Demonstrationen statt, daneben befindet sich ein Betriebsrat in Gründung. Die Reaktion des Unternehmens war vorhersehbar bis skurril. Neben dem Evergreen „Wir sind eine Familie“, sowie dem Herbeirufen der Polizei lud der Geschäftsführer, Kağan Sümer, unzufriedene Beschäftigte dazu ein, die Probleme bei einer Fahrradtour zu bereden. Wie in Familien üblich entstand dieses versöhnliche Angebot wohl nach Absprache mit einer PR Agentur. 

Strategische Schlüsselposition von FahradbotInnen

Der wilde Streik ist der erste seiner Art seit langem. Er hat einen für Arbeitskämpfe in Deutschland und erst recht Österreich sehr seltenem Bewegungscharakter. Die starke internationale und migrantische Ausrichtung ist bemerkenswert. Das liegt unter anderem an der Umgangssprache. Sie ist, wie auch bei Mjam in Österreich, Englisch. Andererseits beeindruckt die unmittelbar entwickelte Blockadetaktik. Denn auch wenn Services wie Gorillas marginal und auf die Innenbezirke großer Städte beschränkt bleiben werden, andere Formen derartiger Lieferdienste werden bestimmt noch den Markteintritt schaffen, beziehungsweise expandieren. Und mit ihnen bestimmte Taktiken und Strategien.  

Ein komplexes Zusammenspiel aus steigenden Immobilienpreisen, anlagesuchendem Kapital, Verelendung, Änderungen bei Haushaltsgrößen und Konsumnormen könnte dazu führen, dass es am Ende just die BotInnen sind, denen eine strategisch wichtige Position zukommt. Wir werden wohl nicht die einzigen sein, die diesen Streik aufmerksam verfolgen. 

mosaik-Blogger Ako Pire sprach mit Evin Timtik, Vorstandsmitglied der Anatolische Föderation Österreich (AFA) über die Situation in der Türkei, über die Folgen internationaler Solidaritätsarbeit, die Rolle der Österreichischen Behörden in der Repressionsarbeit der Türkei und die Aktivitäten der Anatolischen Föderation. Letztere wurde 2004 gegründet, um gegen Rassismus und der ihm folgenden Repression wie auch gegen die Massaker des Erdoğan-Regimes zu kämpfen.

Ako: Ihr seid ja auch stark von den politischen Entwicklungen in der Türkei beeinflusst. Zu welchen Bewegungen steht ihr denn in Bezug?

Evin: Unsere Verbündeten sind in demokratischen Massenorganisationen und den Volksparlamenten (eine basisdemokratische Struktur auf Quartiersebene, Anm.) unter anderem aktiv gegen die Armut, den städtischen Verfall und die Gentrifizierung. Konkret unterstützen wir beispielsweise die Volksgärten, Grünflächen auf denen kollektiv Nahrungsmittel produziert werden und günstig an die Bevölkerung abgegeben werden, da hohe Preise für gesunde Nahrungsmittel zunehmend ein Problem darstellen. Neben finanzieller Hilfe haben wir auch Biokürbissamen aus Österreich hingeschickt, da das in der Türkei nicht zu finden war. Wir schicken aber auch Schulutensilien, wie etwa Bleistifte und Kugelschreiber. Die haben wir nicht nur in die Türkei sondern auch nach Syrien geschickt. Dann haben wir eine Solidaritätskampagne für Ferhat Gercek gemacht, einem damals 17-Jährigen, dem von der Polizei in den Rücken geschossen wurde. Er ist seither gelähmt und benötigte eine teure elektrische Gehhilfe. Als das Geld endlich beisammen war und er sich wieder bewegen konnte, hat er uns sogar in Wien angerufen und sich bedankt, da er endlich wieder alltägliche Dinge erledigen konnte. Daneben schicken wir auch Briefe an politische Gefangene in der Türkei, die übrigens aus allen Klassen und Schichten der Gesellschaft kommen, um ihre Einsamkeit zu lindern.

Aktuell seid ihr aber vor allem in der Antirepressionsarbeit aktiv?

