CRISPR/Cas: Neue Gentechnik mit altem Systemfehler

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Der Europäische Gerichtshof hat entschieden: Auch neue gentechnische Methoden, mit denen Pflanzen ohne artfremde Gene modifiziert werden, unterliegen in Zukunft den strengen EU-Gentechnikrichtlinien. Das Urteil wird scharf kritisiert. Warum sich die Diskussion jedoch weitgehend auf der falschen Ebene abspielt, erklärt Manuel Grebenjak.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am vergangenen Mittwoch ein lang erwartetes Urteil gefällt: Neue gentechnische Methoden fallen unter die strikten EU-Regeln für gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Damit gelten beispielsweise auch mithilfe der sogenannten „Genschere“ CRISPR/Cas erzeugte Pflanzensorten rechtlich als gentechnisch verändert.

Hintergrund der Entscheidung ist eine Klage der französischen KleinbäuerInnengewerkschaft Confédération Paysanne gegen eine französische Regelung, die neue gentechnische Methoden von der GVO-Richtlinie der EU ausgenommen hatte.

Neue Wundertechnologie CRISPR/Cas

Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt eine neue Methode mit dem knusprigen Namen CRISPR/Cas. Damit kann DNA gezielt „zerschnitten“ und im Erbgut können einzelne Bausteine entfernt, verändert oder hinzugefügt werden. Die Methode verspricht wesentlich genauere Veränderungen als die klassische Gentechnik, bei der artfremde Gene ins Genom von Organismen eingesetzt werden.

Zudem ist Genome Editing mithilfe von CRISPR verglichen mit bisherigen Methoden auch schneller und weit günstiger umzusetzen. Ungewünschte und potenziell negative Effekte sind damit seltener, wenn auch nicht ausgeschlossen. Und schließlich ist es viel schwerer, die Eingriffe nachzuweisen als bei herkömmlicher Gentechnik.

Die Hoffnungen in CRISPR/Cas und andere Technologien sind besonders in der Landwirtschaft groß: So können damit Pflanzensorten gezüchtet werden, die ertragreicher und widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Krankheiten sowie Klimaveränderungen sind. Daneben wird auch an Einsatzmöglichkeiten in der Tierzucht und der Medizin geforscht.

Viel Kritik an EuGH-Urteil 

Der Europäische Gerichtshof stellt in seinem Urteil fest, dass die mit den neuen Techniken verbundenen Risiken vergleichbar mit jenen der klassischen Gentechnik seien. Mit CRISPR oder anderen Technologien gezüchtete Pflanzen müssen damit aufwändige Zulassungsverfahren durchlaufen und gekennzeichnet werden. Die Entscheidung kam auch deswegen überraschend, weil der Generalanwalt des EuGH im Vorfeld empfohlen hatte, die mit den neuen Technologien erzeugten Organismen nicht als gentechnisch verändert anzusehen.

Nun hagelt es Kritik gegen die Entscheidung – auch im eigentlich extrem Gentechnik-kritischen Österreich. So seien die Prüfverfahren für konventionell gezüchtete Pflanzen auch für gen-editierte ausreichend, zudem habe Europa nun einen Wettbewerbsnachteil gegenüber dem Rest der Welt und schließlich nütze das Urteil vor allem Großkonzernen, die sich die teuren Zulassungsverfahren leisten können. Kleine und mittelständische Zuchtunternehmen und Saatguthändler seien benachteiligt.

Von Edelhof bis Monsanto

Laut dem Branchenverband Saatzucht Austria füge die Entscheidung „kleinen und mittelständischen Züchtern immensen Schaden zu“. Darin steckt tatsächlich ein wahrer Kern, wie eine Nachfrage bei der Saatzucht Edelhof in Zwettl zeigt. Die wissenschaftliche Leiterin Elisabeth Zechner bestätigt im Gespräch klar, dass ihr Betrieb CRISPR/Cas im Fall einer Genehmigung genutzt hätte. Die Umsetzung wäre allerdings nicht vor Ort, sondern durch ein externes Labor erfolgt, das seinerseits Nutzungsgebühren für die Technologie an die PatentinhaberInnen des Verfahrens bezahlt.

Obwohl die Patente auf die neuen Verfahren teilweise noch höchst umstritten sind, haben sich Agrochemie-Riesen wie DowDuPont und Bayer/Monsanto teilweise schon die Rechte daran gesichert. Was zum eigentlichen Kernproblem führt, das in der Diskussion über CRISPR und Co allerdings weitgehend ausgeklammert wird: Denn am von Konzernen dominierten, umweltzerstörerischen und ungerechten globalen Agrarsystem werden auch neue Technologien nichts ändern.

Mittel zur Symptombekämpfung

Die industrielle Landwirtschaft ist verantwortlich für die Ausbeutung von Menschen und Tieren, zerstört die Umwelt und heizt die Klimakatastrophe an. Zudem konzentriert sich immer mehr Macht und Kapital bei immer weniger Konzernen. Monsanto und Co haben eben auch bei der neuen Gentechnik ihre Finger im Spiel. Sie suchen nach neuen Wegen, wie die Produktivität gesteigert und auf Klimaveränderungen reagiert werden kann. Gerade die Anpassung an klimatische Veränderungen – die eben jene Konzerne wesentlich mit zu verantworten haben – wird die wohl wesentlichste Herausforderung der Landwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten werden.

Doch neue Technologien sind nicht mehr als eine Symptombekämpfung und auch kleine Zuchtunternehmen oder gar Kleinbauern und -bäuerinnen können CRISPR und Co nicht selbstständig einsetzen.

Statt ausschließlich auf neue Technologien zu setzen, braucht es ein anderes Landwirtschafts- und Ernährungssystem, das ohne Extraktivismus und eine stetige Produktionssteigerung auskommt: Ernährungssouveränität. Effektive Lösungen für die Krise der Lebensmittelindustrie liegen in kleinen Strukturen und lokaler Angepasstheit.

Nicht erhaben über die Natur

Die Bioethikerin Christiane Druml sieht in der Debatte um Genome Editing einen „romantisch verstandener Natürlichkeitsbegriff“. Bei Entscheidungen wie jener des EuGH dürfe man nicht nur die „potenziellen Gefahren sehen, sondern muss auch den möglichen Nutzen ins Treffen führen“. Das begründet auch sie mit dem Klimawandel und einer wachsenden Weltbevölkerung. Allerdings könnten mit herkömmlichen Methoden schon jetzt fast zehn Milliarden Menschen ernährt werden – wenn wir nur unsere Konsummuster ändern und weniger tierische Produkte produzieren würden.

Wie eine Antwort auf die Aussagen von Christian Druml können Teile der Festrede des Historikers Philipp Blom zum Auftakt der diesjährigen Salzburger Festspiele verstanden werden. Laut Blom müssten wir begreifen, „dass wir nicht erhaben sind über die Natur, sondern mitten in ihr.“ Dann würden wir begreifen, „dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, dass die Erde uns nicht Untertan ist, sondern dass wir ein winziger Teil eines komplexen Systems sind, das übrigens auch ohne uns weiter bestehen wird.“ Denn derzeit „fressen wir uns dem eigenen Ersticken entgegen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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