Dirndl-Aktivistin Julianna Fehlinger: „Mit Humor erreicht man mehr Leute als mit Dagegen-Parolen“

Fotos: Attac Austria

In türkisen Dirndln, ausgestattet mit Botschaften gegen den 12-Stunden-Tag, haben drei Aktivistinnen die PR-Wanderung von Sebastian Kurz gekapert. Was wir vom Erfolg ihrer Aktion lernen können und warum Kurz sie an einen Roboter erinnert, verrät Julianna Fehlinger im Interview.

mosaik: Sebastian Kurz samt Wandertross auf dem Schneeberg, hinter ihm du im türkisen Dirndl, die Schürze gelüftet, auf der das Symbol gegen den 12-Stunden-Tag zu sehen ist: Diese Bilder waren heute in fast allen Zeitungen zu sehen. Wie ist es dazu gekommen?

Julianna Fehlinger: Wir kamen in türkisen Dirndln zum Treffpunkt des Wandertags. Die Botschaften waren in die Dirndl-Schürzen eingenäht, also nicht sofort sichtbar. Unsere Outfits haben bei den Kurz-Fans zuerst für Begeisterung gesorgt. Moderator Peter Eppinger hat deutlich die Augenbrauen gehoben, als er mich gesehen hat.

Das Team von Kurz hat uns sogar um Fotos und ein Video-Interview gebeten. „Ihr seid so sexy“, haben sie gesagt. Wir mussten sie leider vertrösten, unser Ziel war ja, Sebastian Kurz mit unserer Botschaft zu konfrontieren. Unser Plan war, zu ihm auf die Bühne zu gehen und ihm ein Bild in Anlehnung an Edvard Munchs „Der Schrei“ zu überreichen, mit dem Schriftzug „Ausgebrannt“. Damit wollten wir aufzeigen, was passiert, wenn Menschen 12-Stunden arbeiten müssen.

Das hat nicht funktioniert, oder?

Anfangs sah es gut aus. Wir haben höflich gefragt, ob wir dem Kanzler ein Geschenk übergeben dürfen. Kurz war einverstanden. Doch als ich um das Mikro gebeten habe, wurde er nervös. Er hat einem Mitarbeiter etwas zugeflüstert – und plötzlich tauchten Securities auf, um uns abzudrängen. Unsere Schürzen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelüftet.

Kurz hat dann Interviews gegeben, dabei aber ziemlich gestresst gewirkt. Als er schließlich losgelaufen ist, wollten wir uns anschließen, um zumindest unterwegs mit ihm zu diskutieren und unsere Schürzen zu lüften. Er bewirbt die Wanderung immerhin damit, für alle ein Ohr zu haben. Aber die Securities hatten einen anderen Auftrag. Sie haben uns bedrängt, uns das Geschenk aus der Hand gerissen und an unseren Dirndln gezerrt. Erst als wir laut protestierten und Menschen begannen, die Handgreiflichkeiten zu fotografieren, haben sie von uns abgelassen.

Ich konnte zu Sebastian Kurz aufschließen. Er wurde immer schneller, wollte mir quasi davonwandern. Da ich immer wieder auf der Alm arbeite, bin ich aber gut zu Fuß. So kam es zur bizarren Situation, dass ich den Kanzler den Schneeberg hinauf gehetzt habe.

Hat Kurz auch mit dir gesprochen?

Er wollte sich um keinen Preis auf ein Gespräch einlassen. Auf die Frage, warum er andere politische Meinungen nicht hören will und uns festhalten lässt, meinte er: „Sie können ganz entspannt spazieren gehen.“ Gleichzeitig versuchten seine Securities weiter, uns von ihm fernzuhalten.

Dazu hat er permanent gelächelt – aber wie eine Maschine, völlig emotionslos. Sein ganzes Verhalten hat mich an einen Roboter erinnert: Wo er einen Hund oder ein Kind sieht, stürzt er sofort hin, um sie für die Kameras zu streicheln.

Kurz hat unzählige Presse- und PR-Events, die man kapern könnte. Warum habt ihr euch gerade für den Wandertag entschieden?

Bei diesen Wandertagen geht es Kurz darum, Volksnähe zu zeigen. Wir wussten, dass wir ihm bei dieser Gelegenheit nahe kommen können. Zugleich sind die Wandertage reine Huldigungsveranstaltungen ohne jeden Inhalt. Ich fand es beklemmend, was ich dort gehört habe: Lobpreisungen für die Steuergeschenke an reiche Familien oder den 12-Stunden-Tag, ohne jede Gegenstimme.

Kurz inszeniert sich bei diesen Wandertagen als „Heiland“, wie sogar ihm sonst wohlgesonnene Zeitungen feststellen. Dieses kritische Potenzial wollten wir nützen. Sogar Medien, die Kurz sonst hochschreiben, haben über unsere Aktion berichtet – bis auf den ORF Niederösterreich eigentlich alle.

Eine Protestaktion im Dirndl hat es bisher in Österreich wahrscheinlich noch nie gegeben. Wie seid ihr auf diese ungewöhnliche Idee gekommen?