Ja das stimmt, denn unter anderem gegen mich läuft ein Ermittlungsverfahren. Seinen Anfang nahm das mit einer Reihe von Hausdurchsuchungen, die am 13. Oktober 2015 in ganz Österreich durchgeführt wurden und viele Vorstandsmitglieder betrafen. Die Vorwürfe waren lächerlich. Neben einem sehr „disziplinierten“ – also in Fomation marschierendem – Block am 1. Mai in Wien wurde uns das Mitführen von großen Bildern von durch die türkischen Repressionsbehörden hingerichteten Menschen zur Last gelegt. Ein weiterer Vorwurf ist tatsächlich die Anwesenheit und die Nähe zur Band „Grup Yorum“, die abgesehen von mir in der Türkei sogar schon mehr als 1 Million Menschen zu ihren Konzerten bringen konnte. Als Konsequenz aus all dem wird mir seit über einem Jahr ein Reisepass vorenthalten, was meine Arbeit massiv behindert. Das Innenministerium gibt mir zu den Gründen für diese in dieser Form einmalige Maßnahme, die wohl eigentlich für Daesh-TerroristInnen gedacht ist, keine Auskunft. Sogar Nationalratsabgeordneten wurde eine Auskunft zu diesem Präzedenzfall verweigert. Es heißt nur lapidar meine Ausreise würde die „innere und äußere Sicherheit Österreichs“ gefährden.

Siehst du einen Zusammenhang mit der Zusammenarbeit der Türkei mit dem Erdoğan-Regime?

Auf jeden Fall ist das verbunden mit der Flüchtlingsfrage, der Politik gegen Flüchtlinge. Es geht aber auch um ihre politische Orientierung und ihre politischen Organisationen hier in Europa. Seit die Kooperation mit dem Erdoğan-Regime auf der Tagesordnung steht, ist meine politische Identität plötzlich zum Problem für die Behörden geworden. Und das ist kein Einzelfall. In Deutschland beispielsweise sind eine ganze Reihe von politischen Gefangen unter dem „Terrorparagraphen“ 129b angeklagt. Mit allen möglichen Mitteln wird versucht, gegen demokratische Organisationen vorzugehen.

Vor einiger Zeit hieß es noch, wir sähen Gespenster. Nun ist die RepressionspartnerInnenschaft mit der Türkei  für alle sichtbar.

Könnte man sagen, dass die „äußere Sicherheit Österreichs“, die du gefährdest, die Stabiliät des Erdoğan-Regimes ist?

Ja natürlich! In unserer Arbeit wollen wir aufzeigen, wie sich das türkische Regime gegen das eigene Volk richtet. Und das stört sie irrsinig! Die AKP-Vertreter reisen ja mittlerweile ständig in Europa herum, treffen hier zum Beispiel den ÖVP-Außenminister Sebastian Kurz. In der hiesigen Presse wird nur sichtbar, dass die Türkei die Flüchtlingsbekämpfung für die EU übernehmen soll. In türkischen Medien heißt es ganz klar, dass die EU im Gegenzug nicht nur Milliardenbeträge überweist, sondern auch die „Unterstützung terroristischer Gruppen“ unterbindet. Was das heißt ist klar: Die EU soll die Repressionsarbeit gegen die demokratische Opposition für die türkischen Behörden übernehmen. Teil der Abmachung wäre ja auch die Erklärung der Türkei zum sicheren Drittstaat. Man braucht nicht erst auf die auf Bildern leicht mit den syrischen Städten zu verwechselnden völlig zerstörten Stadtviertel in Türkisch-Kurdistan zu verweisen um zu erkennen, dass dies das Asylrecht selbst ad absurdum führen würde. Diese Kumpanei hat sofort aufzuhören! Auch die Repression auf Anordnung Erdoğans gegen demokratische Kräfte in Europa muss aufhören. Und dazu gehört auch natürlich ein Ende des Ermittlungsverfahrens gegen mich wie auch der Verfahren gegen GenossInnen in Deutschland und anderen EU Staaten!

Wie schätzt du die Dynamiken in der Türkei 2016 ein?

Wir sind zur Zeit mit einer Menge politischer Hinrichtungen und Massakern sowie dem Massenmord in Kurdistan konfrontiert. Dabei wird massenhafte Zerstörung in Kauf genommen – um ganze Stadtviertel später wieder neu aufzubauen, das sagen sie sogar öffentlich. Ahmet Davutoğlu, der türkische Premierminister, verliert kein Wort über die zig getöteten ZivilistInnen, wenn er in, von der Armee völlig verwüsteten, Städten Kurdistans steht. Dann spricht er nur vom Wiederaufbau. Klarerweise verdienen  mit dem Wiederaufbau teurer Wohnungen vor allem die Baufirmen aus dem AKP-Umfeld.

Was sind eure Forderungen?

In der Türkei wird die Repression gegen die Opposition immer härter, die Regierung führt Krieg gegen das eigene Volk. Und just in dieser Situation baut die EU die Kooperation mit dem türkischen Regime aus!

Evin Timtik ist Vorstandsmitglied der Anatolische Föderation Österreich. 

Ako Pire studiert Raumplanung an der TU Wien und Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und Autor der Reihe mosaik-Krisenherd.

Essen in der Krise: Die Krise ist vielfältig und so sind die Gerichte, welche Krisenbetroffene trotz prekärer Situation auf den Tisch zaubern. Unsere Reihe „Krisenherd“ versucht, die Auswirkungen auf das alltägliche Leben, das Ess- und Kochverhalten von konkreten Krisenbetroffenen aufzuzeigen. Diesmal isst Ako Pire mit Jaqueline* „Pesto Precario“.

Bei Jaqueline angekommen, erwartet mich Gedränge. Sie und ihre MitbewohnerInnen sind in der Küche versammelt und scherzen herum. Hungrig wie wir sind, verlieren wir aber nicht viel Zeit. Jaqueline ist vor Jahren von Tirol nach Wien gezogen, hat Kunstgeschichte studiert und wohnt an einer stark befahrenen Straße der Hauptstadt. Aufgrund ihres starken Italienbezugs gibt es „Pesto Precario“ mit Fussili zum Abendessen. Es handelt sich im Grunde um das bekannte und beliebte Pesto Genovese, aber selbstgemacht und auf prekäre wie auch auf potenziell vegane Art.

Lebenskunst

Einige herbeigezauberte Tassen und Schüsseln später erzählt die Mittdreißigerin von der Entstehungsgeschichte der Pesto-Variation: Während des Verfassens der Masterarbeit in Mittelitalien über einen bedeutenden, mir aber vollkommen unbekannten Künstler aus ebenjener Region drängte die schmale Kassa zu Innovationen: einerseits der Verzicht auf Parmesan, andererseits der Ersatz der auch in Italien nicht gerade günstigen Pinienkerne durch die deutlich billigeren Sonnenblumenkerne. Eine Tasse von letzteren rösten wir vor der weiteren Verarbeitung an, bevor wir sie in die Schüssel schütten.

„Warum eigentlich der Aufwand?“, frage ich die Kunstvermittlerin. Schließlich weiß ich, dass auch andere Lebensmittel in Italien durchaus günstig zu haben sind, und erfahre in der Folge einiges über die Namensgebung.

G’scheid essen

„Gegessen habe ich immer g’scheid“, sagt Jaqueline entschieden. Und das hat sie auch notwendig, wie sie ausführt. Als Diabetikerin beschäftigt sie sich viel mit Ernährung. Während sie einen halben Bund Petersilie in der, in migrantischen Geschäften üblichen Größe, in der Schüssel mit den Sonnenblumenkernen verteilt, verdeutlicht sie den sozialen Charakter der meist chronisch verlaufenden Krankheit: Existenzielle Unsicherheiten, wie sie gerade auch in den Museen und im Kulturbetrieb im weiteren Sinn üblich sind und durch immer kurzfristigere Aufträge zunehmen, beeinflussen Blutzuckerspiegel wie auch andere Parameter. Darüber hinaus gehen sie oft – das musste auch die Pesto-Erfinderin erfahren – mit überlangen Arbeitszeiten in mehreren Arbeitsverhältnissen einher, denn diese belasten den Blutzuckerspiegel stärker und qualitativ anders als die Berechnung der notwendigen Insulinmenge anhand geschätzter „Broteinheiten“ erfasst. Auch nach dem Essen aber ist die Injektion über ein durch ein Kabel mit dem Körper verbundenes Gerät weiter notwendig – unabhängig davon, wie gesund man isst oder wie gut man kocht. Das Wissen über Mengen und Inhalte sowie die Sicherheit bezüglich der Qualität werden so besonders bedeutsam.