Unser Gedanke war: Im Dirndl können wir nicht als „linke Demonstrantinnen“ abgestempelt werden. Wir wollten signalisieren: Wir sind keine von außen, die stören. Wir kommen aus der Mitte der Gesellschaft, die Kurz gerne für sich vereinnahmt. Das macht es viel schwieriger, uns zu schubladisieren. Wir haben uns also zum Teil der türkisen Inszenierung gemacht, um sie dann von innen zu sprengen.

Dazu kommt, dass der Rock einer Frau im konservativen Verständnis etwas Geheimnisvolles hat. Die Männer fragen sich, was sich wohl darunter versteckt. Wir haben das aufgegriffen – aber unter unseren Schürzen die Botschaften gegen den 12-Stunden-Tag angebracht. Das Prinzip ist ähnlich wie bei Femen, die mit nacktem Oberkörper gegen patriarchale Politik demonstrieren. Der Kurier hat uns sogar als Alpen-Femen bezeichnet.

Auch die Sozialistische Jugend nützte den Wandertag für Protest. Sie stellte sich mit Transparent und Schildern an eine Wegstelle. Warum, glaubst du, hat eure Aktion viel mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Zum einen haben wir den für Medien besseren Zeitpunkt zu Beginn der Wanderung gewählt. Zum anderen war unsere Protestform kreativer. Schilder hochhalten, das kennt man schon. Das machen in den Augen von Kurz und seinen Leuten halt die, die immer nur dagegen sind. Uns dagegen fanden sie anfangs sympathisch – und dann haben wir gezeigt, dass „sexy“ Frauen auch eine Meinung haben und nicht nur dekorativ sind.

Inspiriert hat uns Lucia Steinwender von System Change not Climate Change, die im Mai Kurz‘ Klimarede gekapert hat. Er hat einfach nicht damit gerechnet, dass eine junge Frau ihn höflich um das Mikro bittet und dann selbstbewusst eine gute Rede hält. Selbst Leute, die inhaltlich nicht ihrer Meinung sind, mussten Lucia dafür Respekt zollen.

Wir sollten uns stärker darum bemühen, PolitikerInnen aus der Fassung zu bringen. Dann zeigen sie öfter ihr wahres Gesicht. Sebastian Kurz, der Teflon-Kanzler, an dem sonst alles abperlt, hat in diesem Moment seine Kritikunfähigkeit gezeigt und seine Security gerufen, anstatt einfach mit uns zu diskutieren.

Eure Aktion war auch schlicht witziger als die üblichen Proteste.

Mit Humor erreicht man viel mehr Leute als mit Dagegen-Parolen. Viele Linke würden sich niemals ein Dirndl anziehen, beharren auf ihrem Dresscode. Wir fanden es lustig, mit unserer Identität zu spielen.

Wir sollten auch öfter mit KünstlerInnen zusammenarbeiten. Sie sind kreativer darin, Inhalte so umzusetzen, dass sie verständlich sind und die Menschen auch emotional erreichen. Bei der Berg- und Kleinbäuer_innen Vereinigung haben wir beispielsweise mit dem Karikaturisten Gerhard Haderer zusammengearbeitet. Er hat für uns Kühe gezeichnet, denen buchstäblich die Luft ausgeht. Mit ihnen protestierten wir schon öfter gegen die konzernfreundliche Milch-Politik in Österreich.

Aber nicht jede Aktion kann kreativ und subversiv sein, oder?

Nein, ich will keinesfalls sagen, dass nur unsere Aktionsform die richtige ist. Es gibt vielfältige Formen von Protest und jede hat ihre Berechtigung. Die Demo gegen den 12-Stunden-Tag mit 100.000 Leuten war extrem wichtig. Sie hatte die Funktion, die Größe und Breite des Widerstands zu zeigen und den TeilnehmerInnen Mut zu machen.

Eine Medienaktion folgt schlicht einer anderen Logik. Sie soll Bilder produzieren, die ZeitungsleserInnen davon überzeugen, unserem Anliegen zuzustimmen. Diesem Ziel muss man andere Aspekte teilweise unterordnen. Für uns war es am wichtigsten, Kurz‘ Inszenierung zu entlarven. Das eigentliche Thema haben wir danach gewählt, was sich gut umsetzen lässt. Es gäbe ja hundert berechtigte Kritikpunkte an seiner Politik. Und mir persönlich sind die hunderten Toten im Mittelmeer, für die Kurz politisch mitverantwortlich ist, wichtiger als der 12-Stunden-Tag. Aber letzterer ist breiter anschlussfähig und auch einfacher zu kommunizieren: ganz ohne Text, nur mit dem bereits bekannten Logo.

Bei eurer Aktion waren ausschließlich Frauen dabei. Warum?

Das stimmt nicht ganz. Wir waren zwar drei Frauen im Dirndl, aber auch Männer waren Teil des Teams. Als Frauen sind wir aber massiv von den Kürzungen betroffen, die Schwarz-Blau umsetzt oder plant. Und uns war klar, dass sie uns als Frauen unterschätzen werden. Nicht alles, was türkise Schürzen trägt, ist brav, lieb und angepasst. Ich bin schon gespannt, wie Kurz auf die nächsten Frauen reagieren wird, die ihm im türkisen Dirndl begegnen. Wie die „Omas gegen Rechts“ könnten in Zukunft die „Dirndln gegen Rechts“ ihren Schürzen wehen lassen.

Interview: Valentin Schwarz

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