Prekäres Leben, prekäre Pasta

Verschiedene Formen von Prekarität verschränken sich hier sozusagen: prekäre Arbeits- und Wohnverhältnisse sowie das absolute Angewiesensein auf eine aufrechte Krankenversicherung. Jaqueline ist mittlerweile fix angestellt, das prekäre Leben ist einer trügerischen Sicherheit gewichen. Die Aussicht darauf, ein Leben lang Kindern und Jugendlichen Ausstellungsinhalte zu vermitteln, ist auch eine, die ihr Kopfschmerzen bereitet. Perspektivisch-emotionale Prekarität sozusagen.

In jedem Fall bleibt das prekäre Pesto. Diesem fehlt noch eine großzügige Tasse Olivenöl, wer es weniger vegan will, fügt Parmesan hinzu. Das Ganze wird püriert und zu Pasta, zum Beispiel zu Spaghetti, Fussili oder Orecchiette, serviert.

Rezept für ein Pesto Precario

  • Ein frischer Bund Basilikum
  • Ein frischer Bund Petersilie
  • Eine Tasse Sonnenblumenkerne
  • Eine halbe Tasse Parmesan (kann auch weggelassen werden)
  • Eine Tasse Olivenöl
  • Etwas Meersalz, Pfeffer
  • 2 Knoblauchzehen
  • 1 Prise Muskatnuss (gerieben)
  • Nudeln (z.B. Spaghetti, Fussili oder Orecchiette)

Wasser für Nudeln zum Kochen bringen, salzen und Nudeln ins kochende Wasser geben. Die Sonnenblumenkerne leicht rösten, Petersilie und Basilikum waschsen und antupfen, den geschälten Knoblauch in kleinere Stücke schneiden. Alles in eine Schüssel geben, danach Salz, Pfeffer und Muskat dazu. Zutaten mit einem Mörser oder einem Stabmixer zerkleinern. Danach Parmesan reiben und schließlich das Olivenöl in die Schüssel dazu und alles gut vermengen. Nudeln abseihen und mit gewünschter Menge Pesto mischen.

Ako Pire studiert Raumplanung an der TU Wien und Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und hat für ein Jahr in Rom gelebt.

*Der Name der Kochenden wurde auf eigenen Wunsch in Jaqueline geändert. 

Der 1. Mai in Italien wurde dieses Jahr von einem Thema dominiert: Die Expo 2015 in Mailand. Aus dem ganzen Land kamen AktivistInnen zu einer der größten Mailänder Maydays der letzten Jahre. 30 000 Menschen protestierten auf Mailands Straßen gegen die Weltausstellung, deren Charakterisierung als „Universalausstellung“ lediglich das Selbstbild einer kleinen Elite ist.

Die Weltausstellung ist eine Ausstellung ihrer Welt, ihrer Vorstellung der Zukunft. Es ist die Zukunft als bloße Fortschreibung, quasi in I-Phone-Generationen, einer neoliberalen Entwicklungsweise, deren politischen wie wirtschaftlichen Bankrott das grelle Licht der Mailänder Wolkenkratzer nur mehr schwerlich verdecken kann. Die eigentliche Ausstellung ist das Drumherum: Die von zunehmender Prekarisierung und Verelendung geprägte italienische Gesellschaft, verursacht durch die verzweifelte Suche der italienischen Wirtschaft nach Profit.

Entrechtung als Primo Piatto, Beton zum Nachtisch

Thema der Weltausstellung ist Ernährung und Energie. Aus welcher Perspektive dies angegangen wird, macht der größte private Aussteller auf der Expo deutlich. Dabei handelt es sich um „Eataly“. Hinter dem albernen Akronym verbirgt sich eine Art Luxusrestaurant mit angeschlossenem Einkaufszentrum. Nicht nur des Konzepts wegen hat sich die Kette Feinde gemacht. Eataly ist bekannt für miese Arbeitsbedingungen und niedrige Bezahlung. Damit fügt sie sich aber tatsächlich gut in die Expo ein. Eigens mit den Gewerkschaften geschlossene Sonderverträge ermöglichen noch stärker befristete, noch schwächer geschützte Arbeit auf den Baustellen und der Ausstellung selbst. Ergänzt werden sollten die schlecht bezahlten ArbeiterInnen durch fast 20 000 „Freiwillige“. Auch aufgrund der Kampagne #NonLavoroGratisPerExpo („Arbeite nicht gratis für die Expo) sind es letztlich nur ganze 7000 geworden. Im Kontext des hochumstrittenen „Jobs-Act Dekret“ der Regierung Renzi, das Arbeitsplätze durch den Abbau von Arbeitsrechten zu schaffen versucht, bezeichnete der Ratspräsident Enrico Letta die Vorgänge in Mailand als beispielgebend für ganz Italien. Das ultimative Rezept gegen die Rekordarbeitslosigkeit scheint gefunden. Firmen stellen Menschen ein, bezahlen aber keine Löhne mehr, auf den „Jobs Act“ folgt wohl der „no-wage Act“. Die Expo ist dabei nur der Anfang.

Weltausstellung durch Repression

Was auch nicht ganz in das Bild der idyllischen Landwirtschaft passen will, ist die für die Expo fortgesetzte Verbauung der Mailänder Peripherie. Tausende Quadratmeter fruchtbare Äcker wurden für die Expo betoniert. Da nicht einmal der durch das Großevent erzeugte Druck ausreichte, um genug Zustimmung für diese Projekte zu erreichen, schritt gleich der italienische Zentralstaat ein. Ganz im autoritären Stil von Ministerpräsident Renzi per Dekret – nicht etwa per Gesetz. Somit wurden eigentlich vorgesehene demokratische Einspruchsrechte auf lokaler und regionaler Ebene außer Kraft gesetzt.
Dieser Logik entsprechend versucht der italienische Staat auch gleich alle widerständigen Individuen vom Gelände fernzuhalten. So verlor beispielsweise Slivio C. seinen Job aufgrund der Expo. Die Polizei erteilte dem 28-jährigen Bäcker ein Verbot, das Expogelände zu betreten, woraufhin ihm seine für die Expo tätige Firma kündigte. Dass der, in einem linken sozialen Zentrum in der Banlieue Mailands aktive Silvio, vollkommen unbescholten ist, war dabei nicht von Interesse. Das neoliberalisierte Italien fürchtet aufgrund eines Bäckers um sein Denkmal aus Asphalt und Beton.
Darüber hinaus verwundert es nicht, dass die ganze profitorientierte Veranstaltung mit öffentlichem Geld gesponsert wird. Die bei allen Projekten beteiligten Banken können aber offenbar besser rechnen als der italienische Staat. Die öffentlichen Aufwendungen haben bisher schon alle Planungen überstiegen. Dass unter den ProfiteurInnen auch die Ndrangheta, die kalabrische Mafia ist, komplettiert das Bild einer Großveranstaltung, die eine wahre Ausstellung der Schande ist.

Black Block

Nichtsdestotrotz zeigt die Gegendemonstration, dass die Weltausstellung leider nicht das einzige verstaubte Museum der Stadt ist. Auf mehreren Hundert Metern brannten Autos aus, zahlreiche Fensterscheiben wurden zerschlagen. Mit wenigen Ausnahmen reagierte die italienische Linke darauf ratlos. Alle hatten es erwartet, die Polizei sowieso. Sie glänzten an dem Tag durch eine bezeichnende Taktik: Kein Kontakt mit dem schwarzen Block, kein Gerangel, keine Straßenschlachten. Der #noexpo 1. Mai zeigt nur zu deutlich den mittlerweile ritualhaften Charakter der immergleichen, eher militärischen denn militanten Aktionsformen, die freilich mit einem spontanen Aufstand wie beispielsweise in Baltimore nichts zu tun haben. „Es war keine spontane Revolte in einem realen Konflikt, sondern eine simple Inszenierung, Repräsentation der Revolte, eine organisierte Kraft hat demonstriert, den Konsens zu brechen, den das Netzwerk #noexpo in den letzten Jahren aufzubauen versucht hat,“ lässt das posttrotzkistische Netzwerk Communianet.org aus Rom wissen. Bei dieser Kritik geht es durchaus nicht um Fensterscheiben, sondern um eine in einer fetischisierten und mittlerweile übermedialisierten Aktionsform untergegangene politische Gelegenheit. Die italienische, wie auch die lokale Regierung samt Bürgermeister, erwarteten nichts anderes als brennende Luxcorsas und Nobelpandas, auf welche sich der journalistische Fokus unweigerlich richten würde. Wie davor schon befürchtet, ging die politische Kritik der kommunikativ schwachen, in Mailand besonders zerstrittenen Linken im Nachfeld der Demo völlig unter. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Veranstaltung (die eher eine Ausstellung des Wirkens der korrupten politischen Eliten Italiens denn eine Weltausstellung ist) trotzdem weiterhin Widerstand geboten wird.

Ako Pire studiert Raumplanung an der TU Wien und Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und hat für ein Jahr in Rom gelebt.

Essen in der Krise: Die Krise ist vielfältig und so sind die Gerichte, welche Krisenbetroffene trotz prekärer Situation auf den Tisch zaubern. Unsere neue Reihe „Krisenherd“ versucht, die Auswirkungen auf das alltägliche Leben, das Ess- und Kochverhalten von konkreten Krisenbetroffenen aufzuzeigen. Den Anfang macht Ako Pire, der mit Anto Parmigiana alla Crisi kocht. 

Anto kommt aus dem wenig beschaulichen süditalienischen Rosarno. Eine kalabresische Kleinstadt, die abgesehen von einer Unzahl an Mafiamorden auch durch Pogrome an afrikanischen ErntehelferInnen auf sich Aufmerksam gemacht hat. Die Beziehung zu seiner Stadt ist ambivalent: So desolat die sozialen Verhältnisse sind, so gut sind dagegen aber Essen, Wein und Kräuter. Die Landschaft ist ebenso gegensätzlich: sie ist geprägt vom harschen Zusammentreffen der teils hohen Berge und dem Mittelmeer. Ein typisches Bild für die, Sizilien gegenüberliegende, Ebene von Goia Tauro.

Nie mehr Hunger

Ende der 1960er Jahre erfasst der Nachkriegsboom endlich auch Teile Süditaliens, dessen Einbindung zuvor beinahe ausschließlich über Millionen von ArbeitsemigrantInnen in den Fabriken des Nordens erfolgte. Auch in Italien nahm der Fleischkonsum der einfachen Bevölkerung massiv zu. Man kann getrost davon ausgehen, dass diese massive Zunahme in beinahe allen europäischen Ländern (auch in Österreich) und die Identifizierung von Fleisch mit Wohlstand kein Zufall ist.

Der ausgebildete Jurist Anto kannte die, früher eigentlich fleischlose, Parmigiana, ein Festtagsgericht für ärmere Leute, nur noch mit Schinken oder anderen Fleischprodukten, wie er mir erklärt während wir Zucchini in Scheiben schneiden und anschließend dehydrieren. Wir machen die Parmigiana heute ohne Fleisch, und sind damit nicht alleine. In ganz Italien, besonders aber im von der Finanzkrise stark betroffenen Süditalien, wird das Fleisch krisenbedingt weggespart.

Reich werden mit der Krise

Das machen wir auch, obwohl wir gerade in Malta sind, wo Anto mittlerweile lebt – denn bei einer Arbeitslosenrate unter jungen Menschen von mehr als 50 Prozent, wie sie mittlerweile seit Jahren in Süditalien die Regel ist, zieht es viele nach Malta, wo sie im Tourismus oder der Gastronomie arbeiten (und zwischen 4 und 8 Euro in der Stunde verdienen). Italiener_innen machen heute bereits 10 Prozent der Bevölkerung aus. Sie verdienen damit am ehesten so viel wie die MalteserInnen selbst. CallcentermitarbeiterInnen aus allen (besonders aber aus den krisengeplagteren) Ecken Europas bekommen hingegen in der auf Malta aufgrund von Steuervorteilen besonders starken Customer Service Branche teils ein vielfaches davon.

Auf der Insel mit kolonialer Vergangenheit florieren aber auch die Online-Glücksspielindustrie (eine laxe Gesetzgebung macht es möglich) sowie diverse Firmen, die sich „Finanzdienstleister“ nennen und von KundInnenberatung in der Regel deutlich stärker profitieren als die KundInnen selbst. Anto betreute (unter falschem Namen) anfangs in Malta meistens MittelschichtsitalienerInnen via Internt oder Telefon für eine schon in der Namensgebung nicht allzu seriösen Firma, wie er mit nachträglichem Lächeln erzählt, als er die Zwiebel in der Pfanne anröstet.

La magra vita

Trotz guter Verdienstmöglichkeiten wollte er, der während seiner Studienzeit nicht einen ECTS für die Besetzung von Hörsälen bekommen hat, sich beruflich davon weit wegentwickeln. Er arbeitet mittlerweile bei „Burger King“ für einen bizarr niedrigen Stundenlohn. Ein Wechsel zum deutlich besser zahlenden „Kentucky Fried Chicken“ schlug fehl. Die beiden Chefs kannten sich und der eine verbat sich das Abwerben seines Fleischlaberlbraters. „Mein Chef hat mich auch nicht angemeldet und zahlt keine Sozialversicherungsbeiträge für mich. Ich werd ihn anzeigen, das ist meine letzte Aktion hier. Dann verlasse ich die Insel. Ich habe einen Cousin in Frankfurt am Main oder vielleicht gehe ich auch nach Wien, wo ich viele Freunde habe.“ Zurück nach Kalabrien will er nicht. Hoffnung, dass es dort irgendwann besser wird, haben die Wenigsten.

Laut dem nationalen italienischen Statistikinstitut ISTAT war 2012 das erste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, in dem im Land eine durchschnittliche Gewichtsabnahme zu verzeichnen war. In Süditalien war das Phänomen dreimal stärker ausgeprägt als im Norden. Im Inselparadies ist davon nichts zu merken und wir fallen über die Parmigiana alla crisi her, danach gibt es Grappa, denn sie ist alles andere als leicht.

Am Tag darauf kündigt Anto bei Burger King und bekommt ein Bewerbungsgespräch bei einem Chemiekonzern. Den Job bekommt er tatsächlich. Sein ehemaliger Chef muss keine juristischen Probleme fürchten, Anto hat keine Energie und keine Motivation mehr, ihn zu belangen. Sein erster maltesischer Arbeitgeber, der „Finanzdienstleister“, hat sich wieder umbenannt. Es ist der siebente Firmenname in drei Jahren.

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Rezept für eine Parmigiana alla Crisi

1.)  Zucchini (800 Gramm) in Scheiben schneiden, 300 Gramm würzigen Käse würfeln. Die Zucchini in ein Sieb und mit Salz (am besten grobes) bestreuen. Auf die gesalzenen Zucchini kommt dann ein beschwerter Teller. Das entzieht den Zucchini Flüssigkeit.

2.)  200 Gramm Semmelbrösel und 100 Gramm Parmesan sowie zwei kleingeschnittene Knoblauchzehen mit Petersilie vermischen.

3.)  Eineinhalb weiße Zwiebel in Pfanne anbraten, dann mit zweieinhalb Liter Tomatenpassata etwa eine halbe Stunde auf kleiner bis mittlerer Flamme köcheln lassen. Salzen und Pfeffern, bei Bedarf etwas Wasser hinzufügen.

4.)  Die Zucchini in heißem Öl frittieren.

5.)  Alles mit einem halben Kilo Penne gut vermischen.

6.) Jeweils eine Schicht Parmesan-Semmelbröselgemisch mit Pasta und Zucchini in eine Backform schichten.

7.)  Bei 200° Grad im unteren Bereich eines Backofens etwa 35 Minuten belassen. Wer dann noch immer nicht am Verhungern ist, kann noch warten: Die Parmigiana wird traditionell nicht heiß sondern bei Zimmertemperatur verzehrt. Schmecken tut sie aber so oder so.

8.)  Dazu können sowohl Rot- als auch Weißwein serviert werden. Magenbitter oder Schnaps als Nachtisch ist empfehlenswert.

Ako Pire studiert Raumplanung an der TU Wien und Politikwissenschaft an der Uni Wien. Er ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und hat für ein Jahr in Rom gelebt.

 
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